Hey, du

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Als ich zurückkomme, sitzt du immer noch so da, wie du dasaßt, als ich gegangen bin. Das war vor acht Stunden so, das war gestern so, vorgestern, letzte Woche und letzten Monat, und ich glaub, auch letztes Jahr. Immer hockst du in der rechten Ecke deiner Fensterbank, die Beine angezogen, den Kopf an zwei Kissen gelehnt, und immer steht vor dir diese Tasse Tee. Fühl dich gut-Tee.

Weißt du, was ich dir gern sagen würde? Ich würd dir gern sagen, komm mal da runter, mach mal deinen Rücken gerade, lass deine Schultern nicht so hängen und kipp den Tee in den Ausguss. Geh mal duschen, wasch dir die Haare, zieh dir was an, das kein Jogginganzug ist. Hör auf, den ganzen Tag Schokolade in dich reinzustopfen, hör auf, ständig vor dem Fernseher herumzuhängen, räum deine Wohnung auf, mach dein Bett und gieß bitte mal endlich wieder die Yuccapalme, die sieht schon genauso scheiße aus wie du. Um den stinkenden Geschirrberg in deiner Küche könntest du dich auch mal wieder kümmern, und sag mal hallo, wenn du das nächste Mal dran vorbeiläufst, die kleinen Pelztierchen auf den Tellern sprechen inzwischen Deutsch, Isländisch, Chinesisch und Arabisch. Fließend.

Ich sehe mich in der Küche um. Vor einem halben Jahr saßen wir hier tage-, nächtelang zusammen, haben geraucht und Tom Waits gehört und unseren Liebeskummer in Rotwein ertränkt und zusammen geheult, weil alles so scheiße war. Wochenlang hab ich dir Kräutertee gekocht und Hagebuttenmarmelade, weil du die so gerne magst. Ich hab dir Schokolade mitgebracht und CDs mit Emo-Musik, ich hab deinen Kopf gestreichelt und seine Nummer aus deinem Telefon gelöscht, weil du es nicht übers Herz gebracht hast. Ja, ich weiß, dass du die Nummer auf einen kleinen Zettel geschrieben und in der Zuckerdose versteckt hast. Schlechtes Versteck, übrigens. Ich war immer für dich da, weil ich weiß, wie beschissen sich das alles anfühlt.

Und jetzt seh ich den Stuhl, auf dem ich damals immer saß, er steht in dem Eck, in das du dich verkrochen hast. Weißt du, jetzt, wo ich so an damals denke, würd ich dir gern sagen, andere Mütter haben vielleicht keine schöneren Söhne, aber vergiss den Typen endlich, vergiss doch einfach mal alle Typen und fang mal wieder an, dich für dein Leben zu interessieren. Ich glaube, es vermisst dich.

Weißt du eigentlich noch, wo dein Wohnungsschlüssel liegt? Ich hab ihn im Flur gesehen, unter einem Berg Pizzakartons. Wusstest du schon, dass man Wohnungstüren auch von außen zumachen kann? Geh mal die Treppe runter, wenn du am Briefkasten vorbeikommst, nimm die Post mit, der Briefträger legt die Briefe für dich inzwischen auf den Boden, weil nirgends mehr Platz ist, und dann geh mal raus aus dem Haus. Der Sommer ist schon lang vorbei, den Herbst hast du auch verpasst, aber die Luft ist kühl und frisch und es riecht ein bisschen nach Winter. Vielleicht siehst du das nicht, wenn es draußen dunkel wird und dein Gesicht sich in der Fensterscheibe spiegelt: du bist ganz blass geworden.

Ich würd dir gern sagen: komm mal klar. Steh endlich mal auf, hör auf, dir selber leid zu tun, dich nur noch zu baden in deiner eigenen Misere, Selbstmitleid stinkt, wusstest du das? Manchmal, wenn ich deine Leidensmiene sehe, da frag ich mich, was mit dir passiert ist. Dann würd ich dir gern sagen, wie sehr du dich verloren hast, und dass ich dir beim Suchen helfe, wenn du willst. Aber ich weiß noch nichtmal, ob du das wirklich willst, es ist so schön warm in deiner Wohnung, so bequem an deinem Fenster und zwischen all den Kissen, die den Lärm der Welt draußen halten, die dich vor der Kälte des Lebens schützen sollen, merkst du eigentlich, dass die Burg, in der du dich verschanzt hast, dein Gefängnis geworden ist? Weißt du überhaupt noch, wie sich Leben anfühlt?

Hör endlich auf damit, zu warten, dass etwas passiert, dass dein Leben einfach mal von alleine richtig toll und richtig geil wird. Hör auf, zu warten, dass deine große Liebe an der Tür klingelt und sagt “hallo, ich wohne jetzt gegenüber”, vielleicht hast du ja noch nicht davon gehört, aber wenn man lange genug um den eigenen Bauchnabel kreist, wird daraus ein Teufelskreis, ach ja, außerdem ist Fühl dich gut-Tee kein Placebo und nur in Hollywood gibt es das Happy End nach neunzig Minuten. Du wartest doch schon viel länger als eineinhalb Stunden, wann kapierst du denn endlich: Wunder gibt es nicht beim Pizzaservice und fünfzig Cent mehr mit extra Käse. Wunder sind zum Selbermachen.

Weißt du, was ich jetzt gern machen würde? Am liebsten würd ich dir deinen Tee wegnehmen. Und sagen:

Komm mal da runter. Und komm mal klar. Es wird Winter. Und es wird Zeit.

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Kenn die Nacht.

Es ist leicht, die Nächte voneinander zu unterscheiden,

diese ist eine Nacht von Samstag auf Sonntag, es ist kurz vor fünf, ich bin an irgendeinem U-Bahnhof in irgendeiner Stadt, auf dem Bahnsteig liegen Scherben, jemand stellt eine Bierflasche auf die Bahnsteigkante, die Flasche ist voll, nur ein Schluck fehlt, zwei Punks kicken eine Coladose über den Boden, und die Treppen hinunter fließt ein Menschenmeer.

Es ist leicht, die Nächte voneinander zu unterscheiden,

sie riechen anders, in der Luft dieser Nacht liegt keine Liebe, diese Nacht riecht nach Gras und Schweiß, nach Wodka, Bier und Dreck. Ich lehne mich mit dem Rücken an einen Pfeiler, der Beton ist kalt, dann schließe ich die Augen. Überall sind Menschen, mein Kopf ist schwer und mein Mund schmeckt nach Wein.

Es ist leicht, die Nächte voneinander zu unterschieden,

jede hört sich anders an, diese klingt nach betrunkenen Liedern und wir müssen die Musik immer lauter machen, damit man nicht hört, wie alles zerbricht, die Gleise summen, ein leises Knattern nähert sich, wird lauter, ein Zug fährt ein, ich mache einen Schritt auf die Bahn zu und drehe mich noch einmal um, an der Stelle, wo ich am Pfeiler lehnte, hat jemand mit Edding ein kleines Herz gemalt, der Bahnsteig leert sich, ich steige ein, die Waggons sind völlig überfüllt, die Lampen an den Türen blinken rot, wir fahren. Wir, wir sind Leute mit Zylinderhüten und Federboas, mit pinkfarbenem Lippenstift und grünen Strumpfhosen, mit Tröten und Trillerpfeifen, das ist jemand, der gerade in eine Ecke kotzt, ein alter Mann, der am Fenster sitzt und schläft, singende Briten, ein Akkordeonspieler, der Lärm, der Gestank, die Neonlichter, und irgendwie ist wir auch ich, vielleicht, und ich will jetzt gerne in der Bahn sitzen und heulen, aber eigentlich ist das alles egal, denn

es ist leicht, die Nächte voneinander zu unterscheiden,

alles ist leicht, so lange diese beiden ganz am anderen Ende des Waggons noch aneinander gelehnt dastehen, die Hände ineinander verschlungen, die Köpfe aneinander gelehnt. Niemand ist eine Insel. Für eine Insel muss man zu zweit sein.

 

Ja. Oh ja.

(gefunden in: Kurt Tucholsky in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten (Klaus-Peter Schulz, 1970))

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