Nagyon boldog ist Ungarisch und heißt herzensfroh. Herzensfroh ist ein schönes Wort.

Wenn ich glücklich bin, kann ich nicht schreiben, seufzt du der Rauhfasertapete entgegen.

Ich könnte dir antworten und will es nicht. Wollte ich dir antworten, könnte ich dir erzählen, warum das so ist. Ich könnte dir sagen, dass die Sehnsucht immer erfüllender ist als das Glück. Weil die Idee vom Glück immer schillernder, bunter, gewaltiger sein wird ist als das Glück selbst. Aber dir das zu sagen, wäre zu einfach.

Denn das Glück kommt in kleiner Erscheinung um die Ecke, trägt einen Hut tief in die Stirn gezogen und einen dunkelgrauen Trenchcoat mit hochgeklapptem Kragen. Das Glück raucht zu viel, es trinkt zu viel, es hat zu viele Falten für sein Alter, das Glück hat einen miesen Humor und es hat manchmal Mundgeruch, Continue reading “Nagyon boldog ist Ungarisch und heißt herzensfroh. Herzensfroh ist ein schönes Wort.”

Warum Deutschland viel zu groß ist. Eine wirklich wahre Geschichte.

Diese Geschichte beginnt vor vor langer, langer Zeit. Zu einer Zeit, als Deutschland ganz klein war. Das ganze Land war damals nur 18,895 Meter lang und 18,895 Meter breit, das ergibt eine Gesamtfläche von ungefähr 357 Quadratmetern. Das – war Deutschland. Zu jener Zeit war alles kleiner als heute, die Menschen, ihre Häuser, ihre Ponies, und abends saßen sie in ihren kleinen Häuser und lasen winzige Bücher.

Das ganze Land, all seine Bewohner und alle Autos (es gab schon Autos zu dieser Zeit) zusammen nur sehr wenig Platz brauchten, um glücklich zu sein. Genau genommen waren sie gerade so glücklich, weil alles so klein war. Denn das Gute daran war, dass alle nicht sehr weit auseinander wohnten. Jeder hatte beste Freunde, und alle besten Freunde wohnten immer direkt um die Ecke. So konnten sich alle sehr oft gegenseitig besuchen.

Das war sehr schön.

Abgesehen von seiner Größe war Deutschland ein ganz normales Land. Es gab dort Kühe und Schweine, kleine Bauernhöfe und Schulen, und viele kleine Läden, in denen all die kleinen Menschen Dinge zum Anziehen, zum Essen oder Bücher kaufen konnten. Die Menschen in Deutschland lasen sehr gerne Bücher. Und sie schrieben gerne.

Es gab auch Unternehmer in der Stadt. Der größte Unternehmer in Deutschland hieß zufällig Deutsche. Herr Deutsche war ein stets schlecht gelaunter Mensch. Und er erfand immer wieder neue Sachen. Die anderen Einwohner Deutschlands fanden, er sei ein Spinner, aber harmlos, also ließen sie ihn spinnen und kümmerten sich nicht weiter um ihn. Meist betrachteten sie seine neuen Erfindungen mit einer gewissen Neugier, die jedoch meist in Ablehnung umschlug. Denn alles, was Herr Deutsche erfand, war schlicht unnütz.

Herr Deutsche hatte zum Beispiel eine Infrastruktur für Deutschland erfunden. Es gab Bahngleise und Züge, die darauf fuhren, aber eigentlich fuhren die Züge nirgendwo hin, es war doch ohnehin alles, was man brauchte, und jeder, den man sehen wollte, zu Fuß in wenigen Minuten erreichbar. Also fuhren die Züge im Kreis einmal um Deutschland herum, Continue reading “Warum Deutschland viel zu groß ist. Eine wirklich wahre Geschichte.”

Zwei Zentimeter

Wissen ist ein flüchtiger Klebstoff.

Ich hatte ein neues Bild gemalt. Es wurde erste Bild, das ich unten rechts signierte, ich stellte es bei einer Online-Auktion ein. Er war Bieter Nummer 7, er bekam den Zuschlag und ich mehr Geld als gedacht. Ich machte noch ein Foto davon, schlug es vorsichtig in Papier ein, brachte es zur Post, versicherter Versand, erhielt eine automatische Empfangsbestätigung.

Vier Wochen später in meinem Postfach: eine vorsichtige Nachricht, die sich liest wie ein leises Anklopfen an einer Tür, von der man nicht weiß, was sich dahinter verbirgt. Er fragt, ob er mir schreiben dürfe. Ich weiß nicht, was ich antworten soll und sehe mir an, was er bisher so alles ersteigert hat. Klamotten, Platten, Flohmarktkram. Ich antworte: Ja. Als ich am Abend darauf nach Hause komme, wieder eine neue Nachricht von ihm.
Darf ich Dir erzählen, was mir durch den Kopf geht, wenn ich das Bild sehe? Warum ich es unbedingt haben musste?
Ich will ihm seinen Spaß nicht verderben, tippe wieder ein kurzes Ja und klicke die Nachricht weg. Ich will das alles doch gar nicht wissen, ich bin gerade ausreichend beschäftigt damit, die Scherben meiner letzten Beziehung zusammenzukehren. Wochenlang höre ich nichts mehr von ihm. Dann eine neue Nachricht. Diesmal mehrere Seiten lang. Er schreibt von dem Bild, von erfüllten Wünschen, von Ideen, die er abgehakt hat, und von durchkreuzten Plänen. Von Hunger, Sehnsüchten. Von Farben, von Hass, Wut, Trauer, viel Gefühl. Mit erbarmungsloser Offenheit.

Erst lese ich widerwillig, dann kann ich nicht mehr aufhören, wie bei einem Buch, das man erst liest, weil man es muss, und das einen plötzlich packt. Die Nachricht lässt mich fassungslos zurück. Aber antworten kann ich ihm nicht. Drei Wochen lang bin ich danach damit beschäftigt, mein Leben neu zu ordnen. Dann beschließe ich, Continue reading “Zwei Zentimeter”

Der Mann ist weg

Eines Tages, es war an einem der ersten lauen Frühlingstage Ende Februar, ging ich die Treppen zu meiner Wohnung hoch und er war einfach da. Er stand vor der Türe, mit einem Koffer und einem alten Strohhut in der Hand, nickte mir freundlich zu und ging mit in die Wohnung, ohne ein Wort zu sagen. Er legte den Hut auf die Garderobe, ging durch den Flur in mein Schlafzimmer, als kannte er den Weg, stellte den Koffer neben das Bett und dann ging er nicht mehr weg. Seit jenem Tag ist der Mann da.

Wenn ich morgens aufwache, ist es hell, die Sonne scheint durch die Fenster, der Tag hat sich auf dem Boden ausgebreitet. Der Mann schläft. Ich gehe duschen und koche Kaffee, die Kaffeemaschine und ich sind leise, wir dürfen ihn nicht wecken. Ich ziehe mich an, nehme den Kaffeebecher, lehne mich im Schlafzimmer an den Türrahmen, trinke den Kaffee und sehe zwischen den Kissen und Decken seinen Brustkorb, der sich unter der Decke hebt und senkt, und sein friedliches, schlafendes Gesicht. Manchmal wünschte ich, ein wenig von seiner Ruhe mitzunehmen, dann drehe ich mich leise um, stelle den Kaffeebecher ab, ziehe meine Schuhe an und sachte die Tür hinter mir zu.

Manchmal ruft er mich an, wenn er aufwacht, und sagt kleine Sachen. Wie es mir ginge, ob über mir die Sonne schiene, welche Musik ich hörte, und dass mein Kaffee immer noch viel zu stark sei. Er findet sich zurecht, er weiß das, und ich weiß das. Manchmal geht er spazieren und füttert die Hunde des Nachbarn, manchmal ruft er gegen Abend noch einmal an und sagt, ich solle zu einem U-Bahnhof am anderen Ende der Stadt kommen.

Er wartet nie auf mich. Er ist einfach immer da, wo ich bin.

Da sein. Ich habe nie verstanden, woran man das merkt. Dass jemand da ist. Dass jemand einen Platz hat im eigenen Leben. Als der Mann da ist, beginne ich zu verstehen, dass es nicht die großen Dinge sind, die sich ändern müssen. Weil es die Kleinigkeiten sind, die einem den Atem rauben. Die Kleinigkeiten, die so winzig sind, dass man sie alleine gar nicht allein bemerken kann. Für die es jemand anderen braucht, der sie einem zeigt.

Der Mann ist gut in Kleinigkeiten.

Manchmal ist sein da-Sein, dass ich nach Hause komme und der Briefkasten ist leer, das Bett gemacht, die Weingläser sind gespült, eine Erdbeere fehlt. Im Flur stehen seine Schuhe, auf dem Bett liegt sein Laptop, im Bad seine Zahnbürste, auf einem Stuhl sein Hemd, all seine Sachen, die immer noch so fremd sind, die machen, dass auf einmal alles mehr ist als sonst. Mehr als vorher, in der Zeit ohne ihn. Am Klavier sind die Noten umgeblättert, im Aschenbecher die Reste einer fremden Zigarettenmarke, im Bett eine Decke mehr. Manchmal ist es ein gelber Zettel auf dem Küchentisch, eine Nachricht zwischen seinem Gehen und meinem Heimkommen, ich sammle die Zettel in einer kleinen Kiste, damit ich sie nicht verliere. Manchmal ist sein da-Sein, dass ich nach Hause komme, ohne einen Schlüssel zu brauchen, dann lehnt er im Flur und nimmt mich in den Arm und ich vergesse alles andere auf dieser Welt.

Weil er so da ist.

Mein Leben fängt an, sich zu teilen in die Zeit vor dem Mann und die Zeit mit ihm. Ich hatte nie gedacht, dass das so einfach geht, dass man nicht mehr alleine, sondern zu zweit ist, und dass dann nichts und doch alles anders ist. Der Mann hat sein Leben mitgebracht und es an meines gelegt und alles ist gut, wie es ist. Und keiner von uns möchte fragen, wo das hinführen wird.

Ich zeige ihm die Häuser und die Leute, mein Gestern und mein Heute und die Straßen meiner Stadt. Die großen Regenpfützen, die grünen Parkwiesen, die grauen Hochhäuser, die schönsten Plätze für Sonnenuntergänge. Der Mann spricht nicht viel. Wenn er reden will, sieht er mir in die Augen und seine Blicke erzählen ohne Worte. Und wenn ich nachts nicht schlafen kann, legt er sich neben mich und erzählt mir die Geschichten, die nur die Reisenden kennen. Er streicht mir mit der Hand übers Haar, bis die Sorgen aus meinem Kopf fallen und sich in der Dunkelheit auflösen. Manchmal atmet er nur leise und wartet, bis mein Herz nicht mehr so schnell klopft.

So vergehen sie, die Tage, Nächte, Jahreszeiten. Sie haben uns nie um Erlaubnis fürs Vergehen gefragt, und schon ist ein Jahr vorüber, und die Zeit, die noch Zukunft war, als er vor meiner Tür stand, ist plötzlich Vergangenheit geworden.

Die Zeit hat die Blicke des Mannes verändert. Sie erzählen keine Geschichten mehr. Sie irren durch die Räume, sehen durch mich hindurch, an mir vorbei, kreisen um Ideen wie Punkte an der Wand und bleiben an seinem Koffer hängen. An dem Koffer, der immer noch an der selben Stelle im Flur steht, an der er ihn einst abstellte. Seine Blicke wandern, und er sagt es nicht laut. Doch ich habe verstanden. Und ich weiß, dass er gehen muss.

Er wird gehen, und ich werde ihn vergessen. So einfach ist das.

Eines Abends dann weiß ich, dass es der letzte Abend ist. An diesem Abend fühlt alles sich an wie ein kleines Ende. Meine Augen wollen jeden Moment greifen, alles festhalten, was doch verweht, meine Hände noch einmal alles fühlen, was am Ende doch vergeht. Als ich am Morgen erwache, ist der Mann noch da, er schläft, ich sehe nur seine Haarspitzen zwischen den Kissen, seinen Körper unter den Decken.

Als ich am Abend nach Hause komme, ist er verschwunden.

Sein Koffer ist weg, der Hut liegt nicht mehr auf der Garderobe, er steht nicht in der Küche, ist hinter keiner Tür versteckt. Nur kleine Spuren sind von ihm geblieben: Das Bett ist zerwühlt, daneben zwei Weingläser mit trockenen Weinspuren, der Abdruck seines Laptops auf dem Sessel. Die Zahnbürste ist weg, und in seinen Schuhen ist er aus dem Haus gegangen.

Ich gehe durch alle Räume wie auf der Suche nach einem Hinweis, den es nicht gibt, nach einem Wort, das nirgends steht. Ich öffne die Fenster und sehe hinaus, keine Bewegung draußen, nirgendwo ein Schatten auf dem Asphalt, nichts Bekanntes in der Luft, nur das Geräusch von Glas, das in Mülltonnen fällt, und das Lärmen eines Streits im Haus gegenüber. Dann öffnet sich quietschend unten im Hof eine Tür, ich sehe aufgeregt hinaus, und es ist nur der Hausmeister.

Ich hatte nie gedacht, dass das so einfach geht, dass man nicht mehr zu zweit, sondern allein ist, und dass dann nichts und doch alles anders ist. Es ist der Tag, an dem der Mann weg ist. Und der Tag, an dem meine Zeitrechnung wieder neu beginnt.

So gehen die Tage ins Land, und ich gehe nirgendwo mehr hin. Niemals schließe ich die Fenster, in der Hoffnung, dass alles, was von ihm noch blieb, eines Nachts endlich verschwinden möge. Wieder und wieder gehe ich durch die Zimmer, die so leer sind ohne ihn, und doch so voll sind von ihm. In allen Räumen klingt seine Musik nach, der Duft seines Haargels klebt in allen Türrahmen, sein Fingerabdruck bleibt auf seiner Kaffeetasse, egal, wie oft ich sie spüle. Ich lege mich ins Bett, das zu groß ist, und koche Kaffee, der zu viel und zu stark ist. Sehe Filme, die alleine nicht zu ertragen sind, lese die Geschichten, die ohne seine Stimme im leeren Raum verhallen. Ich lege mich hin, kann nicht schlafen, stehe auf, laufe im Kreis, versuche ein Lächeln für mein Spiegelbild, gehe die Treppen auf und ab, bis mein Herz rast, lehne mich an die Wohnungstür, vermesse die Länge der Wohnung in Schritten, Füßen, Armlängen. Ich trage die Erinnerung unter meiner Haut, die Nächte ohne Alleinsein an jeder Stelle in meinem Körper, sein Lachen auf meinen Händen, seine Geschichten in meinen Ohren. Ich übe das Vergessen. Und ich lerne das Scheitern. Er wird gehen. Und ich werde ihn vergessen. So einfach ist das — nicht.

Ich versuche eine Ablenkung, einen Strohhalm, der mich vielleicht aus meinem Versinken in der Einsamkeit rettet. Ich gehe in Bars, ertränke das Alleinsein in Alkohol, viel später an diesen Abenden lerne ich Männer kennen und gehe mit in ihre Wohnungen. Morgens sitze ich in U-Bahnen, in denen ich zurück nach Hause fahre, und trage einen Schmerz im linken Brustkorb, einen schalen Geschmack im Mund, eine pochende Frage im Kopf. Ich öffne meine Wohnungstür, er ist immer noch nicht gegangen, etwas von ihm ist immer noch geblieben, und immer noch finde ich auf dem Bett ein schwarzes Haar.

Ich ertrinke in diesem Bett, meine Konturen verlaufen, verschwimmen, verschwinden. Ich kann nur noch liegen und die Maserung der Tapete betrachten. Leise sein. Keine Musik hören. Keine Bewegung ertragen. Den Vögeln beim Vorbeifliegen zusehen. Eine Stechmücke töten. Einer Freude nachsehen, als sie am Horizont verschwindet. Einem Glück zum Abschied winken. Es dreht sich nicht um. Gedanken verschwimmen, bevor sie im Bewusstsein ankommen. Das letzte Gefühl hallt durch einen leeren Körper und brennt sich auf den Herzkammerwänden ein. Langsam sterben. Was uns nicht gleich umbringt, tötet auf Raten.

Wochen später wache ich auf. Die Spuren auf dem Dielenboden sagen, dass ich viel zu lange im Kreis lief. Ich habe keine Kraft mehr, keine Idee, wie es nun weitergeht. Ich weiß nur, dass die Wohnung viel zu klein ist für uns beide, zu klein für das, was von ihm blieb und für das, was von mir blieb. Ich muss raus aus dieser Stadt, muss dahin, wo er nie sein wird, einen anderen Schatten sehen als den seinen auf allen Wegen. Ich nehme ein paar Sachen aus dem Schrank, mein letztes Geld aus der Spardose, meine Reisetasche vom Dachboden. Ich öffne die Tasche, darin liegt ein kleiner gelber Zettel. Beschrieben in einer Handschrift, die ich kenne.

Reisende soll man aufhalten.

Komm, stell dir vor, wir wärn am Meer

Komm, wir kaufen Dynamit und sprengen jedes dieser Zimmer, wir jagen alles in die Luft für einen Wind und einen Himmel. Lass alle Lampen Sonnen sein, den Straßenlärm ein Meeresrauschen, die Bäume Palmen nur zum Lauschen und unsre Kissen einen Strand. Komm, stell dir vor, du wärst am Meer für einen Tag und eine Nacht, für vierundzwanzig Stunden Meer mit mir. Komm, lass uns unsre Zeit neu teilen, potenzieren und dann runden, alle Sonnen-, Wolkenstunden, Zeit zum Gehen und Verweilen,  Flut und Ebbe, Tag und Nacht und Zeit, die uns so weit gebracht hat, dass wir sind, wovon wir träumen, Zeit, in der wir nichts versäumen, Zeit, die uns zu mehr gemacht hat.

Komm, leg dich neben mich und mach die Augen zu. Und stell dir vor, dies wäre unsere Zeit und dieser Tag wäre unser Tag. Es wäre ein Tag, an dem wir morgens aufwachten, und alles wäre einfach da. Da wäre ein großes Meer von Sonnenaufgang bis Sonnenaufgang, ein Himmel und eine Sonne, kleine weiße Wolken, ein Strand und ganz am Ende ein Horizont, und irgendwo in allem wir, der Sand unter unseren Füßen und die Fragen in unseren Augen.

Wir würden entlang der Wasserkante gehen, das Wasser würde um meine Beine tanzen. Du würdest kleine Quallen, rund geschliffene Glasstücke und blassgrüne Algen finden und fragen, wie Feuersteine aussehen, ich würde nach schwarzen Steinen mit kleinen weißen Flecken suchen und sie für dich sammeln. Wir würden eine Burg bauen, es wäre die hässlichste Burg am ganzen Strand, du würdest mit nassem Sand werfen und eine Kette aus Seegras flechten und über die Wellenbrecher springen, als könntest du auf Wasser laufen. Wir würden Steine finden, zu winzigen Sandkörnern geschliffen von der Zeit, die über ihnen verstrichen ist. Die Steine wären in unseren Büchern, in unseren Armkuhlen, in unseren Haaren, auf unseren Mündern. Schwimmen würden wir zwischen den Algen und am Grund nach Muscheln tauchen. Mit nassen Händen würden wir Sandkuchen backen und das Meer würde unser Lachen mit in die Tiefe nehmen. Dann würdest du zum Horizont zeigen und da wäre ein Dreimaster und kein Platz für irgendwas dazwischen. Zwischen uns, dem Himmel, und dem Meer.

Und staunen würden wir. Über die Menschen auf Handtüchern, die sich in jeder Stunde einmal drehen. Über die Kinder, die Möwen jagen, den Strand umgraben und kleine Baggergeräusche in die Weite schicken. Über die Wellen, die zerbrechen und ganz klein werden, bis sie sterben. Über die Schnelligkeit der Ameisen und die Langsamkeit des Seins.

Wir würden uns aus Büchern vorlesen und gegen die Brandung anflüstern, und wenn du fragst, wann wir nochmal schwimmen gehen, würde ich sagen in 7 Kirschen, einen der Kerne würden wir tief in den Sand pflanzen und gegen Nachmittag säßen wir im Schatten des großen Kirschbaums. Wir würden unsere Sachen an seine Zweige hängen, du würdest dich an seinen Stamm lehnen und da wäre immer ein wenig Kirschsaft in deinen Mundwinkeln.

Wenn wir müde wären, würden wir uns hinlegen, die Augen zumachen und ein Ohr auf den Sand legen, und wäre das Meer einen Augenblick lang still, dann könnte ich deinen Atem hören. Von der Wärme der Sonne würdest du einschlafen, da ließe ich Sand auf deinen Bauch fallen und malte ein Bild darauf und es wäre für immer da, so lange du nur weiterschliefest. Deine Taschen wären voller Steine, an deinen Wimpern klebte Sand und wenn du aufwachtest, schwämme in deinen Augen das Blau, gestohlen vom Himmel, geliehen vom Meer.

Wir würden nichts wollen, nichts hoffen, nichts fürchten. Wir würden sein und sehen, was passiert. Du wärst mein Schatten vor dem Wind, der Salzgeschmack in meinem Mund, das Wassereis, das in meinen Händen schmilzt, die Sonnencreme auf meiner Haut. Der Wind, der durch Dünengras streicht, die Idee von Bleiben in meinem Kopf, der Horizont vor meinen Augen. Mein Sonnensegel um die Mittagszeit, mein Strandfeuer und mein Mondlicht in der Nacht. Du wärst mein Boot auf dem offenen Meer. Und die Strömung, die mich mitnimmt.

Und frei wären wir. Nicht wie die Vögel, die immer nach Hause zurückkehren. Nicht wie der Wind, der in unseren Haaren hängenbleibt. Nicht wie die Schiffe, die den Hafen ansteuern. Wir wären frei wie nichts sonst auf dieser Welt. Wir wären frei wie alles.

Am  Abend würden wir Holz sammeln, weit gereiste und gestrandete Stücke vom Meer gewaschener Bäume, angeschwemmt, ausgebleicht, gestrandet wie wir. Du würdest die Steine aus deinen Taschen nehmen und ein Feuer machen und am Ende des Stegs säße ein Junge mit einer Gitarre. Und in allem wäre ein Lied.

Und wenn die Sonne ganz untergegangen wäre, würden wir ein letztes Mal zum Wasser gehen und nebeneinander am Ufer stehen. Dann käme ein Segelboot vorbei, mit rot und weiß gestreiften Segeln, und du würdest meine Hand nehmen, wir würden dastehen, nicht wartend, dass etwas geschieht, nicht hoffend, dass uns jemand mitnähme bis ans Ende der Welt. Wir würden nur dastehen und meine Hand wäre in deiner.

Ganz spät in der Nacht würden wir einschlafen in unserem Zelt am Strand, mit offenen Ohren, damit das Meer ganz laut bleibt in uns. Ich würde mich bei dir verstecken vor dem Küstenwind und der salzigen Kälte der Meernacht. Du würdest die Sonne aus meinem Haar wegatmen und das Salz von meinen Wimpern und mich zudecken mit der letzten Wärme des Tages. Und wenn die Nacht am dunkelsten wäre, würde im Flackern eines Leuchtturmlichts etwas in uns sterben, wie jede Sehnsucht stirbt, wenn sie erfüllt wird.

Am nächsten Morgen würde die Sonne aufgehen und wir müssten gehen. Nicht in unseren Taschen voller Erinnerungen und nicht in unserem Blick auf die Straße, – nirgends wäre Platz für einen Abschiedsschmerz. Da wäre nur Platz für einen Weg nach Irgendwo, wo kein Zuhause mehr ist. Weil zuhause da ist, wo das Wasser ist.