Ein Liebesbrief. An 924 Kilo Blech.

Liebster Paul.

Ja, Paul ist ein seltsamer Name für ein Auto, und “wer ist eigentlich Paul?” Aber, seien wir doch ehrlich, ein Corsa ist auch ein seltsames Auto. Du warst auch nie eine Schönheit. Aber hey, ich liebe dich trotzdem. Oder genau deswegen.

Damals, als ich dich das erste Mal mit nach Hause genommen habe, war klar: Das ist nicht einfach irgendein Auto wie jedes andere auch. Und plötzlich wusste ich einfach, wie du heißen würdest. Ja, es ist kindisch, ja, es ist typisch Frau – aber weißt du was? Es war mir egal. Und ich habe mich nur ein einziges Mal sehr geärgert, dich, diesen Nutzgegenstand, diesen fahrbaren Untersatz, derart emotionalisiert zu haben: Als klar war, dass ich dich verkaufen muss.


Ach, Paul.

Wo waren wir nicht überall. Continue reading “Ein Liebesbrief. An 924 Kilo Blech.”

Hundstage_Buch: Letzte Folge

3 Monate auf dem Land – mit zwei Boarder Collies, einem großen alten Haus, Mäusen in den Zwischenwänden und vielen Umzugskartons.

Letzte Folge: Hundstage_Buch.

“Wohnen Sie hier?”
Der Mann schaut zwischen Rosenbüschen hervor und winkt mit einer Gartenschere in seiner Hand. Er lacht, als ich “ja und nein” antworte, und erzählt mir seine Geschichte.
Zur Welt kam er vor über 70 Jahren in dem Dorf, in dem er heute noch lebt. Er mag die Ruhe hier, die Freiheit, seine Unabhängigkeit, liebt seinen Garten. Und seine Heimat.

Vor mir steht ein muskulöser Mann mit sonnengegerbter Haut, schlohweißgrauen Haaren und einem strahlenden, herzlichen Lachen.

Einer, der offensichtlich weiß, wovon er spricht.

Bei mir selbst bin ich mir da nicht so sicher.

/////

Wenn ich so zurückblicke …

Vor 3 Monaten.
Kam ich hierher.
Mit ein paar Kartons, ein paar Möbeln. Hängte die Straßenkarte einer sehr großen Stadt an eine sehr schiefe Wand und träumte vor mich hin.

Vor 48 Stunden hat sich entschieden, dass es für mich (früher als gedacht) woanders weitergeht. Ich habe keinen Schimmer, wo ich anfangen und wohin all das führen soll. Setze mich zwischen meinen Kram,

und ziehe erst einmal Bilanz.

Auf Nimmerwiedersehen an:
– die aggressive Stechmückengang, besonders Onkel Alfred, genannt “Alfred der Durstige”
– Fenster auf, Misthaufen rein
– getunte Polos, Corsas, Vectras
– die Dorfnazis
– Dorfklatsch! Die Top-Highlights:
Ich bin verlobt / verheiratet / geschieden / schwanger. Mit Drillingen. Uuuuuuund: Habe einen Geliebten außerhalb des Dorfs. Betrüge systematisch meinen Mann.

Vermissen:
– frische, kühle Luft
– Obst vom Bauern
– den Dorfbäcker
– Gartenzaunplaudereien
– meine Ersatzfamilie (lieben Dank an dieser Stelle an B., P. und T.)
– nachts aus dem Fenster gucken + den Sternenhimmel sehen
– klare, kühle Sommernächte. Wenn der Mond über den Feldern steht
– die Hunde ?.

Aber es hilft alles nichts, es wird Zeit.
Ein letztes Mal …

Hunde? Naaaaa?

Wo seid ihr denn? Wir wollen doch …

Gassi gehen!

Noch einmal die Weinberge durchqueren

locken

warten

Stöckchen werfen!

Fliegen verjagen

und über die Wiesen schauen,

wenn langsam

die Sonne

untergeht.

Als ich nach Hause komme, wartet Besuch am Fenster …

Kurz vor Mitternacht gehen wir noch einmal für eine kurze Runde nach draußen.

Stockfinster ist es,

doch als wir an der Kirche vorbei sind,

leuchtet der Vollmond über uns.

Die Gegend ist in weiches, warmes Licht getaucht

und über allem liegt Stille.

Wehmut, als ich ein letztes Mal die Hundeleinen aufräume.

Der Morgen danach. Heute ist mein Umzug. Kaum Schlaf, der Anhänger steht im Hof, das Zimmer ist fast leer

jetzt aber wirklich,

und es wird Zeit für mich.

“Wie, jetzt nach A., dann gleich nach B., und dann noch nach C.? Na du bist mir auch ein Landstreicher!”

Die Worte des Ersatzbruders klingen mir noch in den Ohren, als ich die letzte Kiste ins Auto packe.

Und dann …

Machts gut, Chap

und Lilly.

/////

Der Herr wünscht mir alles Liebe und schenkt mir zum Abschied einen warmen Händedruck. Auf Wiedersehen? Wer weiß das schon.

Und tschüss.

Hundstage auf dem Land // Ein Tagebuch. Tag 1: Heute wird’s eklig

Keine Katze. Nein, auch kein Meerschweinchen, und erst recht keinen Hund, Kind, wo denkst Du hinl!

Mama war immer konsequent, Papa nicht so, aber er wagte keinen Widerstand, denn die Putzhoheit lag bei ihr. So war mein Leben bislang immer haustierfrei, trist und langweilig.

Bis vor zwei Wochen. Da zieht man in eine kleine Bleibe auf dem Land, und hat plötzlich zwei Hunde. Ja, genau. Ich wohne jetzt auf dem Dorf. Jawoll. Raus aus der hässlichen Provinzstadt, rein ins Landleben!

Seitdem versuchen Dorf, Hunde und ich, uns aneinander zu gewöhnen.

Das hier ist das Tagebuch dazu.


Ich öffne alle Fenster weit, um nach der langen Nacht frische Luft hereinzulassen. Als ich nach dem Duschen wieder in mein Zimmer komme, riecht es wie ein frischer Misthaufen.

Puh… schnell etwas anziehen, runter in die Küche, ich muss Kaffee haben. Doch als ich die Tür zum Flur unten öffne, strömt mir ein seltsamer Geruch entgegen. Viel Hund, aber anders als sonst.

Das muss der Osterhase gewesen sein – anders sind die riesigen Eier und Pfützen im Flur und die unschuldigen Blicke der Hunde jedenfalls nicht zu erklären.

Bisher hatte ich geglaubt, ich sei eher hart im Nehmen, Continue reading “Hundstage auf dem Land // Ein Tagebuch. Tag 1: Heute wird’s eklig”