Woche woanders #8: tanzen mit Pi und Motorrädern, Haare zu Waffen und Gedichten, und dann ab damit in den Baumarkt

Wir hatten das ja schon lange nicht mehr hier. Das liegt daran, dass ich viel weg war, dass ich meine Feeds nicht mehr lesen wollte, dass ich das Sofa nicht einmal mehr gedanklich verlassen wollte, weil ich so, so müde war, dass ich nach wie vor alle guten Ideen in 2000 Zeichen lange SMS stecke und auch gar nicht wusste, was ich so hätte schreiben sollen. Jetzt habe ich Rücken und kann das Sofa nicht mehr verlassen. Also schreibe ich jetzt doch. Und deshalb — hallo zurück.

Tanzen, als würde keiner zusehen, und dann mit geladener Waffe zu Starbucks

“Sie weichen vom traditionellen Frauenbild ab. Sie haben keine Ehemänner, keine Verlobten, keine mentalen Zuhälter. … Sie sind finanziell unabhängig. Man erkennt sie daran, dass sie essen, wenn sie Hunger haben, tanzen, als würde keiner zusehen, und ein unbürokratischeres Sexleben haben als verpaarte Frauen.”Else Buschheuer über Freifrauen.

Starbucks machte den Fehler Vorstoß, seine Kunden darum zu bitten, doch ihre Waffen zuhause zu lassen, wenn sie ihren Filterkaffee einnehmen. Das hier ist der empörte Gegenruf eines Kunden (und einer der großartigsten Texte, die ich in den letzten Monaten gelesen habe): Why I need my gun at Starbucks.

Pi und Dinge, mit denen man nicht rechnen kann

“‘Ich rauche sonst gar nicht’, sagt der Mann und zieht den Rauch der Zigarette tief ein, dann fügt er hinzu: ‘Also jetzt seit acht Jahren nicht mehr.'” – Der Mann am Rande der Straße.

Sieht kompliziert aus, ist aber ganz einfach und erspart einem eine Menge Ärger mit falschen Kalkulationen: warum man seine Abschätzungen bei Planungen immer mit Pi multiplizieren sollte.

Über Arbeit

“Die Uni war ein Trainingscamp für Selbstdarsteller.” – Meine Karriere als Studienabbrecherin läuft bislang recht gut. Hier erzählt Sascha Lobo, wie das für ihn an der Uni war und was ihm das heute noch so bringt (außer der immer gleichen Frage nach seiner Frisur).

“An der Kasse sitzen, putzen, Leuten irgendwelchen Mist andrehen, bei Douglas oder so, auf stupideste Weise dieses menschenfeindliche kapitalistische Drecksrad am Laufen halten – ist das nicht auch total schädlich für den Kopf? Macht das irgendwer echt freiwillig?” – Antonia Baum über Sexarbeiterinnen. Kluge Analyse, warum Alice Schwarzers neuester Vorstoß gegen Prostitution mit Vollgas an den wichtigen Fragen vorbeistürmt. Ich habe mal eine ganze Weile an einer Supermarktkasse gesessen, und, nein, freiwillig war das nicht.

Alles, was einen Motor hat

Voll fies: Ein Schere-Stein-Papier-Roboter, der immer gewinnt:

Falls sich jemand noch nicht ganz sicher war, dass die Posen von Models an Motorrädern und Autos wirklich dämlich sind: hier gibt es das Ganze in unübersehbar:

852 Instagram-Bilder in einem zauberhaften Kurzfilm. Schön ist das:

A propos Liebe. 

Deine Haare aus Versehen zu einer Waffe zerzaust. Singt Hans Unstern, und er hat Recht.

Es gibt auch in diesem Jahr wieder den Reporterpreis. Das Tolle daran ist: egal wer gewinnt, man kann alle nominierten Texte nachlesen, das ist eine prima Beschäftigung für lange U-Bahn-Fahrten und diese Tage, an denen es schon um 15 Uhr schon wieder Nacht ist. Und da sind wirklich fantastische Sachen dabei. Hier findet man alle Beiträge, sehr empfehlen kann ich bislang (ich bin längst noch nicht fertig) diese hier: “Nüchtern“, übers Nüchternbleiben in einer Partygesellschaft;  “Alexanderplatz” über einen Ort in Berlin, der nie wieder so sein wird, wie er einmal war; “Die ganze Welt im Verdacht” über Geheimdienst-Aussteiger und von Erwin Koch, einem meiner Lieblingsautoren, “Eigentlich eine Liebesgeschichte“, darüber, was passiert, wenn ein Mensch sehr krank wird.

“Wer liebt, kauft weniger. Wer sich aufgehoben fühlt, hat weniger Angst, die er durch den Erwerb von Produkten zu beschwichtigen sucht.” – Gegen Kapitalismus hilft nur Liebe.

Baby, wir sind Stars, wir scheinen herab auf die Verdammten / und ich glaub’, es könnte sein, dass wir für immer tanzen. Sagen Brockdorff Klang Labor und Jens Friebe, und sie haben auch Recht. (Wobei Jens Friebe ja immer Recht hat, und wer das nicht glauben mag, höre dieses Lied:)

Himmel und Hölle: über den Wolken und im Baumarkt

“‘Ratschenkasten’, bellte sie. Der Verkäufer blickte sie ungläubig an. Ich interessierte mich auffällig für die Unterschiede zwischen braunen und schwarzen Pinseln, griff aber nicht in die Kampfhandlungen ein. ‘Sie wollen also einen Ratschenkasten’, stammelte er. Anne zog indigniert eine Braue hoch. ‘Wenn ich ein Toastbrot wollte, hätte ich ‚Toastbrot‘ gesagt.'”Was Frauen wünschen. Ein unfassbar großartiger Text.

Wenn ich mal Mitglied in einem Club werde, dann in der Cloud Appreciation Society. Leute, die Wolken mögen, können keine schlechten Menschen sein.

Über gefährliche Randsportarten wie Dichten und Fahrradfahren

“Ja gäbe es noch Dichter, die sich als Dichter verstünden, die weit über das Sich-ins-Fernsehen-einladen-Lassen und Neues-Buch-in-die-Kamera-Halten hinausgingen, die etwas zu sagen hätten, das in noch keinem ihrer Bücher gedruckt wäre und das sie nicht aus verkaufsfördernden Gründen sagen würden. Ja wenn!” – Vielleicht Dichter. Eine Fluchtschrift von Matthias Schumacher.

Ich warte immer noch darauf, dass Radfahren in Berlin bald bei Versicherungen unter “Extremsportarten” gelistet wird. Damit es vielleicht nicht ganz so weit kommt: hier gibt es eine offizielle Liste, in der man gefährliche Stellen, Kreuzungen und Ecken eintragen kann.

Über den Winter übe ich schonmal die Stunts für diese Nummer hier. Im Flur. Auf Pappkartons. Und einem Stapel Matratzen. Dann kann ich im Frühjahr das hier nachdrehen: von diesem Typen, der mit dem Radl nicht auf dem unbefahrbaren Fahrradweg fuhr, einen Strafzettel bekam und … so reagierte:

Inspiration fällt nicht vom Himmel. Obwohl …

“Die Muse küsst nicht an den Orten, wo es üblich ist. Sie leckt nur rum an den unmöglichsten Stelle, in dem ungünstigsten Augenblick, wenn alle hinschauen und sich fragen, was wohl da wieder in sie gefahren ist.”Übers Sein.

Nordlichter. Das kann man sich mal ansehen (und mir die Daumen drücken. Ich bin ab kommender Woche da, vielleicht habe ich ja Glück. Die Spezial-Wettervorhersage dazu gibt es übrigens hier und hier.)

https://www.youtube.com/watch?v=_EVAECh21eU

Mein Verhältnis zu Bärten habe ich ja bislang immer eher subtil angedeutet, deshalb jetzt, in aller gebotenen Zurückhaltung, nur das hier: Disney-Prinzessinnen mit Bärten. Keine weiteren Fragen.

Noch mehr Liebe (aber anders)

Ich habe selten Orgasmen, mag lieber Blümchen- als Oralsex, will aber dafür quasi IMMER Sex haben, und meine Beziehungen halten maximal 10 Monate. – Das war Ihnen jetzt etwas zu direkt? Dann formulieren wir es anders: ich hasse Sport, ich bin Optimistin, Fleischesserin, Atheistin, würde meine Figur mit “kurvig” beschreiben und twittere häufig. Das jedenfalls sind die Rückschlüsse, die sich aus diesen fantastischen Studienergebnissen ziehen lassen.

Ich stehe ja sehr auf GIFs. Und das hier, das ist quasi Liebe zum Kurbeln:

P.S.: Falls jemand diese Kategorie hier ein bisschen vermisst hat: ich arbeite für das Projekt Hoodie, eine Datenbank für Web-Anwendungen. Im Blog dazu gibt es immer freitags eine wöchentliche Linksammlung unter dem Titel “TGIF!” (Thank God it’s Friday). Da sind zwar auch ein, zwei technische Themen dabei, ansonsten aber alles, was einfach gut und wichtig ist. Ich empfehle daher so oder so unbedingt einen Besuch dort. Hier sind alle bisherigen Beiträge gelistet.

Liebe mit sieben Buchstaben

Der beschissene Fahrradunfall ist jetzt 5 Wochen her. Ein paar Tage nachdem ich wieder aus dem Krankenhaus draußen war, raffte ich mich auf, mich um mein geliebtes Rennrad zu kümmern. Eine Stunde, nachdem ich es zur Reparatur gebracht hatte, klingelte das Telefon: es ist irreparabel beschädigt, so sehr, dass es ebenso unmöglich wie lebensgefährlich wäre, damit weiter zu fahren. Daraufhin habe ich einen Nachmittag lang geheult.

Ich habe mal geschrieben “Es sind immer die Menschen. Und die Fahrräder.”, und das war wohl meine erste schriftliche Liebeserklärung an ein Fahrrad. Es ist vermutlich selten bescheuert, besonders, weil ich sonst nichts Materielles besitze, woran ich sonderlich hänge, aber, ja, ich habe diese neun Kilo Stahl und Blech wirklich geliebt, ebenso wie alles, was ich damit erlebt habe, und jede Strecke, die ich damit gefahren bin. Und es hat mir das Herz gebrochen, dass es nun kaputt ist. Aber es wird ein bisschen weiterleben, und ich weiß auch schon ziemlich genau, wie.  Continue reading “Liebe mit sieben Buchstaben”

In Ruhe hyperventilieren

Lange bevor ich meine analoge Kamera hatte, lange bevor ich mir meine erste Digitalkamera kaufte, lange bevor es dafür Brillen gab: vor sehr langer Zeit also, da war ich ein Kind, das sich wünschte, mit den Augen Fotos machen zu können.

Daran denke ich, als wieder alles zu schnell ging und ich die paar Meter krieche, bis ich mich fallen lasse und auf dem Bürgersteig liege. Jemand hat das kaputte Fahrrad von der Straße heruntergezogen, um mich herum stehen Menschen, sie fragen, ob es mir gut ginge, sagen mir, dass sie alles gesehen hätten und ich nicht schuld sei, ich bin völlig überfordert, ständig sackt mir der Kreislauf weg. Ich sage, ich wolle keinen Krankenwagen, mir tue nichts weh. Ich möchte auch keine Menschen anschreien und wegschicken müssen, die nichts gesehen haben und nur blöde Kommentare abgeben, und tue es trotzdem.

Ich möchte einfach nur unter diesem Parkverbotsschild liegen und in Ruhe vor mich hin hyperventilieren.

Der Krankenwagen kommt, mein Kopf fährt Karussell, beim fünften Versuch schaffe ich es, mich mit Hilfe der Sanitäter hinzusetzen, sie bugsieren mich in den Krankenwagen, endlich wieder liegen, den Kopf nach unten, von draußen Stimmengewirr und Gezeter, ich denke wenigstens weiß ich noch alles, sogar, wie ich heiße. Die Polizei kommt, sagt, sie nähmen mein Fahrrad jetzt mit, und dabei wollten wir uns doch niemals trennen (und schon gar nicht so).

Acht Stunden, Dutzende Röntgenbilder und Untersuchungen später die Gewissheit, dass man unter Schock keine Schmerzen spürt, dafür bei dessen Abklingen umso stärker. Dass es hätte schlimmer kommen können als die paar Schrammen, Prellungen und Kopfschmerzdn und dass dieser Körper noch mehr aushält, als ich dachte (und dabei dachte ich schon ziemlich viel). Und dass es dem Fahrrad besser geht als mir und der anderen beteiligten Person sogar sehr gut. Gelebter Altruismus.

Eine wache Nacht später entlasse ich mich selbst, ich halte keine Krankenhäuser aus. Was bleibt, sind Schmerzen und eine fahrradsattelförmige Prellung auf meinem Bauch. Ein Teil des Fahrrads immer bei mir. Wäre es nicht anders, könnte es fast poetisch sein.

Von diesen Tagen

Es sind diese Tage nach diesen Nächten. Diese Tage, an denen zum ersten Mal nach Monaten die Sonne scheint, der Himmel blau ist, die Wolken von Ferne winken und von dannen ziehen. Diese Tage, an denen alles da ist, auch die Gewissheit, dass das, was für den Augenblick nicht greifbar ist, dennoch nie ganz weg ist. Tage mit weniger Hoffnung und mehr Sicherheit, der Sicherheit, dass auch das, was geht, wiederkommen wird. Und diese Tage, von denen an alles möglich ist. Von denen an es nicht mehr darum geht, das Ziel zu kennen, sondern in jeder Sekunde den Weg zu gehen. Mit jeder Faser dieses Seins. An denen nicht mehr das Wichtigste, zu tun, sondern zu lassen: zuzulassen. Sein zu lassen. Wachsen zu lassen. Zu sehen, Continue reading “Von diesen Tagen”

*August: Feuerwehrmonat, und so schnell vorbei

Geschrieben
Monsieur! Ich trinke tatsächlich.
Nichts von Bedeutung.

Genickt
“If you feel guilty about just eating a brownie that you want, what else in your life do you want that you’re not expressing?” (Eating: A Manifesto)

“Lucky Luke kam fortan mit einem beknackten Grashalm im Mund daher und im Yoga- und Karottenkuchenmilieu genossen Raucher nun einen Ruf, der nur noch von AKW-Betreibern und Kinderschändern unterboten wurde.” (Deniz Yücel regt sich auf. Irgendwie gut.)  Continue reading “*August: Feuerwehrmonat, und so schnell vorbei”