Zelten (Folge 2 / 6)

Dieser Text stammt aus der Reihe “Mein schönstes Ferienerlebnis” und trägt immer noch den Titel “Zelten”. – Zu Folge 1.

Ich gehe jetzt das Fürchten lernen. Ich gehe: zelten. Von meinem wirklich allerletzten Geld kaufe ich mir noch ein Flugticket nach Sardinien. Und dann fange ich an zu packen. Als ich das Zelt von Tante Gertrud aus dem Keller hole, sehe ich zum ersten Mal auch die Aufschrift auf der Verpackung. Da steht: „Wild Trekking“. Dabei will ich gar kein „Wild Trekking“, sondern nur einen Platz, wo ich trocken und sicher schlafen kann. – Beides wird sich bald darauf als absolute Fehleinschätzung der Gesamtsituation herausstellen. Das merke ich aber zum Glück erst sehr viel später.

Als ich meinen Freunden von dem Plan erzähle, sehen sie mich an, als wäre ich immer noch die Fünfjährige, die zu ihrer Einschulungsfeier ein Zelt geschenkt bekommen hat: “Wie, zelten? Alleine? Bist du verrückt geworden? Und nimmst du wenigstens Pfefferspray mit??” Ich sage “Ja, klar, hab ich schon eingepackt!“, was natürlich überhaupt nicht stimmt, ich war noch nicht einmal im Entferntesten auf die Idee gekommen, außer zwei Messern irgendetwas zu meiner Verteidigung einzupacken. Ich wohne nämlich seit einigen Jahren in einer Wohnung mit sehr hohen Decken, in der die Lichtschalter ungefähr auf meiner Kopfhöhe angebracht sind, und seitdem übe ich täglich Selbstverteidigung: der beste Weg, einen Lichtschalter an- und auszumachen, ist nämlich ein Roundhouse-Kick.

flughafen köln-bochum morgens

Kurz nachdem ich meine Freunde so angeschwindelt habe, packt mich dann doch das schlechte Gewissen, und ich gehe in den nächstgelegenen Ghettokiez. Ich spreche einen türkischen Mann an, der die Straße fegt, und frage ihn: “wo ist denn hier der Waffenladen?“. Er sieht mich an, als hielte ich ihm gerade eine AK-47 ins Gesicht, was in der Gegend sogar wahrscheinlicher ist als Frauen, die nach Waffenläden fragen, dann deutet er die Straße hinunter. Eine halbe Stunde später besitze ich Pfefferspray, das für den Transport im Flugzeug geeignet ist und deshalb 39,95 EUR kostet. Dass ich das Pfefferspray dann aus Versehen zuhause vergessen habe, habe ich meinen Freunden bis heute nicht erzählt.

Tag 0

Es ist 1 Uhr. Ich sitze gähnend neben einem 23 Kilogramm schweren Rucksack in einer Regionalbahn von Berlin nach Köln und ich bin jetzt 22 Stunden wach. Ich bin müde. Schlafen. Oh ja. Schlafen wäre jetzt total gut. Bis nach Köln sind es noch drei Stunden, also genug Zeit für ein ausgedehntes Nickerchen. Ich drehe meinen Rucksack, so dass ich mich daran anlehnen kann, decke mich mit meiner Jacke zu, mache die Augen zu und …

regionalbahn, köln, schlafen (jedenfalls fast)

“ICH BIN DER KÖNIG VON MALLORCA, ICH BIN DER PRINZ VON ARENAL!“

Ich schrecke hoch. Ins Abteil marschieren 8 Männer in kurzen Hosen und Sandalen und mit 4 Kästen Bier. Im Stechschritt. Sie tragen Schwimmflügel und T-Shirts mit dem Aufdruck “WUPPERTAL GOES BALLERMANN 2013“. Ich schließe die Augen und versuche zu schlafen. “EIN BETT IM KORNFELD, JA DAS IST IMMER FREI, DENN ES IST SOMMER, UND WAS IST SCHON DABEI!“ Ich versuche, sie mit einem Blick zu töten. Sie belegen die 8 Plätze um mich herum und öffnen Bierflaschen. Als wir um 4 Uhr morgens am Kölner Hauptbahnhof ankommen, haben sie alle 4 Bierkästen geleert und die besten Hits von Jürgen Drews gesungen.
Alle.
Jeweils acht Mal.
Ich möchte nach Hause.

fastschlaf

Endlich kommen wir am Flughafen an, ich checke ein und warte. Neben mir sitzt eine sehr sehr dicke Italienerin auf Verwandtschaftsbesuch, die wissen will, warum ich denn alleine in den Urlaub fahre. Ich sage: “ich habe keine Freunde. Und ich gehe zelten.“ Sie sieht mich sehr traurig an und setzt nach: “Und wie kochen Sie dann?“ – Ich sage: “Gar nicht.“ Ihr steht eine Träne im Augenwinkel. Bevor sie mich zwangsadoptieren kann, renne ich schnell ins Raucherzimmer. Und mit “rennen“ meine ich: ich schleppe mich mit letzter Kraft und ziehe meinen Rucksack auf dem Boden hinter mir her.

Ich bin jetzt 26 Stunden wach.

Morgen besuchen wir die hilfreichste Touristeninformation aller Zeiten, machen Babysitting in ganz groß und üben Zelten für Profis. Schalten Sie also wieder ein, wenn es heißt: Zelten macht Spaß! – Zu Folge 3.

Zelten (Folge 1 / 6)

Dieser Text stammt aus der Reihe “Mein schönstes Ferienerlebnis” und er heißt: “Zelten”.

Ich will in den Urlaub fahren. Das ist ja so etwas, das man sich viel häufiger sagt, als man es dann tatsächlich tut, genauso, wie man über eine gesamte Lebensdauer gerechnet viel häufiger “ich schmeiße den Scheiß-Job hin!” sagt, als man dann tatsächlich kündigt. Die Malediven wären doch mal schön, da gibt es tolle Strände und es ist ungefähr hundert Mal wärmer als hier, oder ich fahre in die USA und in einem Mietwagen die Ostküste entlang, ich in einem uralten Mustang, der auf hundert Kilometer mehr Benzin verbraucht als in Berliner Kneipen jede Nacht Bier ausgeschenkt wird. Ja, das wäre was.

zelten, sardinien, 2013

Wie ich da so sitze und mich in Gedanken schon einen Highway herunterfahren sehe, fiept mein Handy. Es ist der SMS-Ton. Seit einigen Wochen ist der SMS-Ton mein Feind. Damals habe ich bei meiner Bank aus Versehen etwas unterschrieben. Bei einer Bank etwas aus Versehen unterschreiben ist ungefähr so gut wie aus Versehen zu einem Heiratsantrag ja sagen, obwohl man eigentlich nein! meint: man kommt selten aus der Nummer wieder raus, ohne dass jemand heult. In dem Fall bin die, die heult: ich. Meine Bank schickt mir seitdem nämlich täglich um 16:04 Uhr meinen aktuellen Kontostand. Per SMS. Seitdem suche ich einen Weg, die SMS-Funktion aus meinem Handy zu löschen.

Ich sitze also da, denke an Malediven, Strände, USA, Mustang, als es fiept. Ich schaue sofort auf mein Handy (der zeitliche Abstand zwischen “das Handy fiept” und “ich schaue drauf”, das ist ungefähr der selbe Reflex, wie wenn jemand mir einen Keks hinhält und ich schon direkt reingebissen habe, noch bevor ich den Keks mit meinen kaputten Augen überhaupt richtig als solchen erkennen kann, an dieser Stelle übrigens sorry an alle, die seitdem auf der Hand einen Gebissabdruck von mir haben), ich schaue also aufs Handy und sehe: die SMS ist da. Und in der SMS steht:

“VERLASSEN SIE SOFORT DAS LAND.”

Gut, das steht da vielleicht nicht ganz wörtlich, aber die Zahlen, die ich da sehe, lassen keinen anderen Rückschluss zu als möglichst schnell möglichst unauffällig zu fliehen. Mein Problem ist nur: ich würde das Land ja WIRKLICH GERNE verlassen, Malediven, Strand, USA, Mustang, ABER LEIDER HABE ICH KEIN GELD!

Da denke ich an Tante Gertrud. Zu meiner Einschulung hatten meine Eltern eine kleine Feier veranstaltet und dazu die gesamte Verwandtschaft eingeladen, unter anderem auch die angeheiratete Großtante meiner Mutter: Tante Gertrud. Ich war sechs Jahre alt, ich hatte meine langen blonden Haare zu einem Zopf geflochten, ich trug ein blaues Kleid mit Spitzenkragen und eine Brille in lila mit gelben Sternchen, kurz: ich sah schon aus wie ein Streber, bevor ich überhaupt jemals eine Schule von innen gesehen hatte. Das Fest war ein voller Erfolg, und mit “voller Erfolg” meine ich: ich bekam Geschenke. Das Geschenk von Tante Gertrud war das größte von allen. Ich hatte mir ziemlich Vieles gewünscht, darunter ein Pferd (Ponys sind für kleine Mädchen, und ich war ja schon groß), eine Schaukel, ein ferngesteuertes Auto und ein Fahrrad, ich war gespannt, was davon ich jetzt bekam. Ich wollte nicht mehr abwarten, riss das Geschenkpapier auf, und hervor kam: ein riesiges lilafarbenes Bonbon.

Die umstehenden Erwachsenen klatschten.

Ich drehte das Ding hin und her, es hatte schwarze Schlaufen an den Seiten und einen Reißverschluss. Ich zog ihn auf. Und hervor kamen: ein paar kleine Metallstäbe, eine lange Metallstange, ein riesiger Haufen abgrundtief hässliches lilafarbenes Plastik. Tante Gertruds Geschenk war ein Zwei-Personen-Iglu-Zelt. In stechendem Lila. Bis heute ist mir nicht ganz klar, was sie damit bezweckte, und ob sie vielleicht meinen Eltern ermöglichen wollte, mich mitsamt meinem zweijährigen Bruder einfach im Wald auszusetzen, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Meine Eltern zwangen mich, mich für das „schöne Geschenk“ artig zu bedanken. Zwanzig Jahre und dreißig Umzüge später hatte ich immer noch keinen Weg gefunden, dieses abgrundtief hässliche Ding möglichst elegant loszuwerden. Und damit war dann klar: tschüss, Malediven, adé, US-Ostküste. Ich gehe jetzt also das Fürchten lernen. Ich gehe: zelten.

Morgen gehen wir in einen Waffenladen, treffen den König von Mallorca und entgehen knapp einer Zwangsadoption. Schalten Sie also wieder ein, wenn es heißt: Zelten macht Spaß! – Zu Folge 2.

*März: larger than life

Gesagt
“Wenn Du auf dem Foto ganz genau hinschaust, kannst Du den Sternenhimmel sehen.” – “Das ist ein iPhone-Foto. Ich sehe Körnchen.” – “STERNE!”
I’m a girl, I’m a girl with a gun yeah, and I’m gonna blow your head, I’m a girl, I’m a girl with a gun yeah, and I WANT SOME ROCK’N’ROLL, BABY!
Sternenstaub hält sich.

Gehabt
Den abartigsten, großartigsten Schokoladenkuchen auf Erden.
7-Tage-Bart am Hals.
Tequila.
Spät am Freitag einen Freund mit Bier am Bahnsteig.

Gemacht
Schuhe geputzt.
Beim Bowling gewonnen.
Haar auf Blazer gefunden.
Bier getrunken.
Versucht, jemanden zu retten. Gescheitert.
High Heels anprobiert.
Analog-DMs verschickt.
Keine High Heels gekauft.
Zahnputzfotos verschickt.
Keine Pläne für die Zeit nach der Schule.
Hotelbetten getestet.

Gemacht (2)
Tage vergessen.
Fahrrad gefahren, das erste Mal.
Spazieren gegangen.
Von Brotlaib und Käsestück abgebissen: Käsebrot im Zug.
Amerikanisches Frühstück, mehrfach.
Geschlafen wie ein Baby.
Nummern getauscht.
Keine Witze über Bad Godesberg.
Sonntag Morgens durchs Wohnzimmer getanzt.
Keinen Knutschfleck.
In Köln, morgens um 6, bei Sonnenaufgang am Rhein die letzte Zigarette der Nacht geraucht.
Schuhe getauscht. (<3)
Krone getragen.

Ruhmestat des Monats
Dem Idioten, der mir im Club an den Arsch grabschte, nach Ablaufen einer Sekunde Reaktionszeit eine gescheuert.

Gehört
“Bescheid!”
“Dieses Hotelzimmer sieht aus, als hätte man es einmal komplett durch eine Wanne Cappucchino gezogen.”
“Wieso haben wir nicht miteinander geflirtet?”
“Kannst du nicht doch nach Köln ziehen?”
“Hast Du dann schon einen neuen Job?”

Gelesen
“When you HTTParty, you must party hard!”
“Willst du nicht über Autos schreiben?”
“Vergiss die Orchideen.”
“Im Übrigen ist die romantische Liebe ja die unerfüllte unglückliche.”

Gesehen
Hochauflösende Landschaft.
Lichterketten.
Eine Unbekannte im Spiegel.
Schrecklich (aus).

Gewesen
Da, wo es weh tut.
Auf einer Twitter-Party.
Verfroren.
Frei.
Stark angetrunken.
Aufgehoben.
Unterwegs unter blauem Himmel.
Völlig durch.

Gewissheit

Gesagt
Ich bin ja mehr so der ja-oder-nein-Typ.
Retten kannst am Ende nur du dich selber.
Ich sang die ganze Zeit von dir.
Furchtlos muss man sein.
Ich koche auch nur mit Whisky.

Autocorrect says:
“everything’s so heart”

*Januar: She’s a Pirate

Januar, oh Januar. Was tust Du nur.
Die Dinge sind sehr groß geworden, bald zu groß, als dass ich sie noch fassen könnte (und ich habe sehr große Hände). Und so groß, dass mir die Worte fehlen. (Und wo die Worte zu Ende sind, fängt die Geschichte erst an.)

Gelacht
Über einen Wurststand
und einen Hamster.
Darüber, wie sich Menschen jahrelang online “kennen”, überall miteinander virtuell verbunden sein kann – und wie auf einmal alles anders ist, wenn sie sich ein einziges Mal begegnen.

Gehabt
Kater.
Zombie-Auge.
Katzenhaare auf dem Pullover.
Sehsucht.
Frühstücksverabredungen und Wiedersehensfreude.

Gesagt
Wenn das alles so weitergeht, sollte ich vorsichtshalber jetzt schon Baldrian nehmen.
Zukunft hat, was die Liebe angeht, auch etwas Homöopathisches.
Manche Menschen sind wie Planeten: sie kennen einfach ihre Umlaufbahn.
“Hat er Brusthaare?” – “Frag ihn doch selbst. … Moment, ich kläre das. … Hast Du Haare auf der Brust?” Continue reading “*Januar: She’s a Pirate”