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schoen aber selten. Sometimes I do.

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Zelten (Folge 5 / 6)

Dieser Text stammt aus der Reihe “Mein schönstes Ferienerlebnis” und trägt immer noch den Titel “Zelten”. – Zu Folge 1Folge 2Folge 3, Folge 4.

zelten, sardinien, 2013

Tag 5

Nach den Erlebnissen mit der Gasflasche habe ich Angst, wegen Unzurechnungsfähigkeit und Gemeingefährlichkeit in einem italienischen Gefängnis für immer eingesperrt zu werden und beschließe, der Gegend schnellstmöglich den Rücken zu kehren. Noch in der Morgendämmerung packe ich all meine Sachen zusammen und verlasse die Stadt. Ich stelle mich an eine Bushaltestelle und steige in den nächstbesten Bus ein, gehe geduckt zu einem Platz in der letzten Reihe (die italienischen Busse sind alle sehr niedrig) und wir fahren los. Ich schlage mein Buch auf und fange an zu lesen.

OOOOOOH WON’T YOU TAKE ME HOME TONIGHT.

Vor Schreck springe ich auf, und schlage mir den Kopf an der Busdecke an. Der Busfahrer hat das Radio voll aufgedreht, mir würde ja das Trommelfell aus den Ohren fliegen, wenn es sich entscheiden könnte, zu welchem von beiden Seiten es nun raus soll. Meinen Plan, zu lesen, kann ich vergessen, wir rasen über die Serpentinen, als wären wir in Alarm für Cobra 11 der Bus, in dem die Bombe versteckt ist, wir heizen durch ein Dorf, auf den Straßen springen die Leute vor uns zur Seite, mit einer Achse bleiben wir an einem Marktstand hängen, wir rasen weiter, plötzlich direkt vor uns eine Baustelle! Der Busfahrer macht eine Vollbremsung, durch den Bus fliegt eine Tüte Kirschen, die eine Touristin nicht richtig festgehalten hatte, die Kirschen zerplatzen an der Windschutzscheibe, Kirschsaft trieft in die Frontlüftung, der Busfahrer dreht das Radio lauter, Queen singen „WEEEE ARE THE CHAMPIONS, MY FRIEEEND!“, der Busfahrer steht auf, offenbar kann er so besser sehen, er wendet auf dem handtuchgroßen Dorfplatz, rammt kurz eine Hausecke und rast in die andere Richtung weiter. Ich kralle mich mit beiden Händen am Sitz fest und überlege, mein Testament zu machen. Leider fahren wir so schnell, dass ich nicht schreiben kann.

Als wir endlich in der nächsten Stadt ankommen, renne ich aus dem Bus und gehe SOFORT auf zwei Kilometer Sicherheitsabstand zur gefährlichsten Menschenvernichtungsmaschine seit Erfindung der Zombieapokalypse.

Tag 6

Ich wache auf. Mich juckt es am ganzen Körper. ich mache die Augen auf und starre FRONTAL ins zufrieden vollgefressen dreinblickende Gesicht einer Mücke. Ihr Bauch hängt ihr bis zum Boden und sie rülpst mir einmal laut ins Gesicht. Ihre Flügel beginnen zu flattern, sie hebt ab, beachtlich, dass sie bei diesem Körpergewicht überhaupt noch fliegen kann. Sie nimmt Anlauf und peilt mein Gesicht an. Ich springe auf, habe aber leider vergessen, dass ich noch im Schlafsack liege, bleibe mit den Beinen hängen, verheddere mich, rutsche aus und falle mit Schwung zurück auf den Boden. Als ich wieder hochschaue, hockt die Mücke wieder da. Und lacht mich hämisch aus. Jetzt reicht es. Endgültig. Ich jage dieses Drecksvieh einfach mitsamt dem Zelt in die Luft! Zum Glück habe ich gestern noch eine neue Gasflasche gekauft und schon Erfahrung damit, diesmal lasse ich das einfach richtig explodieren. So! Ich nehme mein Feuerzeug und die Kartusche, der Plan ist, dass ich jetzt die Kartusche ansteche, das Feuerzeug dranhalte und dann sofort wegrenne. Vielleicht sollte ich aber wenigstens noch aus dem Schlafsack kriechen, BEVOR hier alles in die Luft fliegt. Die Mücke beobachtet mich mit erstaunlich großem Interesse, ich deute schon einmal an, die Gasflasche aufzudrehen, sie kichert leise, bereit zum Abflug. Dann trete ich auf sie drauf.

zelten, sardinien, 2013

Im nächsten und letzten Teil dieser wunderbaren kleinen Serie kommt es zu einer Konfrontation mit einem Wohnwagenbesitzer, einer Emofrisur und der neuesten Attraktion in sardischen Reiseführern, die noch nicht einmal als Marco Polo-Insidertipp vermerkt ist. Schalten Sie also auch morgen wieder ein, wenn es heißt: Zelten macht Spaß!

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Zelten (Folge 4 / 6)

Willkommen zurück in unserer beliebten Serie bei “wunder.schön aber zelten”. Dieser Text stammt aus der Reihe “Mein schönstes Ferienerlebnis” und trägt immer noch den Titel “Zelten”. – Zu Folge 1Folge 2Folge 3.

Tag 3

Heute gehe ich endlich zum ersten Mal baden. Das Wetter ist super, die Sonne scheint, es regnet endlich nicht mehr, der Reiseführer sagt, dass es auf Sardinien weder Seeigel noch sonstige gefährlichen Tiere gibt, ich ziehe also  meinen Bikini an, gehe zum Strand und laufe direkt ins Wasser. Nach den ersten fünf Metern ein stechender Schmerz an beiden Füßen. Ich ziehe meinen einen Fuß aus dem Wasser und sehe mir die Fußsohle an.

Ich bin in einen Seeigel getreten.

Fluchend laufe ich wieder aus dem Wasser, gehe zum Zelt, hole mein Taschenmesser. Die nächsten drei Stunden verbringe ich damit, mir in meiner Hängematte sitzend 100 Stacheln aus den Fußsohlen zu schneiden. Dann probiere ich, ein paar Schritte zu gehen. Mit letzter Kraft schleppe ich mich zu einem Mülleimer und werfe meinen Reiseführer weg.

reiseführer sardinien

Laufen funktioniert also nicht wirklich gut. Ich muss also eine andere Möglichkeit finden, mich fortzubewegen. Ich könnte auf den Händen laufen! Nun muss ich an dieser Stelle aber erwähnen, dass ich das das letzte Mal vor ungefähr 15 Jahren versucht habe. Meine damalige Sportlehrerin und Fußballtrainerin hieß Frau Hoffmann und hatte lange bei der Bundeswehr gedient, bevor sie Lehrerin wurde, mehr muss man über ihre Unterrichtsmethodik an sich auch nicht wissen. Es war in der siebten Klasse, da hatten wir, eine Ansammlung Mädchen mit pubertätsbedingt stark deformierten Körpern, als Schwerpunkt Boden- und Geräteturnen. Es war eine Zeit bitterer persönlicher Niederlagen, die ihren Tiefpunkt an dem Tag erreichte, an dem Frau Hoffmann mich auf einen Schwebebalken jagte und mir nach wenigen Sekunden, als ich noch nicht einmal da oben stand, sagte, ich sähe aus wie ein Elefant auf einem Drahtseil über den Niagarafällen. Ich riss mich zusammen und fragte sie nicht, wieso eigentlich ein Elefant auf ein Drahtseil über den Niagarafällen steigen sollte. Dem Thema Geräteturnen entrann ich erst, als die Notenvergabe anstand und ich während der Kür so vom Stufenbarren fiel, dass alle Umstehenden mich erst für tot und dann für querschnittsgelähmt hielten. Für diese Vorstellung gab Frau Hoffmann mir eine 2 bis 3, vermutlich auch nur, weil ich es geschafft hatte, zu überleben. Und dann kam die Bodenmatte. Dass ich mit meinen plötzlich gewachsenen Gliedmaßen auch an Handstand, Rad und dem Laufen auf den Händen scheiterte, muss ich an dieser Stelle vermutlich auch nicht mehr sagen.

zelten, sardinien, 2013

Kurz: auf den Händen laufen ist damit aber leider nicht einmal mehr im ENTFERNTESTEN etwas, worüber ich nachdenke. Bleibt also nur noch krabbeln. Wenigstens die Kinder auf dem Zeltplatz freuen sich wie irre darüber, dass es hier endlich einmal ein Tier auf dem Zeltplatz gibt, auf dem sie reiten und das sie mit kleinen Stöcken antreiben können. Ja, man kann sagen, ich habe Spaß.

Tag 4

Am Abend will ich mir endlich einen Tee kochen, ziehe meinen Gaskocher und eine Gasflasche aus dem Rucksack, stecke die Flasche in den Kocher, will sie weiter hineindrehen und PSCHHHHHHHT! Die Gasflasche fliegt mir entgegen. Genau in diesem Moment hört es auf zu regnen und eine riesige Flasche Butangas strömt in die süße Abendluft. Ich greife die Flasche, werfe sie drei Meter weiter, das Gas weht in mein Zelt, es stinkt wie kurz vor einer Gasexplosion. Ich sehe mich vorsichtshalber um: wenigstens ist noch keiner meiner Nachbarn wach, wenn hier schon gleich alles in die Luft fliegt, will ich wenigstens keine Augenzeugen. Und dann sitze ich da: vor meinem Zelt, in einer Pfütze, alles stinkt wie faule Eier, und leise zischt das Gas immer weiter aus der Flasche. Wäre es nicht so traurig, es könnte fast romantisch sein. So viel Aufregung noch vor dem ersten Kaffee vertrage ich nicht. Ich muss eine Zigarette rauchen. In dem Moment, als ich sie schon im Mundwinkel stecken habe und mit einem Feuerzeug anzünden will, denke ich mit der Langsamkeit eines Taschenrechner-Prozessors: Gas. Feuer. Gas. Feuer. Gas. Feuer. BUMM! Schnell werfe ich das Feuerzeug ins Eck.

Wie explosiv ist dieses Gas eigentlich wirklich? Kurz überlege ich, einen der Nachbarn in den umstehenden Wohnmobilen zu fragen, dann ist mir das alles aber doch ein bisschen peinlich, sobald einer von denen hier auftaucht, wird es eh nicht lange dauern, bis er entweder riecht, was los ist, oder aber irgendetwas in die Luft fliegt. Ich hatte mir ganz fest vorgenommen, während des Urlaubs nicht ins Internet zu gehen. Jetzt bin ich gerade einmal eine Nacht hier und mein Vorsatz löst sich in Gas auf. ich aktiviere mein Auslands-Datenpaket und google “Gas Flasche Explosion“. Kurz darauf wünsche ich mir, ich hätte es nicht getan. Und beschließe, zeitnah meine Sachen zu packen und von hier zu verschwinden.

zelten, sardinien, 2013

Im nächsten Teil fahren wir mit dem Bus in die Achtziger, begegnen der Zombieapokalypse und lassen nochmal was explodieren. Schalten Sie also auch morgen wieder ein, wenn es heißt: Zelten macht Spaß!

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Zelten (Folge 3 / 6)

Dieser Text stammt aus der Reihe “Mein schönstes Ferienerlebnis” und trägt immer noch den Titel “Zelten”. – Zu Folge 1, Folge 2

Tag 1

Ich hole meinen Rucksack vom Gepäckband und laufe aus dem Flughafen Olbia auf Sardinien, der ungefähr so groß ist wie mein Wohnzimmer. Irgendwo hier soll eine Bushaltestelle sein. Leider beschränken sich meine Italienischkenntnisse auf bitte, danke, ja und nein, damit kommt man in der Regel weit, immerhin haben sie mich gerade sogar über die Grenze gelassen. Ich traue mich nicht, jemanden zu fragen, und laufe einfach so hin und her.
Ich bin jetzt 30 Stunden wach.
Mein Rucksack wiegt inzwischen dreihunderttausend Kilo.
Ich habe Hunger.
Ich habe Durst.
Ich bin müde.
Ich will schlafen.

Da fährt ein Bus an mir vorbei. Ein Bus! Er hält. Ich steige ein, sage zum Busfahrer: “Centro?“, er hört SOFORT, dass ich kein Italienisch kann und sagt “ja, dieser Bus fährt ins Stadtzentrum“. Da fahre ich einmal weg aus Deutschland, und werde SOFORT als deutsche Touristin enttarnt. Ich fühle mich wie ein Versager. Ich setze mich hin, ich bin der einzige Fahrgast, der Motor läuft noch, endlich können wir losfahren. Und bald kann ich schlafen! Da steht der Busfahrer auf, steigt aus seinem Fahrerhäuschen, dreht sich zu mir um und sagt “Könne Sie kurz auf Bus aufpassen? Gleich wieder da.“ Ich nicke, warum auch nicht, ich habe schon auf Kleinkinder aufgepasst, da sind auch Busse mit fahrendem Motor überhaupt kein Problem für mich! Draußen rennt der Busfahrer vorbei, die Schöße seiner Uniform wehen hinter ihm her, er rennt zielstrebig in den Flughafen hinein. Entweder er muss WAHNSINNIG dringend aufs Klo oder er will spontan das Land verlassen, gleich geht der nächste Flieger zurück nach Deutschland.

Zwanzig Minuten später. Er ist immer noch nicht da. Darf man eigentlich mit einem deutschen Führerschein Klasse B auch einen italienischen Bus mit Anhänger steuern? Da kommt der Fahrer wieder, sagt “Sorry!“, schließt die Türen und wir beide fahren los. Kurz darauf stehe ich in der Touristeninformation. Hinter der Theke sitzt eine Deutsche, die mich ebenfalls sofort als Deutsche erkannt hat, ich sage zu ihr, dass ich jetzt sehr gerne wüsste, welcher der zehn Zeltplätze hier am schönsten ist und wie ich da hinkomme. Sie sieht mich sehr ernst an. Ich bekomme ein bisschen Angst. Und da sagt sie: “ja, also, die Zeltplätze hier haben alle nicht geöffnet.“ Ich bin jetzt seit 32 Stunden wach und meine Laune ist auf einem Tiefpunkt angelangt. “Die Zeltplätze haben alle noch geschlossen und machen erst nächsten Monat auf.“ NÄCHSTEN MONAT? So lange kann ich nicht mehr wachbleiben!

Ich überlege, mich aus Protest gegen das unzureichende Angebot an Zeltgelegenheiten einfach hier auf den Boden zu werfen und direkt einzuschlafen. Da redet sie weiter: “Und überhaupt, als Angestellte dieser Touristeninformation muss ich Ihnen ja sagen: hier ist es nicht schön.“ Bitte? Nicht schön? In meinem Reiseführer stand, dass es hier schön ist. Sehr schön sogar! “Ich würde Ihnen ja raten“, sie sieht mich jetzt über dne Rand ihrer Brille weg ganz offen feindselig an, “verlassen Sie besser sofort diese Stadt und fahren Sie weiter nach Süden.“ Bitte? Wo bin ich hier gelandet? Ich dachte, das wäre eine Touristeninformation? Ich meine, ich gebe ja zu, ich habe zwar seit gestern früh nicht in den Spiegel geschaut und nicht geduscht und sehe inzwischen vermutlich aus wie ein Zombie mit fettigen Haaren, einem sehr großen Rucksack und genauso großen Augenringen. Aber mich gleich der Stadt verweisen? Sie drückt mir noch einen Stapel Busfahrpläne in die Hand und sagt: “beeilen Sie sich, der nächste Bus fährt jetzt gleich!“, und ehe ich so richtig begreife, was hier passiert, sitze ich auch schon im Bus nach Süden. Als ich am Zeltplatz aussteige, gießt es wie aus Eimern.

Ich sehe mich um: die nächste Unterstellmöglichkeit ist 500 Meter weiter am anderen Ende des Zeltplatzes. Ich reiße meinen Rucksack auf und zerre das Zelt heraus. Ich habe 23 Einzelteile in der Hand und keine Ahnung, was ich damit machen soll. Vielleicht, jaaaaa, vielleicht hätte ich ja das Zelt einmal zuhause aufbauen sollen. Und selbst wenn nicht, vielleicht hätte es ja geholfen, die Aufbauanleitung NICHT zuhause liegenzulassen.
Ich bin jetzt seit 38 Stunden wach.
Ich bin sehr müde.
Und meine Laune ist sogar noch schlechter als das Wetter.

Ich nehme das größte der Teile, das am wenigsten Löcher hat, werfe es auf die Wiese und krieche mitsamt meinem Rucksack darunter.

zelten, sardinien, 2013

Der Regen wird stärker. Um uns herum sammeln sich Pfützen. Ich hole meinen Reiseführer aus dem Rucksack, schlage die erste Seite auf und sehe sofort, dass dieser Reiseführer nichts taugt: auf der ersten Seite des Reiseführers steht:

willkommen im sonnigen Sardinien.

Tag 2

Irgendwann gegen Abend habe ich es gestern noch geschafft, das Zelt aufzubauen. Als ich aufwache, ist es 5 Uhr morgens und ich liege in einer Pfütze. Leide ich doch an ersten Anzeichen von Älterwerden, und müssen diese Anzeichen ausgerechnet Inkontinenz sein? Nein: Es regnet immer noch, und durch einen Reißverschluss tropft Wasser ins Zelt.
Mein Schlafsack ist nass und klebrig.
Mir ist arschkalt.
Ich möchte in mein Bett.
Ich möchte nach Hause.
Ich will aufn Arm!
Als ich das Zelt aufmache, kommt mir ein Schwall Wasser entgegen.

zelten, sardinien, 2013

Und dann sitze ich da: patschnass von oben bis unten, in einem nassen Zelt, mitten im strömenden Regen. Morgens um 5. Da muss ich an die Worte meines Vaters denken, der immer sagte: “Zelten bei gutem Wetter ist was für Anfänger!”

ICH MÖCHTE ABER MANCHMAL EINFACH NICHT PROFI SEIN!

Wenn schon alles doof ist, will ich jetzt wenigstens einen Kakao trinken. Ich habe von Zuhause Milch und Kakaopulver mitgebracht, beides befindet sich im Rucksack. Als ich das Lebensmittelfach im Rucksack öffne, kommt mir bereits eine Wolke Kakao entgegen. ich ahne Übles und öffne das Fach weiter. Die Tüte, in der ich den Kakao verpackt hatte, war offenbar irgendwann während der Fahrt gerissen, woraufhin sich der gesamte Inhalt einer riesigen Dose Kakao in meinen Rucksack ergossen hatte. Tja. Und irgendwie muss dann auch ein wenig Feuchtigkeit in das Fach gelangt sein. Das Ergebnis: all meine mitgebrachten Lebensmittel, das Geschirr, der Kochtopf, das Rucksackfach und jetzt auch meine Hände sind mit klebrigem Kakao eingesaut. Ich packe alles wieder ein und gehe erst einmal spülen.

Im nächsten Teil machen wir Bodenturnen und eine Gasexplosion. Schalten Sie also auch morgen wieder ein, wenn es heißt: Zelten macht Spaß! – Zu Folge 4.

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Zelten (Folge 2 / 6)

Dieser Text stammt aus der Reihe “Mein schönstes Ferienerlebnis” und trägt immer noch den Titel “Zelten”. – Zu Folge 1.

Ich gehe jetzt das Fürchten lernen. Ich gehe: zelten. Von meinem wirklich allerletzten Geld kaufe ich mir noch ein Flugticket nach Sardinien. Und dann fange ich an zu packen. Als ich das Zelt von Tante Gertrud aus dem Keller hole, sehe ich zum ersten Mal auch die Aufschrift auf der Verpackung. Da steht: „Wild Trekking“. Dabei will ich gar kein „Wild Trekking“, sondern nur einen Platz, wo ich trocken und sicher schlafen kann. – Beides wird sich bald darauf als absolute Fehleinschätzung der Gesamtsituation herausstellen. Das merke ich aber zum Glück erst sehr viel später.

Als ich meinen Freunden von dem Plan erzähle, sehen sie mich an, als wäre ich immer noch die Fünfjährige, die zu ihrer Einschulungsfeier ein Zelt geschenkt bekommen hat: “Wie, zelten? Alleine? Bist du verrückt geworden? Und nimmst du wenigstens Pfefferspray mit??” Ich sage “Ja, klar, hab ich schon eingepackt!“, was natürlich überhaupt nicht stimmt, ich war noch nicht einmal im Entferntesten auf die Idee gekommen, außer zwei Messern irgendetwas zu meiner Verteidigung einzupacken. Ich wohne nämlich seit einigen Jahren in einer Wohnung mit sehr hohen Decken, in der die Lichtschalter ungefähr auf meiner Kopfhöhe angebracht sind, und seitdem übe ich täglich Selbstverteidigung: der beste Weg, einen Lichtschalter an- und auszumachen, ist nämlich ein Roundhouse-Kick.

flughafen köln-bochum morgens

Kurz nachdem ich meine Freunde so angeschwindelt habe, packt mich dann doch das schlechte Gewissen, und ich gehe in den nächstgelegenen Ghettokiez. Ich spreche einen türkischen Mann an, der die Straße fegt, und frage ihn: “wo ist denn hier der Waffenladen?“. Er sieht mich an, als hielte ich ihm gerade eine AK-47 ins Gesicht, was in der Gegend sogar wahrscheinlicher ist als Frauen, die nach Waffenläden fragen, dann deutet er die Straße hinunter. Eine halbe Stunde später besitze ich Pfefferspray, das für den Transport im Flugzeug geeignet ist und deshalb 39,95 EUR kostet. Dass ich das Pfefferspray dann aus Versehen zuhause vergessen habe, habe ich meinen Freunden bis heute nicht erzählt.

Tag 0

Es ist 1 Uhr. Ich sitze gähnend neben einem 23 Kilogramm schweren Rucksack in einer Regionalbahn von Berlin nach Köln und ich bin jetzt 22 Stunden wach. Ich bin müde. Schlafen. Oh ja. Schlafen wäre jetzt total gut. Bis nach Köln sind es noch drei Stunden, also genug Zeit für ein ausgedehntes Nickerchen. Ich drehe meinen Rucksack, so dass ich mich daran anlehnen kann, decke mich mit meiner Jacke zu, mache die Augen zu und …

regionalbahn, köln, schlafen (jedenfalls fast)

“ICH BIN DER KÖNIG VON MALLORCA, ICH BIN DER PRINZ VON ARENAL!“

Ich schrecke hoch. Ins Abteil marschieren 8 Männer in kurzen Hosen und Sandalen und mit 4 Kästen Bier. Im Stechschritt. Sie tragen Schwimmflügel und T-Shirts mit dem Aufdruck “WUPPERTAL GOES BALLERMANN 2013“. Ich schließe die Augen und versuche zu schlafen. “EIN BETT IM KORNFELD, JA DAS IST IMMER FREI, DENN ES IST SOMMER, UND WAS IST SCHON DABEI!“ Ich versuche, sie mit einem Blick zu töten. Sie belegen die 8 Plätze um mich herum und öffnen Bierflaschen. Als wir um 4 Uhr morgens am Kölner Hauptbahnhof ankommen, haben sie alle 4 Bierkästen geleert und die besten Hits von Jürgen Drews gesungen.
Alle.
Jeweils acht Mal.
Ich möchte nach Hause.

fastschlaf

Endlich kommen wir am Flughafen an, ich checke ein und warte. Neben mir sitzt eine sehr sehr dicke Italienerin auf Verwandtschaftsbesuch, die wissen will, warum ich denn alleine in den Urlaub fahre. Ich sage: “ich habe keine Freunde. Und ich gehe zelten.“ Sie sieht mich sehr traurig an und setzt nach: “Und wie kochen Sie dann?“ – Ich sage: “Gar nicht.“ Ihr steht eine Träne im Augenwinkel. Bevor sie mich zwangsadoptieren kann, renne ich schnell ins Raucherzimmer. Und mit “rennen“ meine ich: ich schleppe mich mit letzter Kraft und ziehe meinen Rucksack auf dem Boden hinter mir her.

Ich bin jetzt 26 Stunden wach.

Morgen besuchen wir die hilfreichste Touristeninformation aller Zeiten, machen Babysitting in ganz groß und üben Zelten für Profis. Schalten Sie also wieder ein, wenn es heißt: Zelten macht Spaß! – Zu Folge 3.

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Zelten (Folge 1 / 6)

Dieser Text stammt aus der Reihe “Mein schönstes Ferienerlebnis” und er heißt: “Zelten”.

Ich will in den Urlaub fahren. Das ist ja so etwas, das man sich viel häufiger sagt, als man es dann tatsächlich tut, genauso, wie man über eine gesamte Lebensdauer gerechnet viel häufiger “ich schmeiße den Scheiß-Job hin!” sagt, als man dann tatsächlich kündigt. Die Malediven wären doch mal schön, da gibt es tolle Strände und es ist ungefähr hundert Mal wärmer als hier, oder ich fahre in die USA und in einem Mietwagen die Ostküste entlang, ich in einem uralten Mustang, der auf hundert Kilometer mehr Benzin verbraucht als in Berliner Kneipen jede Nacht Bier ausgeschenkt wird. Ja, das wäre was.

zelten, sardinien, 2013

Wie ich da so sitze und mich in Gedanken schon einen Highway herunterfahren sehe, fiept mein Handy. Es ist der SMS-Ton. Seit einigen Wochen ist der SMS-Ton mein Feind. Damals habe ich bei meiner Bank aus Versehen etwas unterschrieben. Bei einer Bank etwas aus Versehen unterschreiben ist ungefähr so gut wie aus Versehen zu einem Heiratsantrag ja sagen, obwohl man eigentlich nein! meint: man kommt selten aus der Nummer wieder raus, ohne dass jemand heult. In dem Fall bin die, die heult: ich. Meine Bank schickt mir seitdem nämlich täglich um 16:04 Uhr meinen aktuellen Kontostand. Per SMS. Seitdem suche ich einen Weg, die SMS-Funktion aus meinem Handy zu löschen.

Ich sitze also da, denke an Malediven, Strände, USA, Mustang, als es fiept. Ich schaue sofort auf mein Handy (der zeitliche Abstand zwischen “das Handy fiept” und “ich schaue drauf”, das ist ungefähr der selbe Reflex, wie wenn jemand mir einen Keks hinhält und ich schon direkt reingebissen habe, noch bevor ich den Keks mit meinen kaputten Augen überhaupt richtig als solchen erkennen kann, an dieser Stelle übrigens sorry an alle, die seitdem auf der Hand einen Gebissabdruck von mir haben), ich schaue also aufs Handy und sehe: die SMS ist da. Und in der SMS steht:

“VERLASSEN SIE SOFORT DAS LAND.”

Gut, das steht da vielleicht nicht ganz wörtlich, aber die Zahlen, die ich da sehe, lassen keinen anderen Rückschluss zu als möglichst schnell möglichst unauffällig zu fliehen. Mein Problem ist nur: ich würde das Land ja WIRKLICH GERNE verlassen, Malediven, Strand, USA, Mustang, ABER LEIDER HABE ICH KEIN GELD!

Da denke ich an Tante Gertrud. Zu meiner Einschulung hatten meine Eltern eine kleine Feier veranstaltet und dazu die gesamte Verwandtschaft eingeladen, unter anderem auch die angeheiratete Großtante meiner Mutter: Tante Gertrud. Ich war sechs Jahre alt, ich hatte meine langen blonden Haare zu einem Zopf geflochten, ich trug ein blaues Kleid mit Spitzenkragen und eine Brille in lila mit gelben Sternchen, kurz: ich sah schon aus wie ein Streber, bevor ich überhaupt jemals eine Schule von innen gesehen hatte. Das Fest war ein voller Erfolg, und mit “voller Erfolg” meine ich: ich bekam Geschenke. Das Geschenk von Tante Gertrud war das größte von allen. Ich hatte mir ziemlich Vieles gewünscht, darunter ein Pferd (Ponys sind für kleine Mädchen, und ich war ja schon groß), eine Schaukel, ein ferngesteuertes Auto und ein Fahrrad, ich war gespannt, was davon ich jetzt bekam. Ich wollte nicht mehr abwarten, riss das Geschenkpapier auf, und hervor kam: ein riesiges lilafarbenes Bonbon.

Die umstehenden Erwachsenen klatschten.

Ich drehte das Ding hin und her, es hatte schwarze Schlaufen an den Seiten und einen Reißverschluss. Ich zog ihn auf. Und hervor kamen: ein paar kleine Metallstäbe, eine lange Metallstange, ein riesiger Haufen abgrundtief hässliches lilafarbenes Plastik. Tante Gertruds Geschenk war ein Zwei-Personen-Iglu-Zelt. In stechendem Lila. Bis heute ist mir nicht ganz klar, was sie damit bezweckte, und ob sie vielleicht meinen Eltern ermöglichen wollte, mich mitsamt meinem zweijährigen Bruder einfach im Wald auszusetzen, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Meine Eltern zwangen mich, mich für das „schöne Geschenk“ artig zu bedanken. Zwanzig Jahre und dreißig Umzüge später hatte ich immer noch keinen Weg gefunden, dieses abgrundtief hässliche Ding möglichst elegant loszuwerden. Und damit war dann klar: tschüss, Malediven, adé, US-Ostküste. Ich gehe jetzt also das Fürchten lernen. Ich gehe: zelten.

Morgen gehen wir in einen Waffenladen, treffen den König von Mallorca und entgehen knapp einer Zwangsadoption. Schalten Sie also wieder ein, wenn es heißt: Zelten macht Spaß! – Zu Folge 2.

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