Schiach

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Alles, was ich hatte, war eine ungelesene Nachricht in meinem Postfach. Das warst Du, damals, 2010. So fing alles an.

Die besten Ideen hat man manchmal spät in der Nacht. Wenn man Nachrichten schickt, hin und her, erst zögerlich, bis sich alles verdichtet, dann gespannt nur noch darauf wartend, dass das Display leuchtet, dieses “Pling” eine neue Nachricht ankündigt, irgendwann begreifend, dass da wieder etwas ist, was Jahre her ist, was vorbei schien, man will es fassen können und dann festhalten, umarmen, und sei es nur für eine Nacht, bis man zitternd auf “anrufen” tippt, die Sekunden zählt bis zu einem “Hallo.” am anderen Ende der Leitung, die ganze Nacht lang heiser lachend telefoniert. Und plötzlich begreift, dass es nicht nur ein Schein, sondern wirklich alles möglich ist. Noch bevor wir auflegen, packe ich, ein T-Shirt, einen Rock, die Zahnbürste, ein Notizbuch, alles in einen Seesack, finde eine leere Plastikflasche mit Deckel, fülle sie mit Leitungswasser, wir legen auf, ich renne zum Bus, Hauptbahnhof-tief.

Ich sitze im Zug.

Zehn Stunden sind es bis zu dir. Sobald wir aus der Stadt raus sind, habe ich kein Netz mehr, Mecklenburg-Vorpommern, und so, und weiter. Ich höre Musik, sehe aus dem Fenster, Notizbuch, schreiben, doch nicht, es ist warm, draußen zieht der Morgennebel durch die Landschaft, der Kaugummi zwischen der Erde und einem Himmel, der eine Schuhsohle ist, der Herbst klebt in der Landschaft, die Sonne geht nicht auf, ich bin müde, nicke ein, muss umsteigen, gläserne Bilder in Grau und Braun, eine neue Playlist, 67% Akku, das Display leuchtet. Neue Nachricht. Ich hol dich ab. 1522. D. Schreibst du.

Tust du.

1532 kommt der Zug an und alles ist wieder da, die Stadt, die Leute, ich mittendrin, ich hatte vergessen, wie sich das anfühlt, hatte vergessen, wie es ist, dich zu sehen, wie du gehst, die Hände in den Hosentaschen, wie groß du bist, deine Augenfarbe, deine Augenbrauen, deinen Mund, es ist Jahre her, du bist dreißig Zentimeter weit weg und mir zieht es den Boden unter den Füßen weg, ich hatte vergessen, wie es ist, wenn du mich ansiehst. Wir fahren U-Bahn, lehnen seitlich neben der Tür, ich links, du rechts, fünf Stationen.

Zwanzig Uhr.

Schiach, sage ich. Ich mag dieses Wort. Es zerläuft im Mund, es riecht nach diesen Sommernächten, in denen wir auf den Mauern vor dem Club da oben an der Hauptstraße saßen, als es die ganze Nacht nur warm war, es klingt wie das Tapsen nackter Füße auf dem Parkett in deiner Wohnung und schmeckt wie Wasser mit Himbeersirup, wie Tage am Fluss und Lichter, die in der Dämmerung auf Wasser tanzen. Höre ich das, klingt dieser Sommer in meinen Ohren.

Du lachst. Musste es ausgerechnet dieses Wort sein? 

Du liegst neben mir, deinen Kopf auf meinem Bauch. Weißt du, wie verliebt ich damals war? Mir war so schlecht, ich hätte dir einen ganzen Flughafen kotzen können, grinst du mich an, in deinen Augen spiegelt sich die Lampe, die in der Zimmerecke steht, sie ist neu, jedenfalls neuer als ich, sie wirft einen großen eckigen Schatten auf den Boden. Ich trinke noch einen letzten Schluck, dann ist das Bier leer, du gehst zum Kühlschrank.

Ich drehe mich auf den Bauch und sehe dir nach und denke mir so wenig wie möglich, reiße meinen Blick los, greife mir eines der Bücher, die neben deinem Bett liegen, James Joyce, ich rufe wolltest du Ulysses nicht damals schon lesen? Ich blättere die Seiten durch, suche die Stelle, an der ich in einem Anfall von Entmutigung ausgestiegen bin, höre nicht, dass du wieder zurückkommst, du hältst die Bierflasche kurz an meine nackte Schulter, ich erschrecke, ey!, werfe das Buch nach dir, sorry, das war keine Absicht, ich habe nur gute Reflexe. Du ziehst eine Augenbraue hoch. Ist das so? 

Zehn Uhr. Neben dem Bett stehen zwei volle Bierflaschen, in der Zimmerecke liegt Ulysses, den Rücken nach oben, die Seiten zerknautscht.

Dreizehn Uhr. Wir gehen aus dem Haus, händchenhaltend (händchenhaltend?!), die Straße entlang zum Fluss, wir reden nicht viel, trinken einen Kaffee und essen ein Stück Kuchen, da, wo wir uns zuletzt trafen, es ist wieder wie damals und wieder im Spätherbst, die Geschichte wiederholt sich, wir könnten sie neu schreiben, jetzt und ab heute unendlich. Unendlichkeit hat keinen Anfang. Wir tun es nicht.

Siebzehn Uhr. Wir verabschieden uns, als würden wir uns morgen schon wiedersehen. Ich sitze im Zug und höre Musik. Die neue Playlist. Die Stadt, die Leute, wie du gehst, wie du aussiehst, wie es ist, wenn du mich ansiehst, und zehn Stunden, auf der Fahrt löst sich alles auf. Es gibt nicht einmal ein einziges Foto von uns, weder von damals, noch von heute. Wir haben nie eins gemacht, ich frage nicht, warum. Alles, was wir hatten, war immer unendlich. War immer wahrhaftig. Für dich, für mich, brauchte es keinen Beweis. Deshalb gibt es keinen. Keinen Beweis, dass alles, was war, wahr war.

Ich trinke einen Schluck Leitungswasser aus der Flasche, die ich mitgebracht habe. Alles, was ich sonst habe, sind ein Kronkorken, die Schokoladentafeln vom Kaffee am Nachmittag und eine ungelesene Nachricht in meinem Postfach. Das bist du, heute, 2012. Und so hört alles auf.

Wegweh

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Meine Augen laufen die Schienen entlang, ich zähle die Schwellen, bis sie verschwimmen und verschwinden. Zu viele Bilder pro Sekunde, als der Zug schneller fährt, und die Bäume an der Strecke verschwimmen zu einem einzigen Grün. Strommasten, Felder, Hochspannungsleitungen, Feldwege, Häuser, Gleisbetten, Hochhäuser, Autobahnen, der Zug wird langsamer, bleibt stehen. Ich wuchte meine Tasche aus dem Gepäckfach, steige aus, atme ein. Wieder eine neue Stadt. Wieder ein Bahnhofsgebäude, das von innen genauso aussieht wie alle anderen, in Brandenburg, in Magdeburg, in Braunschweig, in Wolfsburg, die selbe beschissene Architektur, die keine ist, die selben beschissenen Läden, die selben beschissenen Raucherzonen ganz am Ende des Gebäudes. Ich lasse meine Tasche fallen, setze mich daneben auf den Boden und es ist mir egal, dass ich einen Minirock trage, wie mir alles egal ist.

Ich zünde eine Zigarette an und wundere mich, wie man anfangen kann, Menschen zu vermissen. Den Menschen an sich, als Gruppe eine verachtenswerte Spezies, als Individuum durchaus beachtens- und liebenswert. So passiert es manchmal doch, dass einem ein Mensch passiert. Einem frontal ans Schienbein kracht, in den Magen, in den Kopf, ins Herz, schon ist er da, und dort, wo er ist, ist ein Fleck, und der geht nicht so einfach weg.

Seit eineinhalb Jahren nun wohne ich in der selben Stadt. Es ist eine große Stadt, die, wie jede Stadt, in Wahrheit, ein einziges Dorf ist. Meist geschah es bisher nach spätestens einem Jahr am selben Ort: das Wegweh packte mich. Wegweh, die große Sehnsucht nach nichts. Wegweh weiß nicht wohin mit sich und seiner Sehnsucht, es weiß nur, dass es weg muss. Wegweh kann enden in einem Dorf im tiefsten Mecklenburg-Vorpommern, in Bielefeld, an einem norwegischen Fjord oder in einem Flieger nach Kalifornien, das Wegweh weiß nie, wo es endet, sobald es einmal angefangen hat.

Wegweh ist schwer zu diagnostizieren und noch schwieriger zu therapieren, denn wo soll man hinfahren, wenn man nicht weiß, wohin? Jedes Verkehrsmittel ist im Zweifelsfall das falsche, jeder Zug fährt in die falsche Richtung, jedes Flugzeug landet an einem falschen Flughafen, und dann steht man da und hat nichts, geschweige denn irgendeine Ahnung. Denn man könnte froh sein, weg zu sein, aber man ist nur überzeugt, im falschen Weg zu sein, am falschen Ort, und obwohl man weg ist von da, wo man herkommt, ist es doch alles nicht richtig.

Alles, was einem übrig bleibt gegen das Wegweh, ist der Versuch einer Distanz. Man könnte beginnen mit einer Distanz zu sich selbst, damit, zu hinterfragen, woher es kommt, das Wegweh, was sich änderte, wenn man weg ginge, sich aus allem zurückzoge, sich von allem entfernte. Aber am Ende wären das nur nervige Fragen an einen überforderten Kopf, Fragen, die doch eigentlich ohnehin nur ein Bauch beantworten kann. Doch der Bauch spricht nur selten, nur, wenn es ganz still ist um einen herum, wenn er Lust hat und in guter Stimmung zum Plaudern ist. Die Stadt ist zu laut, als dass man da noch den Bauch hören könnte, der Lärm übertönt ihn und meist bleibt einem so kaum etwas anderes übrig, als es einfach zu versuchen. Sich wegzubewegen. Selbst wenn man dann nicht weiß, ob man sich in die richtige Richtung bewegt.

Ich stehe auf, nehme meine Tasche, gehe zu einem anderen Gleis, der Zug fährt weiter, ich weiß nicht, wohin. Blaue Bagger, Industrieanlagen, Container, Betonbunker, verfallene Bahnhofshäuser, ein Mensch, man kann gar nicht so schnell schreiben, wie draußen alles vorüberzieht, man kann gar nicht so schnell bemerken, dass für einen halben Augenblick alles gut ist, bevor es schon wieder vorüber ist.

(August 2011)