— wunder

Was tun, mit diesem Wochenende. Pläne? Braucht es nicht. Doch die letzten Kaffeebohnen sind zermahlen und getrunken. An die Frühstücksbrötchen erinnern nur noch die Krümel im Bett, an den letzten Abend eine leise Müdigkeit unter der Haut. So schön es hier drin ist – wir müssen raus. Raus aus der Wohnung, raus aus der Stadt. Raus aus dem Grau, raus aus allem, was war.

Wir nehmen die nächste Bahn, nach 3 Stationen sind wir da. Immer noch mittendrin, doch runter von den Hauptstraßen, weg vom Lärm.

Endlich wieder Weite sehen, erst irgendwo am Horizont die nächsten Häuser.

Herbstig ist es, heute, du ziehst dir die Mütze weit über die Ohren. Die Sonne leuchtet vom tiefblauen Himmel, als sei noch einmal Sommer, als gäbe es kein Morgen. Und niemals Winter.

Die halbe Stadt ist hier, doch man merkt nichts davon. Überall bemützte, warm eingepackte Menschen.

Auf Roller, Skateboard, Ein-, Zweirad, Picknickdecke. Mit Kinderwagen, Hund, Kind. Alleine, mit Freunden, und Händchenhaltend. Und manche dem Himmel noch ein wenig näher.

Ein Fahrrad kommt uns entgegen, auf dem Sitz vorne ein kleines Kind. Strahlt begeistert über beide Ohren und winkt allen Spaziergängern zu. Von überall dringt leise Kinderlachen. Kinder mit Drachen, größer als sie selbst.

Der Wind verweht jeden Lärm, legt Stille über den Asphalt. Hunde toben herum, trotten gemächlich über die alte Startbahn. Schauen den Drachen hinterher.

Der Himmel über uns hängt voller Drachen. In allen Farben kreisen sie über unseren Köpfen, flattern im Wind. Jetzt nur noch den Kopf in den Nacken legen, dem Tanz der Drachen, dem Flug der Wolken nachsehen.

Es riecht nach Kuchen, die Kuchenfabrik ist nicht weit. Wir bekommen Hunger und teilen uns den Apfel aus deiner Manteltasche.

Plötzlich ist da niemand mehr. Außer uns. Dem Rascheln der Gräser. Wir und der Herbst.

Du klaust mir die Kamera, eine Windbö weht über die Wiesen und mir die Haare ins Gesicht. Das Klacken, wenn der Spiegel in der Kamera umklappt, du grinst: Und wehe, du löschst das! — Och, sage ich, na gut … weil du’s bist:

Langsam kommt der Abend, die Sonne geht. Wir schlendern die letzten Meter zurück zum Bahnhof und sehen noch einmal zurück. Der Lärm der Stadt hat uns wieder. Doch wir sind immer noch

raus. Aus allem, was war. Rein ins Jetzt, mit Wind in den Haaren. Und keinem Schimmer davon, was noch kommen mag. In der Bahn nach Hause: Grashalme in unseren Schuhen.

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Schönen Tag auch!

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Da passt man einmal kurz nicht auf, und schon lebt man seit zwei Monaten wo.

Ach, Berlin. Du machst mich staunen.

Manchmal überrollst du mich einfach, mit all deinen Möglichkeiten. Dann fühle ich mich wieder wie mit acht und strohblonden Haaren, als man mir erklären wollte, wie groß die Welt ist, und was genau es heißt, wenn man alles machen kann, was man will.

Es gibt hier hundert Parks, fünfhundert Bus- und Bahnverbindungen, tausend Straßen und Wege, zehntausend Cafés + Restaurants, hunderttausend Mal Kulturkram, eine Million Kneipen. Und dreikommavier Millionen Menschen. Für ein Landkind wie mich ist das verdammt viel.

Ach, Berlin.

Ich mag deinen Rhythmus, deine Rast- und Ruhelosigkeit. Irgendwo hat immer ein Laden auf, irgendwo kommt immer die nächste Party, die nächste Kneipe her. Seit Wochen komme ich mit dem Schreiben und den Bildern nicht hinterher, weil so vieles so gut ist, hier.

Manchmal gehst du mir echt ganz schön auf den Geist. Wenn der zehnte Krankenwagen in einer Stunde unterm Fenster durchrauscht, wenn der Verkehrslärm dröhnt, und wenn die blöden Touristen wieder nicht verstehen, dass sie im Bus nicht auf der gelben Markierung stehen dürfen, da sonst die Türen nicht schließen.

Ach, Berlin. Meine Stadt.

Ich habe aufgehört, alle Naselang den Fernsehturm zu fotografieren, ich finde mich problemlos zwischen Bus, U- und S-Bahn zurecht, am Brandenburger Tor bin ich nur mal per Zufall vorbeigeschrammt, und jeden Tag fahre ich am Schloss Bellevue vorbei, na und? Nächster Halt: Am Stern.

Und langsam … langsam komm ich rum. Ich kenne Frühstückscafés, Bäckereien, den liebsten türkischen Gemüsehändler, und Orte, wo es gutes Essen gibt, Veggie-Burger, Döner mit Feta, heiße Suppen und Kleinigkeiten auf Asiatisch. Ich weiß, wo das bequemste Bett der Stadt steht, wo man den besten Kuchen kaufen kann, in welchem Supermarkt die netteste Kassiererin der Welt arbeitet (Eigenlob, ‘tschuldigung, hihi), und wo es diese tollen T-Shirts mit Prints gibt. Ich weiß die beste Theke für ein Bier abends, und ein kleines, verschwiegenes italienisches Restaurant für spät nachts. Und ich kenne einen Spielplatz, von dem man nachts die Sterne sieht.

Manchmal fragen mich die Leute, wie lang wohnst du denn jetzt hier?, und dann sage ich stolz zwei Monate, schon. Da lachen sie, und ich erzähle, wie oft ich dieses Jahr umgezogen bin. Und dass zwei Monate an einem Ort ganz schön lang sind, für eine wie mich, und dann zitiere ich Hans Fallada (“Im besten Fall erobert Berlin uns, und das hat es bei mir gründlich getan.”) und sage “jawoll!”

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Irgendwie sind immer Leute da, gerade.

Zum Kochen, zum Essen, zum Reden, auf ein Glas Wein, zum Erzählen, zum endlich-schlafen-Können, zum Übernachten, zum Kaffeetrinken am Morgen, und zur ersten Zigarette des Tages. Sie kommen hierher, die vielen Stufen bis hier oben, nur kurz vorbeischauen wollen sie. Und am Ende  — bleiben sie einfach hier.

Das macht mich froh.

Spärlich möbliert ist mein Zimmer. Und manchmal fällt morgens der Obstkistenschrank um. Ich habe nicht viel. Zwei Ohren und ein offenes Herz, ein Teller Pudding und eine Wolldecke sind alles, was ich geben kann. Doch die Lampen machen ein schönes Licht, es ist warm hier drinnen, es gibt einen Tisch aus einem alten Pappkarton. Und man kann die Blätter vor den Fenstern fallen sehen, der Kaffee ist gut, und wenn man ein wenig zusammenrückt und sich einer mit einem Mantel zudeckt, können viele Menschen hier schlafen.

Es kommt Besuch, aus dem fernen Süden, und aus dem nahen Norden, aus Kreuzberg und Lichtenberg, aus Tiergarten und aus ums-Eck. Wir sitzen in Cafés, der Besuch liest und ich schreibe, das ging lange nicht, und jetzt geht es wieder. Das ist schön. Ich zeige die Stadt, und spiele stolz den Fremdenführer, und dabei bin ich doch selbst so fremd hier. Aber immerhin kenn ich mich in der Fremde aus.

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Dieser Sommer war voller Überraschungen, ein einziges Staunen. Über Ungeahntes, Unerwartetes, darüber, was plötzlich alles möglich sein kann, wenn man mit gar nichts mehr rechnet.

Mir sind wundertolle Menschen begegnet, Menschen, die mich zum Staunen und Lachen gebracht haben. Menschen zum Klamottentauschen, nachts, auf dem Mädchenklo, und Menschen für ein Jungsmädchengespräch über Feinstrumpfhosen.

Es war ein Sommer voll guter Musik und schöner Konzerte. Mit viel Eis, Schokokuchen und Cheesecake, literweise Kaffee und Himbeersaft, und hauptberuflich Franzbrötchen.

Ein Sommer, der auf dem Land im Auto begann, auf dem Fahrrad in Wiens Gassen weiterging, und in der Berliner U-Bahn endete.

Mit Tagen, die sich aufteilen ließen zwischen Dusche und Strohhut, zwischen verflüssigtem Teer und Sonnenbrand, zwischen Hitze, Wolkenbrüchen und Regen, der von der Straße als Dunst aufsteigt. Mit dem Unwetter des Jahres, und einem Staunen von der Fensterbank aus, als unten krachend und tosend die Welt unterging. Mit Tagen am Rhein, an der Donau, an der Spree, mit Barfußlaufen am Prater und am Hackeschen Markt, mit Naschmarktweißwein und Rotwein im Museumsquartier. Mit einem Mittwoch, der mit viel kürzeren Haaren endete als er angefangen hatte. Und mit Fotos: Von fetten Engeln, Wiener Toiletten, und von Hintern berühmter Männer auf Pferden.

Manchmal habe ich diesen Sommer verflucht: Die Milliarden von Gelsen, die Hitze, wenn sie ganz unerträglich wurde. Aber vor allem habe ich den Sommer geliebt: Die Nächte in Bars und auf Balkonen, in Parks und Pavillons, auf Isomatten und Sofas. Mit verrückten Leuten und wilden Parties. Mit Dosenbier und Tequila, mit Rauch und Schall, mit Würstelständen und Hüten von Stetson bis Zylinder.

Ich war kein einziges Mal im Schwimmbad. Aber mit den Beinen im Spreewasser, mit den Füßen im MuseumsQuartier-Planschbecken, mit der Stofftasche im Teich am Karlsplatz. Und machmal von Kopf bis Fuß im Regen. Nach einer durchtanzten Nacht haben wir im Springbrunnen geduscht, als die Sonne schon wieder hoch am Himmel stand. Während alle anderen gerade erst aus den Betten krochen.

Und während draußen vor den Fenstern der Wind die ersten Blätter über Berliner Straßen weht, denk ich zurück an Wien und weiß: Es gibt sie wirklich. Die kleinen Dinge, die am Ende so groß sind, dass sie einen zerreißen, wenn man sie zurücklassen muss.

Und all das, …

Und deshalb: Danke an alle, die ich treffen und kennenlernen durfte, und die diese Zeit so unvergesslich gemacht haben. Das hier – ist für die, die geblieben sind. Als der Sommer zu Ende war.

Dieser Sommer fing an mit einem Sommer_Mixtape. Und endet mit der Playlist, die diesen Sommer wirklich lief. An Sommertagen:

und in Sommernächten:

Dieser Sommer hat mir einen neuen Wohnort gebracht. Ein neues Gefühl von Zuhausesein, wenn auch woanders.

Und: Sommersprossen.

*

Wer am Herbstanfang geboren ist, wird immer Sommer im Herzen haben.

Tschüss, Sommer. …

Hallo, Herbst!

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… oder “Du hast doch einen Vogel!” – “Jawoll!”

Der Küchenchef empfiehlt: Statt Pellkartoffeln!

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oder das beste nachträgliche Geburtstagsgeschenk aller Zeiten:

Nach Wochen ohne Jacke, voll Frieren und Zittern.

(Nein, ich übertreibe nicht, morgens um sieben und nachts um fünf ist es hier verdammt kalt.)

Ein 30-Kilo-Paket. — Der Wintermantel ist da.  Freude, Freude, Freude! :-)

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Liebster Paul.

Ja, Paul ist ein seltsamer Name für ein Auto, und “wer ist eigentlich Paul?” Aber, seien wir doch ehrlich, ein Corsa ist auch ein seltsames Auto. Du warst auch nie eine Schönheit. Aber hey, ich liebe dich trotzdem. Oder genau deswegen.

Damals, als ich dich das erste Mal mit nach Hause genommen habe, war klar: Das ist nicht einfach irgendein Auto wie jedes andere auch. Und plötzlich wusste ich einfach, wie du heißen würdest. Ja, es ist kindisch, ja, es ist typisch Frau – aber weißt du was? Es war mir egal. Und ich habe mich nur ein einziges Mal sehr geärgert, dich, diesen Nutzgegenstand, diesen fahrbaren Untersatz, derart emotionalisiert zu haben: Als klar war, dass ich dich verkaufen muss.


Ach, Paul.

Wo waren wir nicht überall.

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