wunder

schoen aber selten. very much alive.

Menu Close

Page 3 of 148

Achtundneunzig Prozent aller Ladebalken

Ich knete und sehe einem Pizzateig beim Gehen zu. Nachts sitze ich in der Küche, rauche die letzte Zigarette und freue mich über diese Stille mitten in der Stadt.

Und dann: Eiswürfel machen. Schweißperlen beobachten. Mit Pizza-Eis-Bauch im Bett liegen und Filme schauen. Im Park liegen und Spinnen von einer Hand auf die andere krabbeln lassen. Orangenlimonade trinken. Über eine Syntax streiten. Einen irritierten Blick einfangen und ins innere Fotoalbum einkleben. Ein Gefühl verlieren. Ein Stück Fleisch durch die Stadt tragen. Mehr Eiswürfel machen. Die Auswanderung nach Skandinavien planen.

Den allerersten Sommer meines Lebens habe ich kurz vor meiner Geburt bei gemäßigtem Klima erlebt. Für alle Sommer seitdem war und bin ich einfach nicht gebaut.

Ich sitze verzückt vor einer Waschmaschine und wasche vier Stunden lang Wäsche. Weil’s jetzt geht.

Ja sagen. Einen Terminkalender aktualisieren. Im Bett liegen und Eis essen. Eine E-Mail lesen und es nicht fassen können. Eine andere E-Mail lesen und es anders nicht fassen können. (Ich lese zu viele E-Mails.)

Es hat sich vieles verändert. Je mehr ich erfuhr, umso radikaler wurde ich in meinem Denken. Je mehr ich las, umso klarer wurde ich in meiner Haltung. Je mehr ich lernte, umso sorgsamer wurde ich mit Menschen. Je mehr Zeit verging, umso gnädiger und härter wurde ich mit mir selbst.

Im Moment beobachte ich all das. Sehe, was weit weg geschieht und doch alles darüber aussagt, wie die Dinge gerade stehen. Höre mir an, was die anderen zu sagen haben. Schreibe Pläne, führe Gespräche, tue, was ich von mir erwarte. Die Zeit wird kommen, wo ich von alledem einige große Schritte zurücktrete, auf einen Stuhl klettere (oder auf eine Leiter oder einen Baum), und mir all das mit größerem Abstand ansehe. So wie ich gestern um siebzehn Uhr fünfunddreißig eine E-Mail las, die aus Versehen bei einer Stichwortsuche auftauchte und deren Existenz ich vor vier Jahren vergessen hatte. Die mich wieder zum Lachen brachte, wie die Person, von der sie stammte. Nicht alles verändert sich, nur weil ein Abstand sich vergrößert.

Eigentlich hätte ich schon vor Monaten schreiend weglaufen müssen. Ich habe es nicht getan, und nur in Nächten wie dieser gestehe ich mir zu, langsamen Fortschritt zu beobachten.

Achtundneunzig Prozent aller Ladebalken sind Schwindel.

 

Konstruktiv

Ein Pony streicheln. Schafe zählen. Im Schlaf Mückenstiche aufkratzen. In der Sonne liegen wollen und nach fünf Minuten in den Schatten flüchten. Zu viel Kaffee trinken. Hinter einem Sucher verstecken. Auf den Bildern nichts wiederfinden. Zu alledem zwingen, was gemeinhin unter “gesunde Gewohnheiten” fällt. Das Leben ist halt kein Ponyhof, aber wenigstens die Möglichkeit eines inneren Vergnügungsparks. Weinen, kurz darauf Dinge sagen und es hinterher sehr bereuen. In ein Gesicht schauen und nichts wiedererkennen. Nur noch im Konstruktiv sprechen. Wochenlang auf eine Verabredung freuen und sie im letzten Moment vergessen. Auf die to-do-Liste setzen:

  1. Einkaufen: Tomaten, Saft, Basilikum, Olivenöl
  2. Flügel kaufen
  3. Waschmaschine kaufen (Anschluss?)
  4. Geld verdienen
  5. Flügel kaufen
  6. passende Wohnung finden
  7. umziehen
  8. klarkommen

Und immer wieder die Frage, ob es nicht doch eher die Mücken sind, die den Sommer machen.

201407_offsite3_064

Brighton

So let’s talk, that’s all we’ll do, just talk.

Zuschauen und winken, wenn alle in den Urlaub fahren. Ein Piercing herausnehmen und dann versehentlich mit dem Biomüll entsorgen. Zwei Handvoll Haare abschneiden lassen von einem Kopf, auf dem doch eh fast keine Haare mehr sind. Gehärteten Klebstoff von einer Tischplatte kratzen. Einen Salbeistrauch wegschmeißen; das Käfervolk, das er eingeschleppt hat, gleich mit. Neue Piercingstecker kaufen. Das Gefühl, mehr Metall am Körper zu brauchen. (Oder doch Tinte, oder doch Sonne.) “Herzlich willkommen!” schreiben. Nägel in neuem Rot lackieren. Krass vermissen.

Nichts mehr verstehen. Acht Seiten für die Rentenversicherung ausfüllen. Belegen sollen, dass ich das kann, was ich so mache. Mir dessen Seite für Seite, Feld für Feld, selbst immer weniger sicher sein. Verträge ausdrucken und tackern. Einen Plan B suchen. Klauseln prüfen. Überlegen, hauptberuflich tagein, tagaus Seiten zu tackern. Merken, dass es dafür schon Maschinen gibt. Der Tag, an dem Automatisierung meine Karriereplanung zerstörte.

Feststellen, dass das Pathos meiner Vorträge zu einhundert Prozent davon abhängt, welche Musik ich beim Schreiben höre. Über Häuser reden. Einen See in Betracht ziehen. Das Schreiben für die Rentenversicherung in den Briefkasten werfen. An einen Bausparvertrag denken.

In allen Ecken der Wohnung schwarze Haare finden. Mit Zucker und Olivenöl die letzten Reste sonnenverbrannter Haut ablösen. Staunen, wie das so geht, mit der Haut. Aufs Fahrrad setzen und in den Wald fahren. Merken, dass alles schon wieder eine Woche her ist. Bilder machen. Eine Erinnerung wie ein hingeworfenes Strandaquarell; ein Gefühl wie Brackwasser.

Im Taxi weinen.

Einen Spiegel umhängen. Vielleicht war Manches noch nie so intensiv wie jetzt; so unglaublich gut, so halsüberkopf; und so unaufhaltsam wahnsinnig. Mit dem Wissen, dass es gegen die Wand fahren wird; die Frage ist nur noch, wo genau die Wand sich befindet.

Versuchen, den Schwindel zu ignorieren. (Wie alles andere auch.) Einatmen, ausatmen. Einatmen, ausatmen. Am Flughafen die teuerste Apfelsaftschorle aller Zeiten kaufen. In ein Flugzeug nach Westen steigen

Im Kalender eine tägliche Erinnerung an die eigene Verletzbarkeit eintragen.

Dies ist das erste Jahr, in dem die zwanzig Jahre alte Narbe unter meinem Bauchnabel nicht mehr zu sehen sein wird.

201407_indie_036

 

In meinen Armen

Ein Plüschtier kaufen. Auf einen Zettel ein <3 schreiben und ihm an die grün-plüschige Brust heften. Kuchenzutaten auf ein Blatt malen. Innerlich zusammenfallen. Am Telefon T., der eine Viertelstunde lang berichtet, wie er einen Maulwurf beobachtet. Maulwurfvideo ansehen. Nicht schlafen können. Einen neuen Text schreiben. Zur U-Bahn rennen. Eine Fahrkarte für 10 Euro kaufen. 151km gen Nordosten fahren. Eine Präsentation zusammenwürfeln. Von 17-Jährigen angeflirtet werden. Beinahe an der falschen Station aussteigen. An einem Bahnsteig stehen. Ein Herz im Taxi-Fußraum finden. Wieder genau an der selben Stelle wie vor vier Jahren sein. Alles wiedererkennen. Lernen, was “danke” auf Polnisch heißt. Zu einer Villa fahren. Ein Bild nach Köln schicken. Hoffen, dass es bald Wasser gibt. Drei Schluck Bier trinken. Zu viel reden. Dem Klang einer fremden Sprache lauschen. In einen Kinosessel einkuscheln. Gähnen. Endlich Wasser trinken. Vier Gläser. Auf einer Mauer sitzen und in den Abendhimmel über Polen schauen. Noch mehr reden. Rauchen. Die Augen mit Mühe offen halten. Ins Hotel fahren. Den Müslischüsseln auf dem Frühstücksbuffet zuwinken.

In ein Bett fallen. “Jetzt reiß dich mal zusammen” denken. Trotzdem vermissen. Keine Nachricht schreiben. Lachen, als in dem Moment eine Nachricht kommt. Aufstehen und ein Foto machen. Vornehmen, zu schlafen. Den Wecker stellen. Eine Fahrkarte für 42 Zloty kaufen. Eine Stunde am Bahnhof sitzen, gegen ein Kioskhäuschen gelehnt. 151km gen Südwesten fahren. Aus dem Zugfenster schauen. Wegdösen. U Gesundbrunnen. Zwei Bissen Obstsalat essen. Zur Wohnungstür hineinfallen. Rucksack in eine Ecke werfen. Essen wollen. Stattdessen mit einer Chipstüte im Arm einschlafen.

szczecin

Alles anders

201406_gc_0744

Wieder um 20 Uhr nach ganz oben aufs Dach gehen. Darauf warten, dass die Sonne untergeht. Ein letztes Mal auf die Wolken warten. Ein letztes Mal versuchen, nicht an “ein letztes Mal” zu denken. Nicht einschlafen können. Verschlafen. Orangensaft trinken. Eine Tasche packen. Ein Handtuch zurückbringen. Danke sagen. Ganz oben, ganz hinten im Bus sitzen. Aus dem Fenster sehen, die Hand ausstrecken und fast die Palmenkronen streicheln können. Nicht fort wollen und doch abheben. Kaffee und Orangensaft trinken. Ein Bordmagazin lesen. Kaffee und Orangensaft trinken. Nein sagen, nur von innen. Nicht ankommen wollen und doch landen. Auf ein Taxi warten, das niemals kommt.

Die Tür aufschließen und wenigstens ist das Geschirr gespült. Den Boiler einschalten. Dem leeren Kühlschrank hallo sagen. Einen verdorbenen Mozzarella wegwerfen. Nicht schlafen können. Ein Körper, der sich fühlt wie am falschen Ort. Ein Kopf, der am falschen Ort ist. Alles anders, alles falsch. Am Morgen dann in den Waschsalon gehen. 2 Bikinis, Unterwäsche, 2 Shorts, eine Jeans, 2 T-Shirts, 2 Tops, 3 Paar Socken.

Den ganzen Morgen warten und schließlich doch zu spät sein. Eine Tür aufschließen. Erstmal Kaffee kochen und die gute Tasse ohne Sprung heraussuchen. Musik hören. Dasitzen, hinsehen und mich wundern. Wie leicht es ist. Wie einfach. Wie es ist, ganz ohne Nachdenken, ohne Mühe. Wie alles anders ist und wie schwerelos. Aus den letzten Vorräten Gnocchi mit getrockneten Tomaten und Oliven kochen. Einen Film sehen. Einen Blick nicht abwenden können. Einatmen. Ausatmen. Schlafen können. Aufwachen und nicht aufstehen. Über einen Flecken Morgensonne nachdenken. Den Computer in die Werkstatt bringen. Dasitzen, daliegen, mich wundern, dass die Leichtigkeit nicht verfliegt. “Huh?” hören. Mehr Kaffee kochen. Pizza essen. Mit Pizzabauch einschlafen. Zu früh aufstehen. Zu viele Dinge aufschreiben müssen. Schon wieder in allem zu viel “zu”. Und alles zu schnell. Vor allem: zu früh zur U-Bahn gehen.

Den letzten Sonnenuntergang sehen. In die Küche zurückkommen. Und wieder alles anders. Und wieder alles falsch.

201406_gc_0365