Formlos und frei: Sommer 2011.

Fünftausendzweihundert Kilometer. Berlin – Dresden – Berlin – Köln – Duisburg – Berlin – Hamburg – Ostsee – Berlin – Düsseldorf – Köln – Duisburg – Berlin – Sczecin – Berlin – Stuttgart – Berlin.

Sitzen: Irgendwo auf dem Boden. Vor Polizeiwachen. Vor Bahnhöfen. Auf Bierbänken. Auf Parkwiesen. Auf Bäumen. An Stränden. Auf Mauern. Im Dom, kurz nach sieben Uhr morgens.  Liegen: Irgendwo auf dem Boden. Auf Grünflächen. Auf Hotelbetten. Unter Bäumen. An Seen. An Meeren. In den Dünen. Unter Himmeln. Reden: Über Baumarten. Über Wörter. Sehen: Wilde Stadtkaninchen, Rehe, Marienkäfer, Flughunde mit goldenen Locken. Nicht machen: Koffeinsucht kultivieren. Von Starbucks-Mitarbeitern anflirten lassen. Bienenstiche haben. Machen: Seifenblasen. Kitschsachen. Kitschfotos. Händchenhalten. Für jemanden eine Kerze anzünden. Ein Rad schlagen im Park. Auf Grashalmen pfeifen. Auf alles pfeifen. Mal alles von ganz weit oben betrachten. Runterschalten. Durchmachen. Abschalten. Durch Regen laufen. Strandspaziergänge. Kirschen essen. Kirschflecken auf Hosen haben. Knutschen. Kopfhörer aufsetzen und leise singend durch eine fremde Stadt laufen. Schaukeln. Herzen suchen. Fremde finden. Freunde finden. Freunde behalten.

Irgendwann begreifen, dass man sich irgendwie überall zurechtfindet. Und das Gefühl mitnehmen, dass man überall zurechtkommt.

Und in den besten Momenten: einfach kein Foto machen.

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Fünftausendzweihundert Kilometer in 24 Stunden.

                                     

Du gehst mit festem Schritt und immer all’n voran, du wirst getragen von der Hoffnung niemals anzukommn. Du kennst nur grob die Richtung, der Weg ist dir egal, wenn es zu lange dauert, gehst du ihn ein zweites Mal. Doch denen die mit reinem Herzen geh’n, ist nichts in der Lage jemals mehr im Weg zu stehn. (Torsun – Formlos und frei)

Ich glaube, jeder Mensch kann in jedem Jahr nur eine bestimmte Anzahl von Bahnhofsabschiedsszenen ertragen. Ich kann das nicht mehr, dieses Jahr.

Danke.

Zwei Zentimeter

Wissen ist ein flüchtiger Klebstoff.

Ich hatte ein neues Bild gemalt. Es wurde erste Bild, das ich unten rechts signierte, ich stellte es bei einer Online-Auktion ein. Er war Bieter Nummer 7, er bekam den Zuschlag und ich mehr Geld als gedacht. Ich machte noch ein Foto davon, schlug es vorsichtig in Papier ein, brachte es zur Post, versicherter Versand, erhielt eine automatische Empfangsbestätigung.

Vier Wochen später in meinem Postfach: eine vorsichtige Nachricht, die sich liest wie ein leises Anklopfen an einer Tür, von der man nicht weiß, was sich dahinter verbirgt. Er fragt, ob er mir schreiben dürfe. Ich weiß nicht, was ich antworten soll und sehe mir an, was er bisher so alles ersteigert hat. Klamotten, Platten, Flohmarktkram. Ich antworte: Ja. Als ich am Abend darauf nach Hause komme, wieder eine neue Nachricht von ihm.
Darf ich Dir erzählen, was mir durch den Kopf geht, wenn ich das Bild sehe? Warum ich es unbedingt haben musste?
Ich will ihm seinen Spaß nicht verderben, tippe wieder ein kurzes Ja und klicke die Nachricht weg. Ich will das alles doch gar nicht wissen, ich bin gerade ausreichend beschäftigt damit, die Scherben meiner letzten Beziehung zusammenzukehren. Wochenlang höre ich nichts mehr von ihm. Dann eine neue Nachricht. Diesmal mehrere Seiten lang. Er schreibt von dem Bild, von erfüllten Wünschen, von Ideen, die er abgehakt hat, und von durchkreuzten Plänen. Von Hunger, Sehnsüchten. Von Farben, von Hass, Wut, Trauer, viel Gefühl. Mit erbarmungsloser Offenheit.

Erst lese ich widerwillig, dann kann ich nicht mehr aufhören, wie bei einem Buch, das man erst liest, weil man es muss, und das einen plötzlich packt. Die Nachricht lässt mich fassungslos zurück. Aber antworten kann ich ihm nicht. Drei Wochen lang bin ich danach damit beschäftigt, mein Leben neu zu ordnen. Dann beschließe ich, [...]

Das verlorene Ich

Eines Morgens erwachte ich und war mir über Nacht abhanden gekommen.

Nun verliert man sich selbst aber nicht einfach wie einen Zettel, den man in einer Wohnung verlegt, wie eine Münze, die durch ein Loch in einer Tasche verschwindet, oder wie eine gesunde Gesichtsfarbe, die unter zu viel Monitoreinstrahlung einem fahlen Grau weicht. Man verliert sich auch nicht wie eine Ringelsocke, die von der Waschmaschine verschluckt wird, oder wie ein Feuerzeug, das nach einem Abend in einer Bar verschwunden ist. Eigentlich sollte man sich überhaupt nicht verlieren! Leichte Panik machte sich in mir breit. Ich ertastete meinen Körper. Meine Augen, meine Nase, mein Mund, Arme, Beine, Füße, alles war noch an seinem Platz. Sogar mein Bauchnabel befand sich noch an der selben Stelle wie vor dem Einschlafen. Ich stand auf und ging ins Badezimmer. Mein Spiegelbild sah dem von gestern noch sehr ähnlich, auch wenn meine Haare verwuschelt in alle Richtungen abstanden und mein Blick keine Bände, aber von zu wenig Schlaf sprach.

Ich ging durch die Wohnung und sah in alle Räume. In der Küche lag noch immer ein Stapel benutzten Geschirrs im Spülbecken, im Büro die selben Papierberge wie gestern, sie ruhten seit Monaten in Frieden, auch meine Schuhe waren noch da und im Schlafzimmer lagen meine Bücher und meine Filmsammlung neben meinem Bett. Es war alles wie immer. Doch ich fehlte. Und ich war nirgends zu sehen. Die Panik in mir wuchs.

Gegen meine Panik tat ich, was ich immer tat, wenn ich mich beruhigen musste: [...]

liebe, geographisch oder: wäre deine haut eine landkarte, wollte ich

deine grenzen höhen täler
küstenwind und alpenglühn
mittagshitze nebelnachtblau
stille wellentodezähler
frühling heidebodengrün
winter großstadtfelsengrau

unsre staatsform lippenbogen
unsre sprache gänsehaut
währungseinheit augenblick
dir, könig, maßlos ich gewogen
fingerspitzennah vertraut
von dir gibt es kein zurück

schlafen, küstenwind im nacken
morgens wimpern voller sand
schwarz von deines feuers rauch
glänzen meiner krone zacken
schnee und tau in meiner hand
tannennadeln auf dem bauch

und ein schiff wir uns dann falten
einmal noch vom mondlicht trinken
taschen voll von unserm geld
hamburg, hafen, hände halten
um gemeinsam zu versinken
in der ausmessung der welt.

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