DWYNTDTGTSD: Es ist mir ein innerer Post-it

DWYNTDTGTSD. Do what you need to do to get the shit done. 
Das Wundermittel gegen sämtliches Auf- und vor-sich-her-Schieben.

dwyntdtgtsd

Gehört in einem Vortrag des famosen Eric Reiss auf dem UX Camp Europe. Da ging’s eigentlich darum, warum man von SCRUM die Finger davon lassen sollte (das gilt auch für alle, die gerade googeln wollten, was das überhaupt ist). DWYNTDTGTSD hängt seit Wochen in meinem Kopf, seit heute über meinem Schreibtisch. Und: funktioniert.

Was wärmt: leben mit Ofenheizung

Es ist kalt in Berlin. Sehr, sehr kalt. Man könnte es gar für Schnee halten, das weiße Zeug, das nun zum 378. Mal in diesem Jahr vom Himmel fällt. Und deshalb – liebe Leserschaft mit Zentralheizung. Bitte schalten Sie doch für einen Moment Ihre Heizung aus und öffnen Sie dann noch für eine Viertelstunde lang die Fenster. Erledigt? Fein.

Herzlich willkommen, wir befinden uns nun auf einem gemeinsamen Wärmelevel.

Ich lebe in einer Wohnung mit Ofenheizung. Seit nunmehr drei Wintern. Wohnung mit Ofenheizung, das heißt: Altbau, einer mit diesen weiß lackierten Dielen und Stuck an den Decken, nicht isolierten Fenstern, sehr kalten Wänden, zwei Kachelöfen (einer im Wohn-/Schlafzimmer, einer im Kleiderschrank in der Abstellkammer. Keine Heizung in Bad und Küche, einmal abgesehen von Gasherd und -backofen. Ungefähr 80- bis 100.000 solcher Wohnungen soll es in der Stadt noch geben.

Diese Wohnung hat einige entscheidende Vorteile. Zum einen mag ich sie sehr (auch wenn das Mögen im Winter manchmal schwerfällt). Und, viel wichtiger: Das hier ist 127.0.0.1. Und Zuhause ist, wo du im Dunkeln die Lichtschalter findest. Obendrein ist sie sehr preiswert: die Miete pro Quadratmeter kostet gerade so viel wie eine Tasse Kaffee in einem dieser Berliner Cafés, in denen sie 10 verschiedene Wörter für Filterkaffee kennen.

Der erste Winter, den ich hier verbrachte, war gleichzeitig der härteste: wochenlang Temperaturen um minus 10, minus 15 Grad. Und Schnee. Überall Schnee. Eines Morgens kam ich in die Küche und das Wasser in einem Glas auf dem Tisch war zu Eis erstarrt. Und was habe ich gefroren. Zu der Zeit kaufte ich mir eine zweite Bettdecke und drei sehr warme Wollpullover (die ich meist auch nachts einfach anbehielt. Alle.). Den Gedanken ans Aufstehen morgens finde ich meist ohnehin schon schrecklich genug, aber zu der Zeit war er grauenhaft – allein die Idee, irgendwie den Weg ins Bad überstehen zu müssen, ließ mich noch etwas weiter unter die Bettdecke kriechen. Besonders ungut ist das, wenn mensch krank ist. Sie können gar nicht so viel heizen, wie Sie Schüttelfrost haben können.

Damals, jener erste Winter. Ich hatte kein Geld, kein Auto und kannte niemanden in Berlin. Also zog ich einmal pro Woche mehrere dicke Pullover und einen Parka an, dicke Wollsocken und schwere Stiefel für die Füße, nahm eine große Tasche und den nächsten Bus, der an der übernächsten Straßenecke fährt, und fuhr nach Reinickendorf. Da ist der nächste Baumarkt, und die Kohle dort ist billiger als im Supermarkt (ja, die Supermärkte hier führen Kohle. Für Leute wie mich.). Ich nahm je 10 Kilo Briketts für jede Hand, einen Sack Holzscheite für die Tasche, bezahlte, um die fünf Euro waren das, stapfte zurück, die Straße hinunter, zur Bushaltestelle, manövrierte mich samt Kohle und Holz möglichst unfallfrei und ohne anderen auf die Füße zu treten oder sie aus Versehen mit einem Pack Kohle anzurempeln anzustupsen durch den Bus. Leider klappte das nicht immer so gut. (Erwähnte ich, dass 10 Kilo Kohle recht große blaue Flecke machen?)

Einmal habe ich mir dabei den Fuß verstaucht; zwei Mal hat es in meiner Wohnung gebrannt, in jenem ersten Winter. Im aktuellen Winter fiel mir drei Mal ein Brikett auf den Fuß. Einmal war ein Zeh noch tagelang blau, einmal offenbar angebrochen, einmal blutete es sehr unschön. Und acht Mal sind mir Liebhaber erfroren. Diesen Winter fuhr ich wieder in den selben Baumarkt wie immer, diesmal aber mit einem Auto, und kaufte nicht 20, sondern gleich 250 Kilo Kohle. Um es über ein paar Monate hinweg wirklich schön warm zu haben, braucht es mindestens 500, besser noch 600 bis 700 Kilo. Ich packte die Kohle ins Auto, bekam gerade noch so den Kofferraum zu, fuhr nach Hause und trug sie in den 3. Stock.

Der Trick ist: das Heizen mit Kohle lohnt sich erst dann wirklich, wenn regelmäßig Kohle nachgelegt wird. (“Denn das Wichtigste ist, dass das Feuer nicht aufhört zu brennen, denn sonst wird es ganz bitterlich kalt.” Jan Delay. Ich vermute, dass wir eine Ofenheizungsvergangenheit teilen.) Bis der Ofen so warm ist, dass er beginnt, Wärme abzustrahlen, dauert es gute 6 Stunden. Werden pro Stunde 2 Briketts nachgelegt, bleibt es recht angenehm warm. (Natürlich ist es nur in einem Raum warm. Aber das ist ja auch ausreichend.) Eine reisende Berufstätigkeit wie die meine ist da eher problematisch. Selbst wenn ich vor dem Gehen noch die Maximalstückzahl von 10 Briketts taktisch klug in den Ofen schichte – spätestens 36 Stunden später ist der Ofen aus. Und falls Ihnen noch nicht klar war, was genau es bedeutet, wenn Leute sagen “der Ofen ist aus”: aus heißt aus. Und da geht auch nicht so schnell wieder was an.

Deshalb habe ich mich zugegebenermaßen diesen Winter häufig vor zuhause gedrückt. Und mich jedes Mal aufs Neue gefreut, wenn es völlig reichte, ein Rädchen ein Stück zu drehen und abzuwarten, bis es eine Viertelstunde später richtig warm ist. Eines Abends stand ich, krank, wie ich war, in einem Kölner Hotel, fror, wie frieren nur geht, und freute mich wie ein kleines Kind darüber, dass ich einfach so das Thermostat der Heizung auf über 30 Grad hochdrehen konnte (mir war wirklich sehr kalt). Die Wahrnehmung von Wärme verändert sich, wenn sie nicht einfach so da ist. Weg vom Rädchendrehen, hin zu Kohleschleppen, dreckigen Fingern, Asche und Feuer. Weg von der Selbstverständlichkeit, hin zum Luxus.

Und seit der Ofen wieder ganz aus ist, liege ich manchmal wieder nachts wach, fasse mir an die kalte Nase und träume von Sommer oder einer Zentralheizung.

Ach, übrigens, tun Sie mir doch einen Gefallen. Und schalten Sie endlich Ihre Heizung wieder ein.
Danke. Wissen Sie, ich habe heute meinen großzügigen Tag.

Himmelweit

Sechs, sieben, acht, neun, zehn. Die Straßenlaternen stehen zehn Schritte weit auseinander, wenn sie kaputtgehen, ist nur mehr ein leises Knacken zu hören, bevor sie ein letztes Mal aufflackern und in der Dunkelheit verschwinden. Es ist vier Uhr morgens an einem Donnerstag. Der Wind treibt Nebelschwaden durch die Straßen. Die Bäume nur noch Gerippe, schwarz vor dem Licht der Straßen, Nachtlicht, Nichtlicht, sie tragen keine Blätter mehr, das Jahr hat sie ihrer Haut beraubt, sie sind nackt wie wir, zwei Monate sind erst vorbei und wir haben nichts mehr, das uns schützt, wenn der Winter noch einmal zurückkommt.

Die Stadt ist zur Kulisse verkommen, vor der das Leben spielt. Alle wollen auf die Bühne, und jeder spielt sein eigenes Stück. Manchmal wird jemand von der Bühne getragen, selten geht einer freiwillig. Die Hauptsache ist, dass jeder seinen Auftritt hat, man muss an jedem Tag sein können, wo man sein will, am besten immer ganz weit oben, man muss auch sein können, wer man sein will, der Bettler und der König, die Prinzessin und die Gänsemagd, der Casanova und die gestiefelte Katze, und die Kulisse ist egal geworden, die Hauptsache ist nur, dass das Stück weitergeht.

Es gibt keine Märchen mehr. Was wir haben, das sind die Kolumnen im Tagesspiegel, geschrieben von den alten Männern, die britische Anzüge und wirres Haar und alte Ansichten tragen. Die Anzüge bringen sie gelegentlich in die Reinigung. Die Ansichten sollten sie besser den Motten überlassen, doch auch eine Motte frisst nicht alles, nur weil es halbseiden ist.

Ich kann nur noch glauben, was ich mit Händen greifen kann, und kann nur noch fassen, was aus wenigstens zehn Prozent Baumwolle besteht.

Die Stadt ist das Meer, das unter meinem Bett schläft, in meinem Schrank wartet, bis es irgendwann herauskommt und meine Nächte mit Stränden füllt. Manchmal, wenn ich morgens aufwache, habe ich ein Rauschen im Kopf und Sand in den Augen. Ich will, dass das aufhört, dass die Stadt mich endlich in Ruhe, in Frieden lässt. Ich ertrage die Bilder nicht mehr. Die Litfaßsäulen und Plakatwände, die Häuser und Straßen, die Menschen und Hunde, die Bahnen und Busse. Ich fahre durch alle Bezirke, fahre bis an den Stadtrand, wo die Hochhäuser enden und die Felder beginnen, ich fahre sieben Mal um sie herum und nichts verändert sich. Ich gehe durch all ihre Straßen und zähle die Stunden, die es braucht, bis meine Füße schmerzen, ich atme so lange, wie lange es dauert, bis meine Beine und mein Kopf müde werden.

Ich will in einem Zug sitzen, der nach Norden fährt. Ich will Kekskrümel in einem Abteil verteilen, die Beine auf einen Sitz legen und den Kopf in den Nacken, will nach draußen sehen und sehen, wie die Enge der Stadt abnimmt und wo es anfängt, dass die Weite beginnt. Ich will den Gleisen nachsehen, dorthin, wo sie am Horizont verschwinden. Ich will das Zugfenster öffnen und wenn ich nach draußen sehe, soll da ein blauer Himmel sein. Und nichts weiter. Nichts weiter als dieser Himmel. Ich will sehen, wo die Felder sind, die kleinen Wege, die nur von Traktoren befahren werden, wo die Hecken an den Gleisen ganz hoch sind und wo Zuckerrüben wachsen. Und Klatschmohn. Ich habe Sehnsucht nach Klatschmohn und dabei meine ich den Sommer, wie die Leute, die Pornos gucken und kleine Filme über Sex mit einem Kino voller Liebe verwechseln.

Und irgendwann will ich wieder ankommen. Ich will an einer Endstation meine Tasche aus dem Gepäckfach nehmen und aus dem Zug aussteigen, über den Bahnsteig gehen, vor dem Bahnhof auf einer Treppe sitzen und einatmen. Es ist anstrengend, während einer Zugfahrt die ganze Zeit die Luft anzuhalten. Und dann will ich die Augen öffnen und die Stadt von außen brennen sehen.

Hauptbahnhof. Hauptplatz. Hauptdarsteller. Hauptwort. Hauptsache: Leben.


Ich sitze auf einem Sofa, den Laptop auf dem Schoß, die Füße in dicken, bunt gemusterten Wollsocken. Meine Beine liegen auf dem Couchtisch. Im Zimmer ist es 14,3 Grad warm. Vierzehnkommadrei Grad. Kalt. Im Ofen liegen die letzten beiden Briketts. Wenn sie verglüht sind, wird es noch kälter sein. Ich habe keine Kohle mehr.

Where you gonna run to?
All on that day

Das Schlimmste für jemanden, der fürs Schreiben lebt, ist, nicht schreiben zu können. Seit Stunden starre ich auf den Cursor und das große Weiß dahinter und glaube für einen Moment, dass er im Takt meiner Gedanken läuft. Null. 0. Eins. Eins. Null. 110. 01101100011011110111011001100101. Letzte Woche habe ich Kisten gekauft, um mein Leben zu sortieren. Eine Woche später habe ich mein Leben nicht sortiert, aber ich habe alles in ein Zimmer gestopft und die Tür sehr fest zugezogen.

Well, I run to the rock, please hide me

Ich gehe raus auf die Straße. Es schneit, Continue reading “Hauptbahnhof. Hauptplatz. Hauptdarsteller. Hauptwort. Hauptsache: Leben.”

Ein Neon-Negativ, ein Spiel mit dem Feuer und zwei Katzen: Die fünfundzwanzig Ecken einer Wohnung und ihre Geschichten

“Wir wünschen Ihnen alles Gute, auch privat.” Ich werfe den Brief ins Eck. In dem selben Eck liegen auch schon Schreiben von meiner Krankenkasse, dem Finanzamt, der Bank, mein Schweizer Taschenmesser und ein ungeöffneter Brief von einer verflossenen Liebe, bis heute ist nicht klar, ob es jemals Liebe war, was wir uns da einbildeten, der Brief wird daran nichts mehr ändern. Unter den Briefen und dem Taschenmesser liegt Staub. Ich weiß, dass er dort schon seit bald zwei Jahren liegt, denn er liegt da, seit ich in die Wohnung einzog und den ersten Brief gleich am Tag meines Einzugs dort hinwarf.

Ich mag Ecken. Meine Wohnung hat viele davon, ungefähr fünfundzwanzig, und in jeder sind Dinge passiert.

In der allerersten Ecke, die man sieht, sobald man die Wohnung betritt, haben Kati und Paul sich kennengelernt, irgendwann haben sie geknutscht und ungefähr fünf Minuten später waren sie zusammen. Das war bei meiner Einzugsparty und zusammen sind sie immer noch, nur in der Ecke haben sie schon lange nicht mehr gestanden und geknutscht, dort steht jetzt ein Garderobenständer, den küsst niemand.

Bei einer anderen Party zwei Monate später klingelte es gegen halb vier morgens an der Tür, ich rechnete mit Polizeibeamten und erschrak gehörig. Ich habe ein wenig Angst vor Polizeibeamten, das liegt nicht an den Beamten, sondern an einem Trauma aus meiner Vergangenheit in Österreich. Die Polizeibeamten dort sind nicht sehr nett, ich glaube auch, dort foltern sie auch auf den Revieren Leute, die ihren Umzugswagen nicht ordnungsgemäß parkiert haben, so heißt das da, und sie werden besonders lange gefoltert, wenn sie Piefkes, Deutsche, sind. Es war also halb vier, es klingelte, und weil ich Angst vor Polizeibeamten habe, holte ich meinen besten Freund, das dauerte, da er mit einem Bier in der hinterletzten Ecke stand und es ein wenig dauerte, bis ich ihn dort aufgetrieben hatte (es war ziemlich dunkel, auf der Party) und ihn mit zur Tür nahm. Ich öffnete. Continue reading “Ein Neon-Negativ, ein Spiel mit dem Feuer und zwei Katzen: Die fünfundzwanzig Ecken einer Wohnung und ihre Geschichten”