wunder

schoen aber selten. Sometimes I do.

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relativismus

Blutabnahmen, Tröpfcheninfusionen, Medikamente, Körperfunktionen an Maschinen, Organfotografie in Schichten, mit Schuhen im Bett liegen und zu schlafen versuchen, in Rollstühlen sitzen und eine Strahlenverseuchung des Körpers mit geschlossenen Augen hinnehmen; alles in allem zwar kein schöner, aber wenigstens irgendein Tag.

Dann liege ich wieder in einem Bett, Nummer zwei im Dreibettzimmer. Zwischen den Betten nur dünne, bodenlange gelbe Vorhänge, alles, was von der anderen Seite des Vorhangs zu hören ist, wird zu einem Film aus Krankenschwestern, Ärzten, EKGs, Bettpfannen und einer Frau. Die Frau schreit mit sehr hoher Stimme, nein, nein, nein, ich will nicht, ich kann nicht mehr! Das schreit sie lange und laut, irgendwann sagt ganz leise ihre Mutter ich auch nicht.

Als ich nach Hause gehen darf, ist es Mitternacht und ich falle aus dem neonbeleuchteten Gebäude in die Stadt. In der U-Bahn-Station treffe ich die Mutter noch einmal. Ich nicke ihr zu, wie man einander so zunickt, wenn man sich nicht kennt, aber viele Stunden nur durch einen Vorhang getrennt voneinander verbracht hat. Sie sagt, ihre Tochter sei jetzt im Krankenhaus behalten worden. Sie ist neununddreißig Jahre alt und sie will nicht mehr leben, sie will nur noch sterben. Sie sagt, es sei immer noch kein Bett auf einer Station für ihre Tochter gefunden worden, sie wolle morgen früh zu ihr, wisse aber nicht, wie sie ihre Tochter in dem großen Gebäude finden könne. Ich frage, ob sie wisse, dass sie das an der Information erfahren könne, sie schüttelt den Kopf, ich erkläre ihr den Weg dorthin. Für morgen. Sie wirkt erleichtert. Dann senkt sie den Kopf, stützt die Stirn auf ihre Hände und das letzte, was von ihr noch zu hören ist, ist: So viel Unglück. Mein Leben ist so kaputt.

In dem Moment fährt mit lautem Krachen die U-Bahn ein.

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Spuren von Muttern

An meinem Weg von der Wohnung zum U-Bahnhof liegt seit mindestens gestern Nachmittag ein Sofa. Genau genommen ist es kein Sofa, nur ein Sofateil, ein recht großes in Form eines großen L. Es ist ganz sicher ein Sofa, das einst bei Ikea gekauft wurde, nicht nur, weil viele Ikea-Möbel aus L-förmigen Teilen bestehen, sondern auch, weil die Bohrungen für die langen Schrauben noch da sind und an den Gegenseiten Spuren von Muttern. Weiß ist es, das Sofa, oder, besser, war es einmal, bevor es jemand auf die Gehsteigkante warf, nun hängt es mit seinem fleckigen Bezug und einer Hälfte auf dem Gehsteig, mit der anderem auf einem Parkplatz, direkt davor steht, nun erzwungenermaßen schräg, ein Auto.

Ich weiß, dass es seit höchstens fünfzig Stunden dort liegt. Montag Abend war ich noch einmal dort vorbeigegangen, da war der Gehsteig noch leer wie immer, Hundehaufen, Kippen und der übliche Kleinstunrat sind längst integraler Bestandteil meines Bildes von einem typischen Gehsteig. Dienstag und heute ging ich nochmals dort vorbei, für kleine Besorgungen, hier zur Apotheke, etwas fragen, dort zum türkischen Supermarkt, da gibt es bündelweise frische Minze. Als ich heute an der Stelle vorbeilief, saß auf dem Sofateil ein Mann. Er saß sehr bodennah. Erst nahm ich ihn nicht wahr, ich sah ihn erst, als er mich von da unten aus fragte, ob ich mit ihm eine Zigarette rauchen wolle.

Ich sagte nein, danke, er rief mir hinterher schönen Abend noch!, und da erst fiel mir auf, dass das die ersten beiden Wörter waren, die ich an diesem Tag gesagt hatte. An manchen Tagen braucht es einfach als Grundhaltung zur Welt gar nicht so besonders viel.

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(im Bild: Gehsteig, woanders, und Sofalosigkeit)

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when you travel under the stars

Palau, Sardinien

Berlin – Köln-Bonn – Olbia – San Teodoro – Olbia – Palau – Santa Teresa Gallura – Palau – Olbia – Sassari – Alghero – Sassari – Olbia – San Teodoro – Olbia – Köln-Bonn – Berlin.

La Maddalena, Sardinien

15 Tage, 12 Nächte mit Schlaf, 2 ohne. Im Zug, im Bus, im Flugzeug, in der Hängematte, am Strand, im Zelt. 38 neue Texte (alle gelöscht), 2.467 Fotos, 1 Sonnenbrand. Das war das, auf Sardinien.

Brücke La Maddalena - La Caprera, Sardinien

Alle Bilder & ein Text dazu drüben bei Dies ist keine Übung.

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Vierundzwanzig Stunden

In zwei Minuten werde ich am Flughafen ankommen. Eine Minute später werde ich den Rucksack abgesetzt und an die Wand gelehnt haben. Im selben Moment wird durch die Wucht des Aufpralls im untersten Rucksackfach mit einer Packung Kekse mein letzter Essensvorrat zerbröselt sein.
Fünf Minuten später werde ich noch eine Zigarette geraucht und den Rucksack wieder aufgesetzt haben. Fünf Minuten danach werde ich kurz mit der Flughafenpolizei sprechen (es ist ein sehr kleiner Flughafen hier). Eine Viertelstunde später werde ich eine Bank oder eine Ecke gefunden haben, wo ich die Nacht verbringen kann. Eine Stunde später werde ich drei Landungen und drei Abflüge und fünfhundert Urlauber beobachtet haben, die Hälfte davon voller Vorfreude, die andere Hälfte wenigstens mit vollen Koffern. Eine Viertelstunde später wird der letzte Flughafenshop schließen und drei Polizisten und ich werden uns die Nachtwache teilen. Ich werde in den darauf folgenden zehn Minuten versuchen, mir mit Hilfe von Isomatte und Schlafsack ein Lager zu bauen, was nur so mäßig gelingen wird, ebenso wie meine Einschlafversuche in den folgenden acht Stunden. Also werde ich wie in den letzten vier Nächten die gespeicherten Artikel auf meinem iPhone weiterlesen, weshalb mein Akku nach der Hälfte der Nacht leer sein wird und ich eine Steckdose suchen muss. Wahrscheinlich werde ich keine finden. Wenn doch, wird sie sich recht sicher hinter einer Hydrokultur befinden.

In jener Nacht werde ich des Weiteren:
– 1x sicherheitshalber den Wecker auf 06:40 Uhr stellen
– 1x per SMS eine Diskussion übers aktive und passive Abschleppen fortsetzen (keine Kraftfahrzeuge)
– 2x mit den Polizisten sprechen
– 1x ihren Hund streicheln
– 20x Venus von Shocking Blue hören, das hier in Dauerschleife läuft
– 3x Kamillentee mit Rosmarinhonig trinken, dann wird die Flasche leer sein
– 8x feststellen, dass ich immer noch Sand in der Kleidung habe
– 4x aufs Klo gehen
– 6x eigentlich zu müde sein, um weiter englischsprachige Essays zu lesen

Gegen 5 Uhr werde ich voraussichtlich aufstehen, den überflüssigerweise gestellten Wecker ausschalten, mir am Waschbecken drei Hände voll Wasser (no drinking water! kein Trinkwasser! Don’t drink! Nicht trinken!) ins Gesicht schütten und befinden, dass es reicht, dass ich mich scheiße fühle und dass ich da eher nicht noch die Gewissheit brauche, dass ich auch scheiße aussehe. Dann werde ich mir die Zähne putzen, ohne mein Spiegelbild eines Blickes zu würdigen.

Eine Stunde und vierzig Minuten später werde ich Isomatte und Schlafsack zusammenrollen, meine Messer und Feuerzeuge in meinen großen Rucksack werfen, mein Handgepäck noch einmal auf verbotene Gegenstände überprüfen und mitsamt des Tickets, das ich seit zwei Wochen mit mir herumtrage, zum Check-in-Schalter marschieren.

Das Flugzeug wird schließlich in zehneinhalb Stunden zurückfliegen, bevor ich die wichtigen Dinge zu Ende gedacht habe. Und in vierundzwanzig Stunden werde ich bis 86.400 gezählt haben. Vielleicht. Bevor überhaupt etwas klar, geschweige denn entschieden ist. Was bleibt, ist ein Gefühl wie ein abgebrochener Download.

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Lichtbrechung (and so are we)

Um die Mittagszeit wieder Brot, Schinken, Käse, Auberginen im Café. Die beiden Besitzerinnen haben außergewöhnlich tiefe Stimmen, ich mochte es, wenn ich sie auf die Ferne mit den Gästen plaudern hörte, obwohl oder weil ich sie kaum verstand, der Klang war angenehm, ich bezahlte und gab mehr Trinkgeld als der Reiseführer üblich nennt.

Danach war ich nur mal eben losgegangen und bin dann einfach weitergelaufen. Immer geradeaus, die Beine im Wasser, den Gurt der Kamera ums Handgelenk geschlungen, die Schnürsenkel der Turnschuhe zusammengeknotet und über die Schulter geworfen, in den Taschen ein zweites, kleineres Objektiv und eine halbe Hand voll Dreck.

An einer Sandbank blieb ich stehen. Da kamen die Wellen an, wirbelten den Sand auf und durcheinander, brachen, verliefen sich zum Ufer hin, verschwanden. Immer, immer, immer wieder. Waren die Wellen groß genug und tauchte die Sonne zwischen den Wolken auf, so färbten sie sich an einer bestimmten Stelle für den Bruchteil eines Augenblicks ganz türkisblau.

Ich weiß nicht, wie lange ich dort stand, die Wellen betrachtend, bis ich weiterging. Ich habe kein Foto davon gemacht.

Di niente. You’re welcome.

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