Was wir haben

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An Tagen, die nach schlaflosen Nächten beginnen, da ist es nie das Erwartete, das kommt. An diesen Tagen, an denen nichts gut scheint, da kommt nur das vorbei, auf das niemand wartet. Alles, was kommt, ist das Unerwartete. Es klopft nicht an, es wartet nicht ab, es kommt unbemerkt herein. Dann ist es einfach da. Und tut leise, was es kann.

Still gräbt es Spuren in Haut, streut ein Lachen in Augen und ein Glück auf jeden Zentimeter der Zeit, die vergeht. Und macht einen Tag, der ein einziges Fest ist: mit Kaffee und schaumiger Milch, mit Kirschen im Park, mit Sonne auf der Haut und dem Ende eines guten Buchs, mit einem alten, klapprigen Fahrrad, mit Shorts und Sandalen und Fahrtwind um die Beine, mit Saft und Honigmelone, mit Musik, die im Magen kribbelt, mit Füßen, die tanzen, mit einem Mond, der hinter Wolken leise wacht, und mit jemandem an der Straßenecke, der Bach auf einem Cello spielt. Und am Ende steht da ein Tag, an dem in jeder unserer Adern das Glück fließt, an dem ein Lächeln in unseren Gesten tanzt und Freude in unseren Gesichtern steht wie ein Ausrufezeichen, ein Tag, an dem unsere Herzen schneller schlagen. Und wir, wir könnten platzen, könnten platzen vor Glück, denn wir haben einen Hafen, wir haben Wein, wir haben Hoffnung, wir haben diesen Abend, wir haben diese Nacht, wir haben dieses Leben. Und wir haben uns. Das ist alles, was wir haben. Aber es ist das größte Glück von allen.

 

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a.

In der Küche ist die Milch übergekocht. Auf dem Herd springen weiße Perlen hin und her, zerplatzen nach dem vierten, fünften, sechsten Sprung, es riecht süßlich und verbrannt. Sie ist des Fluchens müde, zieht die Pulloverärmel über ihre Hände und nimmt den Topf von der Platte, stellt ihn ins Spülbecken und lässt Wasser hineinlaufen. Das Wasser ist kalt, seit Wochen ist der Boiler ausgeschaltet, es gibt kein anderes Wasser mehr. Auf der Fensterbank sitzt ein Rabe, an ihren Händen klebt Milch. Kurz der Drang, sie abzulecken, dann wäscht sie sich. Als sie den Wasserhahn ausschaltet, tropft noch Wasser nach, verhallt in der Stille der Wohnung. Außen auf der Fensterbank sitzt ein Rabe. Sie lehnt sich ans Fensterbrett und zündet sich eine Zigarette an. Auf dem Tisch ein vor sich hin sterbender Basilikum, daneben eine Schale mit Äpfeln aus dem letzten Herbst, eine Walnuss zwischen den Apfelhäuten, und wie hin- und weggeworfen das Buch, in dem sie vor zu langer Zeit zuletzt las. Rechts oben in der Zimmerecke hängt ein Spinnennetz, und an der Wand klebt ein großer roter Fleck wie Tomate. Der Besuch von gestern hatte Zucker zum Kaffee, das Licht fällt schräg durchs Fenster auf den Tisch und lässt die kleinen Körner winzige Schatten werfen.

Ein Zug an der Zigarette, dann ausatmen, ausatmen, ausatmen, nur noch atmen, weil alles egal ist, bis aufs Atmen, aber auch das ist egal. Es ist immer das Egalste, das am wichtigsten fürs Überleben ist. Sie legt den Kopf in den Nacken und denkt an Wörter mit a. Ausatmen, ausradieren, aussitzen, abkassieren, aufreißen, abküssen, Alternativen wagen, ablecken, abhauen, anmachen, ausmachen, ausschalten. Abhängen. Abschalten. Was anderes sehen. Den Kopf freikriegen. Das Wissen vergrößern, den Horizont erweitern, ihn so lange ausdehnen, bis er platzt. Runterkommen, sich entkrampfen, endlich entspannen. Einmal nur den Stecker ziehen, nur einmal mehr als ein Stand-by-Modus sein, nur einmal ganz aus sein für mehr als für eine Nacht mit drei mühsam erkämpften Stunden Schlaf. Einmal nur mehr sein als ein Fernseher, der auch noch in einem ganz hohen Ton weitersummt, wenn er aus ist. Einmal kein Wasserhahn sein, der nachtropft, wenn man die Küche verlassen hat. Einmal nur kein Kernkraftwerk sein, das auch dann noch Strom frisst, wenn man es abschaltet. Einmal nur richtig aus sein. Das könnte gut sein.

Sie drückt die Zigarette aus und geht den Koffer suchen.

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Das wird ein Sommer.

Warum der Sommer großartig wird:


1. Erdbeeren essen
2. Kirschkernweitspucken
3. Knutschen
4. Cafésitzen
5. Die Füße in der Spree baden
6. Sand in den Schuhen haben
7. Im Park liegen
8. Wolken zählen
9. ice, ice, baby
10. Sommermixtapes verschenken
11. Weil der Sommer in Wien so unglaublich war.
12. Eiswaffelknuspern
13. Seebaden
14. Kiezradfahren
15. Bei offenen Fenstern schlafen
16. Nicht schlafen
17. Den ersten ganzen Sommer in Berlin haben
18. Nikkor 50mm 1:1,8D
19. Kalt duschen
20. Barfuß laufen
21. Picknicken
22. Filme im Freiluftkino gucken
23. Sommerkleider tragen
24. Die ganze Nacht draußen sein, bis die Sonne aufgeht
25. Und nicht frieren
26. Sommernachtssternenhimmel
27. Löwenzahnsamen in den blauen Himmel pusten
28. Rotweinnächte
29. Endlich wieder ans Meer fahren
30. im Park joggen, wenn die Sonne untergeht
31. Blumenkränze flechten
32. Milchkaffee mit Eiswürfeln trinken
33. Strohhüte tragen
34. Den neuen Bikini das erste Mal tragen
35. Im Sommerregen tanzen
36. Milchkaffeebraune Haut kriegen
37. Sommerferien haben
38. Zeugnisausgabe feiern
39. Sommersprossen sammeln
40. Schokolade in der Tasche vergessen und mit klebrigen Fingern wieder rausfischen
41. Warme Himbeeren mundrauben
42. Am Lagerfeuer sitzen
43. An surrenden Mücken dieses “Ignoranz” ausprobieren
44. Eiswürfel lutschen
45. Nicht mehr wissen, was man noch ausziehen soll
46. Mit Getränkeresten wilde Mixgetränke erfinden
47. Mit Sonnencreme Bilder auf Rücken malen
48. Nach Sommer riechen
49. In die Sonne blinzeln
50. In Maracujaschorle baden wollen
51. Froh sein, einen Schatten zu haben

Und euer Sommer?

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Bruchrechnung

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Die Pizza auf dem Teller ist kalt und der Tisch noch warm, als der Kellner die Reste wegräumt. Ein Viertel hat sie in kleine Stücke zerteilt, zwischen den Bissen lief ein Gespräch zwischen zwei Tellern und zwischen vier Füßen um eine Tischplatte herum. Drei Viertel der Pizza sind noch übrig. Drei von vier, das sind 3/4.

Dies ist kein Essen, dies ist eine Bruchrechnung.

Der Kellner bringt einen Pizzakarton mit den Resten, den trägt sie nach Hause und legt den kalten Karton auf den alten, wackligen Esstisch, bei dem die Schrauben locker sind. Die Fenster der Wohnung sind offen, die Nacht hat sich in den leeren Räumen ein Bett gebaut. Die kühle Luft ist eine Einladung, doch noch einmal nach draußen zu gehen, eine Einladung zu mehr Nacht, mehr Luft, mehr Sternenhimmel, sie lässt den Karton liegen, zieht die Tür zu und geht noch einmal auf die Straße. Aus dem Café nebenan dringt ein süßlicher Duft von Beeren und Bonbons, auf der Bank vor dem Späti sitzen die, die immer dort sitzen, es ist kühl, es ist dunkel, man kann die Menschen auf den Straßen erst erkennen, kurz bevor man mit ihnen zusammenprallt. Der Italiener um die Ecke hat noch ein Glas Grappa, das zu groß ist, und Zeit für ein Gespräch, das am Ende zu lang ist.

Dann zieht sie weiter, mit dem Nichts im Blick und dem Alles auf den Schultern. Sie geht mit der Geschwindigkeit derer, die nichts zu verlieren und nichts zu gewinnen haben. Sie geht ohne Ziel, die Füße werden finden, was die Augen nicht sehen, wovon der Kopf nicht weiß, dass das Herz es sucht.

Bald kommt sie zum Park, duckt sich an Büschen vorbei und geht über den Sand zum Kinderspielplatz. Ihre Augen gewöhnen sich ans Dunkle außen, ihr Restgefühl gewöhnt sich ans Halbdunkle innen. Sie setzt sich auf eine Schaukel, fährt mit den Händen die metallenen Ketten entlang, lässt die Füße baumeln, pendelt sachte hin und her, holt Schwung, ganz vorsichtig, dann immer mehr, bis sie mit der Nasenspitze die Bäume spürt und mit den Fußspitzen die Wolken treffen kann, bis es kribbelt in ihrem Magen und der Wind in ihren Ohren rauscht.

Als alle Wolken zerplatzt sind, aller Schwung verbraucht ist, schaukelt sie aus, zieht mit den Füßen Spuren in den weichen Sand, spürt den Beginn der Wiese und muss weitergehen.

Ziellos fotografiert sie die Straßen, ein Blaulicht und eine Laterne, die mit einem Baum verwachsen ist, die Kneipe am Ende der Straße hat noch auf, sie geht hinein. Ein leises Murmeln liegt über den Tischen, an der Bar ist noch ein Hocker frei. Sie setzt sich, öffnet den Reißverschluss der Jacke, und das ist der Moment, an den sie sich noch in hundert Jahren erinnern wird. Weil es nur auf halber Reißverschlusshöhe passieren kann, dass genau das Lied anfängt, das das einzig richtige ist für diese Nacht.

Sie hört das Lied und sieht einer Kerze beim Herunterbrennen zu.

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Drei Minuten und achtundfünfzig Sekunden später ist das Lied vorbei. Und noch immer ist da eine Rechnung offen. Die Bedienung bringt ihr ein Glas Wein, einen Stift und einen Bierdeckel, dann rechnet sie schriftlich nach, denn manche Brüche kann man nicht im Kopf kalkulieren. Für manche Brüche muss man eine Variable berücksichtigen, man muss durch zwei teilen und mit einer Unendlichkeit multiplizieren, schließlich eine Unwägbarkeit addieren und eine fixe Idee subtrahieren. Und als der Bierdeckel voll geschrieben ist, ist die Variable aufgelöst und alles, was bleibt, ist ein Ende.

Sie steckt den Bierdeckel ein, trinkt den Wein aus, bezahlt die Rechnung und als sie ihre Jacke zuzieht, erklärt sie das Jetzt zum Ende aller Spiele, dem Ende aller Verklausulierungen. Und sie weiß, dass zuhause etwas auf sie wartet, auch wenn es nur der Rest einer kalten Pizza ist.

Es ist gut, eine Sache zu Ende berechnet zu haben. Denn ein Bruch, der zu Ende kalkuliert ist, kann eine Dezimalzahl werden, die größer als drei ist. Und was auf dieser Welt ist schon größer als ein Herz.

Früh morgens kommt sie nach Hause. Aus ihren Schuhen fällt weicher Sand.

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Was war / was ist / was kommt

Was war /

war wahr, was wahr schien, war gelogen. Was wahr war, waren die Dinge da draußen, der Fluss, die Wiesen, die Häuser, die Straßen, die Bäume, das Wetter, dazwischen malten deine Bewegungen in ausgewaschenen Jeans eine Unwahrheit auf alle Moleküle. Was war, war dein Jahr ohne Jahreszeiten, deine Tage wie Funktionsmöbel, dein Körper ein Perpetuum mobile, deine Worte ein Energieerhaltungssatz, deine Stadt wie ausgelatschte Sneakers, die dir zu groß geworden waren. Was war, war das Rascheln eines Zettels mit einer Telefonnummer in deinem alten Wintermantel, eine Motte in einer Mehlpackung, eine nackte Glühbirne an deiner Zimmerdecke, und unter der Decke eine Wohnung, aber kein Zuhause. Was wahr war, war eine Platte, die die schönste Stelle in deinem Lied zu einer Unendlichkeit werden ließ.

Was ist /

schon dabei, wenn ich noch bleibe, sagst du und bleibst einfach. Alles, was noch ist, bist du. Und dann liegst du so nah bei mir, dass ich ein Herz klopfen höre, ist es deins, ist es meins, ich weiß es nicht, ich will es nicht wissen. Im Winter ist das alles so einfach, da kann einem kalt sein und man muss einfach ein wenig näher zusammenrücken, damit niemand friert. Im Sommer kann einem nicht so einfach kalt sein und man kann nicht einfach der Wärme wegen näher zusammenrücken. Im Sommer muss man andere Gründe haben, doch Gründe sind tief und Gründe sind schwarz, und wir können kein Grund sein, weil wir kein Teich sind. Du bist am Kommen, du bist am Gehen, du bist am Bleiben, du bist am Sehen, und wenn ich dir Geschichten erzähle, dann in deiner Verlaufsform. Was ist, sind diese Geschichten, mit denen ich dich manchmal zudecke, wenn die Nächte noch kalt sind. Ich umwebe dich mit einer Gegenwart aus dem, was ist. Erzähle dir Geschichten mit einer ersten Person Singular, einer zweiten Person Singular, und einem Ende mit einer ersten Person Plural, es sind Geschichten mit drei Personen, die nur zwei sind. Wenn ich viel erzählt habe, schläfst du manchmal ein und ich bleibe wach, nur um dich morgens aufwachen zu sehen. Was dann noch ist, ist Präsens, was nicht ist, ist Konjunktiv, das ist ein Leben an einer Sprache erklärt, wir kennen kein Futur, doch wenn wir nur wollen, werden wir sehen,

Was kommt /

ist die Zeit der Lachse. Durch alle Gezeiten, durch alle Gewässer werden wir wandern. Wir werden gehen, und wir werden nichts sehen, wir werden nichts hören, und weil da niemand sein wird, der nur ein Wort sagt, werden wir nichts zerreden. Aber wissen werden wir. Wir werden wissen, wann wir angekommen sind. Weil das der Ort ist, an dem wir sein können. Weil das der Ort ist, an dem wir wieder atmen können. Weil atmen wichtig ist.

Was kommt, ist die Zeit der Wanderfische.

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Friedrichstraße 145

Ein neues Kapitel, ein Brennen in den Augen, ein neuer Schmerz. Seit Stunden sitze ich auf diesem Stuhl aus Metall, eine Ausgeburt der Sitzmöbelhölle, es war kein anderer Platz mehr frei, als ich hier ankam, um in einem Buch zu ertrinken, nun sitze ich hier und mein Rücken dankt es mir. Ich rücke näher an den Tisch heran, Rücken gerade, Kinn nach oben, mein Blick fällt nach draußen. Auf der Bank vor dem Fenster steht ein Blumenstrauß, ein einzelner Straßenbahnwagen fährt vorbei, er verschwindet hinter der Straßenecke.  Ich schließe die Augen, lege meine Hand darüber, als wollte ich in die Ferne sehen, dabei ist fern hier nur fünf Meter weit und ein Buswartehäuschen. Manchmal habe ich mich gefragt, was wir sehen würden, könnten die Innenseiten unserer Augenlider unsere Gedanken reflektieren. Die Kaffeemaschine zischt, ich öffne meine Augen wieder, sehen kann ich doch nur draußen, dort laufen Passanten mit dunklen Hüten und verwehten Frisuren vorbei. Es weht ein wilder Wind heute, Jacken fliegen, scheinen ihren Besitzern abhanden kommen zu wollen. Dunkle Wolken ziehen auf, alle laufen immer schneller, dabei wird man doch nur nasser, wenn man durch den Regen rennt, die Buntheit der Jacken verschwimmt zu einer einzigen flüssigen Farbe, ich frage mich, was passierte, wenn er jetzt da draußen vorbeiliefe.

Vielleicht würde er bemerken, dass ich hier sitze. Vielleicht würde er die Hand heben, lächeln, zur Türe hereinkommen, seine Tasche auf einen Stuhl stellen. Sich entschuldigen, dass er keine Zeit hat, so, als seien wir verabredet. Ich würde sagen das macht nichts und auf die leere Kaffeetasse deuten, ich wollte eh bald gehen, es ist nur noch der Keks übrig, und mich an einem Lachen versuchen. Er wüsste nicht, ich wüsste nicht, ob wir uns küssen sollten, also würden wir uns umarmen, und einander dabei doch nur ungeschickt umfassen, und niemand würde bemerken, dass unsere Hände sich kennen. Dann hinge da ein irritierter Blick über das, was keiner weiß, ein Wort übers Wetter, ein alles ist gut, ein Kuss auf die Wange, er würde seine Tasche greifen und gehen. Auf die Wange, wie seltsam, würde ich denken, und mit dem Fallen der Türe ins Schloss würde sich die Erinnerung an sein kurzes Hiersein in einem Klackern auflösen.

Das Auge sieht, was es sehen will, und die Füße gehen dorthin, wo sie sein wollen. Er würde wohl einfach nur weitergehen und nichts bemerken.

In meinem Leben gibt es einen seltsamen Zufall. Die Namen aller Männer, die ich je geliebt habe, hatten sechs Buchstaben. Der, den ich jetzt liebe, dessen Name hat neun, und nun sitze ich da, starre immer noch auf die Türe, durch die längst andere gegangen sind, und überlege, ob ich genug für ihn wäre. Genug von dem, was er braucht, genug von dem, was er sucht. Ob ich genug von dem Leben wäre, auf das er wartet.

Das Hinterhältige am Leben ist: Um den Hals trägt es den Schlüssel zu dem Keller, in dem die Erfüllung aller Sehnsucht liegt. Und je mehr man etwas will, umso schneller, umso weiter läuft es davon. Doch sobald man alles aufgegeben, allem abgeschworen hat und überhaupt nichts mehr will, dann steht es vor einem, dieses Leben, baut ein Buffet auf und fragt, ob man zuerst von den Vorspeisen, den Hauptgerichten oder den Desserts probieren möchte. Und dann will man sich nur noch ans Tischende stellen, mit einem großen Ruck das Tischtuch herunterziehen und allen zeigen, dass all die Freundschaft, Liebe, das Glück doch nur Fertiggerichte für die Mikrowelle sind, auf einer billigen weißen Wachstischdecke und einer Bierbank. Aber das Leben grinst so nicht, mein Freund. Also baut man sich auf, Bauch raus, Brust rein, stemmt die Arme in die Seiten und brüllt: Ich! Habe! Keinen! Hunger! Mehr!

Ein Auto hupt. Draußen, im Regen. Ich wische die Buffetidee mit der Handfläche vom Tisch und sehe der Sonne beim Untergehen zu. Manchmal wüsste ich gerne, ob ich ihn überhaupt wiedersehen will. Bestimmt, in zehn Jahren vielleicht, irgendeine zufällige Begegnung an der Kreuzung vor seinem Haus, ein Kind an seiner Hand, ein kleiner, braunhaariger Junge, der seine Nase hat. Kein Kind an meiner Hand, vielleicht aber ein blondes Meerschweinchen oder ein verwuschelter Hund.

Träfen wir uns jetzt wieder, könnte ich ihn ansehen, mit ihm reden, ihm Kaffee kochen. Doch meine Verliebtheit für ihn hat eine Mauer um mich gebaut und meine Eifersucht hat Stacheldraht drum herum gezogen. Meine Neugier hat die Wände mit Kanonen beschossen, meine Sehnsucht einen Stift gekauft und Gedichte darauf geschrieben. Und jetzt? Jetzt kauert meine Traurigkeit am Fuß der Mauer. Und kratzt mit dem Stift Rillen in den Beton. Auf dem Weg durch die Monate habe ich meine Unbefangenheit verloren, die Zeit des Gedankenlosen ging zu schnell vorbei. Die Zeit des Bedenkens hatte begonnen, als ich neben ihm lag und er ein Foto von dem Stuck an der Zimmerdecke machte. Der Moment, als die Kamera leise klickte, da war es, als ich begriff, dass ich es festhalten will. Es war auch der Moment, in dem ich begriff, dass das nicht geht. Weil ich es nicht versuchen konnte, weil ich so müde war, wie ich immer noch müde bin. Müde des wochenlangen Hin und Hers, des Sehens und Nichtsehens, des Redens zwischen den Zeilen und der Stille der Buchstaben. Müde des Begehrens und Vermissens, müde des Selbstschutzes und müde des Aufgebens. Und ich bin müde des Gestehens. Dieses Sitzens in einem Café, einer Bar, es ist gleich, müde des ich muss dir etwas sagen, müde des Herzinfarkts vor der Reaktion. Egal wie sie ist, es ist immer ein kleiner Herzinfarkt. Und egal, wie schön danach alles sein mag, es gibt immer etwas, das stirbt. Und sei es nur ein Leben als Single.

Ich kann ihn nicht wiedersehen. Nicht jetzt. Er hat mich zerbrechlich gemacht, und ich habe seitdem viel investiert. Stets trage ich ein Fernglas bei mir, um ihm schon von Weitem ausweichen zu können. Ich kleide mich in Luftpolsterfolie, umwickle mich mit Klebeband, darauf steht FRAGILE, und nur das Klebeband weiß, wie ich darunter wirklich bin. Manchmal hatte ich gehofft. Die Hoffnung sagte, er würde alles bemerken, die Anzeichen verstehen: Dass ich auf Nachrichten nur spät antwortete, wortkarger war, Treffen leichtfertig absagte, um ihm nicht zu begegnen. Ich nannte das Selbstschutz, und ich hoffte, er würde es bemerken. Natürlich merkte er es nicht. Der Selbstschutz war wie unsere Hände, deren Bekanntschaft niemandem auffällt. Weil niemand anderes weiß, wie fremd sie sich einmal waren.

Ich betrachte kurz die leere Kaffeetasse. Dann esse ich den Keks und er verklebt meinen Mund mit Schokolade. Der Reißverschluss meiner Jacke klemmt, ich packe mein Buch ein, wünsche dem Mann hinter dem Tresen einen schönen Abend, öffne die Tür, gehe die drei Stufen auf die Straße hinunter, laufe zur Ampel und warte.

Auf der anderen Seite steht er.

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Rehe

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Ich zünde noch ein Streichholz an, denn ich will sehn, wie es verbrennt, ich will die Straße runtergehn und dann nur einmal noch so tun, als wüsste ich, wie alles geht. Als könnte ich lachen, an den richtigen Stellen, als könnte ich fragen, nach den wichtigen Sachen, als wüsste ich die Antworten auf die Fragen, die so sehr brennen, dass sie Dörfer zerstören und Städte zu Asche machen und Menschen zu Ruinen. Ich will dich sehen und so tun, als wäre es nicht die falsche Zeit für warme Jacken und lange Kleider und für Herbstblätter, die vom Baum fallen und in deinen Haaren landen und als ginge das alles, wenn wir nur weitermachten wie bisher, wenn wir nur andere Kleider trügen, weil es doch so warm ist, und wenn wir nur immer die selben Masken aufsetzten, um einander unsere Gesichter nicht zu zeigen. Ich will so tun, als müssten wir uns nicht stören lassen von den Kleinkriegen und Kampfpreisen, von den Geiern, die über Köpfen kreisen, von der Jahrmarktmusik überall und unserer Unfähigkeit, über Wasser zu laufen.

Wo ich auch bin, immer gehst du neben mir und bleibst an Straßenschildern stehen, du legst den Kopf in den Nacken, all dein Staunen sammelt sich in deinen Augen, sie glänzen, du lächelst, deutest nach oben, ich sehe dir nach, bis dahin, wo das Schild endet und der Himmel beginnt und bis zu der Zeit, wo du weitergehst. Wir gehen nebeneinander, ohne dass einer den anderen überholt, weil du deine Schritte kürzer machst als sonst und ich etwas schneller gehe, als ich gehe, wenn ich alleine bin, es ist kein Kompromiss, es ist die einzige Möglichkeit, die wir haben, um nicht stehenzubleiben.

Wir gehen in den Park, da ist ein Rehkitz zur Welt gekommen, ich mag es, du auch, nur noch ein Jahr, und es wird aussehen wie all die anderen Rehe. Es ist Jahre her, dass ich das erste Mal bei den Rehen war. Sie sind wie Menschen, wenn man sich geschickt vor ihnen tarnt, kann man überall sein, wo man sein will, und man wird niemals gesehen. Das Haus verlasse ich nur noch, wenn ich meine Tarnjacke trage, Schuhe mit leisen Sohlen und schwarze Handschuhe. Niemand hört es, wenn ich mich anschleiche, ich muss nur still stehenbleiben und keiner weiß mehr, dass ich da bin, und niemand bemerkt es, wenn ich gehe. Was ich auch berühre, nirgends bleibt eine Spur von mir.

Das alles erzähle ich dir, während du den Vögeln hinterhersiehst, die aus dem Süden zurückkommen, irgendwann ist mein Satz zu Ende und ich auch, du siehst immer noch in den Himmel, obwohl die Vögel längst verschwunden sind, dann sagst du nichts, kletterst auf einen Baum, setzt dich auf einen Ast. Dann startet irgendwo ein Flugzeug, ich habe keine Streichhölzer mehr, du hängst du kopfüber vom Baum. Ich habe doch noch nie über Fledermäuse nachgedacht.

Und nachts, wenn ich nicht schlafen kann, dann liegst du mit mir wach. Und erzählst mir das Blaue vom Himmel.

 

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Was Morgen ist

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01 Uhr 45. Ich sitze auf einem Barhocker, einen meiner Füße auf dem Boden, den anderen in der Luft, und drehe ein Weinglas zwischen meinen Händen. Am anderen Ende der Bar sitzt ein Endzwanziger Anfangdreißiger, sein einziges Interesse gilt den Erdnüssen vor ihm auf der Theke und in seinen Mundwinkeln kleben Nusskrümel. Am kleinsten Tisch im Raum sitzen die Freunde, mit denen ich hier bin, sie spielen ein Trinkspiel, ich habe das Spiel nur mäßig verstanden, aber ich glaube, es geht darum, wer als erster so mutig ist, dass er das schönste Mädchen in dieser Kneipe anspricht. Das Mädchen, um das es geht, ist in der Mitte des Raums. Sie tanzt, ihre dunklen Haare fliegen, sie lacht, um sie herum hat sich ein Kreis aus Bewunderern gebildet. Auf einem Foto an der Wand steht “ich wünschte ich liebte dich“, auf dem grünen Cordsofa in der Ecke knutscht ein Pärchen.

Manchmal geht die Tür auf, jemand kommt rein oder jemand torkelt nach draußen, und für einen winzigen Moment flackern alle Teelichter. Jemand legt den Arm um mich und drängt sich vorbei. Neben mir steht ein Fünfzigjähriger in einem “Elvis lebt!”-Shirt und bestellt Bailey’s. Er trägt Vollbart und Verachtung in seinem Blick, brummt  “früher war mehr Ruhe“, jedenfalls ist es das, was Lippenlesen unter seinem Bart hergibt, dann fragt er, ob ich mittrinke. Ich trinke keinen Mädchenkram, deute auf den Wein, er schreit “früher war mehr Rock’n'Roll!”, diesmal verstehe ich ihn wirklich, dann ist er weg. Jemand zieht an meinem Shirt, ich  drehe mich um. Jemand möchte mir die Relativitätstheorie erklären. Mädchn, Jemand ist sehr betrunken, Määäädchn, ick sach dir itz ma wat. Dit is nämlich so. Relativitätstheorie is, wenn ick dir sage, und, wie war ick, und du sachst, wat war denn, und dann sach ick, wir sprechen uns in drei Stunden nochma, dann weißte, wat ick meine. Ich lasse Jemand stehen, “stehen”, ein Euphemismus, und gehe aufs Klo. Und mit “aufs Klo gehen” meine ich “im Treppenhaus an die Wand lehnen und aufs Telefon schauen”. Es ist 02 Uhr 18.

Und da ist eine Nachricht von dir. Ob ich noch wach sei, und du seist noch mit Freunden unterwegs. Ich bin noch viel zu wach, und bin in dieser Bar, aber vielleicht nicht mehr lange. Die Schuhe der Mädchen klackern auf den Treppenstufen. Vor dem Klo hat sich eine Schlange gebildet. Die Spülung rauscht, der Wasserhahn, die Tür geht auf, ein Mädchen in einem kurzen Kleid zieht vor dem Spiegel ihren Kajal nach. Ich gehe zurück, die Luft ist voller Rauch, es stinkt nach umgefallenem Bier. An meinem Weinglas klebt Lippenstift, ich trage niemals Lippenstift, trinke den letzten Schluck, lese deine neue Nachricht und fasse es nicht. Du bist in der Bar nebenan.

Ich glaube nicht ans Schicksal, ich glaube an den Zufall. Nur glaubt der Zufall meist nicht an mich. Du fragst, ob ich dich sehen will, draußen, jetzt. Ich schalte das Telefon aus. Meine Freunde sind immer noch in ihr Trinkspiel vertieft, das Mädchen lehnt jetzt knutschend in einer Ecke, sie knutscht mit keinem von ihnen, sie scheinen ihren Plan geändert zu haben, jedenfalls hoffe ich das für sie. Ich drücke mich zwischen Rücken und Gläsern zum Ausgang, ziehe die Jacke an und die Tür hinter mir zu.

02 Uhr 30. Viellleicht ist das die Zeit, zu der diese Stadt am ehrlichsten ist. Wenn ein warmes Straßenlaternenlicht über allem ist, ein Autoscheinwerfer und manchmal ein Mond. Wenn in den Straßen nur Stille liegt, vor den Bars leere Bierflaschen, in den Rasenflächen leere Pizzaschachteln, hinter den Hausecken Dönergeruch. Vielleicht ist das auch die Zeit, in der diese Stadt ihrer Wahrheit am nächsten ist. Wenn alles den Atem anhält. Und wartet. Wartet, dass etwas Großes passiert. In diesen Nächten, die doch so sind wie immer. Denen noch der Charme des Sommers fehlt. Ein kalter Wind hängt in der Straße, es wird Regen geben, der Bäcker gegenüber hat noch nicht auf, am Nachbarhaus hängt ein Kaugummiautomat. Und da lehnst du an der Wand.

Du umarmst mich. Auf der Straße ist niemand außer uns, ich küsse deinen Hals. Diese Richtung? fragst du und deutest die Straße hinunter. Ich nicke, wir laufen zur Bahn. Wir gehen übers Kopfsteinpflaster, ich zähle die Steine, du die Autos am Ende der Straße. Die Bahn ist schon da, als wir ankommen, die letzten Meter rennen wir, als wir Luft holen, schließen sich die Türen. Ich mag dich, wenn du lachst.

Im Waggon mehr Flaschen als Menschen, ein Mädchen schläft an einen Jungen gelehnt, zwei Männer steigen ein und singen Yesterday. Ich habe einen Kloß im Hals und ich möchte nicht, dass er weggeht. Bei der vorletzten Station bremst die Bahn abrupt und wirft mich gegen dich, du hältst mich fest.

03 Uhr 15. An der letzten Station steigen wir aus und gehen schweigend nach Hause. In einem Hauseingang sitzen drei Jungs und trinken abwechselnd aus einer Vodkaflasche, ein Hund streunt durchs Gebüsch und jemand wirft eine Tüte in einen Altkleidercontainer. Wir lassen das Licht im Treppenhaus aus und du zündest eine Kerze im Wohnzimmer an. Romantik ist nur dann kitschig, wenn man nicht dabei war. Wein? Du nickst, ich gehe in die Küche und suche die Gläser. Als ich zurückkomme, sitzt du am Klavier, ich bleibe leise und im Türrahmen stehen und kenne die Melodie nicht. Du bist ganz versunken, summst eine Zeile lang mit, plötzlich hörst du auf, du drehst dich um, siehst mich an. Und fragst nicht nach heute Nacht. Du fragst nur nach dem Morgen.

Morgen ist, wenn der Regen von letzter Nacht in der Luft hängt. Morgen ist ein leises Flattern von Vorhängen im Wind. Morgen ist noch schlafen und wissen, dass die Hand auf meiner Schulter dir gehört. Morgen ist meine Nase in deinem Nacken vergraben. Morgen ist ein verschlafenes Lächeln, Morgen ist ein leises Blinzeln. Morgen ist eine Strähne aus dem Gesicht streichen. Morgen ist dich immer noch mögen. Und Morgen ist ein Flüstern: Lass die Augen zu. Und küss mich.

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