Das wirklich Geile daran, ein Blog zu betreiben

ist ja, dass man einfach machen kann, was man will.

Dass man in der Zeit während des Schreibens und vor dem Veröffentlichen nachdenken kann, ob das jetzt politisch korrekt, gendertheoretisch up-to-date, NSA- und GHCQ-konform, entsprechend der aktuell gültigen Version der deutschen Rechtschreibung und den Modetrends für den laufenden Winter Sommer ist.

Ob das zur Leserschaft passt, von der man zwar außer der eigenen Mutter auch niemanden kennt, die man aber trotzdem berücksichtigen soll will.

Ob das gerade out oder in ist, ob es zu lang ist, zu kurz, zu zwischendrin ist, was andere dazu schon gesagt und gerantet haben, was wohl die eigenen Freunde dazu sagen werden.

Ob man schön die eigenen Sponsoren erwähnt (Mama!), ob man die Kommentare besser gleich deaktiviert oder ob man sich vielleicht vor Veröffentlichung schon einmal Popcorn, einen Anwalt oder Baldrianpillen besorgen sollte.

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Schreiben (überall, nur nicht hier)

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Es ist so still hier, gerade.

Genau überlegt, tatsächlich, man könnte sagen, ich schriebe noch: drei-Wort-E-Mails. Aufsätze zu Demokratiedefiziten, Theaterstücken, Umweltkatastrophen. Demo-Plakate. Tweets. Liebesbriefe für Banknachbarn. Manöverkritiken. Lieder.

Für mehr – fehlen mir Themen, Ideen. Das ist so etwas wie die Hälfte der Wahrheit. Die andere Hälfte ist wohl, dass die Handvoll neuer Texte die Zensurstelle nicht übersteht. Und das Schlimmste daran: Schreiben übers Nichtschreiben. Ich hasse Oxymora.

Ein Oxymoron: Schreiben übers Nichtschreiben

Es ist spät in der Nacht, der Tag war lang, der Abend wundervoll. Ich schenke mir ein Glas Wein ein. Krieche in mein Bett, schalte den Rechner ein, starte das Schreibprogramm. Dann sitze ich da. Starre auf den Monitor. Und zähle mit, wie oft ein Cursor in einer Minute blinkt. In zwei Minuten. In zehn Minuten. In einer Stunde. In vier Stunden Der Laptop läuft immer noch, wärmt meine Knie, erleuchtet das Zimmer.

Und ich bin keinen Buchstaben weiter.

Ich habe auch ein Notizbuch. Es hat einen schwarzen Einband, linierte Seiten, und zwischen den letzten Seiten, die ich beschrieben habe, klemmt immer ein dünner schwarzer Stift. Auf diese Seiten schreibe ich meine Textideen, Sätze, die in mir zwischen zwei Gedanken klebenbleiben, Geschichten, Gedichtzeilen.

Die letzten Einträge sind ein Einkaufszettel und eine To-do-Liste.

Ich kann nicht mehr schreiben.

Seit Wochen geht das so. Jeden Tag das selbe Spiel. Es ist schlicht: Grauenhaft. Ich möchte so gerne schreiben, Gedanken formulieren, zu Papier und zu .doc bringen, aber immer immer immer wieder scheitere ich am selben Punkt: Ich finde keine Worte. Kein einziges, das auch nur annähernd die Dimension dessen erfassen könnte, was hier alles passiert.

Denn dieses Leben ist so schwer, dass ich es nicht in Worten aufwiegen kann.

Es ist schwer an Wundervollem:

An Abenden in Bars, Cafés, auf an Küchentischen, auf Sofas und Sesseln. Es ist schwer an gutem Essen, schöner Musik, tollen Filmen, an Fröhlichkeit und Lachen. An intensiven Gesprächen, an Augenblicken, an kleinen Gesten und großem Philosophieren. Es ist reich an Blicken, Umarmungen, Wiedersehensfreuden, Worten wie kleinen Berührungen.

Dieses Leben beginnt morgens mit einem Anruf, einem Kaffeekuss und dem besten Frühstück der Stadt. Geht weiter mit einer blühenden Narzisse, Kakao, Gelächter zwischen Baugerüsten, einem Brief am Mittag und einem Muffin im Park. Irgendwann kommt ein Hund dazu, ein Kind, das lacht, und immer wieder fallen Schneeflocken. Der Himmel ist manchmal grau und diesig, neblig bisweilen, und dann leuchtet doch ein tiefes Blau, die Sonne scheint, und man rutscht auf einer Eispfütze aus, weil man einem Flugzeug nachwinkt. Wird es Abend, gibt es in diesem Leben ein Museum, einen Film,  ein knisterndes Feuer, oder einen Tisch zum Verweilen. Und irgendwann spätnachts fährt irgendwo eine Bahn über den beleuchteten Häusern. Und wenn man nah genug an die Fensterscheiben herangeht, kann man hinter den Wolken den Mond schimmern sehen.

Und immer finden sich Menschen, oder sie finden mich, wer weiß das schon, oder wir finden uns (manchmal sogar ganz großartig).

Das ist dieses Leben.

Es macht mich reich.

Es schenkt mir Sätze, Geschichten und Momente, und manche von ihnen dauern schon seit Monaten an. Dieses Leben macht mir das Herz glücklich und den Kopf voll, es macht mich tanzen und hüpfen und singen, und es lässt mich manchmal glauben, ich könnte zerspringen vor Glück.

Weil all das so schön ist, dass es mir den Atem raubt.

Und wer nicht atmen kann, wie soll der schreiben können. Wenn es für Geschichtenmomente eine Spardose gibt, sammle ich gerade 500-Euro-Scheine.

Manche nennen das Schreibblockade. Ich nenne es: Leben.

Und wenn dir dein Leben Kitsch gibt, mach Kekse daraus.