Ja. Oh ja.

(“Sagt ihm, daß er den Träumen seiner Jugend / Soll Achtung tragen, wenn er Mann sein wird!”)

(gefunden in: Kurt Tucholsky in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten (Klaus-Peter Schulz, 1970))

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Alle Farben dieser Welt. Eine Novembergeschichte.

Es war einmal in einem Wald nicht weit weg von hier im elften Monat des Jahres, und der kleine Fuchs lag vor seinem Bau und machte sich Gedanken. Manchmal sah er zwischen den Bäumen in seinem Wald nach oben und schüttelte den Kopf. Er machte sich noch mehr Gedanken, und als die Gedanken sehr viele waren, stand er auf, schüttelte sich, putzte sein Fell, und machte sich auf den Weg ins Innere des Waldes, denn dort, wo der Wald am dichtesten und dunkelsten war, wohnte der große, kluge Fuchs, der alles wusste.

Nach einem langen Weg durch den Wald kroch er durch ein letztes Dickicht, die Zweige unter seinen Pfoten knackten, kleine Dornen piekten in sein Fell, plötzlich war das Gebüsch zu Ende und er – war da.

Da sah er schon den großen Fuchs: er lag vor seinem Bau, die Augen geschlossen, und als er den kleinen Fuchs herantapsen hörte, hob er nur kurz eine Augenbraue. Und brummte mit seiner tiefen Stimme: ”Kleiner Fuchs, was führt dich zu mir?”  Continue…

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Fingerübung #1. Dienstag.

Die Tage und Wochen rauschen an mir vorbei wie ein Film, es ist ein guter Film, aber ich glaube, jemand spult die ganze Zeit vor, eines Tages werde ich zurückspulen und manche Szenen noch einmal ansehen müssen, wenigstens ist der Soundtrack gut. Das menschliche Gehirn kann maximal 24 Bilder pro Sekunde bewusst verarbeiten.  Continue…

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Ich werde da sein.

Ich werde da sein in Frühlingsluft und Sommerwind, in Herbststürmen und kaltem Nordwind im Winter. Ich werde da sein im Sonnenschein und im Schatten, im Nebel und im Morgenlicht. Ich werde da sein bei Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, am dunkelsten Tag und in der hellsten Nacht. Ich werde da sein Continue…

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Schreiben ist Selbstverteidigung.

Ich kaufe Blumen, um ihnen beim Sterben zuzusehen.

Die welken Blüten breite ich auf dem Boden in meiner Wohnung aus und lege mich zu ihnen. In den Zimmerecken liegt der Staub, an der Decke feine Spinnweben. Um die Mittagszeit geht die Sonne von einer Seite des Raumes auf die andere, malt eine leuchtende Spur auf den Boden.

Manchmal öffne ich die Fenster der Wohnung und höre die Vögel. Sie sagen kein Wort, doch ich weiß, sie fliegen davon. Manchmal gehe ich zwischen den Zimmern auf und ab, um das Knarren der Dielen zu hören.

Manchmal mache die Musik ganz laut und die Augen ganz zu.

Das Gute an Tagen ist, dass man schon um null Uhr sicher sein kann, dass sie in vierundzwanzig Stunden vorbei sein werden.
Und doch ist immer wieder alles anders, und alles ist jeden Tag neu. Wenn es früh am Morgen klingelt, stehe ich auf, öffne dem Tag die Tür und lasse ihn herein, ich gehe um ihn herum, betrachte ihn von allen Seiten. Ich ziehe ihn an wie fremde Kleidung und fremde Schuhe, ich sehe nicht in den Spiegel, denn ich weiß, auch dieser Tag steht mir nicht, ich verlasse die Wohnung. Und versuche, mich zu bewegen, in diesem Tag, der auf meiner Haut kratzt und von meinen Hüften gleitet. Ich binde ihn mit einem Gürtel an mir fest, damit ich ihn nicht verliere, ich versuche zu gehen in diesen Schuhen, die zu klein sind, ich stolpere, fange mich wieder, gehe weiter und tue so, als wäre nichts. Und ich tu so, als wär ich frei.  Continue…

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Aufgeben ist nichtmal die zweitbeste Lösung

Nimm die Dinge und schmeiß sie an die Wand. (Tomte)

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Einen Abgang ankündigen und dann doch nicht durchziehen ist ganz schön albern. Und sieht aus wie billiges fishing for compliments. Ja. Das ist doof. Denn so — so war das wirklich nicht gedacht.

Überhaupt lief so einiges anders als gedacht. Vor einigen Tagen schrieb ich einen Text, der erklären sollte, warum ich das Schreiben, und damit auch diese Seite, scheinbar von heute auf morgen hinschmeißen wollte. In dem Text kam sehr oft (sehr sehr oft) das Wort scheiße vor, deshalb habe ich ihn dann doch nicht veröffentlicht. Ich versuche das mit der Erklärung noch einmal, ohne Verwendung diverser Schimpfwörter (wenn ich eines in Berlin gelernt habe, dann Fluchen, oh ja).  Continue…

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Warum Deutschland viel zu groß ist. Eine wirklich wahre Geschichte.

Diese Geschichte beginnt vor vor langer, langer Zeit. Zu einer Zeit, als Deutschland ganz klein war. Das ganze Land war damals nur 18,895 Meter lang und 18,895 Meter breit, das ergibt eine Gesamtfläche von ungefähr 357 Quadratmetern. Das – war Deutschland. Zu jener Zeit war alles kleiner als heute, die Menschen, ihre Häuser, ihre Ponies, und abends saßen sie in ihren kleinen Häuser und lasen winzige Bücher.

Das ganze Land, all seine Bewohner und alle Autos (es gab schon Autos zu dieser Zeit) zusammen nur sehr wenig Platz brauchten, um glücklich zu sein. Genau genommen waren sie gerade so glücklich, weil alles so klein war. Denn das Gute daran war, dass alle nicht sehr weit auseinander wohnten. Jeder hatte beste Freunde, und alle besten Freunde wohnten immer direkt um die Ecke. So konnten sich alle sehr oft gegenseitig besuchen.

Das war sehr schön.

Abgesehen von seiner Größe war Deutschland ein ganz normales Land. Es gab dort Kühe und Schweine, kleine Bauernhöfe und Schulen, und viele kleine Läden, in denen all die kleinen Menschen Dinge zum Anziehen, zum Essen oder Bücher kaufen konnten. Die Menschen in Deutschland lasen sehr gerne Bücher. Und sie schrieben gerne.

Es gab auch Unternehmer in der Stadt. Der größte Unternehmer in Deutschland hieß zufällig Deutsche. Herr Deutsche war ein stets schlecht gelaunter Mensch. Und er erfand immer wieder neue Sachen. Die anderen Einwohner Deutschlands fanden, er sei ein Spinner, aber harmlos, also ließen sie ihn spinnen und kümmerten sich nicht weiter um ihn. Meist betrachteten sie seine neuen Erfindungen mit einer gewissen Neugier, die jedoch meist in Ablehnung umschlug. Denn alles, was Herr Deutsche erfand, war schlicht unnütz.

Herr Deutsche hatte zum Beispiel eine Infrastruktur für Deutschland erfunden. Es gab Bahngleise und Züge, die darauf fuhren, aber eigentlich fuhren die Züge nirgendwo hin, es war doch ohnehin alles, was man brauchte, und jeder, den man sehen wollte, zu Fuß in wenigen Minuten erreichbar. Also fuhren die Züge im Kreis einmal um Deutschland herum, Continue…

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Das Meer in dir

Du klapptest die Trittleiter auf, stelltest sie vors Regal und stiegst die beiden Stufen hoch. Es gibt nichts Schöneres, als Texte übers Meer zu lesen, sagtest du und strichst mit dem Zeigefinger die Rücken der Bücher im Regal entlang. Ich saß im großen grünen Ohrensessel, meine Beine über einer der Armlehnen, die Hände im Nacken verschränkt, und sah dir zu. Ab und an blieb dein Finger an einem der Buchrücken stehen, du zogst ein Buch heraus, schlugst es in der Mitte auf, blättertest einige Seiten durch, manchmal hieltest du kurz inne, um deine Brille zurechtzurücken, wenn sie wieder verrutscht war. Meist schütteltest du dann bald schon den Kopf und stelltest sie wieder zurück. Für einige wenige stiegst du von der Trittleiter herunter und legtest sie auf den Tisch, klettertest wieder hinauf, legtest deinen Kopf schräg und suchtest weiter. Als du den ersten Regalmeter durchgesehen hattest, stiegst du, vorsichtig hinter dich blickend, die beiden Stufen hinunter, versetztest die Leiter ein Stück und stiegst wieder hinauf, um weiterzusuchen.

Die große schwarze Wanduhr tickte. Nach einer Stunde warst du am Ende des Regals angelangt. Du setztest dich mir gegenüber auf das Sofa, ich sah dich immer noch an, während du die Bücher noch einmal durchblättertest und eines nach dem anderen verärgert auf die andere Seite des Sofas warfst. Es gibt niemanden mehr, der schöne Texte übers Meer schreibt, seufztest du, noch während das letzte Buch in die Ecke flog.

Weißt du noch, was ich dir damals sagte?  Continue…

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Formlos und frei: Sommer 2011.

Fünftausendzweihundert Kilometer. Berlin – Dresden – Berlin – Köln – Duisburg – Berlin – Hamburg – Ostsee – Berlin – Düsseldorf – Köln – Duisburg – Berlin – Sczecin – Berlin – Stuttgart – Berlin.

Sitzen: Irgendwo auf dem Boden. Vor Polizeiwachen. Vor Bahnhöfen. Auf Bierbänken. Auf Parkwiesen. Auf Bäumen. An Stränden. Auf Mauern. Im Dom, kurz nach sieben Uhr morgens.  Liegen: Irgendwo auf dem Boden. Auf Grünflächen. Auf Hotelbetten. Unter Bäumen. An Seen. An Meeren. In den Dünen. Unter Himmeln. Reden: Über Baumarten. Über Wörter. Sehen: Wilde Stadtkaninchen, Rehe, Marienkäfer, Flughunde mit goldenen Locken. Nicht machen: Koffeinsucht kultivieren. Von Starbucks-Mitarbeitern anflirten lassen. Bienenstiche haben. Machen: Seifenblasen. Kitschsachen. Kitschfotos. Händchenhalten. Für jemanden eine Kerze anzünden. Ein Rad schlagen im Park. Auf Grashalmen pfeifen. Auf alles pfeifen. Mal alles von ganz weit oben betrachten. Runterschalten. Durchmachen. Abschalten. Durch Regen laufen. Strandspaziergänge. Kirschen essen. Kirschflecken auf Hosen haben. Knutschen. Kopfhörer aufsetzen und leise singend durch eine fremde Stadt laufen. Schaukeln. Herzen suchen. Fremde finden. Freunde finden. Freunde behalten.

Irgendwann begreifen, dass man sich irgendwie überall zurechtfindet. Und das Gefühl mitnehmen, dass man überall zurechtkommt.

Und in den besten Momenten: einfach kein Foto machen.

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Fünftausendzweihundert Kilometer in 24 Stunden.

                                     

Du gehst mit festem Schritt und immer all’n voran, du wirst getragen von der Hoffnung niemals anzukommn. Du kennst nur grob die Richtung, der Weg ist dir egal, wenn es zu lange dauert, gehst du ihn ein zweites Mal. Doch denen die mit reinem Herzen geh’n, ist nichts in der Lage jemals mehr im Weg zu stehn. (Torsun – Formlos und frei)

Ich glaube, jeder Mensch kann in jedem Jahr nur eine bestimmte Anzahl von Bahnhofsabschiedsszenen ertragen. Ich kann das nicht mehr, dieses Jahr.

Danke.

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Zwei Zentimeter

Wissen ist ein flüchtiger Klebstoff.

Ich hatte ein neues Bild gemalt. Es wurde erste Bild, das ich unten rechts signierte, ich stellte es bei einer Online-Auktion ein. Er war Bieter Nummer 7, er bekam den Zuschlag und ich mehr Geld als gedacht. Ich machte noch ein Foto davon, schlug es vorsichtig in Papier ein, brachte es zur Post, versicherter Versand, erhielt eine automatische Empfangsbestätigung.

Vier Wochen später in meinem Postfach: eine vorsichtige Nachricht, die sich liest wie ein leises Anklopfen an einer Tür, von der man nicht weiß, was sich dahinter verbirgt. Er fragt, ob er mir schreiben dürfe. Ich weiß nicht, was ich antworten soll und sehe mir an, was er bisher so alles ersteigert hat. Klamotten, Platten, Flohmarktkram. Ich antworte: Ja. Als ich am Abend darauf nach Hause komme, wieder eine neue Nachricht von ihm.
Darf ich Dir erzählen, was mir durch den Kopf geht, wenn ich das Bild sehe? Warum ich es unbedingt haben musste?
Ich will ihm seinen Spaß nicht verderben, tippe wieder ein kurzes Ja und klicke die Nachricht weg. Ich will das alles doch gar nicht wissen, ich bin gerade ausreichend beschäftigt damit, die Scherben meiner letzten Beziehung zusammenzukehren. Wochenlang höre ich nichts mehr von ihm. Dann eine neue Nachricht. Diesmal mehrere Seiten lang. Er schreibt von dem Bild, von erfüllten Wünschen, von Ideen, die er abgehakt hat, und von durchkreuzten Plänen. Von Hunger, Sehnsüchten. Von Farben, von Hass, Wut, Trauer, viel Gefühl. Mit erbarmungsloser Offenheit.

Erst lese ich widerwillig, dann kann ich nicht mehr aufhören, wie bei einem Buch, das man erst liest, weil man es muss, und das einen plötzlich packt. Die Nachricht lässt mich fassungslos zurück. Aber antworten kann ich ihm nicht. Drei Wochen lang bin ich danach damit beschäftigt, mein Leben neu zu ordnen. Dann beschließe ich, Continue…

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Das verlorene Ich

Eines Morgens erwachte ich und war mir über Nacht abhanden gekommen.

Nun verliert man sich selbst aber nicht einfach wie einen Zettel, den man in einer Wohnung verlegt, wie eine Münze, die durch ein Loch in einer Tasche verschwindet, oder wie eine gesunde Gesichtsfarbe, die unter zu viel Monitoreinstrahlung einem fahlen Grau weicht. Man verliert sich auch nicht wie eine Ringelsocke, die von der Waschmaschine verschluckt wird, oder wie ein Feuerzeug, das nach einem Abend in einer Bar verschwunden ist. Eigentlich sollte man sich überhaupt nicht verlieren! Leichte Panik machte sich in mir breit. Ich ertastete meinen Körper. Meine Augen, meine Nase, mein Mund, Arme, Beine, Füße, alles war noch an seinem Platz. Sogar mein Bauchnabel befand sich noch an der selben Stelle wie vor dem Einschlafen. Ich stand auf und ging ins Badezimmer. Mein Spiegelbild sah dem von gestern noch sehr ähnlich, auch wenn meine Haare verwuschelt in alle Richtungen abstanden und mein Blick keine Bände, aber von zu wenig Schlaf sprach.

Ich ging durch die Wohnung und sah in alle Räume. In der Küche lag noch immer ein Stapel benutzten Geschirrs im Spülbecken, im Büro die selben Papierberge wie gestern, sie ruhten seit Monaten in Frieden, auch meine Schuhe waren noch da und im Schlafzimmer lagen meine Bücher und meine Filmsammlung neben meinem Bett. Es war alles wie immer. Doch ich fehlte. Und ich war nirgends zu sehen. Die Panik in mir wuchs.

Gegen meine Panik tat ich, was ich immer tat, wenn ich mich beruhigen musste: Continue…

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