01.November oder das Gemeine am Leben. Vom Tod.

Ein Kommentar gegen das Vergessen.

Vor einem Jahr, am 1.November 2006, ist meine Oma väterlicherseits gestorben. Ich muss zu meiner eigenen Schande gestehen, dass ich ihr nie so nah war, wie ich vielleicht als ihre einzige Enkelin (die anderen 2 sind Jungs) hätte sein sollen. Und trotzdem – es fehlt etwas, da wo sie war, ist einfach ein Loch, sie war nunmal… meine Oma!

Das Gemeine am Leben ist, dass wir meist erst merken, wie nah uns jemand stand. Wie wichtig er uns war. Wie sehr er uns beeinflusst hat. Was wir von ihm haben. Wie ähnlich wir ihm sind. – Wenn wir das nur noch zu einem Strauß Blumen auf einem Hügel Erde sagen können.
Das Gemeine am Leben ist das nicht-mehr-rückgängig-machen-Können.
Das Gemeine am Leben ist das Sterben.


Warum braucht es immer wieder solche Ereignisse, um unsere Wertschätzung füreinander, für unser Leben, wachzurütteln? Dann wird uns unsere eigene Vergänglichkeit wieder für einen kurzen Moment bewusst, wir beschließen, unser Leben bewusster zu leben. … Wir scheinen jedoch eine sehr vergessliche Spezies zu sein. Denn schon kurz später geht meist alles weiter wie zuvor.


Ich glaube, mit dem Verlust eines Menschen ist es wie mit einem Grab. Ist alles noch frisch, die Erde aufgelockert, die Blumen leuchten ironischerweise im Angesicht der vielen Menschen in Schwarz, konzentrieren sich alle Gedanken, alle Gefühle darauf. Fegt dann die Zeit über uns hinweg, setzt sich die Erde, es legen sich neue Staubschichten und Ereignisse darüber, die Blumen verändern sich, werden gegen langlebigere ausgetauscht, Schichten neuer Gefühle legen sich über alles, Gefühle, die sich lebendiger anfühlen – und irgendwann ähnelt das Grab all den anderen auf dem Friedhof, unsere Erinnerungen werden gewöhnlicher, wir kennen sie kaum mehr anders – abgesehen von den Namen auf dem Grabstein, die uns an unsere eigenen Wurzeln erinnern.
Heute weiß ich, wie ähnlich ich ihr bin. Dass all die Nachbarn, ihre Freundinnen und meine um-4-Ecken-Verwandten Recht hatten, wenn sie mich mit ihrem “Ganz die Oma!”-Spruch genervt haben. Mann, sind die mir auf den Keks gegangen! Ich fand es immer viel schöner, wenn ich sie für mich allein hatte. Wenn sie für mich gekocht (Kartoffelbrei mit Bohnen! Knödel und Rotkraut!), mit mir gebacken, Fernseh geguckt, mit mir zusammen im Garten gearbeitet oder gehäkelt hat.

Und heute wüsste ich gerne, was sie zu manchen Dingen sagen würde. Zum Beispiel dazu, dass ich inzwischen quasi ihr gegenüber wohne – in dem Haus, auf das sie immer von ihrem Wohnzimmer aus geguckt hat. Dazu, dass ich meine Ausbildung fertig habe; zu dem, was aus ihren Kindern und Enkeln geworden ist (mal mehr, mal weniger, würde sie vermutlich sagen, meine Oma hatte einen manchmal echt trockenen Humor*g*); dazu, dass ich immer noch nach ihren Rezepten backe und daran arbeite, darin mal so gut zu werden wie sie.

Die Tragik daran ist nur, dass ich all das erst jetzt merke.
“…und dann tut es dir leid, doch dann ist es zu spät. Zu spät.”

Es gibt Momente,…

… da sollte man dem Leben einfach die Zähne zeigen und wiehern.

Selbstbetrachtungen

Gestern Abend fand das halbjährliche Konzert meiner Gesangsklasse statt, diesmal unter dem Motto “Musicals” unter anderem mit Stücken aus “Les Misérables” und der “Rocky Horror Picture Show” (aber ohne die Leichen).
Trotz einiger ungeplanter Katastrophen (Katastrophen sind ja doch meistens
ungeplant, es sei denn man ist eine Feuerwehr beim Probealarm)
war es
ein sehr schöner Abend, der mit griechischem Bauernsalat,
einem Berg Zwiebeln mit den Ausmaßen einer Riesenorange, einem
halben Kilo Feta und gefühlten 50 schwarzen Oliven endete.

Wir sind ungefähr 12 Leute zwischen 18 und 48, alles sehr nette
und liebe Menschen und noch dazu tolle Sänger. Es gab da aber schon während der Proben etwas, das mich ein wenig gefuchst hat, wenn ich ganz ehrlich bin.

Ich denke, man muss sich nicht ständig mit anderen vergleichen.
Das kann zwar in puncto Selbstkritik manchmal ganz heilsam sein,
ist auf Dauer aber nicht nötig, da wir einfach zu unterschiedlich sind,
um wirklich miteinander vergleichbar zu sein.
Wir tragen zwar alle
den selben Prototypen in uns, was darum
aber äußerlich und innerlich
gebaut ist, ist dann doch sehr unterschiedlich.

Es gibt unter den Sängerinnen aber eine, die mich
jedes Mal, wenn ich sie treffe, dazu bringt, mich klein, dick, hässlich
und doof zu finden und zu fühlen. Sie ist nett und wir verstehen uns
sehr gut, dieses Mal war es sogar sehr lustig mit ihr – aber da
ist einfach immer diese kleine gelbe Eifersuchtswolke, die über mir
schwebt.
Vielleicht, weil ich einfach in manchen Dingen gerne so wäre
wie sie. Es aber nie sein werde. Und ich mich deshalb blöd finde.

Das ist sehr kindisch, dessen bin ich mir durchaus bewusst.
Ich glaube aber, jeder hat so jemanden, entweder im eigenen Familienkreis oder unter Bekannten / Freunden. Entweder die eigene Mutter
(“Kind, aus dir wird nie was! Guck dir doch mal den an, zu was
der’s schon gebracht hat!”)
oder Freunde, die einfach schon mehr
geschafft haben (“Mist, schon wieder einer mit Einser-Abi”).
Jemand, der einem ständig die eigenen Unzulänglichkeiten
überbewusst macht und einem das Gefühl gibt,
es ja doch nicht auf die Reihe zu kriegen.

Nur: Da ich sie nicht umbringen werde, nur um mir das Gefühl
vom Leibe zu schaffen (dafür ist sie dann doch zu nett), werde
ich wohl mit ihrer Gegenwart leben müssen.

Und meine Stimme ist lauter als ihre, äääätsch! :-)

Schallgrenze

Musik
l a u t
fliegt in mein Ohr
fließt durch meinen Kopf
Gedanken
verstummen
Leere füllt sich mit Klang

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