Formlos und frei: Sommer 2011.

Fünftausendzweihundert Kilometer. Berlin – Dresden – Berlin – Köln – Duisburg – Berlin – Hamburg – Ostsee – Berlin – Düsseldorf – Köln – Duisburg – Berlin – Sczecin – Berlin – Stuttgart – Berlin.

Sitzen: Irgendwo auf dem Boden. Vor Polizeiwachen. Vor Bahnhöfen. Auf Bierbänken. Auf Parkwiesen. Auf Bäumen. An Stränden. Auf Mauern. Im Dom, kurz nach sieben Uhr morgens.  Liegen: Irgendwo auf dem Boden. Auf Grünflächen. Auf Hotelbetten. Unter Bäumen. An Seen. An Meeren. In den Dünen. Unter Himmeln. Reden: Über Baumarten. Über Wörter. Sehen: Wilde Stadtkaninchen, Rehe, Marienkäfer, Flughunde mit goldenen Locken. Nicht machen: Koffeinsucht kultivieren. Von Starbucks-Mitarbeitern anflirten lassen. Bienenstiche haben. Machen: Seifenblasen. Kitschsachen. Kitschfotos. Händchenhalten. Für jemanden eine Kerze anzünden. Ein Rad schlagen im Park. Auf Grashalmen pfeifen. Auf alles pfeifen. Mal alles von ganz weit oben betrachten. Runterschalten. Durchmachen. Abschalten. Durch Regen laufen. Strandspaziergänge. Kirschen essen. Kirschflecken auf Hosen haben. Knutschen. Kopfhörer aufsetzen und leise singend durch eine fremde Stadt laufen. Schaukeln. Herzen suchen. Fremde finden. Freunde finden. Freunde behalten.

Irgendwann begreifen, dass man sich irgendwie überall zurechtfindet. Und das Gefühl mitnehmen, dass man überall zurechtkommt.

Und in den besten Momenten: einfach kein Foto machen.

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Fünftausendzweihundert Kilometer in 24 Stunden.

                                     

Du gehst mit festem Schritt und immer all’n voran, du wirst getragen von der Hoffnung niemals anzukommn. Du kennst nur grob die Richtung, der Weg ist dir egal, wenn es zu lange dauert, gehst du ihn ein zweites Mal. Doch denen die mit reinem Herzen geh’n, ist nichts in der Lage jemals mehr im Weg zu stehn. (Torsun – Formlos und frei)

Ich glaube, jeder Mensch kann in jedem Jahr nur eine bestimmte Anzahl von Bahnhofsabschiedsszenen ertragen. Ich kann das nicht mehr, dieses Jahr.

Danke.

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Zwei Zentimeter

Wissen ist ein flüchtiger Klebstoff.

Ich hatte ein neues Bild gemalt. Es wurde erste Bild, das ich unten rechts signierte, ich stellte es bei einer Online-Auktion ein. Er war Bieter Nummer 7, er bekam den Zuschlag und ich mehr Geld als gedacht. Ich machte noch ein Foto davon, schlug es vorsichtig in Papier ein, brachte es zur Post, versicherter Versand, erhielt eine automatische Empfangsbestätigung.

Vier Wochen später in meinem Postfach: eine vorsichtige Nachricht, die sich liest wie ein leises Anklopfen an einer Tür, von der man nicht weiß, was sich dahinter verbirgt. Er fragt, ob er mir schreiben dürfe. Ich weiß nicht, was ich antworten soll und sehe mir an, was er bisher so alles ersteigert hat. Klamotten, Platten, Flohmarktkram. Ich antworte: Ja. Als ich am Abend darauf nach Hause komme, wieder eine neue Nachricht von ihm.
Darf ich Dir erzählen, was mir durch den Kopf geht, wenn ich das Bild sehe? Warum ich es unbedingt haben musste?
Ich will ihm seinen Spaß nicht verderben, tippe wieder ein kurzes Ja und klicke die Nachricht weg. Ich will das alles doch gar nicht wissen, ich bin gerade ausreichend beschäftigt damit, die Scherben meiner letzten Beziehung zusammenzukehren. Wochenlang höre ich nichts mehr von ihm. Dann eine neue Nachricht. Diesmal mehrere Seiten lang. Er schreibt von dem Bild, von erfüllten Wünschen, von Ideen, die er abgehakt hat, und von durchkreuzten Plänen. Von Hunger, Sehnsüchten. Von Farben, von Hass, Wut, Trauer, viel Gefühl. Mit erbarmungsloser Offenheit.

Erst lese ich widerwillig, dann kann ich nicht mehr aufhören, wie bei einem Buch, das man erst liest, weil man es muss, und das einen plötzlich packt. Die Nachricht lässt mich fassungslos zurück. Aber antworten kann ich ihm nicht. Drei Wochen lang bin ich danach damit beschäftigt, mein Leben neu zu ordnen. Dann beschließe ich, Continue…

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Das verlorene Ich

Eines Morgens erwachte ich und war mir über Nacht abhanden gekommen.

Nun verliert man sich selbst aber nicht einfach wie einen Zettel, den man in einer Wohnung verlegt, wie eine Münze, die durch ein Loch in einer Tasche verschwindet, oder wie eine gesunde Gesichtsfarbe, die unter zu viel Monitoreinstrahlung einem fahlen Grau weicht. Man verliert sich auch nicht wie eine Ringelsocke, die von der Waschmaschine verschluckt wird, oder wie ein Feuerzeug, das nach einem Abend in einer Bar verschwunden ist. Eigentlich sollte man sich überhaupt nicht verlieren! Leichte Panik machte sich in mir breit. Ich ertastete meinen Körper. Meine Augen, meine Nase, mein Mund, Arme, Beine, Füße, alles war noch an seinem Platz. Sogar mein Bauchnabel befand sich noch an der selben Stelle wie vor dem Einschlafen. Ich stand auf und ging ins Badezimmer. Mein Spiegelbild sah dem von gestern noch sehr ähnlich, auch wenn meine Haare verwuschelt in alle Richtungen abstanden und mein Blick keine Bände, aber von zu wenig Schlaf sprach.

Ich ging durch die Wohnung und sah in alle Räume. In der Küche lag noch immer ein Stapel benutzten Geschirrs im Spülbecken, im Büro die selben Papierberge wie gestern, sie ruhten seit Monaten in Frieden, auch meine Schuhe waren noch da und im Schlafzimmer lagen meine Bücher und meine Filmsammlung neben meinem Bett. Es war alles wie immer. Doch ich fehlte. Und ich war nirgends zu sehen. Die Panik in mir wuchs.

Gegen meine Panik tat ich, was ich immer tat, wenn ich mich beruhigen musste: Continue…

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liebe, geographisch oder: wäre deine haut eine landkarte, wollte ich

deine grenzen höhen täler
küstenwind und alpenglühn
mittagshitze nebelnachtblau
stille wellentodezähler
frühling heidebodengrün
winter großstadtfelsengrau

unsre staatsform lippenbogen
unsre sprache gänsehaut
währungseinheit augenblick
dir, könig, maßlos ich gewogen
fingerspitzennah vertraut
von dir gibt es kein zurück

schlafen, küstenwind im nacken
morgens wimpern voller sand
schwarz von deines feuers rauch
glänzen meiner krone zacken
schnee und tau in meiner hand
tannennadeln auf dem bauch

und ein schiff wir uns dann falten
einmal noch vom mondlicht trinken
taschen voll von unserm geld
hamburg, hafen, hände halten
um gemeinsam zu versinken
in der ausmessung der welt.

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bleib.

nur so lange wie es dauert
einen einwortblick zu werfen
deine sinne anzuschärfen
eine zigarettenlänge

bleib.
für eine tasse tee kaffee
für ein glas whiskey oder wein
lass uns nur zusammen sein
für einen schluck wir einen see

bleib.
für ein lied dreisechsunddreißig
einen tanz die augen zu
ein wir sein für ein flüstern du
machst mich an gleich beiss ich

bleib.
für toastscheibenbräunungszeit
und um noch einmal kalt zu duschen
vom bad ins bett zurückzuhuschen
nur bis dann dein duft verfliegt

bleib.
für einen hauch von schulterkuss
ein streicheln über deine lider
wenn du dann noch gehen musst
.
.
komm wieder.

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In eigener Sache: Mögen Sie’s hier?

Vom Dichten und Denken kann man nicht leben, sagten die Leute. Aber dies war doch einst das Land der Dichter und Denker, erwiderte ich, da sagten sie nichts mehr. Jedenfalls arbeite ich jetzt daran, ein wenig Dichter zu werden. Ich finde, Sie sollten das wissen.

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Warum ich seit einem Jahr bei Flattr bin und es auf meiner eigenen Seite keinen Flattr-Button gab? Sagen Sie’s nicht weiter, aber: Ich hab’ mich nicht getraut. (Wirklich.) Jedenfalls – jetzt gibt es einen. Zu finden auf jeder Textseite und in der rechten Seitenleiste, quasi als Button fürs Gesamtkunstwerk.

In dieser Seite und den Texten hier stecken viel Zeit, Leidenschaft und eine Tonne Herzblut. Wenn es Ihnen gefällt und Sie das mit einer Spende unterstützen möchten – freu ich mich.

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Und Frida sagt, es wachsen keine Träume mehr

Ich stelle mich auf die Zehenspitzen und sehe in den Spiegel. Ich sehe mir in die Augen wie einem Fremden, der mir gegenübersteht. Lege meine Hand auf meine Wange, sehe  die Finger und spüre doch — nichts. Ich beuge mich nach vorne und zähle die Haare meiner Augenbrauen, die dunklen Wimpern, die Falten unter meinen Augen, die Grübchen in meinen Wangen. Es sind zwei. Ich muss an Frida denken. Frida sagt die Guten kennen die Anzahl deiner Grübchen. Sie hat genau 3. In ihrer rechten Wange. Ein großes, und zwei winzig kleine. Ich weiß das. Ich mag sie so, wenn sie lacht.

Draußen geht eine Tür auf, leise knarrend, doch sie lässt einen kurzen Windstoß herein, kleine Füße nähern sich, ich sehe immer noch in den Spiegel und sehe sie im Türrahmen stehen. Ihren kleinen Körper, die verwuschelten blonden Haare. Kommst du nach draußen?, fragt sie. Ich nicke gleich, geh ruhig schon vor. Sie dreht sich um, ich höre sie in den Garten hüpfen und sehe noch einmal in den Spiegel. Es ist ein heißer Frühsommertag, auf meiner Stirn sammelt sich Schweiß, ich habe eine neue Sommersprosse zwei Fingerbreit neben meiner Nase. Ich versuche, sie zu ertasten, sie ist zu fein, meine Hände zu groß, ich streiche mir über den Bart, rasieren, ja, höre von draußen Fridas wo bleibst du denn?, wende mich ab und gehe nach draußen.

Auf der Wiese im Garten liegt eine große rote Decke, darauf hat sie zwei Teller gestellt und den Kuchen, den wir gestern gebacken haben. Es ist ein Johannisbeerkuchen aus ihrem kleinen Backbuch. Wir haben reife rote Johannisbeeren von den Sträuchern hinten im Garten gepflückt, sie in dem großen alten Blechsieb gesammelt. Und eigentlich hat sie ganz alleine gebacken. Ich durfte die Beeren von den Stängeln zupfen, während sie den Teig für den Boden zerkrümelte und die Beeren auf dem Boden verteilte. Sie aß die Teigschüssel leer, während der Kuchen buk, ich durfte ein bisschen vom Teig probieren, und ich durfte den Kuchen zum Abkühlen aus dem heißen Backofen holen, als er fertig war. Ich hatte Angst, dass sie sich die Finger verbrennt.

Ich setze mich zu ihr auf die Decke, sie springt noch einmal auf, sagt, ich solle warten, sie läuft ins Haus, um ein Messer zu holen, ich bleibe sitzen und habe einen Kloß im Hals. Ich bin so stolz auf sie. Und ich staune, wie schön das alles ist. Der Kuchen, der neben mir steht, sieht großartig aus, die roten Beeren und der helle Teig, aus dem Zuckerkristalle glitzern, ein Grashüpfer hüpft über die Decke, keine einzige Wolke steht am ganzen Himmel, der Walnussbaum wirft einen Schatten über die Wiese und wenn ich nach oben sehe, hängen im Baum über uns schon winzige Quitten. Und über allem liegt eine große Stille. Und meine große Sprachlosigkeit.

Frida kommt zurück, sie hat eine Kuchenschaufel mitgebracht, seit sie Kuchenschaufel sagt, kann ich mir Tortenheber nicht mehr merken. Ich bewundere ihren Kuchen und wie schön sie das alles hier draußen gemacht hat, sie lacht und sagt das ist doch alles von alleine da, und gut, dass du so selten den Rasen mähst, siehst du die Schmetterlinge da drüben? Und ich hab vorhin erst einen leeren Kokon für meine Sammlung gefunden, und weißt du schon, wir haben ein neues Vogelnest im Apfelbaum.

Frida sagt, sie kann mit Tieren sprechen. Sie erzählt mir von den Amseln im Garten, von den Eidechsen, die sich auf den Steinen vor dem Haus sonnen. Und sie kennt die Geschichten der Regenwürmer, die sie fand, als sie im Herbst neue Erdbeeren pflanzte. Frida weiß all das, was ich nicht weiß, ihre Welt ist so viel größer als meine. Und alles, was mir bleibt, ist ein Staunen. Ein Bewundern. Alles, was ich noch kann, ist, Autofahren (das darf sie noch nicht), und ich kann ihr Lieder singen. Sie sagt immer, dass ich nicht singe, sondern brumme, dabei lacht sie immer und ruft noch eins, noch eins!. Wenn sie schlecht träumt und nachts ihre kleinen Füße über den Boden zu meinem Bett tapsen, erzähle ich ihr Geschichten. Und halte sie im Arm, bis sie wieder eingeschlafen ist. Manchmal auch, bis es längst wieder Morgen ist.

Manchmal sagt sie Dinge, die ich nicht verstehe. Früher habe ich manchmal nachgefragt, habe versucht, zu verstehen, was sie meint. Doch inzwischen habe ich begriffen, dass all die Fragen müßig sind. Dass das Fragen nur ein Versuch ist, die Dinge so kompliziert zu machen, dass sie in meine Welt passen. In ihrer Welt ist alles so einfach. In ihrer Welt ist alles so klar. Manchmal wünschte ich mir ein Stück ihrer Welt für meine eigene. Ein Stück von dieser Welt, in der manche Dinge keine Erklärung brauchen. Weil sie einfach — sind.

Frida sagt, wenn es regnet, dann singen die Pflanzen. Manchmal läuft sie dann mit nackten Füßen in den Garten und legt sich auf die Wiese, um zu lauschen. In warmen Sommern bleibt sie dort manchmal die ganze Nacht. Dann bleibe ich auf, setze mich auf die Bank an der Hauswand und bewache sie. Und wenn es am Morgen immer noch regnet, dann liegt sie da, in ihrem regennassen Kleid, immer ohne Schuhe. Und sie schläft. Dann setze ich mich neben sie und streiche ihr über den Kopf. Ihre Haare sind ganz nass. Und sie sieht so glücklich aus, wie sie da liegt. Wenn der Regen aufhört, hebe ich ihren Kopf an und lege einen Arm darunter, den zweiten unter ihre Beine, und trage sie ins Haus. Dort lege ich sie auf den großen Sessel, der ganz nah am Kamin steht, decke sie zu und zünde das Feuer im Ofen an, damit sie sich nicht erkältet. Und wenn sie aufwacht, koche ich ihr Kakao und sie erzählt mir, was sie nachts im Regen gehört hat.

Manchmal gehen wir in die Stadt, nur sie und ich. Sie geht nicht mehr an meiner Hand, sie sagt, sie ist groß, und große Mädchen laufen nicht an der Hand. Von niemandem. Sie steckt ihre linke Hand in meine rechte Hosentasche, dann schlängeln wir uns zwischen den Menschen hindurch. Wir kommen wir an einem Marktstand mit Werbung vorbei, ich will schnell weiter, in Gedanken bin ich schon in der Apotheke, beim Bäcker, im Käseladen, da fehlt plötzlich ihre Hand, ich drehe mich um. Und da steht sie. Zwischen den Mädchen vom Werbungs-Stand. Mit einem Glitzern in den Augen. Und einem Luftballon in ihrer Hand. Sie strahlt, sieht mich an, und nickt. Jetzt können wir gehen. Wir laufen weiter durch die Stadt, wir kaufen ein, was wir für die Woche brauchen, und immer sieht sie alles mit großen Augen an. Manchmal frage ich sie geht es dir denn gut, möchtest du etwas trinken, ist alles in Ordnung mit dir, immer schüttelt sie nur den Kopf, sieht weiter alles an und schweigt. Als wir zum Parkplatz kommen, legt sie ihren Luftballon in den Kofferraum. Dort hängt er an der Decke.

Im Auto auf der Fahrt zurück sieht sie stumm geradeaus. Auf der Hälfte der Strecke fragt sie Papa? Können wir anhalten? Ich muss dir etwas sagen. Ich fahre auf einen Feldweg. Der Kies knirscht unter dem Langsamerwerden der Reifen, erst jetzt merke ich, dass die ganze Zeit Musik an war. Die Felder sind schon ganz grün, der Regen hat ihnen gut getan, wer weiß, welche Lieder sie singen, hier draußen, wo sie keiner hört, denke ich, schalte den Motor ab und sehe Frida an. Sie hat sich abgeschnallt und öffnet die Türe, komm, ich zeig dir was. Am Rand des Feldes wächst Klatschmohn und auf dem einzigen Baum in all der Weite sitzt ein Falke. Weißt du, wo er wohnt?, fragt sie, ich weiß es nicht, aber ich glaube, er wohnt überall, wo es einen Himmel und einen Platz zum Landen gibt, sage ich. Dann möchte ich ein Falke sein. Sagt sie. Und läuft weiter. Wir gehen nebeneinander den Weg zwischen den Feldern entlang. Der Schatten, den sie wirft, ist so klein. So zerbrechlich. Manchmal habe ich Angst, diese Welt könnte ihr etwas anhaben, ihr wehtun, sie könnte an all dieser Gier, diesem Leid, diesem Schmerz um uns herum zerbrechen. An diesen Kriegen, von denen sie nichts weiß. Sie hat doch nur sich. Wer bin ich schon, sie beschützen zu wollen. Ich weiß nur, sie hat ihr Herz. Und dieses kleine  Herz ist groß. Und es ist verdammt gefährlich.

Vorsichtig läuft sie über die Steine, dann in der Mitte des Weges auf dem schmalen Streifen Grün. Die Gräser sind schon ganz lang, es war ein warmer Frühling. Sie streichen an meinen Beinen entlang. Der Wind streicht über die Felder, lässt die Kornblumen sich biegen, die Blätter des Baums zittern. Grillen zirpen, irgendwo zwitschern Vögel, Frida rennt los, ihre Haare und ihr rotes Kleid flattern im Wind. Wir sind auf einem kleinen Hügel angelangt, von dem aus man die Stadt sehen kann. Sie bleibt am Rand einer Wiese stehen und schaut hinunter, dann sieht sie mich mit ihren großen blauen Augen an. Sag … magst du die Stadt? Der Wind weht ihr eine blonde Strähne ins Gesicht, sie streicht sie zur Seite und wendet ihren Blick nicht von mir ab. Ich setze mich auf die Wiese und sehe ihr in die Augen. Ich weiß es nicht. Ich mag an der Stadt, dass wir dort einkaufen gehen können, dass es dort alles gibt, was wir brauchen. Aber ich bin immer froh, wenn wir wieder weg sind. Das ist so schwer zu sagen. Magst du denn die Stadt? Sie setzt sich neben mich und blickt auf das Einheitsgrau der Dächer unter uns. Ich weiß es nicht. Aber dort sind alle so schnell. Alle haben immer so viel zu tun. Es gibt so viele Menschen. Und immer laufen alle in die selbe Richtung. Ich glaube, ich mag die Stadt nicht. Dort wachsen keine Träume mehr.

Sie steht auf, nimmt meine Hand, wir gehen schweigend zurück zum Auto und fahren nach Hause. Zuhause isst sie noch ein Stück Brot mit Quittengelee vom letzten Jahr. Sie putzt sich die Zähne, ich bringe sie ins Bett, zeige ihr den Mond, der über ihrem Fenster scheint, und kurz darauf schläft sie ein. Ich gehe ins Wohnzimmer, trinke ein Glas Wein, blättere ziellos in einem Buch und gehe noch einmal in ihr Zimmer, um nach ihr zu sehen.

An der Decke ihres Zimmers hängt ein Luftballon. Er hängt an einen Faden. Den Faden hat sie mit einer Schleife um ihr Handgelenk gebunden.

Damals sagten die Ärzte sie wird höchstens fünf. Heute wird sie 11.
Ich flüstere leise: Herzlichen Glückwunsch, Frida.

(Jagsttal, Anhöhe, 1998)

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Worauf wir warten

Auf Tauwetter. Auf den Frühling. Auf die Spargelsaison. Auf den Sommer. Auf den Sommerschlussverkauf. Auf den Papst. Auf Godot. Auf Weihnachten. Auf das Paket. Auf das Essen. Auf den Kaffee. Auf die Prüfungsergebnisse. Auf den Studienplatz. Auf den neuen Job. Auf den Arbeitsvertrag. Auf den Benutzerprofildienst. Auf das Netzwerk. Auf die Mittagspause. Auf den Feierabend. Auf den Urlaub. Auf Freitag. Auf das Essen. Auf den Backofen. Auf den Spielfilm. Auf das Ende der Werbung. Auf den Neuanfang. Auf das Ende. Auf eine Nachricht. Auf einen Brief. Auf einen Anruf. Auf ein Lächeln. Auf ein Zeichen. Auf eine Antwort. Aufs Wochenende. Auf jemanden. Auf niemanden. Auf die Ferien. Auf die neue Platte. Auf das Baby. Auf Mozart. Auf Schnee in Havanna. Auf den Zug. Auf den Bus. Auf das Taxi. Auf den Flieger. Auf die letzte Bahn nach Hause. Auf den Sonnenaufgang. Auf besseres Wetter. Auf ein Freizeichen. Auf den Weltfrieden. Auf den neuen Morgen. Auf den Regen. Auf grün. Auf das Taxi. Auf das erste Date. Auf Mr. Right. Auf die Frau fürs Leben. Auf den Fluss. Auf das Meer. Auf Heilung. Auf den Anfang der Nacht. Auf den Morgen. Auf ein Wunder. Auf den Weltuntergang. Auf eine Umarmung. Auf die große Liebe. Auf den ersten Kuss. Auf etwas Wahrhaftiges. Auf Verständnis. Auf ein Einhorn. Auf das Mädchen. Auf einen Helden. Auf jemanden, der uns rettet. Auf ein Herz. Auf die anderen. Auf etwas anderes. Auf etwas für die Ewigkeit. Auf das Glück. Auf das große Leben. Alle auf das selbe. Auf gar nichts mehr.

Auf dich.

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Und was haben Sie auf dem Zettel?

Es gibt da ein Spiel: Jemand schreibt einen Satz auf einen Zettel, knickt den Satz weg, der nächste schreibt daran weiter. Das spielt man endlos oder bis der Zettel voll ist, irgendwann wird aufgelöst und alles ergibt einen Sinn. Oder auch nicht.

Ein sehr später Abend, vier Männer (Lumpensammler, MannvomBalkon, meiapopeia, randalez) und eine Frau in einer Kneipe. Fünf Poeten, Bier und Wein, ein Kugelschreiber, ein Notizblock und die Frage: Sinkt mit steigendem Alkoholpegel die lyrische Qualität?

Lesen Sie selbst:

 

Kneipe I

Ich ess’ Blumen stets mit Stil
sprach der Stein, bevor er fiel,
aber ach – es hat geschmeckt
und dann bin ich dran verreckt,
weil man ja auch niemals weiß:
warum riecht’s nach kaltem Schweiß
wie Gitarren und Zitronen,
huch, das waren doch Ikonen!
Vielleicht kennen Sie’s ja auch?
Fühl doch mal an meinen Bauch.

 

Kneipe II

Damals auf dem Fahrrad, da haben wir gesessen,
ohne jemals Currywurst und Fischragout zu fressen
hab ich nichts, Bier ist noch da, was will ich mehr von diesem Leben?
Oh doch, es fällt mir ein, es ist der reine Saft der Reben!
Gerstensaft, was bitte ist das denn eigentlich für ein Wort?
Genau genommen auch egal, für dich beging’ ich einen Mord.
Es ist niemals zu spät, um ganz am Ende zu verstehn,
wann es zu spät ist, um zu früh nach Hause und zurück zu gehn,
in dem Moment, der mir das Blut in allen Adern frieren lässt
oh Scheiße, Mann, auch das noch – jetzt hab ich mir eingenässt.

 

Kneipe III

Man weiß ja nie ganz, was man noch glauben soll,
die Welt dreht sich weiter und ich mitttendrin,
mein Herz ist so leer und der Mond ist so voll,
jetzt gegen ‘ne Mauer oder wo will ich hin?
Die Hand in der Tasche zur Faust schon geballt,
das Leben verhöhnt mich doch an jedem Tag,
ich schrei’ in die Berge, ich schrei’ in den Wald,
ergeb’ mich doch allem, was noch kommen mag.

 

Kneipe IV

Neonlicht und Straßenlampen, schwarze Risse, blaue Türen,
die uns – wohin? – in die Zimmer mit den grauen Sofas führen,
nichts von dem, was du mir sagst, ergibt für mich noch einen Sinn,
denn ich bin doch ganz alleine, auch wenn wir zu zweit jetzt sind.
So gehe ich von hier nach dort und bin für alle Zeichen blind,
bin auf der Suche nach der Strecke, auf der wir geblieben sind.
Einstmals waren wir kurz glücklich, doch es hielt nicht lange an,
der, die, das und wer, wie, was, wieso, weshalb, warum und wann,
du begibst ohne Rettungsringe still und heimlich in den Malstrom,
wusst noch nicht, wie das denn klingt, deutsch ausgesprochen: alone,
doch im Fallrohr wächst das Gras, es blühen Dost und Mauerpfeffer,
und dann ziel ich und dann werf ich und dann schrei’ ich ganz laut: TREFFER!

 


(Danke, Jungs. Es war großartig.)

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Der Mann ist weg

Eines Tages, es war an einem der ersten lauen Frühlingstage Ende Februar, ging ich die Treppen zu meiner Wohnung hoch und er war einfach da. Er stand vor der Türe, mit einem Koffer und einem alten Strohhut in der Hand, nickte mir freundlich zu und ging mit in die Wohnung, ohne ein Wort zu sagen. Er legte den Hut auf die Garderobe, ging durch den Flur in mein Schlafzimmer, als kannte er den Weg, stellte den Koffer neben das Bett und dann ging er nicht mehr weg. Seit jenem Tag ist der Mann da.

Wenn ich morgens aufwache, ist es hell, die Sonne scheint durch die Fenster, der Tag hat sich auf dem Boden ausgebreitet. Der Mann schläft. Ich gehe duschen und koche Kaffee, die Kaffeemaschine und ich sind leise, wir dürfen ihn nicht wecken. Ich ziehe mich an, nehme den Kaffeebecher, lehne mich im Schlafzimmer an den Türrahmen, trinke den Kaffee und sehe zwischen den Kissen und Decken seinen Brustkorb, der sich unter der Decke hebt und senkt, und sein friedliches, schlafendes Gesicht. Manchmal wünschte ich, ein wenig von seiner Ruhe mitzunehmen, dann drehe ich mich leise um, stelle den Kaffeebecher ab, ziehe meine Schuhe an und sachte die Tür hinter mir zu.

Manchmal ruft er mich an, wenn er aufwacht, und sagt kleine Sachen. Wie es mir ginge, ob über mir die Sonne schiene, welche Musik ich hörte, und dass mein Kaffee immer noch viel zu stark sei. Er findet sich zurecht, er weiß das, und ich weiß das. Manchmal geht er spazieren und füttert die Hunde des Nachbarn, manchmal ruft er gegen Abend noch einmal an und sagt, ich solle zu einem U-Bahnhof am anderen Ende der Stadt kommen.

Er wartet nie auf mich. Er ist einfach immer da, wo ich bin.

Da sein. Ich habe nie verstanden, woran man das merkt. Dass jemand da ist. Dass jemand einen Platz hat im eigenen Leben. Als der Mann da ist, beginne ich zu verstehen, dass es nicht die großen Dinge sind, die sich ändern müssen. Weil es die Kleinigkeiten sind, die einem den Atem rauben. Die Kleinigkeiten, die so winzig sind, dass man sie alleine gar nicht allein bemerken kann. Für die es jemand anderen braucht, der sie einem zeigt.

Der Mann ist gut in Kleinigkeiten.

Manchmal ist sein da-Sein, dass ich nach Hause komme und der Briefkasten ist leer, das Bett gemacht, die Weingläser sind gespült, eine Erdbeere fehlt. Im Flur stehen seine Schuhe, auf dem Bett liegt sein Laptop, im Bad seine Zahnbürste, auf einem Stuhl sein Hemd, all seine Sachen, die immer noch so fremd sind, die machen, dass auf einmal alles mehr ist als sonst. Mehr als vorher, in der Zeit ohne ihn. Am Klavier sind die Noten umgeblättert, im Aschenbecher die Reste einer fremden Zigarettenmarke, im Bett eine Decke mehr. Manchmal ist es ein gelber Zettel auf dem Küchentisch, eine Nachricht zwischen seinem Gehen und meinem Heimkommen, ich sammle die Zettel in einer kleinen Kiste, damit ich sie nicht verliere. Manchmal ist sein da-Sein, dass ich nach Hause komme, ohne einen Schlüssel zu brauchen, dann lehnt er im Flur und nimmt mich in den Arm und ich vergesse alles andere auf dieser Welt.

Weil er so da ist.

Mein Leben fängt an, sich zu teilen in die Zeit vor dem Mann und die Zeit mit ihm. Ich hatte nie gedacht, dass das so einfach geht, dass man nicht mehr alleine, sondern zu zweit ist, und dass dann nichts und doch alles anders ist. Der Mann hat sein Leben mitgebracht und es an meines gelegt und alles ist gut, wie es ist. Und keiner von uns möchte fragen, wo das hinführen wird.

Ich zeige ihm die Häuser und die Leute, mein Gestern und mein Heute und die Straßen meiner Stadt. Die großen Regenpfützen, die grünen Parkwiesen, die grauen Hochhäuser, die schönsten Plätze für Sonnenuntergänge. Der Mann spricht nicht viel. Wenn er reden will, sieht er mir in die Augen und seine Blicke erzählen ohne Worte. Und wenn ich nachts nicht schlafen kann, legt er sich neben mich und erzählt mir die Geschichten, die nur die Reisenden kennen. Er streicht mir mit der Hand übers Haar, bis die Sorgen aus meinem Kopf fallen und sich in der Dunkelheit auflösen. Manchmal atmet er nur leise und wartet, bis mein Herz nicht mehr so schnell klopft.

So vergehen sie, die Tage, Nächte, Jahreszeiten. Sie haben uns nie um Erlaubnis fürs Vergehen gefragt, und schon ist ein Jahr vorüber, und die Zeit, die noch Zukunft war, als er vor meiner Tür stand, ist plötzlich Vergangenheit geworden.

Die Zeit hat die Blicke des Mannes verändert. Sie erzählen keine Geschichten mehr. Sie irren durch die Räume, sehen durch mich hindurch, an mir vorbei, kreisen um Ideen wie Punkte an der Wand und bleiben an seinem Koffer hängen. An dem Koffer, der immer noch an der selben Stelle im Flur steht, an der er ihn einst abstellte. Seine Blicke wandern, und er sagt es nicht laut. Doch ich habe verstanden. Und ich weiß, dass er gehen muss.

Er wird gehen, und ich werde ihn vergessen. So einfach ist das.

Eines Abends dann weiß ich, dass es der letzte Abend ist. An diesem Abend fühlt alles sich an wie ein kleines Ende. Meine Augen wollen jeden Moment greifen, alles festhalten, was doch verweht, meine Hände noch einmal alles fühlen, was am Ende doch vergeht. Als ich am Morgen erwache, ist der Mann noch da, er schläft, ich sehe nur seine Haarspitzen zwischen den Kissen, seinen Körper unter den Decken.

Als ich am Abend nach Hause komme, ist er verschwunden.

Sein Koffer ist weg, der Hut liegt nicht mehr auf der Garderobe, er steht nicht in der Küche, ist hinter keiner Tür versteckt. Nur kleine Spuren sind von ihm geblieben: Das Bett ist zerwühlt, daneben zwei Weingläser mit trockenen Weinspuren, der Abdruck seines Laptops auf dem Sessel. Die Zahnbürste ist weg, und in seinen Schuhen ist er aus dem Haus gegangen.

Ich gehe durch alle Räume wie auf der Suche nach einem Hinweis, den es nicht gibt, nach einem Wort, das nirgends steht. Ich öffne die Fenster und sehe hinaus, keine Bewegung draußen, nirgendwo ein Schatten auf dem Asphalt, nichts Bekanntes in der Luft, nur das Geräusch von Glas, das in Mülltonnen fällt, und das Lärmen eines Streits im Haus gegenüber. Dann öffnet sich quietschend unten im Hof eine Tür, ich sehe aufgeregt hinaus, und es ist nur der Hausmeister.

Ich hatte nie gedacht, dass das so einfach geht, dass man nicht mehr zu zweit, sondern allein ist, und dass dann nichts und doch alles anders ist. Es ist der Tag, an dem der Mann weg ist. Und der Tag, an dem meine Zeitrechnung wieder neu beginnt.

So gehen die Tage ins Land, und ich gehe nirgendwo mehr hin. Niemals schließe ich die Fenster, in der Hoffnung, dass alles, was von ihm noch blieb, eines Nachts endlich verschwinden möge. Wieder und wieder gehe ich durch die Zimmer, die so leer sind ohne ihn, und doch so voll sind von ihm. In allen Räumen klingt seine Musik nach, der Duft seines Haargels klebt in allen Türrahmen, sein Fingerabdruck bleibt auf seiner Kaffeetasse, egal, wie oft ich sie spüle. Ich lege mich ins Bett, das zu groß ist, und koche Kaffee, der zu viel und zu stark ist. Sehe Filme, die alleine nicht zu ertragen sind, lese die Geschichten, die ohne seine Stimme im leeren Raum verhallen. Ich lege mich hin, kann nicht schlafen, stehe auf, laufe im Kreis, versuche ein Lächeln für mein Spiegelbild, gehe die Treppen auf und ab, bis mein Herz rast, lehne mich an die Wohnungstür, vermesse die Länge der Wohnung in Schritten, Füßen, Armlängen. Ich trage die Erinnerung unter meiner Haut, die Nächte ohne Alleinsein an jeder Stelle in meinem Körper, sein Lachen auf meinen Händen, seine Geschichten in meinen Ohren. Ich übe das Vergessen. Und ich lerne das Scheitern. Er wird gehen. Und ich werde ihn vergessen. So einfach ist das — nicht.

Ich versuche eine Ablenkung, einen Strohhalm, der mich vielleicht aus meinem Versinken in der Einsamkeit rettet. Ich gehe in Bars, ertränke das Alleinsein in Alkohol, viel später an diesen Abenden lerne ich Männer kennen und gehe mit in ihre Wohnungen. Morgens sitze ich in U-Bahnen, in denen ich zurück nach Hause fahre, und trage einen Schmerz im linken Brustkorb, einen schalen Geschmack im Mund, eine pochende Frage im Kopf. Ich öffne meine Wohnungstür, er ist immer noch nicht gegangen, etwas von ihm ist immer noch geblieben, und immer noch finde ich auf dem Bett ein schwarzes Haar.

Ich ertrinke in diesem Bett, meine Konturen verlaufen, verschwimmen, verschwinden. Ich kann nur noch liegen und die Maserung der Tapete betrachten. Leise sein. Keine Musik hören. Keine Bewegung ertragen. Den Vögeln beim Vorbeifliegen zusehen. Eine Stechmücke töten. Einer Freude nachsehen, als sie am Horizont verschwindet. Einem Glück zum Abschied winken. Es dreht sich nicht um. Gedanken verschwimmen, bevor sie im Bewusstsein ankommen. Das letzte Gefühl hallt durch einen leeren Körper und brennt sich auf den Herzkammerwänden ein. Langsam sterben. Was uns nicht gleich umbringt, tötet auf Raten.

Wochen später wache ich auf. Die Spuren auf dem Dielenboden sagen, dass ich viel zu lange im Kreis lief. Ich habe keine Kraft mehr, keine Idee, wie es nun weitergeht. Ich weiß nur, dass die Wohnung viel zu klein ist für uns beide, zu klein für das, was von ihm blieb und für das, was von mir blieb. Ich muss raus aus dieser Stadt, muss dahin, wo er nie sein wird, einen anderen Schatten sehen als den seinen auf allen Wegen. Ich nehme ein paar Sachen aus dem Schrank, mein letztes Geld aus der Spardose, meine Reisetasche vom Dachboden. Ich öffne die Tasche, darin liegt ein kleiner gelber Zettel. Beschrieben in einer Handschrift, die ich kenne.

Reisende soll man aufhalten.

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Komm, stell dir vor, wir wärn am Meer

Komm, wir kaufen Dynamit und sprengen jedes dieser Zimmer, wir jagen alles in die Luft für einen Wind und einen Himmel. Lass alle Lampen Sonnen sein, den Straßenlärm ein Meeresrauschen, die Bäume Palmen nur zum Lauschen und unsre Kissen einen Strand. Komm, stell dir vor, du wärst am Meer für einen Tag und eine Nacht, für vierundzwanzig Stunden Meer mit mir. Komm, lass uns unsre Zeit neu teilen, potenzieren und dann runden, alle Sonnen-, Wolkenstunden, Zeit zum Gehen und Verweilen,  Flut und Ebbe, Tag und Nacht und Zeit, die uns so weit gebracht hat, dass wir sind, wovon wir träumen, Zeit, in der wir nichts versäumen, Zeit, die uns zu mehr gemacht hat.

Komm, leg dich neben mich und mach die Augen zu. Und stell dir vor, dies wäre unsere Zeit und dieser Tag wäre unser Tag. Es wäre ein Tag, an dem wir morgens aufwachten, und alles wäre einfach da. Da wäre ein großes Meer von Sonnenaufgang bis Sonnenaufgang, ein Himmel und eine Sonne, kleine weiße Wolken, ein Strand und ganz am Ende ein Horizont, und irgendwo in allem wir, der Sand unter unseren Füßen und die Fragen in unseren Augen.

Wir würden entlang der Wasserkante gehen, das Wasser würde um meine Beine tanzen. Du würdest kleine Quallen, rund geschliffene Glasstücke und blassgrüne Algen finden und fragen, wie Feuersteine aussehen, ich würde nach schwarzen Steinen mit kleinen weißen Flecken suchen und sie für dich sammeln. Wir würden eine Burg bauen, es wäre die hässlichste Burg am ganzen Strand, du würdest mit nassem Sand werfen und eine Kette aus Seegras flechten und über die Wellenbrecher springen, als könntest du auf Wasser laufen. Wir würden Steine finden, zu winzigen Sandkörnern geschliffen von der Zeit, die über ihnen verstrichen ist. Die Steine wären in unseren Büchern, in unseren Armkuhlen, in unseren Haaren, auf unseren Mündern. Schwimmen würden wir zwischen den Algen und am Grund nach Muscheln tauchen. Mit nassen Händen würden wir Sandkuchen backen und das Meer würde unser Lachen mit in die Tiefe nehmen. Dann würdest du zum Horizont zeigen und da wäre ein Dreimaster und kein Platz für irgendwas dazwischen. Zwischen uns, dem Himmel, und dem Meer.

Und staunen würden wir. Über die Menschen auf Handtüchern, die sich in jeder Stunde einmal drehen. Über die Kinder, die Möwen jagen, den Strand umgraben und kleine Baggergeräusche in die Weite schicken. Über die Wellen, die zerbrechen und ganz klein werden, bis sie sterben. Über die Schnelligkeit der Ameisen und die Langsamkeit des Seins.

Wir würden uns aus Büchern vorlesen und gegen die Brandung anflüstern, und wenn du fragst, wann wir nochmal schwimmen gehen, würde ich sagen in 7 Kirschen, einen der Kerne würden wir tief in den Sand pflanzen und gegen Nachmittag säßen wir im Schatten des großen Kirschbaums. Wir würden unsere Sachen an seine Zweige hängen, du würdest dich an seinen Stamm lehnen und da wäre immer ein wenig Kirschsaft in deinen Mundwinkeln.

Wenn wir müde wären, würden wir uns hinlegen, die Augen zumachen und ein Ohr auf den Sand legen, und wäre das Meer einen Augenblick lang still, dann könnte ich deinen Atem hören. Von der Wärme der Sonne würdest du einschlafen, da ließe ich Sand auf deinen Bauch fallen und malte ein Bild darauf und es wäre für immer da, so lange du nur weiterschliefest. Deine Taschen wären voller Steine, an deinen Wimpern klebte Sand und wenn du aufwachtest, schwämme in deinen Augen das Blau, gestohlen vom Himmel, geliehen vom Meer.

Wir würden nichts wollen, nichts hoffen, nichts fürchten. Wir würden sein und sehen, was passiert. Du wärst mein Schatten vor dem Wind, der Salzgeschmack in meinem Mund, das Wassereis, das in meinen Händen schmilzt, die Sonnencreme auf meiner Haut. Der Wind, der durch Dünengras streicht, die Idee von Bleiben in meinem Kopf, der Horizont vor meinen Augen. Mein Sonnensegel um die Mittagszeit, mein Strandfeuer und mein Mondlicht in der Nacht. Du wärst mein Boot auf dem offenen Meer. Und die Strömung, die mich mitnimmt.

Und frei wären wir. Nicht wie die Vögel, die immer nach Hause zurückkehren. Nicht wie der Wind, der in unseren Haaren hängenbleibt. Nicht wie die Schiffe, die den Hafen ansteuern. Wir wären frei wie nichts sonst auf dieser Welt. Wir wären frei wie alles.

Am  Abend würden wir Holz sammeln, weit gereiste und gestrandete Stücke vom Meer gewaschener Bäume, angeschwemmt, ausgebleicht, gestrandet wie wir. Du würdest die Steine aus deinen Taschen nehmen und ein Feuer machen und am Ende des Stegs säße ein Junge mit einer Gitarre. Und in allem wäre ein Lied.

Und wenn die Sonne ganz untergegangen wäre, würden wir ein letztes Mal zum Wasser gehen und nebeneinander am Ufer stehen. Dann käme ein Segelboot vorbei, mit rot und weiß gestreiften Segeln, und du würdest meine Hand nehmen, wir würden dastehen, nicht wartend, dass etwas geschieht, nicht hoffend, dass uns jemand mitnähme bis ans Ende der Welt. Wir würden nur dastehen und meine Hand wäre in deiner.

Ganz spät in der Nacht würden wir einschlafen in unserem Zelt am Strand, mit offenen Ohren, damit das Meer ganz laut bleibt in uns. Ich würde mich bei dir verstecken vor dem Küstenwind und der salzigen Kälte der Meernacht. Du würdest die Sonne aus meinem Haar wegatmen und das Salz von meinen Wimpern und mich zudecken mit der letzten Wärme des Tages. Und wenn die Nacht am dunkelsten wäre, würde im Flackern eines Leuchtturmlichts etwas in uns sterben, wie jede Sehnsucht stirbt, wenn sie erfüllt wird.

Am nächsten Morgen würde die Sonne aufgehen und wir müssten gehen. Nicht in unseren Taschen voller Erinnerungen und nicht in unserem Blick auf die Straße, – nirgends wäre Platz für einen Abschiedsschmerz. Da wäre nur Platz für einen Weg nach Irgendwo, wo kein Zuhause mehr ist. Weil zuhause da ist, wo das Wasser ist.

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