Konstruktiv

Ein Pony streicheln. Schafe zählen. Im Schlaf Mückenstiche aufkratzen. In der Sonne liegen wollen und nach fünf Minuten in den Schatten flüchten. Zu viel Kaffee trinken. Hinter einem Sucher verstecken. Auf den Bildern nichts wiederfinden. Zu alledem zwingen, was gemeinhin unter “gesunde Gewohnheiten” fällt. Das Leben ist halt kein Ponyhof, aber wenigstens die Möglichkeit eines inneren Vergnügungsparks. Weinen, kurz darauf Dinge sagen und es hinterher sehr bereuen. In ein Gesicht schauen und nichts wiedererkennen. Nur noch im Konstruktiv sprechen. Wochenlang auf eine Verabredung freuen und sie im letzten Moment vergessen. Auf die to-do-Liste setzen:

  1. Einkaufen: Tomaten, Saft, Basilikum, Olivenöl
  2. Flügel kaufen
  3. Waschmaschine kaufen (Anschluss?)
  4. Geld verdienen
  5. Flügel kaufen
  6. passende Wohnung finden
  7. umziehen
  8. klarkommen

Und immer wieder die Frage, ob es nicht doch eher die Mücken sind, die den Sommer machen.

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Heute

Aufgebrochen. Ans Lenken gewöhnt. Vor den Kurven gehupt. Auf der Serpentine rückwärts gefahren. Auf der Leitplanke gesessen. Am Ende der Straße gestanden. Über ein Navigationssystem gewundert. Halt gemacht. Karten gelesen. Ananassaft getrunken. Die Serpentinen wieder runtergefahren. Dem Fahrer vom Milchlaster zurückgewunken. Die Berge hochgefahren. Das Autoradio eingeschaltet. Es ist kein Zufall, dass immer Avicii läuft, wenn ich Radio höre – es liegt daran, dass immer Avicii läuft. Keine Palmen gezähllt. Auf Anweisung gegen einen Automaten getreten. Unter einem blauen Sonnenschirm gesessen. Den See gesucht. Die Berge weiter hochgefahren. Gegrüßt. Sonnenbrand auf dem linken Arm bekommen. Das Fenster hochgekurbelt. Die Berge runtergefahren. In den Wald hineingeschaut. Das Meer unter den Wolken gesehen. Erdbeeren mit Schlagobers gegessen. In der warmen Mittagsluft den Duft von Kräutern, Nadelbäumen, Sonne gerochen. Dem Navigationsgerät zugerufen, dass es froh sein kann, dass es fest eingebaut ist. Kuchen gegessen. Auf der Motorhaube gelegen. Nachgedacht. Mich wieder aufgeregt, geärgert, wütend geworden. Mich wieder gefragt, ob und wann es je aufhört, dass ich mich aufrege, ärgere, wütend werde. Lange nachgedacht über einen Tweet vom 13.06., 13:24 Uhr. Kaktusfeigen probiert. Dornen aus den Fingerspitzen gezogen. Aufs Wasser zugefahren. An den Straßenrand gefahren und angehalten. Den Motor ausgemacht. Die Sonnenbrille abgesetzt.

A long and winding road.

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A long, long way to go.
(Und die Frage, wer mitgeht.)

Tschüss!

Ich mache das jetzt mal kurz hier.

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Vor zwei Monaten fing es an, und zwar damit, dass ich mich auf eine Reise begab, das Fürchten zu lernen biometrische Passfotos zu machen. Bei einer traumatischen Begegnung mit einem Passbildautomaten verlor ich hinter einem blau karierten Vorhang erst 10 Euro, weil das Ding zwar Geld schluckte, aber dann nicht lieferte, und dann auch noch meine letzte Würde. Danach hatte ich zwar keine Würde mehr, aber wenigstens vier Bilder, bei denen weiterhin unklar ist, ob ich gerade eine entsicherte Kalaschnikow oder eine Puppe auf dem Schoß habe.

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Kurz darauf habe ich noch drölfzig Behörden besucht und dabei meinen Fingerabdruck abgegeben, einen Reisepass, einen internationalen Führerschein und ein Visum beantragt. Ab Montag bin ich nämlich dann mal unterwegs: ich fahre in einem Auto die ehemalige Seidenstraße entlang von Berlin nach Astrakhan.

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Astrakhan, das ist am Kaspischen Meer und ungefähr so weit weg, wie wenn man 40 Mal quer durchs Saarland fährt, 1,5 Mal von Berlin nach Reykjavik oder einmal von Berlin nach Sagres (Sagres ist links unten, wo Portugal aufhört). Aber weil niemand (ich betone: niemand) 40 Mal quer durchs Saarland fahren möchte, man für Berlin-Reykjavik mindestens ein Amphibien-Auto braucht und man in Sagres aufpassen muss, dass man nicht aus Versehen einfach weiterfährt und ins Meer fällt — fahren wir lieber nach Astrakhan. Leider führt unsere Route nicht so weit gen Osten, dass ich den Fluss besuchen könnte, der extra nach mir benannt wurde. Das machen wir dann beim nächsten Mal. Ist auch ganz gut, dass wir nicht so weit fahren, das passt ja so schon kaum ordentlich auf eine Karte drauf.


Größere Kartenansicht

Jetzt ist es Sonntag, weit nach Mitterncht, und ich habe noch nicht gepackt. Womöglich packe ich also gleich noch, und dabei auch direkt den passenden Reisestecker und die wichtigsten drölfzigtausend Ladekabel ein. Ach ja, und vielleicht werfe ich auch noch ein, zwei Kleidungsstücke dazu in die Reisetasche. Wenn alles gut läuft, werde ich also unterwegs nicht nur manchmal Strom, sondern sogar etwas an haben (die Prioritäten der Digital Natives. Man kennt das). A propos Prioritäten: der ganz große Plan ist nämlich, dass ich dank Satellitenschüssel auf dem Autodach und vielleicht mal ein paar Bytes Wlan in einer Hotellobby für die famosen Menschen von Motor-Talk etwas Lustiges über Alkohol twittere und ein paar Wodkaflaschen Autos Sonnenuntergänge Landschaften fotografiere (den Alkoholcontent gibt es dann auf meinem eigenen Twitter-Account).

Ich glaube, das wird aufregend. Auf jeden Fall ist es eine Zeit voller Premieren: nicht nur werde ich zum ersten Mal in meinem Leben Europa verlassen, sondern besitze jetzt auch erstmalig ein vollständiges Set Kleidungsstücke, die mit meinem Namen bestickt sind (Unterwäsche ausgenommen). Fast ein Grund, sie einzupacken.

Es könnte in jedem Fall heiter werden.

G.

Gelacht: beim Blick auf ein Display, über schlechte Witze, beim Anblick des Weinflecks auf der frisch gestrichenen Wand, beim Blick auf ein Desaster, beim Betrachten des verbrannten Kuchenbodens, beim Lesen einer Karte. Geweint: in der U-Bahn und im Taxi. Gekümmert, nur nicht um verschmierte Wimperntusche. Gekichert (Teenie-Style). Gegrübelt. Geflucht. Geworfen: Blicke und Papierflieger, Bälle, Sand, Blütenblätter, Dinge weg. Gegessen: unregelmäßig. Gegrinst: in U-Bahnen, in Bars. Geschmunzelt. Geflirtet (als ob ich das könnte). Gebacken: Käsekuchen, Bananenkuchen, Zimtschnecken, Kirschstreusel, Blaubeermuffins, Sauerteigbrot. Gekocht (sehr selten, mehr Vanillepudding als vor Wut). Geärgert, aber nie lange. Gegrummelt: über große Politik und kleine Diplomatie. Gesummt: immer die traurigsten Lieder, immer auf dem Heimweg, wenn die Sonne gerade aufging. Gestaunt: über Wunder, und über dieses eine Wunder, das Leben ist. Gesehnt, nach wem (und manchmal nach gar nichts mehr). Geschrieben: krakelige Notizen, Termine in Kalender, Listen, Entwürfe, die Entwürfe blieben, Entwürfe, die Texte wurden, keine Tagebucheinträge, Songtexte, Jahresrückblicke. Gezeichnet, ein Portrait mit Kohle. Gemalt. Getanzt. Gespielt: Karten, Verstecken, Fangen, Liebe. Geändert: nicht so viel. Gekauft: Notizbuch, Sofa, High Heels, Kohle Fahrkarten. Gesehen: einen Horizont ohne Häuser, das Meer. Gesagt: manchmal gar nichts. Geredet: manchmal zu viel. Geachtet: auf die leisen Töne. Gedacht: -. Gesucht: irgendwie ehrlicherweise nie. Gefunden: fast alles. Gegeben: alles. Genommen: hin (Vieles). Geschrieen: nie. Geflogen: nach Frankreich, und im Traum woanders hin. Gefahren: Fahrrad, Zug, U-Bahn, S-Bahn, U-Boot (in Gedanken), Straßenbahn, Ruderboot, Taxi. Geträumt. Gelegen: in Parks, in Betten, auf Sofas, auf Fußböden, in Hängematten, in Dünen, auf Stränden, auf Steinen, auf Lichtungen, in Armen. Gedacht: an Momente, ans Vergessene, ans Morgen, an Termine, an wen. Gewundert. Gestaunt. Geküsst. Geschlafen. Gesungen (zu wenig). Geatmet. Geliebt. Gelebt. Gemacht: habt ihr dieses Jahr zu dem, was es war. Gedankt: euch. Gewünscht: dass wir uns wiedersehen, im nächsten Jahr. Bis dahin: tschüss.

Liebe ist ein mürber Keks (und umgekehrt)

Liebe ist der Schweizer Franken unter den Gefühlen. Und was kann selbst an Weihnachten nicht aufhören, an der Börse zu zocken? Das Spekulatius. Spekulatius reimt sich auf Kuss, aber Kuss ist nicht Liebe, Kuss kann Liebe sein, muss aber nicht, mathematisch ausgedrückt bedeutet das, dass eine Schnittmenge vorliegen kann, jedoch gleichzeitig eine stochastische Unabhängigkeit. Stochastisch abhängig wären sie, wenn Kuss auch Liebe bedeuten würde und Liebe Kuss, aber das tut es nicht. Nur in manchen, ganz seltenen Fällen, ist Kuss auch für Liebe zuständig, und deshalb sind Kuss und Liebe stochastisch unabhängig. Unabhängigkeit wird groß geschrieben, FreiheitLiebe und Zustand auch, aber, mal ehrlich: das mit der Liebe, das ist doch kein Zustand.

Zuständig für diese ganze verworrene emotionale Scheiße sind aber nicht, wie die Verschwörungstheoretiker unter Ihnen glauben mögen, die Freimaurer, Hitler, die Pharmalobby oder Walt Disney.

Walt Disney mag daran Schuld tragen, dass die meisten jungen Mädchen immer noch lieber Prinzessinnenkrönchen tragen als Laserschwerter. Nach der Übernahme von Star Wars durch Walt Disney sollten uns aber in Zukunft wenigstens häufiger kleine Prinzesschen in rosa Kleidchen mit goldenen Krönchen und pinkfarbenen Laserschwertchen begegnen. Laserschwerter sind jetzt zwar nicht gerade pazifistisch, aber Emanzipation kann ja nicht immer friedlich sein. Emotionen auch nicht.

Genauso wenig schuld am emotionalen Desaster der heutigen Gesellschaft sind die Romantiker. Wiiiiiie? Nicht die Romantiker?, werden Sie fragen, die sind es doch, die uns das alles eingebrockt haben. Ohne Romantiker kein Valentinstag, keine Fotos von roten Rosen mit Wassertropfen, keine “ohne dich ist alles doof”-Schafe, kein Bryan Adams und Friede auf Erden und unter den Völkern!

Ich aber sage Ihnen eines: die Romantiker verantwortlich zu machen, das wäre zu einfach.

Der Romantiker an sich war nämlich wirklich in Ordnung. Er war wirklich dufte. Ein prima Typ. Wie ich darauf komme? Nun, der Romantiker, geboren im 19. Jahrhundert, war der Punk der Aufklärung. Ja, Sie lasen richtig: im Prinzip war er erstmal einfach nur dagegen. Man hatte ja nichts, damals, im 19. Jahrhundert: kein Internet, kein AngryBirds, kein Fast Food, keinen Atomausstieg, keinen Catcontent, keine Meinungsfreiheit, noch nicht einmal Megan Fox, unterm Strich also nichts, wo man wirklich aus Überzeugung hätte dafür sein können.

Das Einzige, was man überhaupt hatte, war die Aufklärung. Gerade die Elterngeneration jener Zeit war doch sehr dem kritisch denkenden Menschen zugeneigt, und, ja, auch damals waren die Leute mal jung, auch damals kamen sie in die Pubertät, auch damals mussten sie sich gegenüber ihren Eltern abgrenzen. Wenn die Eltern also fürs kritische Denken waren, was blieb einem zu Beginn der Pubertät? Man musste gegen das Denken sein.

Und alles, was einem blieb, war das Fühlen.

Gut, es blieb einem auch noch die Todessehnsucht. Beim Totsein denkt es sich ja bekanntermaßen auch recht schlecht, das heißt ungefähr so gut wie man denkt, während man fühlt. Deshalb schaffte man sich noch ein Bild von der gequälten Seele, schrieb Gedichte darüber und erfand so den Emo. Zu jener Zeit aber waren Kajalstifte nur schwerlich zu bekommen, schließlich war Kleopatra schon lange tot und die Händler auf den Schwarzmärkten waren mit dem Vertrieb billiger deutscher Kopien britischer Dampfmaschinen beschäftigt. Aber was ist ein Emo ohne seinen Kajalstift? Also beschloss man, den bekanntesten Emo mit einer Zeitreisedampfmaschine in die Zukunft zu schicken, damit er mit einer Wagenladung Kajalstifte zurückkäme, leider war die Zeitreisedampfmaschine noch nicht ganz ausgereift, beim Transport ging einiges schief und was übrig blieb, wurde 2008 als Justin Bieber bekannt.

Nachdem also die üblichen Verdächtigen, Walt Disney und auch die Romantiker nicht schuld an der Verrohung der Gefühle sind: wer ist es dann?

Es ist viel einfacher. Schuld an allem ist: das letzte Einhorn.  Ja, Sie lesen richtig, das letzte Einhorn. Um Ihnen das zu erklären, muss ich kurz mit Ihnen knappe 2000 Jahre Popgeschichte durchgehen.

Das war nämlich so: es begab sich eines beschissen kalten Tages …Wie? Sie haben keine Zeit für so einen Schwachsinn, und für 2000 Jahre Popgeschichte schon gar nicht? Und Sie glauben nicht, dass es dieses letzte Einhorn überhaupt je gegeben hat? Aber wenn es dieses Einhorn nicht gegeben hat, warum sollte es dann die Liebe geben?

Es gibt sogar Leute, die behaupten, sie hatten eine Erscheinung gehabt und hätten das letzte Einhorn gesehen, und, es gibt sogar Leute, die behaupten, sie hätten da etwas gespürt und dann sie die Liebe gesehen.

Und jetzt sagen Sie mir: was ist schlimmer? Und fühlen Sie noch was?

Denn: wenn es das letzte Einhorn nicht gegeben hat, dann ist der Schuldige an diesem ganzen Desaster ein Hirngespinst namens Emotion, verursacht durch wolkenbruchartige Hormonausschüttungen. Ein Hirngespinst, das in unseren Köpfen dafür sorgt, dass manche Herzen sich Liebe einbilden und das auf irgendein hilfloses Gegenüber projizieren, das sich ebenfalls ein Hirngespinnst namens Liebe einbildet, das es auf ein hilfloses Gegenüber — hä? Versteht keiner. Egal. Auf jeden Fall: zu viel Liebe, zu viel Projektion, zu viele Hirngespinste. Also:

Finger weg von der Liebe, Finger rauf auf die Play-Taste und tanzen.