Man muss gar nicht Gitarre spielen können, es reicht schon, wenn man den Moment kennt, ab dem die Musik ganz laut sein muss

Er gießt Wodka in ein Glas und stellt es vor mir hin. Es ist Freitag Abend, irgendwann nach Mitternacht. Die Straßen sind voller Menschen. Auf dem Weg hierher habe ich den Kragen meines Trenchcoats hochgeklappt und meinen Hut tief in die Stirn gezogen. Ich trinke einen Schluck.

Wie läuft’s bei dir?, frage ich ihn, und ich kenne die Antwort. Er lächelt und macht diese Handbewegung mit diesem Schulterzucken. Eine Erklärung dieser Handbewegung und dieses Schulterzuckens könnte sein: David ist Barkeeper in der besten Bar der Stadt. Er sieht aus wie Anfang zwanzig, ist Mitte dreißig und hat genug Erfahrung für zwei Männer Mitte vierzig. Und irgendjemand muss ja dieses Klischee erfüllen vom Barkeeper, der für die einsamen Frauen dieser Stadt einen Drink, ein bisschen Trost und manchmal auch einen Schlafplatz hat. Also macht er es. Und wie ich hörte, macht er das gut.

Das alles sage ich nicht. Und er sagt es natürlich erst recht nicht. David ist ein Gentleman, und David kann schweigen, vermutlich ist allein das auch der Grund dafür, dass all dies bei ihm so ohne Aufhebens funktioniert. Läuft?, frage ich (zur Sicherheit). Er lächelt und nickt. Und bei dir? Ich kann keine Drinks machen, ich kann nur Rotweinflaschen entkorken. Er weiß das. Ich zucke die Schultern und wiege den Kopf. Soll ich dir jemanden vorstellen? Er versteht, ich grinse. Mal sehen. – Sag Bescheid. Du weißt: jederzeit.

Er lächelt dieses Lächeln, bei dem seine Augen einen Moment mit zu lächeln scheinen, und geht Gläser polieren. Ich zünde mir eine Zigarette an, trinke einen Schluck und sehe mir die Gäste des Abends an. Am ersten Tisch nahe der Tür sitzen ein Mann und eine Frau, ihre Körper einander halb zu-, halb abgewandt, sie beugt sich nach vorne und flüstert ihm etwas ins Ohr, er versucht so halb, ihr nicht in den sich öffnenden Ausschnitt zu sehen. Schräg gegenüber, auf der anderen Seite der Bar, ein Typ Mitte dreißig, die Haare fallen ihm ins Gesicht, er schweigt sein Bier an, sein Bier schweigt ihn an. Er ist häufiger hier, manchmal habe ich ihn gegrüßt, mit einem Nicken nur, seit ich älter bin, grüße ich niemanden mehr. David sammelt Bierflaschen von den Tischen und stellt sie neben mich auf die Bar und ich weiß, ich liebe ihn. Nicht wegen dieses Lächelns, bei dem seine Augen mit zu lächeln scheinen. Einfach, weil ich ihn liebe. Grundlos. Und weil ich ihn liebe, würde ich auch nie etwas mit ihm anfangen. Ich fange nur noch etwas an mit jemandem, den ich nach einer Nacht vergessen kann, mit jemandem, dessen Nummer ich nicht habe und dessen Nummer ich nicht will, den ich einmal sehen, küssen, verabschieden und vergessen kann. Über den Tischen tanzen Rauchschwaden im Kerzenschein. In einer Ecke ein knutschendes Paar, nebenan eine Gruppe Jungs, vermutlich Franzosen auf Klassenfahrt, vermutlich auf Beutezug, und vermutlich nicht ganz volljährig, ich trinke noch einen Schluck und drücke die Zigarette aus, sie glimmt noch kurz nach.

Hast du mitbekommen, dass Paul gestorben ist? David steht plötzlich vor mir, die Hände auf die Theke gestützt, und sieht mich an. In meinem Kopf spule ich zehn Sekunden zurück, sehe die erlöschende Zigarette und höre Davids Satz noch einmal. Ich habe ihn nicht falsch verstanden. Trotzdem wäre jetzt der Moment, in dem ich ihn fragen sollte, ob das sein Ernst ist, oder sagen, dass das ja wohl ein schlechter Scherz ist.

Ich sehe seinen Blick und weiß, es ist ernst. Und ich schweige.

David bleibt stehen, ich bleibe schweigen. Paul. Paul. Paul.

In meinem Kopf läuft dieser Film und ich kann nichts dagegen tun, ich sehe alles im Zeitraffer und es hört nicht auf: Paul, als wir uns kennenlernten, an der Schule, an der er arbeitete, als ich meine Patentochter abholte. Paul beim Schulfest, mit einer Ritterrüstung aus Blech, und wie man ihn schon von Weitem hören konnte, weil er bei jeder Bewegung so laut schepperte. Paul, bei unserem ersten Kaffeetrinken, als er irgendwann sagte, so wie aus dem Nichts: Es gibt keine Regeln mehr. Wenn du dich verabredest, heißt das nicht mehr, dass man sich wirklich trifft. Wenn man Sex hat, heißt das nicht mehr, dass man sich wiedersieht. Und eine Liebeserklärung kann zwei Wochen später schon nichts mehr bedeuten. Außer, dass es irgendeine Erklärung war, aber keine Liebe. So ist das jetzt, in dieser Stadt. Ich glaube, wir müssen etwas dagegen tun. Und etwas tun für mehr Wahrhaftigkeit. Paul, wie er mich dann ansah, und eindringlich fragte: Bist du dabei? Paul abends in der Kneipe, als er anderen Gästen erzählte, er könne aus ihren Aschenbechern ihre Zukunft lesen, Paul, morgens um halb sechs, mit Knoblauchsoße vom Döner im Bart. Paul, als er betrunken die Treppe hoch ging, bis in den achten Stock, als er, noch schwer atmend, die Dachluke öffnete und dann dieses Blitzen in seinen Augen, als wir oben auf dem Dach standen. Es war sein Lieblingsplatz, hierher kam er immer, wenn er sonst nirgendwo hin konnte. Paul und das letzte Bier morgens um sieben und der Sonnenaufgang über Berlin. Paul, der immer gehen musste und nie bleiben konnte, der suchte, und selbst nicht wusste, wonach, der immer auf Reisen war und nie ganz da, wo er war. Außer, wenn er auf diesem Dach stand und über die Stadt blickte. Paul, als er zum Frühstücken vorbei kam und einen riesigen Berg Croissants mitgebracht hatte und später vorschlug, mir einen Hamster zu kaufen, oder ein Huhn, das die Krümel auf dem Boden essen könnte. Paul mit Gitarre im Park, er war der schlechteste Gitarrenspieler, den ich kannte. Und der beste Sänger. Hätte er das mit der Gitarre sein gelassen, hätte er wohl ein großer Musiker werden können, lachte er immer. Paul in einer der Nächte, in denen er auflegte, mit seinen großen Kopfhörern, hinter den Plattentellern versunken in einer anderen Welt. Irgendwann kam immer der Moment, in dem er alle eingefangen hatte, der Moment, in dem sie ganz ihm gehörten. Das war der Moment, in dem er die Musik ganz aufdrehte und ab dem alles, was passierte, so schien, als könnte es für immer sein. Schnitt. Paul bei unserem letzten Treffen. Vorgestern. Als er sein Bier stehen ließ, vor der Bedienung auf die Knie sank und sie anflehte, ihm einen Block und einen Stift zu leihen, das Lächeln der Kellnerin dabei, und wie sie ihm später noch ihre Nummer auf den Block schrieb. Paul, als er Pizza bestellte und sich beim Essen die Zunge verbrannte, als er malte, die kleinen Figuren, mit denen er den Kindern an seiner Schule das Zeichnen beibrachte, und als er eine Skizze machte, vom Grundriss der Wohnung, von der er träumte, als er erzählte, von all seinen Plänen, schwärmte, von seiner großartigen Zukunft. Paul.

Ich blinzle. David steht immer noch vor mir. Ich weiß nicht, wie lange schon.

Ich hatte es nicht mitbekommen. Will ich sagen. Was passiert ist, will ich fragen. Da winkt der Typ am anderen Ende der Bar David zu sich, es ist der, der nie grüßt, er will bezahlen, ich will sagen tut mir leid, das geht jetzt nicht, David formt ein lautloses geh nicht weg mit seinem Mund, nimmt seinen Geldbeutel und geht. Ich zünde noch eine Zigarette an, ziehe daran, so sehr ich kann, der Rauch steigt mir in die Augen, sie tränen, das wäre ein guter Moment, um zu weinen.

Um sechs Uhr schließt David die Türen der Bar hinter uns zu. Schweigend gehen wir die Straße hinunter. Ich war lange nicht da, aber ich kenne den Weg. Und wir haben Zeit.

Um halb acht geht die Sonne auf.

Nagyon boldog ist Ungarisch und heißt herzensfroh. Herzensfroh ist ein schönes Wort.

Wenn ich glücklich bin, kann ich nicht schreiben, seufzt du der Rauhfasertapete entgegen.

Ich könnte dir antworten und will es nicht. Wollte ich dir antworten, könnte ich dir erzählen, warum das so ist. Ich könnte dir sagen, dass die Sehnsucht immer erfüllender ist als das Glück. Weil die Idee vom Glück immer schillernder, bunter, gewaltiger sein wird ist als das Glück selbst. Aber dir das zu sagen, wäre zu einfach.

Denn das Glück kommt in kleiner Erscheinung um die Ecke, trägt einen Hut tief in die Stirn gezogen und einen dunkelgrauen Trenchcoat mit hochgeklapptem Kragen. Das Glück raucht zu viel, es trinkt zu viel, es hat zu viele Falten für sein Alter, das Glück hat einen miesen Humor und es hat manchmal Mundgeruch, Continue reading “Nagyon boldog ist Ungarisch und heißt herzensfroh. Herzensfroh ist ein schönes Wort.”

Mein neuer Freund

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Der Mann an sich ist ja ein eher desillusionierendes Wesen.

Da findet man einmal einen, der recht brauchbar ist, und mit “recht brauchbar” meine ich, dass er nicht nur ein Steak braten, sondern auch aufrecht gehen und auf einfache Fragen mit “ja”, “nein” und “vielleicht” antworten kann. Kaum findet man so einen, stellt sich meist binnen weniger Wochen heraus, dass er entweder hauptberuflicher Heiratsschwindler, leidenschaftlicher Numismatiker oder womöglich überzeugter Romantiker ist. Oder den Intelligenzquotienten einer Scheibe Toastbrot besitzt.

Es war ein trüber Tag Mitte Januar und ich zog eine Zwischenbilanz:

In den vergangenen Monaten hatte ich Verabredungen mit Heiratsschwindlern, Numismatikern, Romantikern und Toastbroten erfolgreich überlebt. Die einfachste Überlebensstrategie hierfür war das Vortäuschen falscher Tatsachen, besonders empfehlen sich gebärende Freundinnen. (An dieser Stelle ein Dank an meine besten Freundin, die auf diesem Wege achtunddreißig Kinder binnnen sechs Monaten zur Welt gebracht hat.) Manchmal zog ich auch eine Digitalkamera aus meiner Handtasche und erklärte meinem Gegenüber ausführlich, dass das Treffen die ganze Zeit mit versteckter Kamera gefilmt worden sei und er gerade an einem Casting für die Show “Das Model und der Freak” teilgenommen habe. (Als Model.)

Um es kurz zu machen: Es war ein nicht enden wollender Alptraum. Und ich war an einem Punkt angelangt, an dem das Kapitel Männer endgültig abgeschlossen war.

Also, jedenfalls einerseits. Es gab da noch das andererseits. Denn andererseits fand ich die Idee, weiter Single zu sein, eher nicht gut. So entschied ich: eine neue Beziehung muss her. Also, eine richtige Beziehung. Und keine halben Sachen mehr. Unter Hauptgewinn oder Sechser im Lotto mach ich’s nicht mehr. So dachte ich mir das. Zufällig war in der Stadt, in der ich wohne, gerade Jahrmarkt. Nach all meinem Pech in Liebesdingen beschloss ich, mein Glück im Spiel zu suchen.

Aber, ach, was soll ich sagen: an der Losbude zog ich nur Nieten, ich schoss mit Pfeilen auf Luftballons, da kam ganz plötzlich Sturmwind auf, und der Spielautomat, in den ich mein Kleingeld warf, meldete sich nach Einwurf der letzten Münze als defekt ab. Enttäuscht sah ich mich um: blieben noch die Achterbahn, die Buden mit Zuckerwatte, Süßigkeiten und Currywurst und die Geisterbahn.

Die Aussichten waren schlecht. Mehr als schlecht.

Doch da sah ich es in der hintersten Ecke des Festplatzes: ein kleiner Holzverschlag. Ein Schießstand! Mein kleines pazifistisches Gewissen und meine Abneigung gegen Schusswaffen ließen mich kurz innehalten. Schießen? Für die Liebe? Ich zweifelte. Doch mein Gewissen beruhigte sich schnell: dies war quasi eine Notsituation, und in solchen Situationen muss man Opfer bringen. Ich lief los.

Nach einigen Jahren als Single und vielen nächtlichen Streifzügen durch die Jagdreviere der Stadt hatte ich zwar mittlerweile in meinem Wohnzimmer eine ansehnliche Trophäensammlung aufgebaut. Dass ich jedoch einen Mann tatsächlich einmal mit einem Gewehr erlegen würde, hatte nicht einmal ich für möglich gehalten.

Ich zählte mein letztes Geld.

Ich kaufte 25 Schuss.

Und ich zielte nicht. Ich traf.  Continue reading “Mein neuer Freund”

It was a very good year.

(Die Geschichte zu dieser Farbfotografie ist ein Konzert und ein Lied, das nur ein Cover war, und dass ich das allererste Mal überhaupt den Sänger einer Band um ein Autogramm bat und dabei ein wenig verliebt kicherte (was daran lag, dass ich auch ein wenig verliebt war, was wiederum unter anderem an den Haaren des Sängers lag und an sich schon bescheuert war, jedoch noch bescheuerter wurde, als ich beim Kichern feststellte, dass ich nur einen Kalender und einen ungespitzten Bleistift dabei hatte), was der erste Teil der Geschichte ist.

Der zweite Teil der Geschichte ist, dass ich nach dem umfassenden Jahresrückblick von gestern unbedingt noch diese Notiz nachreichen muss. – Denn: der weitere Verlauf jenes Abends nach dieser Unterschrift eines Sängers auf der ersten Seite eines Kalenders für zweitausendelf wurde noch weitaus denkwürdiger und muss deshalb hier, wenn auch nur andeutend, doch wenigstens Erwähnung finden;

ebenso wie der Name der Band.
Die Band heißt Nada Surf.)