Eine Anleitung zur Datenrettung

Windows, ich liebe Dich. Gestern beglückte es mich aufs Neue. Diesmal sagte es: “Sie müssen den Datenträger in Laufwerk F: erst formatieren, bevor Sie ihn verwenden können.” Wir sind per Sie, das hält den Gedanken, dass unsere Beziehung auf rein praktischen Gründen beruht, immer frisch.

Der Datenträger war eine SD-Karte, Inhalt superwichtig, klar (ist ja immer so). Deshalb hier eine Anleitung, was man in diesem Fall (und auch sonst, wenn es um die Rettung verschwundener Daten geht) tun kann:

Zuerst kann man nun versuchen:

  • “Abbrechen” klicken. Datenträger auswerfen (Rechtsklick aufs Laufwerk, “sicher entfernen”)
  • sicherheitshalber Schieberegler an der Karte überprüfen (ist der richtig oben oder unten?)
  • zurück in Kamera – hier kam nun die Meldung “bitte formatieren Sie den Datenträger”, Kamera erkannte also auch nichts mehr. Wird das Speichermedium hier noch erkannt, unten weiterlesen.
  • alternativ in einem zweiten PC bzw. MAC und einem zweiten Kartenleser testen.

!! Wichtig: Das Schreiben von Daten jetzt unbedingt vermeiden! D.h. Karte nicht in die Kamera stecken und probeweise ein Foto schießen u.ä.

Mögliche Ursachen des Zugriffsproblems:

MBR (Master Boot Record, der erste Datenblock bei partitionierten Speichermedien) oder die Partitionstabelle ist kaputt. Windows findet dann einen überschriebenen Systemdatenbereich und geht davon aus, der Datenträger sei unformatiert. Linux und auch die Kamera selbst greifen anders auf den Datenträger zu und können daher das Hauptverzeichnis auf der Karte auch ohne MBR finden. Meist gibt es einen speziellen Ordner, in dem die Bilder abgelegt werden (DCF), die Kamerasoftware durchsucht die Karte exakt danach und findet das Hauptverzeichnis dann relativ schnell.

Diese Fehlermeldung bedeutet also: Die Daten sind noch auf dem Datenträger – da aber das Verzeichnis (Tabelle) kaputt ist, in dem die Daten aufgelistet sind, kann Windows nicht darauf zugreifen.


Meine Rettung war die Freeware PhotoRec – ging wider Erwarten einfach, schnell und unkompliziert. Deshalb hier eine kurze Schritt-für-Schritt-Anleitung:

(Anm.: PhotoRec kann nicht nur “Foto-Dateien” – eine Liste der rettbaren Dateiformate ist hier zu finden. Arbeitet in allen gängigen Betriebssystemen, d.h. unter Windows (incl. Vista), Linux, Mac OS X und OS2. Weiterer Vorteil: Es muss nicht installiert werden.)

Vorbereitung:

  • Speicherkarte sollte eingelegt sein und (!) einen Laufwerksbuchstaben (F:, G:, H: etc.) haben. Wichtig: An dem PC, an dem Du arbeitest, musst Du Administratorrechte besitzen.
  • PhotoRec herunterladen und heruntergeladenes Paket entpacken (Rechtsklick, dann oben bei “entpacken” das gewünschte Ziel auswählen)
  • Unterordner win anwählen, photorec_win.exe mit Doppelklick starten

Anleitung:

  1. Laufwerk auswählen: hier werden die verfügbaren Laufwerke aufgelistet. Mit den Pfeiltasten das Laufwerk anwählen, in dem die Karte sich befindet (erkennbar hier an “SD”) anwählen, Entertaste drücken.
  2. Partitionstabellen-Typ auswählen: wird von PhotoRec automatisch erkannt, das was angezeigt wird, kann man also so stehenlassen. Enter.
  3. Quellpartition auswählen: Punkt 1 wählt die ganze Karte aus. Enter.
  4. Dateisystem-typ: Other verwenden (ext2 / ext3 ist für die Freunde des Pinguins), Enter.
  5. Speicherort auswählen: Dorthin werden die auf dem Medium entdeckten Dateien kopiert. Am besten einfach so lassen, Speicherort ist dann ein PhotoRec-Unterordner. Mit Y bestätigen.
  6. PhotoRec durchsucht nun den Datenträger
  7. Ergebnis (gefundene Dateien je Dateiformat) wird angezeigt. Oberhalb steht der Pfad, unter dem die Dateien gespeichert wurden. Zum Beispiel: c/alleBenutzer/Benutzername/AppData/Local/Temp/Rar$EX02.591/testdisk-6.11.3/win/recup_dir.1

[Quelle: Eigene Screenshots. Ausführlichere Anleitung auch auf Deutsch im PhotoRec-Wiki.]


Alternativen für die Datenrettung:

  • smart recovery (Freeware) (speziell für Speichermedien von Digitalkameras). Kann: JPG, BMP, TIF, GIF, Canon CRW, Fuji RAF, Olympus ORF, Kodak DCR, Minolta MRW, Nikon NEF, Sigma X3F, MOV, AVI und WAV- bzw. DSS.
  • PC Inspector File Recovery (ebenfalls Freeware). Kann u.a. BMP, DOC, XLS, EXE, JPG, Mp3, WAV. Muss auf einem anderen Laufwerk installiert werden als dem, dessen Daten gerettet werden sollen (Bsp.: Externe Festplatte kaputt > auf interner Festplatte installieren). Link zum Download.

!! Können beide nicht: Vista. Update ist lt. Herstellerseite auch nicht geplant.

  • falls die Kamera die Bilder noch anzeigen kann und sofern vorhanden: Per USB-Kabel mit dem PC verbinden und Dateien so übertragen bzw. darauf vom PC aus zugreifen
  • Da es sich hier wohl um ein windows-spezifisches Problem handelt, ist eine weitere Möglichkeit: Linux (in diesem Fall: Knoppix) herunterladen, brennen, Reboot des PC in Linux


Tipps zum Schluss:

Generell bei Speichermedien vorsichtig sein – deren Lebensdauer geht vor allem bei Speicherkarten nicht gegen unendlich. Besser also ab und an eine neue kaufen (Preis: Unter 10€ für 1 GB, damit inzwischen sehr bezahlbar), als für eine Datenrettung das x-fache.

Außerdem: Vorsichtig behandeln. Nicht runterwerfen (gilt Speicherkarten, und erst recht für externe Festplatten), nicht ungeschützt zu großer Hitze und Kälte (Sommer! Winter!) aussetzen. Nicht einfach so aus dem PC entfernen, sondern brav “auswerfen” lassen (wenn Windows sich nicht verabschieden kann, reagiert es gerne böse). Und bittebitte: Daten sichern, wichtige am besten dreifach!

2 thoughts on “Eine Anleitung zur Datenrettung

  1. oh man, da hast du dich ganz schön reingenerdet in die Materie, aber ich kann das verstehen, wenn die Daten oder Bilder wichtig sind. Im ersten Moment, wenn man so einer Meldung konfrontiert wird, da gehen einem heißkalte Schauer über den Rücken und dann heißt es ruhe bewahren.
    Mir ist das beim Abschied von der vorletzten Agentur passiert. Wollte meine privaten Daten mitnehmen (ca. 4GB), hab mir einen neuen USB-Stick gekauft und Daten nicht mit kopieren, sondern mit verschieben auf den Stick gezogen. Bei ca. der Hälfte erscheint plötzlich der USB-Stick im Explorer nicht mehr. Zugriff nicht mehr möglich. Stick neu eingesteckt und dann die gleiche Meldung wie bei dir.
    Ich wollte die Daten auch wieder haben, doch da war nichts mehr zu machen. Es waren ja 100.000 gemischte Datein, also nicht nur Fotos. Einige Programme habe ich ausprobiert, aber die lieferten nur Datenschrott und ein furchtbares Durcheinander. Bin dann mit dem USB-Stick zurück zum Händler und wollte den zurückgeben. Die erste Antwort des Verkäufers dort war:„Haben Sie den Stick vor Gebraucht nicht formatiert?“ So was blödes habe ich noch nie gehört – hab ich ihm auch gesagt. Dann wollte er sich weigern den Stick zurückzunehmen, weil ich die Verpackung (so eine Kunststoffeinschweisspackung) zerschnitten habe. Daraufhin habe ich bei der Zentrale der Kette angerufen und mich richtig wütend beschwert. Zehn Minuten später kam dann ein kleinlauter Anruf des Filialleiters, dass ich den Stick natürlich zurückgeben kann.

    Mein Tipp: Immer Markenspeicherkarten und USB-Stick kaufen. Billig ist hier leider oft Schrott.

    Aber schön, wenn du deine Daten wieder bekommen hast!

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