Hundstage_Buch: Letzte Folge

3 Monate auf dem Land – mit zwei Boarder Collies, einem großen alten Haus, Mäusen in den Zwischenwänden und vielen Umzugskartons.

Letzte Folge: Hundstage_Buch.

“Wohnen Sie hier?”
Der Mann schaut zwischen Rosenbüschen hervor und winkt mit einer Gartenschere in seiner Hand. Er lacht, als ich “ja und nein” antworte, und erzählt mir seine Geschichte.
Zur Welt kam er vor über 70 Jahren in dem Dorf, in dem er heute noch lebt. Er mag die Ruhe hier, die Freiheit, seine Unabhängigkeit, liebt seinen Garten. Und seine Heimat.

Vor mir steht ein muskulöser Mann mit sonnengegerbter Haut, schlohweißgrauen Haaren und einem strahlenden, herzlichen Lachen.

Einer, der offensichtlich weiß, wovon er spricht.

Bei mir selbst bin ich mir da nicht so sicher.

/////

Wenn ich so zurückblicke …

Vor 3 Monaten.
Kam ich hierher.
Mit ein paar Kartons, ein paar Möbeln. Hängte die Straßenkarte einer sehr großen Stadt an eine sehr schiefe Wand und träumte vor mich hin.

Vor 48 Stunden hat sich entschieden, dass es für mich (früher als gedacht) woanders weitergeht. Ich habe keinen Schimmer, wo ich anfangen und wohin all das führen soll. Setze mich zwischen meinen Kram,

und ziehe erst einmal Bilanz.

Auf Nimmerwiedersehen an:
– die aggressive Stechmückengang, besonders Onkel Alfred, genannt “Alfred der Durstige”
– Fenster auf, Misthaufen rein
– getunte Polos, Corsas, Vectras
– die Dorfnazis
– Dorfklatsch! Die Top-Highlights:
Ich bin verlobt / verheiratet / geschieden / schwanger. Mit Drillingen. Uuuuuuund: Habe einen Geliebten außerhalb des Dorfs. Betrüge systematisch meinen Mann.

Vermissen:
– frische, kühle Luft
– Obst vom Bauern
– den Dorfbäcker
– Gartenzaunplaudereien
– meine Ersatzfamilie (lieben Dank an dieser Stelle an B., P. und T.)
– nachts aus dem Fenster gucken + den Sternenhimmel sehen
– klare, kühle Sommernächte. Wenn der Mond über den Feldern steht
– die Hunde ?.

Aber es hilft alles nichts, es wird Zeit.
Ein letztes Mal …

Hunde? Naaaaa?

Wo seid ihr denn? Wir wollen doch …

Gassi gehen!

Noch einmal die Weinberge durchqueren

locken

warten

Stöckchen werfen!

Fliegen verjagen

und über die Wiesen schauen,

wenn langsam

die Sonne

untergeht.

Als ich nach Hause komme, wartet Besuch am Fenster …

Kurz vor Mitternacht gehen wir noch einmal für eine kurze Runde nach draußen.

Stockfinster ist es,

doch als wir an der Kirche vorbei sind,

leuchtet der Vollmond über uns.

Die Gegend ist in weiches, warmes Licht getaucht

und über allem liegt Stille.

Wehmut, als ich ein letztes Mal die Hundeleinen aufräume.

Der Morgen danach. Heute ist mein Umzug. Kaum Schlaf, der Anhänger steht im Hof, das Zimmer ist fast leer

jetzt aber wirklich,

und es wird Zeit für mich.

“Wie, jetzt nach A., dann gleich nach B., und dann noch nach C.? Na du bist mir auch ein Landstreicher!”

Die Worte des Ersatzbruders klingen mir noch in den Ohren, als ich die letzte Kiste ins Auto packe.

Und dann …

Machts gut, Chap

und Lilly.

/////

Der Herr wünscht mir alles Liebe und schenkt mir zum Abschied einen warmen Händedruck. Auf Wiedersehen? Wer weiß das schon.

Und tschüss.

By Lena

Fast walker, avid reader, poetry fan, public speaker, violinist, pianist in the making, intersectional feminist. Works in tech, writes about anything here (and less frequently than in the past).

3 comments

  1. Ich würde mal fast behaupten, dass du ein gern gesehener Gast bleiben wirst und dich die Hunde umso freudiger begrüßen werden, wenn es zu einem wiedersehen kommen wird. Und dazu kommt es sicherlich. Nicht umsonst sieht man sich meist zweimal im Leben. Alles gute! 🙂

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