Erledigungen vor dem Untergang der Welt

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Dies ist ein ganz gewöhnlicher Freitagabend nach einer ganz gewöhnlichen Woche, und zwischen Tagewerken und Nachtschwärmen müssen Zeit und Magen mit etwas Sinnvollem angefüllt werden. Was könnte da schöner sein als die Besichtigung eines Mikrokosmos, eines Paralleluniversums voller Metaphern, reich Verbindungen zum wahren Leben. Also gehe ich in den Supermarkt.

Hinein geht es durch eine Schleuse, die nur nach innen offen ist, dann vorbei an einem bedrohlich hohen Stapel roter Getränkekisten. Die Schleuse öffnet sich, der Stapel fällt, eine Transportmöglichkeit für die Einkäufe muss her, wenigstens bekommt man hier keinen Korb, sondern holt ihn sich selbst. Kaum gehe ich ein paar Schritte weiter, steht da ein Zeitschriftenregal im Weg, geschickt positioniert, unübersehbar und gleichzeitig sehr subtil. Doch die Schlagzeilen sprechen für sich, und wer im Vorbeilaufen an den schlechten Zustand der Welt erinnert wird, dem bleibt in seiner Not gar nichts anderes übrig, als einzukaufen.

Denn: die Zeit des Schönredens ist vorbei. Jetzt ist die Zeit des Schönfressens, des Schönsaufens, und am Ende wird uns schlecht, weil wir alles haben und den Hals nie voll kriegen können und doch die Nase so voll haben, dass uns bald der Kopf platzt, also kotzen wir, bevor unser Hypothalamus noch mit unserem Geldbeutel verschmilzt und wir unser letztes Gehirn für eine Packung Tütensuppe hergeben. Weil wir doch so hungrig sind. Wer Sorgen hat, hat auch Schokolade, und wer den Zustand der Welt betrachtet, hat bald auch eine Schokoladenfabrik, ach, es kann so einfach sein, und alles ist wieder wunderschön. Prompt springt mir eine Schlagzeile entgegen: “Grüne beleibter als je zuvor“. Der Erfolg bekommt ihnen wohl nicht, es joggt sich ja auch so schlecht in Birkenstock-Sandalen, und so sieht dann wohl das Ende aus. Das Ende der einst so erfolgshungrigen Partei ist ein Ohrensessel, den teilt sie sich mit ihrer neuen Sattheit und deren Schwester Behäbigkeit. Ich seufze leise, und ganz im Stillen wünsche ich mir Erfolglosigkeit. Ich wünsche mir, immer hungrig zu bleiben.

Zu spät bemerke ich die nahende Bedrohung, die Abteilung für Obst und Gemüse. Ich bin ein Kind der Generation Cheeseburger, nach dem Krieg gab es ja sonst nichts, und wer braucht schon Vitamine, die machen nur albern. Doch in diesem Augenblick geschieht, was ich nie für möglich hielt. Ich habe in dieser Abteilung einen Seelenverwandten gefunden. Es ist:

eine Avocado. Avocado Hass.
In dieser dunkelgrünen, 248 Gramm schweren Frucht (der Name bedeutet Hoden) konzentriert sich mein gesamtes Seelenleben. Avocados sind Panzerbeeren. Und ich liebe sie. Zwar kann ich keine Liebe zulassen, ich liebe sie also nicht direkt, doch im Gegensatz zu allem anderen auf dieser Welt kann ich diese Avocado wenigstens so weit wahrnehmen, dass ich in der Lage bin, sie standesgemäß zu hassen. Als kleinen Exkurs in die Biologie lassen Sie mich Ihnen sagen: Kürbisse, Bananen und Gurken sind ebenfalls Beeren, Erdbeeren hingegen lediglich Sammelnussfrüchte, und glauben Sie mir, nicht einmal Sprühsahne kann einer Sammelnussfrucht auch nur annähernd einen Hauch von Erotik verleihen. Im Übrigen konnte ich mich bereits im Kindergarten durch große Erfolge in der Nachzucht von Avocadopflanzen profilieren. Zehn Kartons Hass nehme ich mit.

Ich möchte gerne eine Panzerbeere sein.

Die Kartons nehmen von Meter zu Meter an Gewicht zu, mit letzter Kraft umschiffe ich das Schild „Mit Thunfisch auf Qualitätskurs“, erreiche das Regal mit den Milchprodukten und überdenke die Anschaffung eines Joghurts. Doch wie könnte ich Joghurt kaufen, jetzt, wo die Abschaffung der Welt so kurz bevorsteht?  Vor dem Weltuntergang kauft man keinen Joghurt, vor dem Weltuntergang kauft man einen Bunker. Und ich gehe weiter.

An einer Wand hängt ein rotes Telefon, auf einem Zettel steht: “Haben Sie noch Wünsche? Wählen Sie die 31!”. Ich stelle die Kartons ab und wähle. 3-1. Eine Dame mit beeindruckend hoher Stimme meldet sich, “Sie wünschen?”. Ich muss husten. “Fräulein, bitte notieren Sie, ich wünsche mir ein Verbot von fettarmem Käse, außerdem Müsli ohne Rosinen, einen Bunker und Weltfrieden. Guten Tag.” Ich lege auf. Endlich jemand, der mir zuhört. Das ist ein schönes Gefühl.

Doch hinter dem nächsten Regal steht schon wieder ein Schild, es schreit mir entgegen „Markenqualität dauerbillig!”. Das schöne Gefühl ist verschwunden, ich werde wütend und rufe zurück „Billigmarke Dauerqual!“. Das Schild reagiert nicht, eine Frechheit, aber was rege ich mich auf, was will man auch von einem Pappkarton mit der Intelligenz eines Durchschnittsdeutschen erwarten. Durchschnittsdeutsche und schreiende Schilder hinterlassen ein Fiepen in meinen Ohren an diesem Ort der Töne. Dies ist ein Ort für das Piepsen der Scannerkassen, das Surren der Palettenwagen, das Geräusch aneinander stoßender Menschen. Sich aneinander stoßender Menschen. Und es gibt keinen Ort, an dem jeglicher Menschenhass sich so sehr potenziert wie hier. Keiner möchte hier sein, jeder möchte “nur schnell was erledigen“, sich nicht aufhalten, schon gar nicht aufhalten lassen, auch nicht vom Probierstand für Sojaschnitzel und Nutellafrischkäse, und auch nicht von Menschen, die im Weg herumstehen wie sonst nur die Touristen mitten auf der Kreuzung, wenn sie nicht wissen, in welche Richtung genau sie einen Stau verursachen sollen, also stauen sie sicherheitshalber gleich großräumig.

Haben Sie schon einmal von Freundinnen gehört, die an einem sonnigen Samstag Morgen gemeinsam einen Latte Macchiato schlürfen und dann bei Lidl shoppen gehen? Eben. Der Supermarkt an sich ist kein Ort für Menschen, der Supermarkt ist ein Hort der niederen Instinkte. Hier bin ich Tier, hier darf ich schrein. Hier wird geschubst, gekeift, hier entbrennen Kämpfe um den letzten Erdbeer-Sahne-Joghurt, hier zählt nichts als der zukünftig zu stillende Hunger, der in einer unbestimmten Zeit auftreten wird. Irgendwann in der Zukunft, idealerweise vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums. Überhaupt brauchen wir mehr Dinge mit Mindesthaltbarkeitsdatum. Aber vielleicht ist es auch so, dass alle Dinge um uns herum, alles, was wir anfangen, jeder, den wir treffen, schon ein Mindesthaltbarkeitsdatum haben. Und dann wundern wir uns, wenn sie zu Ende gehen oder plötzlich kaputt sind, und rufen nach Mama, dem Servicetechniker und der Herstellergarantie. Dabei ist das alles nur eine tickende Zeitbombe, die irgendwann in die Luft fliegen wird. Und da ist niemand, der den Countdown kennt.

Ich schlage eine generelle Zutrittsbeschränkung für Supermärkte vor. Einzeln betreten, einzeln verlassen, bitte bezahlen Sie hier, fiept ein Kassenroboter. Denn die Menschen, denen man vor den Supermarkttüren zwangsläufig begegnen muss, sind nun wirklich Belastung genug. Und bei der Gelegenheit könnte man auch gleich die Stadt räumen, “Zutritt nur einzeln, bitte stellen Sie sich in Dreierreihen auf”. Man könnte Eintrittsgelder verlangen, von den Einnahmen eine Abrissbirne mieten und damit die hässlichsten Gebäude der Stadt abreißen. Mit dem Alexa finge man an, mit dem Hauptbahnhof machte man weiter, “wollen Sie auch mal“, – “oh ja, schon als kleiner Junge wolle ich Abrissbirnenfahrer werden, können Sie mir sagen, wann der Wasserklops dran ist, und ist auch das Mitbringen kleiner privater Sprengsätze erlaubt?”

Ein Pfeil weist zur “Frischfleisch Bedienung“, das wäre doch mal ein Name für eine Bar. Ein Kalb wiegt bei der Geburt 45 Kilogramm. Eine Kuh frisst pro Tag 70 Kilogramm frisches Gras und säuft am Tag bis zu 100 Liter Wasser, irgendwann heißt sie Mastrind und wiegt 800 Kilo, dann nennt man sie schlachtreif und erhält 400 Kilo Fleisch, verarbeitet sie zu Salami und verpackt sie in Packungen zu 200 Gramm. Dann kann man aus einem Rind einen 50 Meter hohen Stapel Salamipackungen bauen. Eine davon kostet 89 Cent. Und wir wundern uns noch, aus welchem Boden uns all die Lebensmittelskandale entgegenschießen.

“Billig? Will ich!” Traue keinem Satz, der mit einem Ausrufezeichen endet. Wer Argumente hat, kann auch nach Punkten siegen. Aber glaube Sätzen mit Fragezeichen, denn eigentlich sagen sie nichts, und sagen sie doch etwas, so handelt es sich um rhetorische Fragen, nach denen genauso gut ein Ausrufezeichen … Sie verstehen.

Wie um alles in der Welt konnte es so weit kommen, wie es nun kam? Ich könnte sagen, ich könne nichts dafür, ich sei seit nicht einmal dreißig Jahren auf diesem Planeten, doch Ausreden waren noch nie meine Stärke. Manchmal denke ich deshalb, wir sollten weniger wegwerfen und mehr recyceln. Flaschen, Tüten, Erbsendosen, Pappkartons, Farbeimer, Möbelstücke. Freundschaften. Beziehungen. Bei allem, was wir einmal gebraucht haben, wissen wir, was wir daran hatten. Wissen, was wir wieder daran haben werden. Und das einzige, was uns an der Wiederverwendung hindert, ist unser Stolz, unsere Weigerung, uns einzugestehen, dass wir es vielleicht nicht nur ein Mal gebraucht haben, sondern es wieder brauchen. Der selbe Stolz, der uns vergessen lässt, dass manche Verpackung und mancher Mensch strapazierfähiger ist als wir denken.

Manchmal frage ich mich, warum wir uns nicht mehr wundern, wenn uns Geschmackserdbeeren angeboten werden. Dass alles in Plastik eingepackt ist, der Salat, der Käse, das Brot, und wir zwischen den Regalen, eingepackt in unsere Allwetterjacken aus Plastik. Manchmal frage ich mich, wie viele Bäume jeder von uns pflanzen müsste, um den Transport der Lebensmittel zu rechtfertigen, die er in einem Jahr verzehrt, Flugmangos nicht eingerechnet. Manchmal frage ich mich, warum Lebensmitteln das Recht abgesprochen wurde, Mittel zum Leben zu sein. Und warum mit jedem Joghurt eine Landliebe-Familie verkauft wird, mit jedem Stück Fleisch ein ganzer Kerl, mit jeder Margarinepackung ein gesünderes Herz, mit jedem Baguette ein Stück Frankreich und mit jedem Käse ein Quadratmeter Alpenwiese.

Ich stelle die zehn Kisten Hass auf das Kassenband und ziehe meinen Geldbeutel aus der Tasche. Dieser Einkauf übersteigt um Längen mein Budget und erfüllt nicht im Geringsten meine Bedürfnisse. In der Schlange hinter mir weint ein Kind, vor mir zählt eine alte Dame ihr Kleingeld centweise, irgendwo zerbricht ein Gurkenglas, es riecht nach Wurst und meine Schuhe kleben in einer Cola-Lache. Plötzlich ist es mir unmöglich, einen zur Panzerbeere gewordenen Welthass zu kaufen. Als ob nichts wäre. Als ob das irgendetwas verändern könnte. Ich trage die Kisten zurück und gehe mit leeren Taschen zum Ausgang. Die Flügeltüren gehen von alleine auf, als ich auf die Türe zugehe.

Ich habe ein Herz wie eine Lichtschranke. Kaum nimmt es eine Bewegung in seiner Nähe wahr, öffnet es sich. Einmal drin, alles hin.

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Betroffenheitsprüfung

Mai 2011. Die Kastanienbäume blühen. U2 drehen für ihr neues Video auf der Friedrichsbrücke. In der U-Bahn-Station um die Ecke wird ein Mann krankenhausreif geprügelt. Die Kategorie “Mann” bei Wikipedia enthält 324.776 Einträge. Einer davon ist Usama ibn Muhammad ibn Awad ibn Ladin, auch verlinkt unter “Staatenloser” und “Gestorben 2011″. Fukushima. Übrigens. Erste Arbeiten für eine Reparatur der Kühlsysteme in Reaktor 1. Greenpeace misst die Wasserqualität. Nahrungskette. Entschädigungsforderungen an Tepco könnten 2 Billionen Yen betragen. Das sind 17 Milliarden Euro. 14.700 Menschen sind durch das Erdbeben und den Tsunami gestorben. 11.000 werden vermisst. Die Identifizierung der Leichen wird immer schwieriger. Verwesungsprozess. Die Polizei will eine DNA-Datenbank anlegen. Die Erde bewohnen bald sieben Milliarden Menschen. Überall jubelne Massen: Bei einer Hochzeit, einer Fußball-Meisterschaft, einer Seligsprechung, einem Erschießungskommando. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Barack Obama und Angela Merkel gefällt das. Zeige deinen Freunden, dass dir das auch gefällt.”

Der monumentale Krieg der Bilder. Bald endet die analoge Übertragung des Fernsehprogramms via Satellit. Führen Sie jetzt eine Betroffenheitsprüfung durch. Zeitung weg, Fernseher aus, Augen zu und durch.

Schlafen Sie gut?

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Nennen wir es Frühling

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Dem Regen lauschen. Sich ans Meer träumen. Früh morgens in eine fremde Küche schleichen und Pfirsichsaft trinken. Ins Bett zurückkriechen. Von Vogelzwitschern aufwachen. Ein gutes Spinnennetz betrachten. Die Schwerkraft aufheben. Mit Leichtigkeit aufstehen. Verwundert sein. Wörter beim Wort nehmen. Einen Körper spüren. Nichts beim Namen nennen. Eine Winterspur in Form eines Brandlochs vermessen. Etwas nicht zu Ende denken. Warten, bis der Kaffee kocht. Zum Fenster hinaussehen und leise ein Lied hören. Etwas Gutem keinen Namen geben. Was gut ist, braucht keinen Namen. Die Beine baumeln lassen. Etwas zu Ende fühlen. Es gut sein lassen. Das Licht lieben, das durch staubige Scheiben auf den Boden fällt. Das Haus ohne Jacke verlassen und sich wundern. Sommersprossen sammeln. Mit nackten Füßen über eine Wiese gehen und sich kein bisschen wundern. Einem Kind ein Lied singen. Ein leeres Vogelhäuschen grüßen. Eine Blume verschenken. Eine Spiegelung in einer Pfütze betrachten. Einen Hund streicheln. Nicht warten, bis etwas passiert. Passieren. Eine Panoramaansicht üben. Eine Sprache wieder sprechen. Fremdheit in den Ohren nachklingen lassen. Etwas wiedererkennen. Sich in einen Widerspruch verstricken. Sich nichts daraus machen. So viele Blaubeeren essen, bis man eine blaue Zunge hat. Jemanden wiedersehen, dessen Gesichtszüge in Gedanken verschwommen waren. Albern sein. Ernst sein. Zusammen sein. Die Dinge anders betonen. Nichts mehr wollen. An einer Wand lehnen. Seifenblasen fliegen lassen. Das erste Eis des Jahres essen. Auf einem Spielplatz an der Schaukel anstehen. Lächeln, als der Wind ein Buch wegweht. Still sein. Augen zuhalten. Auf Baumstämmen balancieren. Löwenzahnsamen durch die Luft pusten. Auf Parkbänken liegen. Genauer hinsehen. Durch die Stadt gehen und überall zuhause sein. Einem Tag entgegenfiebern. In einer Nacht versinken. Einer Müdigkeit erliegen. An einer Sache scheitern. In einem Prinzip treu bleiben. Verzicht üben. Einem Drang nachgeben. Einen Hunger stillen. Liebe mit Löffeln essen. Einem Gedanken anheim fallen. Einen Frieden schließen. Es gut haben. Eine Realität wagen. Nichts fotografieren. Nichts festhalten. Weitergehen. Weitersehen. Weiter gehen. Weiter sehen. Weiter sehnen.

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Ansichtssachen

Sie sieht die Bilder von vor zwei Jahren. Von dem Park, wo sie sich das erste Mal küssten. Von einer Spiegelung in einem Zugfenster, Gnocchi und einer gusseisernen Pfanne. Sie blättert weiter zu Kuchen, dann Bilder von einem Bahnhof und einem Besuch im Zoo. Eine Schlange, die sich häutet, Fische hinter dicken Glasscheiben und Kamele, die aussehen, als hätten sie dicke Teppiche an. Es war der Zoo, wo jedes Vogelhäuschen eine eigene Hausnummer hatte. Und wo es egal war, was sie fotografierte. Weil er da war, und alles andere war so einfach, so egal. Es gibt noch einen letzten Umschlag. Die Bilder, die er gemacht hat: sie, in seinem Badezimmerspiegel, nachts mit zerwühlten Haaren in der Küche, morgens auf dem Boden vor der Plattensammlung sitzend. Und sie, in seinem Shirt. Schlafend.

Die nächsten Fotos zeigen eine Wohnung voller gepackter Kartons. Möbelteile in allen Ecken, dazwischen ein Hammer und ein Schokomuffin. Und irgendwo er. Wenige Wochen später schon gibt es das Bett, die Möbel, die Wohnung nicht mehr. Und diese Stadt ist da schon lange nicht mehr ihre Stadt.

Man sagt, alles sei schön, was man mit Liebe betrachtet. Sie stellt die Kiste mit den Bildern zurück. Er muss sie sehr geliebt haben.

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White Wedding

Wenn der deutsche Journalismus endlich wieder träumen darf. Wenn ganz Deutschland auf Spiegel Online eine Schlacht beim Top-Spiel “Quartett Royal: Zocken mit Europas Königshäuptern” austrägt. Wenn öffentlich-rechtliche TV-Sender 6 (sechs!) Stunden lang ein Großereignis übertragen, bei dem niemand einem Ball hinterherläuft. Wenn Menschen an Straßen stehen und winken, kleine Mädchen in rosa Kleidchen Blumen verteilen und 21 Prozent der Deutschen vor dem Fernseher sitzen wollen.

Dann ist Märchenhochzeit in Großbritannien.

Der Vorteil von Märchen ist, dass sie anfangen mit “es war einmal” und enden mit “glücklich und zufrieden bis ans Ende ihrer Tage”. Der Nachteil von Märchenhochzeiten ist, dass danach das anfängt, was in keinem Märchen mehr vorkommt, und dass ab da niemand mehr für “glücklich und zufrieden” garantiert.

Aber ach, was sage ich, das ist doch romantisch. Und wie. Wenn “romantisch” bedeutet, dass es “Menschen mit Liebe und Sehnsucht erfüllt”, wird vermutlich in den nächsten 48 Stunden halb Deutschland vor Liebe und Sehnsucht platzen.

Das mit der Romantik fing an als kulturgeschichtliche Epoche (und nicht als Vorstufe zum Kitsch), als Reaktion auf die vernunftbetonte Aufklärung. Deren rationalem Denken stellten die Romantiker das große Gefühl gegenüber, – Sehnsucht, Geheimnis, Leidenschaft, die Seele, gerne auch die gequälte. Und es kam, wie es kommen musste: Die Vertreter von Klassik und Aufklärung fühlten sich durch die Romantiker angegriffen und bezeichneten das Romantische als phantastisch oder krankhaft.

Ein Kaiserreich, zwei Weltkriege, eine Teilung und eine Wiedervereinigung, kurz, 210 Jahre später – ist alles beim Alten. Jeden Tag ein neuer Weltuntergang (die SPD behält Sarrazin, das Playstation-Netz wird gehackt, Schwarzenegger kehrt zurück, Diktatoren lassen Menschen töten, immer neue Gegenden werden durch alte Probleme (Öl, Landminen, Minen, Strahlung, Krieg) verseucht).

Immer noch dreht sich die Erde an jedem Tag unserer Zeitrechnung einmal um sich selbst. Aber unsere Welt dreht sich immer schneller und wird immer lauter, während unsere gefühlten Tage immer kürzer werden. Und wenn wir einmal ganz leise sind, bohren sie, die Fragen, wohin führt das, wohin sollen wir mit alledem. Und wohin mit uns.

Dann wohl: vor den Fernseher. 29. April, 09 Uhr.

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Heilbronns (Anti-)Anti-Nazi-Politik

Aufgrund einiger verbliebener Freundschaften verfolge ich noch sporadisch, was in der Region Heilbronn passiert. Wer die Stadt nicht kennt: Die 120.000-Einwohner-Stadt Heilbronn liegt nördlich von Stuttgart, und wurde von der Zeit in einem Beitrag über eine Berliner Band einmal ironisch so charakterisiert: “[...] böse Stimmen [...] beklagen, wesentliche Teile [Berlins] seien zu einer Abfüllstation für Hotelgäste, Ballermanntouristen und Schulklassen aus Heilbronn geworden.”

Der Rest des nachfolgenden Beitrags ist völlig ironiefrei.
Denn die Stadt Heilbronn betreibt eine ganz bemerkenswerte Politik, was Proteste gegen Nazis angeht. Heilbronns Bevölkerung besteht zu ca. 50 Prozent aus Menschen mit Migrationshintergrund. Das ist für alles, was dort passiert, nicht irrelevant.

Geplante Demonstration

Für den 1. Mai hat das “nationale und soziale Aktionsbündnis 1.Mai, bestehend aus diversen rechtsextremen Parteien, Bündnissen und nationalsozialistischen Vereinigungen, zu einer Demonstration augerufen. Motto: “Fremdarbeiterinvasion stoppen”.* Continue…

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Abwehrreflexe, die METTPARTEI und Grundsatzfragen an die Endnutzer digitaler Geräte

Ich war dieses Jahr aus diversen, unumgänglichen Gründen nicht auf der re:publica. Leider. Nun hing ich also 3 Tage lang schluchzend vor meinem Monitor, hasste alle Tweets mit #rp11-Hashtag, guckte in freien Minuten den LiveStream und las alles, was zu kriegen war. Und es war viel zu kriegen. Insbesondere, nachdem der große Spuk vorbei war, alle Blogger wieder Wlan hatten zuhause waren und endlich Dampf ablassen konnten. Zum Beispiel über die “Digitale Gesellschaft“.

Ich möchte nachfolgend laut darüber und über einige Grundsatzfragen nachdenken.

Prolog

Sascha Lobo. Man kann von ihm halten, was man will, ich halte jedenfalls nichts von frisurbasierten Vorverurteilungen, und da ich ihn nicht kenne, bin ich da recht neutral. Er schrieb vor Kurzem im Spiegel über Die Dagegen-Öffentlichkeit.

Er sprach mit dem Beitrag einen Punkt an, der mir ebenfalls schon länger auf die Nerven geht. Atomkraft? Finden bei Twitter und Facebook ja alle irgendwie blöd. Aber finden Sie da mal jemanden, der mit auf eine Demo geht. Oder nehmen Sie Vorratsdatenspeicherung, JMStV, Netzsperren etc. – es gibt zu den meisten Themen enorm viele, die dagegen sind. Dagegen sein ist so einfach, Dagegen lässt sich schnell in Polemik, Zynismus und Satire verpacken, bei Bedarf auf 140 Zeichen reduzieren, bums. Fertig. Genauso einfach ist es, mal schnell Argumente zu zerschießen. Ernsthafte Kritik ist da schon schwieriger, verlangt Konstruktivität, im Wortsinn: etwas aufzubauen, also Anstrengung, Nachdenken, Zeit und ein Auseinandersetzen mit dem Thema. Nun aber kommt Populismus gerade im Internet verdammt gut an. Populismus schafft Popularität.

Die Dagegen-Öffentlichkeit also. Fast, als hätte er’s geahnt. Continue…

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Das war die Frage.

Es gibt im Internet einen Briefkasten für Briefe ohne Absender. Formspring heißt der, und die Fragen, die da ankommen, sind manchmal lustig („warum twitterst du andauernd über sex, anstatt ihn zu machen?“), manchmal naheliegend („wie alt bist du?“), und oft einfach schön („Fährst du mit mir ans Meer?“). Ich mag das.

Zu einer Frage gehört meist, dass sie keine Antworten impliziert. Dass sie nur dasteht, nackt und alleine auf einer Landstraße. Dass man sie mitnehmen kann, oder so stehen lassen. Das ist der Job einer Frage.

Die meisten Fragen lassen sich irgendwie beantworten. Man kann um sie herumfahren, sie beäugen, berühren, ihnen durch die Haare wuscheln, ihnen die Gegend und die Wolken am Himmel zeigen, oder man kann mit ihnen lachen. Dann kann man sie abhaken. Sie sind flüchtige Bekannte, die man einmal kurz traf, und die einem nie wieder begegnen.

Bei manchen Fragen ist das anders. Sie lassen nicht einfach irgendetwas mit sich machen, irgendetwas aus sich machen, lassen sich schon gar nicht mal eben so beantworten. Nein: sie wuscheln einem durch die Haare, verdrehen einem den Kopf, damit man das Reh sieht, das am Wald steht. Sie füttern einen mit Kekskrümeln, sie lenken einen so lange ab, bis man gar nicht mehr weiß, wo man eigentlich hin wollte. Sie treffen genau im richtigen Moment genau diesen einen wunden Punkt, von dem man glaubte, ihn so gut versteckt zu haben. Sie bringen einen zum Denken, ob man will oder nicht, man muss dann nachdenken, und zwar gleich mal über alles. Dann sitzt man da und grübelt: wer sie zu einem geschickt hat. Was das von einem will. Was das mit einem macht. Was man damit macht.

Und was passierte, wenn man es wüsste: Von wem, warum, wohin damit.

Diese Fragen sind keine Freunde. Sie sind die verhasste Zicke aus der ersten Klasse, die einen damals nie beim Seilhüpfen hat mitspielen lassen, die mit den furchtbar schönen langen, braunen Haaren, die immer die guten Noten hatte und die schönsten Pausenbrote. Bei der man froh war, als sie nach der zweiten Klasse in eine andere Stadt gezogen ist. Und von der man hoffte, sie nie wieder sehen zu müssen. Genau sie ist es aber, die man immer wieder trifft. Beim Schulausflug, auf dem Gymnasium, im Bus, beim Schulfest, im Zug in die Stadt, in der Dorfkneipe, und in der großen Stadt, in die man irgendwann gezogen ist. Man hat jedes Mal mit ihr geredet, Mensch, schönes Wetter, ach, es ist so toll hier, was machst du, wie geht’s dir, gut, alles bestens, und war froh, wenn man zufällig aussteigen oder weg musste.

So ist das mit diesen Fragen. Die man nicht einfach abschalten kann, – weil sie einen eh schon beschäftigt haben. Bevor jemand sie aussprach, bevor sie plötzlich für alle sichtbar dastanden. Weil sie etwas sind, das einem immer wieder begegnet ist. Und von dem man weiß, dass man es wiedersehen wird. Irgendwann, in diesem Leben.

„Haben wir den Moment verpasst?“

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