Kurzzug hält mittig

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Du nimmst das lange Brotmesser vom Tisch, schneidest noch eine Scheibe Brot ab und fragst, wie das Wetter draußen ist, du streichst Butter auf das Brot, ich sage, es ist ganz schön, nur der Wind ist so kalt, aber das ist nicht schlimm, denn die Sonne scheint. Du sagst mhm und streichst Leberwurst auf das Butterbrot.

Du öffnest das Gurkenglas, leckst deine Gabel ab, piekst sie in eine Gurke, ziehst sie heraus, schüttelst sie über dem Glas. Essiggurkenwassertropfen fliegen über den Tisch. Du legst die Gurke auf deinen Teller, hältst sie mit den Fingerspitzen deiner rechten Hand fest, mit der linken schneidest du sie in dünne Scheiben.

Ich beobachte deine Bewegungen mit dem faszinierten Blick eines Forschers, der Affen dabei zusieht, wie sie mit einem Stöckchen Ameisen aus ihrem Bau treiben. Während ich dich beobachte, wie du die Gurke schneidest, merke ich, dass auch dein Mund sich bewegt, es ist der Mund eines Fisches, der Luftblasen macht, dein Mund macht Geräusche, ich sehe sie in einer Wolke durch den Raum schweben und die Wolke aus Rauschen wird immer größer, ich versuche, aus dem Rauschen Wörter zu lesen, du redest mit der Tischdecke, deine Wörter sammeln sich auf ihrem Karomuster, ich kann nicht erkennen, was du sagen willst, und ob ich es bin, die gemeint ist, plötzlich hörst du auf, zu reden, dein Mund bleibt zu und im nächsten Moment sind die Wörter verschwunden. Du siehst auf und sagst, und wenn wir gerade dabei sind, morgen Vormittag kommt der Schornsteinfeger, du hast da doch Zeit.

Du öffnest die Orangensaftflasche und gießt Saft in dein Glas, du machst die Flasche wieder zu, ich sage, danke, dass du fragst, ich habe noch, ich ziehe meine Knie unter mein Kinn und fahre mit meinen Fingern wie mit einem Kamm durch meine Haare. Ich sehe aus dem Fenster. Das Müllauto fährt über die Kreuzung und der Mann mit dem großen Hund schleicht wie jeden Tag um diese Zeit geduckt zwischen den parkenden Autos entlang. Sonst ist nichts los, es ist kurz vor Weihnachten, da fängt keiner mehr an, die Welt zu verbessern, das macht man im neuen Jahr, bis dahin hält man sich beschäftigt mit Grünzeug in Höhe eines mittelgroßen Grundschulkindes, das ist gut zum Zeitvertreib. Man beschäftigt sich mit dem Grünzeug, das gekauft, eingepackt, transportiert, aufgestellt, stabilisiert, gewässert, geschmückt, mit Geschenken unterlegt, beleuchtet, besungen, umgeworfen, wieder aufgestellt, entschmückt, abgebaut, verpackt und entsorgt werden will. Also das Grünzeug. Kaufen wir dieses Jahr eigentlich einen Tannenbaum, frage ich, ich hätte gerne einen. Warum das denn, fragst du, du bist doch eh nie zuhause, das nadelt nur die ganze Wohnung zu. Ich sage, das stimmt natürlich, Schatz, du hast Recht. Dann schweigen wir.

Manchmal ploppt das Schweigen zwischen uns auf wie ein Windows-Systemupdate, das erst ganz klein rechts unten in der Taskleiste herumhängt, da kann man es noch ignorieren, das ist die Zeit, in der wir noch über die Wetteraussichten für die nächsten drei Wochen auf den Falklandinseln reden. Dann wird das Schweigen zu einem riesigen Pop-up-Fenster in der Mitte des Bildschirms, erst lässt es sich noch wegklicken, irgendwann geht das nicht mehr, da kann man nur noch auswählen, ob man in 30 Minuten oder in 4 Stunden den Rechner neu starten will. Und man weiß genau, sobald man den Rechner neu startet, wird das Update wieder an irgendeiner Stelle etwas kaputtgemacht haben, und die Aufgabe ist dann immer, herauszufinden, was es alles kaputtgemacht hat. Jedes Mal, wenn wir uns wieder für Stunden anschweigen, geht etwas kaputt. Und je häufiger unser Schweigen so groß ist, dass es sich nicht mehr übersehen lässt, frage ich mich, was wir uns überhaupt zu sagen haben und ob nicht doch ein neuer Rechner besser wäre.

Du sagst, heute Abend kommt Wetten, dass …?, die letzte Sendung mit Thomas Gottschalk, und ob noch Chips im Schrank sind. Ich sage, ja, aber nur die mit Paprikageschmack, und es sind noch Erdnüsse da, als ich das mit den Erdnüssen sage, bist du nur noch einen Schritt vom Schrank weg, du siehst mich nicht an, du siehst nach den Erdnüssen.

Weißt du, was ich dir zu sagen habe? Manchmal habe ich dir zu sagen: verschwinde dahin, wo der Pfeffer wächst und wo die Pinguine wohnen, fahr doch mal ans Ende der Welt und bleib einfach da, geh für ein, zwei Jahre Zigaretten holen oder Sandkörner zählen in der Sahara, und warst du eigentlich schonmal in New York, auf Hawaii und in San Francisco, in zerrissenen Jeans? Buch doch mal ein One-Way-Ticket zu dem Planeten, wo du herkommst, auf dem Weg dahin kannst du gleich in der Milchstraße den Bürgersteig kehren.

Du schließt die Schranktür, das Schloss schnappt zu, du setzt dich zurück auf deinen Stuhl, er quietscht, als du näher an den Tisch rückst, du streichst mit der Handfläche über die Tischdecke und sagst, wusstest du, dass man Möbel, die man selbst zusammengebaut hat, mehr wertschätzt, das nennt man übrigens Ikea-Effekt. Ich betrachte

das Abtropfgitter
die Badmöbel
das Bett
den Bettkasten
die Deckenlampen
die Garderobe
den Hocker
den Inbusschlüssel
den Kleiderschrank
die Küchenzeile
den Küchentisch
die Nachttische
die Regale
den Sessel
den Schreibtisch
die Schreibtischlampe
den Schreibtischstuhl
die Schubladen
das Sideboard
das Sofa
die Stühle
die TV-Bank
die Vorratsschränke
die Wäschetruhe

und ich sage, nein, das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen.

Du setzt den Deckel auf das Gurkenglas und drehst ihn so lange, bis es nicht mehr weitergeht, dann nimmst du deine Gabel, spießt die Gurkenscheibchen einzeln auf und steckst sie in deinen Mund, du kaust, siehst die Tapete über meinem Kopf an und es riecht nach Essiggurkensaft.

Manchmal habe ich dir zu sagen, weißt du noch, wie wir uns kennengelernt haben, hättest du mich damals gefragt, ob ich dich heirate, ich hätte nicht ja gesagt, ich hätte es hinausgeschrieen in diese Stadt, in diese Welt. So einfach war das. Mir war egal, woher du kommst, wie viele Frauen du vor mir hattest, alles, was ich wusste, war, dass du gut bist, zu mir, für mich, alles, was ich wusste, war, dass ich will, dass das mit uns für immer ist. Wir sind jung, weißt du, wie lange noch? Nur dumme Herzen sind vernünftig, also sag mir, wie lange wir noch klug genug sind, um unvernünftig zu sein. Das alles habe ich dir damals nicht gesagt, ich wollte dir meine Gefühle nicht aufdrängen. Du hast ja nicht danach gefragt.

Du streichst Erdbeermarmelade auf die Leberwurst und wirfst das Brot auf den Boden, es fällt nicht auf die bestrichene Seite, dann stehst du auf, steckst die Hände in die Hosentaschen und gehst.

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It was a very good year.

(Die Geschichte zu dieser Farbfotografie ist ein Konzert und ein Lied, das nur ein Cover war, und dass ich das allererste Mal überhaupt den Sänger einer Band um ein Autogramm bat und dabei ein wenig verliebt kicherte (was daran lag, dass ich auch ein wenig verliebt war, was wiederum unter anderem an den Haaren des Sängers lag und an sich schon bescheuert war, jedoch noch bescheuerter wurde, als ich beim Kichern feststellte, dass ich nur einen Kalender und einen ungespitzten Bleistift dabei hatte), was der erste Teil der Geschichte ist.

Der zweite Teil der Geschichte ist, dass ich nach dem umfassenden Jahresrückblick von gestern unbedingt noch diese Notiz nachreichen muss. – Denn: der weitere Verlauf jenes Abends nach dieser Unterschrift eines Sängers auf der ersten Seite eines Kalenders für zweitausendelf wurde noch weitaus denkwürdiger und muss deshalb hier, wenn auch nur andeutend, doch wenigstens Erwähnung finden;

ebenso wie der Name der Band.
Die Band heißt Nada Surf.)

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zweinulleinseins.

Jahresrückblicke liest niemand, sie sind ätzlangweilig und Ende Dezember macht’s jeder (wenn man das ZDF ist, auch früher). Nur war dieses Jahr genug los für drei Jahre, wie sollte ich mir das alles merken? Und an die Kinder, die ich einmal haben werde: hier könnt ihr nachlesen, wie Mutters wildromantische Jugend war. Bitteschön.

Januar

Mein erster Monat in der neuen Wohnung im Ghetto, es ist wirklich sehr sehr kalt, ich habe keine Heizung, ich ziehe den Mantel auch nicht aus, wenn ich schlafen gehe. Ich mag die neue Wohnung und komme endlich über Wien hinweg (ach, Wien, ach). Weiß jetzt, was Futschi ist. Mein Laptop geht kaputt. An einem Morgen wache ich davon auf, dass es neben meinem Bett lichterloh brennt. Vor der Tür des St. Oberholz steht ein Typ mit Bart*, zieht an seiner Zigarette und sagt gemeine Sachen zu mir.

Februar

Ich esse ein Eis und schreibe einen meiner Lieblingstexte dieses Jahres. Und besuche eine Hochschulmesse, auf der mir viele Leute nichts Neues erzählen. Alles, was ich von dort mitnehme, ist ein Kugelschreiber und die immer stärker bohrende Frage, ob ein Studium das richtige für mich ist (die Antwort ist: nein).

März, April, Mai, Juni

Für eine Woche sind zwei Katzen bei mir zu Besuch, sie mögen mich nicht und schmeißen mich aus meiner Wohnung. Ich bin verstört. Ich sehe “Biutiful” mit Javier Bardem und bin noch verstörter, dann sind Ferien, ich sollte lernen und tue es nicht, stattdessen schreibe ich anlässlich der re:publica einen Artikel über Netzpolitik und die “Digitale Gesellschaft” und plötzlich fliegt mir diese Seite um die Ohren. Und ich stelle mir viele Fragen. Ansonsten sitze ich sehr lange in Parks und freue mich über das gute Wetter, was auch gut ist, weil da der Sommer ist (das weiß zu der Zeit nur noch keiner). Dann sind die Ferien vorbei, ich schreibe Prüfungen, ohne gelernt zu haben, was auch voll gut ist, vor allem, als es vorbei ist. Denn da fahre ich ans Meer, führe meinen neuen Bikini vor aus, spiele Volleyball am Strand, esse jeden Tag fünf Kugeln Eis, baue Sandburgen, laufe morgens um 6 am Strand entlang und auf einmal ist alles so gut und so richtig.

Juli & August

Ich lese vor, in Berlin und spontan auch in Köln. Auf den Abend der Lesung folgen eine denkwürdige Nacht und ein böser Morgen, ich dusche im Hallenbad und wickle mich danach in das größte Handtuch, das jemals eine Handtuchfabrik verlassen hat, da bin ich seit 35 Stunden wach, später fahre ich noch mit dem Zug in eine andere Stadt, zu jemandem, den ich sehr mag, geschlafen wird nach 46 Stunden Wachsein. Einen Tag später werde ich am Bahnhof dieser Stadt sitzen und auf die Ankunft einer Frau mit braunen Locken warten, die mein Leben sehr großartig machen wird, aber das weiß ich noch nicht, als ich warte. Und von diesem Tag an bin ich für 6 Wochen unterwegs.

September

Ich bin zurück in Berlin und ich ertrage diese Stadt nicht mehr. Ich bin zurück in der Schule und hasse es. Ich verstehe nicht, wieso ich mir das alles antun soll, nur für diesen Schein, auf dem “Abitur” steht. Ich sitze dort Zeit ab, 50 Stunden pro Woche, Zeit, die ich weit sinnvoller nutzen könnte, ich lerne nichts und schlage mich mit Bürokratie und den absurden Beschlüssen der Berliner Senatsverwaltung herum. Nebenher arbeite ich 30 Stunden pro Woche, und ich will alles hinschmeißen. Zur Kompensation gehe ich sehr häufig Eis essen und sitze dabei auf einem Holzschlitten.

Oktober, November, Dezember

Ich bin immer noch in Berlin und zwar stehe ich am Rande eines Nervenzusammenbruchs, aber gehe immer noch zur Schule. An einem Sonntag fällt auf dem Weg zur Arbeit mein iPhone auf den Boden und ist kaputt. Ich habe kein Geld, mir ein neues zu kaufen. Außerdem habe ich kein Date, gehe nicht ins Kino, da die Filmrolle nicht ankommt, und esse handtellergroße Ravioli im hässlichsten italienischen Restaurant Berlins, was bemerkenswert ist, gibt es doch sehr viele Anwärter für den Titel “hässlichstes italienisches Restaurant Berlins”. Ich arbeite sehr sehr viel, transportiere große Regale mit der U-Bahn, habe einen blauen Fleck in Form des Batman-Symbols, führe Bartdiskussionen, gehe auf ein Konzert. Und plötzlich ist es Ende Dezember und ich habe an Silvester etwas vor, das wird schön, und plötzlich ist alles gut.

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Das Jahr in Zahlen:

- nicht vollendete Blog- und Twitteraccountlöschungen: 6
- zum Jahresende noch zu beantwortende Nachrichten: Drölfzigtausend. (An alle, die noch auf eine Antwort von mir warten: ich schreibe. Baldestmöglich. Und bitte um Verzeihung.)
- Anzahl erhaltener Tierstempel für herausragende Leistungen im Fach Mathematik: 4
- verbrannte Bettdecken: 2
- Zahl des Jahres: Umzüge: 0
- Beziehungsstatus bei Facebook geändert: 0 Mal
- Momente für die Ewigkeit: 178

Leistungen, für die ich wieder keinen Nobelpreis erhielt:

Einen Topf mit 3 Litern Karottensuppe aus 2 Metern Höhe fallen lassen.

Lieblingsliedzeile:

Unterm Jackett ihre Hände / fragte mich die Fremde: / wie ich ew’ge Liebe fände. (Erdmöbel)

Gewesen:

Awesome. Wütend. Versöhnt. Frustriert. Genervt. s.w.a.g. Verknallt. Verliebt. Unterwegs. Unkool. Nicht allein. Albern. Kindisch. Niedlich. Übermütig. Dafür. Zusammen. Wild. Verschlafen. Durch. Dagegen. Nervös. Zufrieden. Übermüdet. Aufgeregt. Sehnsüchtig. Allein. Wildkatze. Glücklich.

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2012

Wenn alles gut läuft,

ist alles gut. Ganz bestimmt. Und deshalb: wir werden sehen.

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Zum Schluss will, muss ich danke sagen. Den beiden Männern vom Verein: *dem, der endlich wieder Bart trägt, und dem, der endlich wieder eine Frisur hat: ihr seid die Allertollsten. Dem Traummädchen. Und, ja: … .

Verehrter Leser dieser Zeilen, Glückwunsch, Sie haben es geschafft. Dieser Text ist durch, und dieses Jahr ist durch. Ich danke Ihnen im Namen aller Texte auf dieser Seite für alle Aufmerksamkeit. Danke auch allen, die mich davon abhielten, diesen Blog zu löschen. Bleiben Sie uns gewogen, wir sehen uns im neuen Jahr. Und jetzt, worauf warten Sie noch? Schalten Sie Ihren Computer aus und

gehen Sie leben. Jetzt. Es wird 2012. Und es wird

 

gut.

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Ewige Liebe

Dieser U-Bahnhof wird seit einiger Zeit umgebaut, ich erinnere nicht, wie viel Zeit über dem Bauen schon vergangen ist, genau wie ich überhaupt keine Tage oder Stunden mehr erinnere, ich stehe am Rand der Zeit und sehe sie vorübergehen. Der Bauzaun ist eine Wand aus Pappe. Ganz am Ende des Bahnsteigs, vor der Stelle, wo die Treppe beginnt, steht auf der Wand

ewige Liebe. Lina + Alex 4-ever. 

Diese Wörter, sind sie Hoffnung, Glaube, Feststellung, Zuversicht?, ich weiß es nicht. Irgendwann wird an diesem U-Bahnhof keine Baustelle mehr sein. Die Wand aus Pappe wird verschwunden sein, mit ihr diese geschwungenen Linien.

Ich stehe davor und wundere mich über die Flüchtigkeit der Schrift. Und über die Haltbarkeit der Liebe.

Ich glaube nicht an ewige Baustellen, ich habe keine Ahnung von ewiger Liebe. Aber vielleicht besteht die Logik wahrhaft großer und ewiger Lieben auch darin, dass sie ewiger sind als alle Denkmäler, die man ihnen baut.

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nest.

Am Morgen kurz nach Sonnenaufgang sah ich weit im Osten Berlins dieses Vogelnest und ich machte ein Foto davon, vielleicht ist es das letzte Anzeichen für Leben in dieser Stadt.

 

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Genussrechte

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Die Idee ist, dass uns die Person auf der Bühne unterhalten soll. Die Idee ist, dass wir für diese Unterhaltung Geld bezahlen. Die Idee ist, dass wir alle lachen und gut drauf sind, damit wir vergessen, wer wir sind, und dafür haben wir schließlich bezahlt.

Dann soll da der Mensch sein, mit dem wir unser Leben verbringen wollen, den ganzen langen Rest, weil wir denken, dass da ein Mensch sein muss, mit dem wir unser Leben verbringen wollen. Darum haben wir Verabredungen, die darin bestehen, dass wir einen Abend lang über zwei Glasränder hinweg eine Wetteranekdote nach der anderen bemühen, ohne je wirklich bei dem anzukommen, worum es einem eigentlich geht, das fällt uns zwischendurch kurz auf, als wüssten wir, worum es eigentlich geht, den Gedanken verwerfen wir gleich wieder, wir wissen doch eh nicht, worum es eigentlich geht, wir müssen es auch nicht wissen, wir sehen einander eh nie wieder, wozu auch, wir reden ja doch nur übers Wetter. Also nehmen wir jemanden mit nach Hause, knutschen im Hausflur, ein bisschen Wildheit muss dabei sein, wir beweisen uns, dass wir das noch können, Sex ist auch so eine Sache, die man rein technisch nicht verlernt, das Radfahren der Erwachsenen, wir finden geil, dass wir das noch können, dass da zwei Körper sind, die funktionieren, mehr ist da nicht, aber hey, wir sind jung, und wir können das, wir haben es einfach drauf, wie wir einfach alles drauf haben, dann noch ein bisschen aufeinander liegen, nassgeschwitzte Körper, und da vorne ist die Tür.

Dann die Leere, wenn jemand geht, mit dem man gerade noch Haut an Haut lag.

Die Leere wollen wir füllen, also suchen wir wieder jemanden für mehr als eine Nacht, vielleicht auch für mehr als zwei, es muss auf jeden Fall jemand sein, mit dem wir nicht übers Wetter reden, wir verlieben uns niemals wahllos, sondern so, dass wir immer die Falschen erwischen. Also spazieren wir am Fluss entlang, vertreiben uns die Tage und die Nächte, wir gehen in die Clubs und feiern die ganze Nacht, bis uns die Haare im Nacken kleben, bis es so heiß ist, dass Kondenswasser von der Decke tropft, und wir tanzen, bis der Moment kommt, in dem auch der Letzte das letzte Bier bestellt, bis wir nichts mehr rauchen und nichts mehr trinken können, und dann müssen wir uns fragen, was wir nun anfangen, mit unseren leeren Händen ohne Bierflasche und Zigarette, mit dem Mund ohne Alkohol und Nikotin und ohne Worte, die eines Gegenübers bedürften.

Dann die Frage, was wir anfangen, alleine mit uns.

Also ziehen wir die Schuhe aus und laufen barfuß zur U-Bahn und unsere nackten Füße hinterlassen kleine Spuren im Neuschnee. Alles, was bleibt, ist das bisschen Musik, das der Kopfhörer noch hergibt. Und nicht einmal die Musik weiß, was wir denn noch tun sollen, wenn niemand anders mehr da ist. Wir zögern die Heimfahrt hinaus, tingeln durch U-Bahn-Stationen, hören scheißtraurige Musik, wir wollen nicht mehr fluchen, wir wollen uns an eine gekachelte Wand lehnen, langsam zu Boden rutschen, am Bahnsteig sitzen und weinen. Das macht man nicht. Was wir machen, ist: wir steigen in die Bahn, zu all den anderen Helden der Nacht, wir blicken starr geradeaus und sehen den Fliesen an den Wänden im U-Bahnhof nach, wir steigen aus, wir steigen um, irgendwann ist es unausweichlich, Endstation, Fahrgäste bitte alle, aussteigen, müde die Treppen hochsteigen.

Dann das Morgenlicht.

Vögel zwitschern, es hat geregnet, wir wissen nicht, warum und wann, es interessiert uns nicht, wir wollen nur noch nach Hause. Wir wollen nur noch nicht nach Hause. Der Körper ruft nach einem Bett, der Kopf weiß, dass eine stille Wohnung ohne Geräusche das letzte ist. Das ist der Grund, warum so viele Menschen gut schlafen können, wenn der Fernseher läuft.

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Hey, du

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Als ich zurückkomme, sitzt du immer noch so da, wie du dasaßt, als ich gegangen bin. Das war vor acht Stunden so, das war gestern so, vorgestern, letzte Woche und letzten Monat, und ich glaub, auch letztes Jahr. Immer hockst du in der rechten Ecke deiner Fensterbank, die Beine angezogen, den Kopf an zwei Kissen gelehnt, und immer steht vor dir diese Tasse Tee. Fühl dich gut-Tee.

Weißt du, was ich dir gern sagen würde? Ich würd dir gern sagen, komm mal da runter, mach mal deinen Rücken gerade, lass deine Schultern nicht so hängen und kipp den Tee in den Ausguss. Geh mal duschen, wasch dir die Haare, zieh dir was an, das kein Jogginganzug ist. Hör auf, den ganzen Tag Schokolade in dich reinzustopfen, hör auf, ständig vor dem Fernseher herumzuhängen, räum deine Wohnung auf, mach dein Bett und gieß bitte mal endlich wieder die Yuccapalme, die sieht schon genauso scheiße aus wie du. Um den stinkenden Geschirrberg in deiner Küche könntest du dich auch mal wieder kümmern, und sag mal hallo, wenn du das nächste Mal dran vorbeiläufst, die kleinen Pelztierchen auf den Tellern sprechen inzwischen Deutsch, Isländisch, Chinesisch und Arabisch. Fließend.

Ich sehe mich in der Küche um. Vor einem halben Jahr saßen wir hier tage-, nächtelang zusammen, haben geraucht und Tom Waits gehört und unseren Liebeskummer in Rotwein ertränkt und zusammen geheult, weil alles so scheiße war. Wochenlang hab ich dir Kräutertee gekocht und Hagebuttenmarmelade, weil du die so gerne magst. Ich hab dir Schokolade mitgebracht und CDs mit Emo-Musik, ich hab deinen Kopf gestreichelt und seine Nummer aus deinem Telefon gelöscht, weil du es nicht übers Herz gebracht hast. Ja, ich weiß, dass du die Nummer auf einen kleinen Zettel geschrieben und in der Zuckerdose versteckt hast. Schlechtes Versteck, übrigens. Ich war immer für dich da, weil ich weiß, wie beschissen sich das alles anfühlt.

Und jetzt seh ich den Stuhl, auf dem ich damals immer saß, er steht in dem Eck, in das du dich verkrochen hast. Weißt du, jetzt, wo ich so an damals denke, würd ich dir gern sagen, andere Mütter haben vielleicht keine schöneren Söhne, aber vergiss den Typen endlich, vergiss doch einfach mal alle Typen und fang mal wieder an, dich für dein Leben zu interessieren. Ich glaube, es vermisst dich.

Weißt du eigentlich noch, wo dein Wohnungsschlüssel liegt? Ich hab ihn im Flur gesehen, unter einem Berg Pizzakartons. Wusstest du schon, dass man Wohnungstüren auch von außen zumachen kann? Geh mal die Treppe runter, wenn du am Briefkasten vorbeikommst, nimm die Post mit, der Briefträger legt die Briefe für dich inzwischen auf den Boden, weil nirgends mehr Platz ist, und dann geh mal raus aus dem Haus. Der Sommer ist schon lang vorbei, den Herbst hast du auch verpasst, aber die Luft ist kühl und frisch und es riecht ein bisschen nach Winter. Vielleicht siehst du das nicht, wenn es draußen dunkel wird und dein Gesicht sich in der Fensterscheibe spiegelt: du bist ganz blass geworden.

Ich würd dir gern sagen: komm mal klar. Steh endlich mal auf, hör auf, dir selber leid zu tun, dich nur noch zu baden in deiner eigenen Misere, Selbstmitleid stinkt, wusstest du das? Manchmal, wenn ich deine Leidensmiene sehe, da frag ich mich, was mit dir passiert ist. Dann würd ich dir gern sagen, wie sehr du dich verloren hast, und dass ich dir beim Suchen helfe, wenn du willst. Aber ich weiß noch nichtmal, ob du das wirklich willst, es ist so schön warm in deiner Wohnung, so bequem an deinem Fenster und zwischen all den Kissen, die den Lärm der Welt draußen halten, die dich vor der Kälte des Lebens schützen sollen, merkst du eigentlich, dass die Burg, in der du dich verschanzt hast, dein Gefängnis geworden ist? Weißt du überhaupt noch, wie sich Leben anfühlt?

Hör endlich auf damit, zu warten, dass etwas passiert, dass dein Leben einfach mal von alleine richtig toll und richtig geil wird. Hör auf, zu warten, dass deine große Liebe an der Tür klingelt und sagt “hallo, ich wohne jetzt gegenüber”, vielleicht hast du ja noch nicht davon gehört, aber wenn man lange genug um den eigenen Bauchnabel kreist, wird daraus ein Teufelskreis, ach ja, außerdem ist Fühl dich gut-Tee kein Placebo und nur in Hollywood gibt es das Happy End nach neunzig Minuten. Du wartest doch schon viel länger als eineinhalb Stunden, wann kapierst du denn endlich: Wunder gibt es nicht beim Pizzaservice und fünfzig Cent mehr mit extra Käse. Wunder sind zum Selbermachen.

Weißt du, was ich jetzt gern machen würde? Am liebsten würd ich dir deinen Tee wegnehmen. Und sagen:

Komm mal da runter. Und komm mal klar. Es wird Winter. Und es wird Zeit.

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Kenn die Nacht.

Es ist leicht, die Nächte voneinander zu unterscheiden,

diese ist eine Nacht von Samstag auf Sonntag, es ist kurz vor fünf, ich bin an irgendeinem U-Bahnhof in irgendeiner Stadt, auf dem Bahnsteig liegen Scherben, jemand stellt eine Bierflasche auf die Bahnsteigkante, die Flasche ist voll, nur ein Schluck fehlt, zwei Punks kicken eine Coladose über den Boden, und die Treppen hinunter fließt ein Menschenmeer.

Es ist leicht, die Nächte voneinander zu unterscheiden,

sie riechen anders, in der Luft dieser Nacht liegt keine Liebe, diese Nacht riecht nach Gras und Schweiß, nach Wodka, Bier und Dreck. Ich lehne mich mit dem Rücken an einen Pfeiler, der Beton ist kalt, dann schließe ich die Augen. Überall sind Menschen, mein Kopf ist schwer und mein Mund schmeckt nach Wein.

Es ist leicht, die Nächte voneinander zu unterschieden,

jede hört sich anders an, diese klingt nach betrunkenen Liedern und wir müssen die Musik immer lauter machen, damit man nicht hört, wie alles zerbricht, die Gleise summen, ein leises Knattern nähert sich, wird lauter, ein Zug fährt ein, ich mache einen Schritt auf die Bahn zu und drehe mich noch einmal um, an der Stelle, wo ich am Pfeiler lehnte, hat jemand mit Edding ein kleines Herz gemalt, der Bahnsteig leert sich, ich steige ein, die Waggons sind völlig überfüllt, die Lampen an den Türen blinken rot, wir fahren. Wir, wir sind Leute mit Zylinderhüten und Federboas, mit pinkfarbenem Lippenstift und grünen Strumpfhosen, mit Tröten und Trillerpfeifen, das ist jemand, der gerade in eine Ecke kotzt, ein alter Mann, der am Fenster sitzt und schläft, singende Briten, ein Akkordeonspieler, der Lärm, der Gestank, die Neonlichter, und irgendwie ist wir auch ich, vielleicht, und ich will jetzt gerne in der Bahn sitzen und heulen, aber eigentlich ist das alles egal, denn

es ist leicht, die Nächte voneinander zu unterscheiden,

alles ist leicht, so lange diese beiden ganz am anderen Ende des Waggons noch aneinander gelehnt dastehen, die Hände ineinander verschlungen, die Köpfe aneinander gelehnt. Niemand ist eine Insel. Für eine Insel muss man zu zweit sein.

 

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Ja. Oh ja.

(“Sagt ihm, daß er den Träumen seiner Jugend / Soll Achtung tragen, wenn er Mann sein wird!”)

(gefunden in: Kurt Tucholsky in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten (Klaus-Peter Schulz, 1970))

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Alle Farben dieser Welt. Eine Novembergeschichte.

Es war einmal in einem Wald nicht weit weg von hier im elften Monat des Jahres, und der kleine Fuchs lag vor seinem Bau und machte sich Gedanken. Manchmal sah er zwischen den Bäumen in seinem Wald nach oben und schüttelte den Kopf. Er machte sich noch mehr Gedanken, und als die Gedanken sehr viele waren, stand er auf, schüttelte sich, putzte sein Fell, und machte sich auf den Weg ins Innere des Waldes, denn dort, wo der Wald am dichtesten und dunkelsten war, wohnte der große, kluge Fuchs, der alles wusste.

Nach einem langen Weg durch den Wald kroch er durch ein letztes Dickicht, die Zweige unter seinen Pfoten knackten, kleine Dornen piekten in sein Fell, plötzlich war das Gebüsch zu Ende und er – war da.

Da sah er schon den großen Fuchs: er lag vor seinem Bau, die Augen geschlossen, und als er den kleinen Fuchs herantapsen hörte, hob er nur kurz eine Augenbraue. Und brummte mit seiner tiefen Stimme: ”Kleiner Fuchs, was führt dich zu mir?”  Continue…

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