Heavy Metal, Halbstarke, Hosentaschen: Musik im öffentlichen Personennahverkehr in einer ganz normalen Nacht an einem ganz normalen Freitag (fast jedenfalls)

Es ist Freitag Abend, ich stehe in der U-Bahn.

Ich stehe immer in der U-Bahn, das hält mir die Möglichkeit offen, schnell meinen Standort zu wechseln, ich empfinde schlimme Gerüche als sehr unangenehm und kann es vor allem, besonders morgens, nicht ertragen, wenn sich jemand mehr oder weniger auf mich draufsetzt. Und wenn ich stehe, kann ich jederzeit in einen anderen Waggon umsteigen flüchten, wenn ein U-Bahn-Musiker nervt. (Man sollte nur darauf achten, nicht zur selben Zeit in den selben Waggon umzusteigen wie die Musiker, das verlängert sonst die Leidenszeit. Ich habe das ausprobiert.)

Ja, die U-Bahn-Musiker. Was ist nicht schon alles über sie geschrieben worden. Grundsätzlich gilt:

  1. Traue nichts, was mindestens eine Taste hat (Akkordeon! Tragbarer CD-Player!).
  2. Sei misstrauisch gegenüber allen Blasinstrumenten (Trompete! Saxophon! Blockflöte!).
  3. Flüchte vor Streichinstrumenten – besonders Geigen klingen bei minimal falscher Handhabung wie eine räudige Katze, die auf Metallplatten Pogo tanzt.
  4. Und sobald jemand den Mund aufmacht: LAUF!

Jetzt also ist es Freitag Abend, ich stehe in der U-Bahn direkt an der Tür, und weit im Norden der Stadt steigt ein Straßenmusiker zu. Sofort (und damit meine ich sowas von “sofort”, ich habe praktisch schon reagiert, bevor ich ihn überhaupt sah,) Continue reading “Heavy Metal, Halbstarke, Hosentaschen: Musik im öffentlichen Personennahverkehr in einer ganz normalen Nacht an einem ganz normalen Freitag (fast jedenfalls)”

Schiach

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Alles, was ich hatte, war eine ungelesene Nachricht in meinem Postfach. Das warst Du, damals, 2010. So fing alles an.

Die besten Ideen hat man manchmal spät in der Nacht. Wenn man Nachrichten schickt, hin und her, erst zögerlich, bis sich alles verdichtet, dann gespannt nur noch darauf wartend, dass das Display leuchtet, dieses “Pling” eine neue Nachricht ankündigt, irgendwann begreifend, dass da wieder etwas ist, was Jahre her ist, was vorbei schien, man will es fassen können und dann festhalten, umarmen, und sei es nur für eine Nacht, bis man zitternd auf “anrufen” tippt, die Sekunden zählt bis zu einem “Hallo.” am anderen Ende der Leitung, die ganze Nacht lang heiser lachend telefoniert. Und plötzlich begreift, dass es nicht nur ein Schein, sondern wirklich alles möglich ist. Noch bevor wir auflegen, packe ich, ein T-Shirt, einen Rock, die Zahnbürste, ein Notizbuch, alles in einen Seesack, finde eine leere Plastikflasche mit Deckel, fülle sie mit Leitungswasser, wir legen auf, ich renne zum Bus, Hauptbahnhof-tief.

Ich sitze im Zug.

Zehn Stunden sind es bis zu dir. Sobald wir aus der Stadt raus sind, habe ich kein Netz mehr, Mecklenburg-Vorpommern, und so, und weiter. Ich höre Musik, sehe aus dem Fenster, Notizbuch, schreiben, doch nicht, es ist warm, draußen zieht der Morgennebel durch die Landschaft, der Kaugummi zwischen der Erde und einem Himmel, der eine Schuhsohle ist, der Herbst klebt in der Landschaft, die Sonne geht nicht auf, ich bin müde, nicke ein, muss umsteigen, gläserne Bilder in Grau und Braun, eine neue Playlist, 67% Akku, das Display leuchtet. Neue Nachricht. Ich hol dich ab. 1522. D. Schreibst du.

Tust du.

1532 kommt der Zug an und alles ist wieder da, die Stadt, die Leute, ich mittendrin, ich hatte vergessen, wie sich das anfühlt, hatte vergessen, wie es ist, dich zu sehen, wie du gehst, die Hände in den Hosentaschen, wie groß du bist, deine Augenfarbe, deine Augenbrauen, deinen Mund, es ist Jahre her, du bist dreißig Zentimeter weit weg und mir zieht es den Boden unter den Füßen weg, ich hatte vergessen, wie es ist, wenn du mich ansiehst. Wir fahren U-Bahn, lehnen seitlich neben der Tür, ich links, du rechts, fünf Stationen.

Zwanzig Uhr.

Schiach, sage ich. Ich mag dieses Wort. Es zerläuft im Mund, es riecht nach diesen Sommernächten, in denen wir auf den Mauern vor dem Club da oben an der Hauptstraße saßen, als es die ganze Nacht nur warm war, es klingt wie das Tapsen nackter Füße auf dem Parkett in deiner Wohnung und schmeckt wie Wasser mit Himbeersirup, wie Tage am Fluss und Lichter, die in der Dämmerung auf Wasser tanzen. Höre ich das, klingt dieser Sommer in meinen Ohren.

Du lachst. Musste es ausgerechnet dieses Wort sein? 

Du liegst neben mir, deinen Kopf auf meinem Bauch. Weißt du, wie verliebt ich damals war? Mir war so schlecht, ich hätte dir einen ganzen Flughafen kotzen können, grinst du mich an, in deinen Augen spiegelt sich die Lampe, die in der Zimmerecke steht, sie ist neu, jedenfalls neuer als ich, sie wirft einen großen eckigen Schatten auf den Boden. Ich trinke noch einen letzten Schluck, dann ist das Bier leer, du gehst zum Kühlschrank.

Ich drehe mich auf den Bauch und sehe dir nach und denke mir so wenig wie möglich, reiße meinen Blick los, greife mir eines der Bücher, die neben deinem Bett liegen, James Joyce, ich rufe wolltest du Ulysses nicht damals schon lesen? Ich blättere die Seiten durch, suche die Stelle, an der ich in einem Anfall von Entmutigung ausgestiegen bin, höre nicht, dass du wieder zurückkommst, du hältst die Bierflasche kurz an meine nackte Schulter, ich erschrecke, ey!, werfe das Buch nach dir, sorry, das war keine Absicht, ich habe nur gute Reflexe. Du ziehst eine Augenbraue hoch. Ist das so? 

Zehn Uhr. Neben dem Bett stehen zwei volle Bierflaschen, in der Zimmerecke liegt Ulysses, den Rücken nach oben, die Seiten zerknautscht.

Dreizehn Uhr. Wir gehen aus dem Haus, händchenhaltend (händchenhaltend?!), die Straße entlang zum Fluss, wir reden nicht viel, trinken einen Kaffee und essen ein Stück Kuchen, da, wo wir uns zuletzt trafen, es ist wieder wie damals und wieder im Spätherbst, die Geschichte wiederholt sich, wir könnten sie neu schreiben, jetzt und ab heute unendlich. Unendlichkeit hat keinen Anfang. Wir tun es nicht.

Siebzehn Uhr. Wir verabschieden uns, als würden wir uns morgen schon wiedersehen. Ich sitze im Zug und höre Musik. Die neue Playlist. Die Stadt, die Leute, wie du gehst, wie du aussiehst, wie es ist, wenn du mich ansiehst, und zehn Stunden, auf der Fahrt löst sich alles auf. Es gibt nicht einmal ein einziges Foto von uns, weder von damals, noch von heute. Wir haben nie eins gemacht, ich frage nicht, warum. Alles, was wir hatten, war immer unendlich. War immer wahrhaftig. Für dich, für mich, brauchte es keinen Beweis. Deshalb gibt es keinen. Keinen Beweis, dass alles, was war, wahr war.

Ich trinke einen Schluck Leitungswasser aus der Flasche, die ich mitgebracht habe. Alles, was ich sonst habe, sind ein Kronkorken, die Schokoladentafeln vom Kaffee am Nachmittag und eine ungelesene Nachricht in meinem Postfach. Das bist du, heute, 2012. Und so hört alles auf.

Es gibt nicht nur Arschlöcher, es gibt ja auch Nette!, aber gehören diese Herrn dazu? oder: Team Totale Zerstörung. Eine Album-Review.

Womöglich ist dies die schizophrenste Rezension, die die Christliche Rapmusik je erlebt hat, sei’s drum, es lässt sich nicht ändern.

Da wäre also dieses Duo, laut Selbstbeschreibung “Hack und Mett”, oder auch TTZ, namentlich André Herrmann und Julius Fischer. Team Totale Zerstörung also, man sagt, sie hätten alles gewonnen, was es im deutschen Poetry Slam zu gewinnen gibt (als ob es da etwas zu gewinnen gäbe, wahrscheinlich nicht einmal einen Blumentopf, sondern höchstens Geranien). Der deutsche Poetry Slam ist womöglich noch nicht, was jedes Hinterhofkantinenspülbecken in Hollywood ist, aber wenigstens haben die beiden es zwar immer noch nicht aus Leipzig hinaus, aber wenigstens zu einem Album gebracht, das man hier und hier käuflich erwerben kann. Continue reading “Es gibt nicht nur Arschlöcher, es gibt ja auch Nette!, aber gehören diese Herrn dazu? oder: Team Totale Zerstörung. Eine Album-Review.”

Was man häufiger tun sollte: denken und hören

Don’t leave my hyper heart alone on the water
Cover me in rag and bone sympathy
’cause I don’t wanna get over you
I don’t wanna get over you.

Zu Besuch sein, Wein getrunken haben (viel Wein), und während das Licht noch aus ist, dem Schein des Rechner-Monitors folgen, eine Playlist entdecken und The National finden.

Daran denken, dass es genau 2 Jahre und 10 Tage her ist, als man noch in Wien gewohnt hat und bei einem Konzert war, es spielten The Low Anthem und The National; dass S. einem damals die Karte geschenkt hatte, weil man 4 Tage später nach Berlin ziehen sollte. Sich erinnern, wie man mit dem Hollandrad zur Arena geradelt war, wo man auf C. und E. wartete, und was für ein formidabler, lauer Sommerabend das war. Damals, in Wien.

Was an alledem seltsam und lustig und schön ist, ist, was im Jahr davor und den beiden Jahren danach passierte. Und dass es gut ist, Musik mit jemandem wiederzufinden.

I never thought about love when I thought about home.

[vimeo 11653518 620 349]

Man sollte ja generell häufiger The National hören.

It was a very good year.

(Die Geschichte zu dieser Farbfotografie ist ein Konzert und ein Lied, das nur ein Cover war, und dass ich das allererste Mal überhaupt den Sänger einer Band um ein Autogramm bat und dabei ein wenig verliebt kicherte (was daran lag, dass ich auch ein wenig verliebt war, was wiederum unter anderem an den Haaren des Sängers lag und an sich schon bescheuert war, jedoch noch bescheuerter wurde, als ich beim Kichern feststellte, dass ich nur einen Kalender und einen ungespitzten Bleistift dabei hatte), was der erste Teil der Geschichte ist.

Der zweite Teil der Geschichte ist, dass ich nach dem umfassenden Jahresrückblick von gestern unbedingt noch diese Notiz nachreichen muss. – Denn: der weitere Verlauf jenes Abends nach dieser Unterschrift eines Sängers auf der ersten Seite eines Kalenders für zweitausendelf wurde noch weitaus denkwürdiger und muss deshalb hier, wenn auch nur andeutend, doch wenigstens Erwähnung finden;

ebenso wie der Name der Band.
Die Band heißt Nada Surf.)