Hamburg ist eine schöne Stadt

Samstag Nachmittag, sechzehn Uhr siebenunddreißig. Ihre Anschlussmöglichkeiten. Ich stieg aus dem Zug, ging den Bahnsteig entlang, die Treppen hoch, zum Ausgang. Taxistand. Ich stieg ein, ich sitze immer hinten rechts, ich suchte nach der Nachricht mit seiner Adresse. Wir fuhren los. Ich öffnete die Fensterscheibe, lehnte den Kopf gegen die Tür, machte die Augen zu und atmete die Stadt, die Aufregung kroch mir wieder die Kehle hinauf. Der Fahrer sagte wir sind gleich da, ich öffnete die Augen, zählte die Häuser, sagte hier, links, da ist Hausnummer achtundvierzig. Ich bezahlte, stieg aus, nahm meine Tasche vom Rücksitz, warf sie über meine Schulter, sah kurz nach links und rechts. Keine nennenswerte Gegend. Ich lief zum Hauseingang, suchte seinen Namen zwischen den Klingelschildern. Ich atmete tief ein. Läutete. Sagte hallo. Der Türöffner summte, ich drückte die Tür auf, der Flur roch nach Bohnerwachs.

Durchs Treppenhaus, fünfter Stock, rechts, dann links, die letzte Tür auf der rechten Seite, hatte er gesagt. Auf der Wohnungstür nebenan klebte ein Regenbogen-Aufkleber. Nur noch eine Tür. Davor eine Kokosfußmatte. Ich atmete tief ein und klopfte. Die Tür ging auf. Da stand er.

Hallo!, er küsste mich auf die Wange, komm rein, hattest du eine gute Fahrt?, deine Schuhe kannst du hier abstellen, deine Tasche hier, warte, ich nehm dir deine Jacke ab, er deutete auf den Schuhschrank, auf den Boden, auf die Garderobe, lief vor und zurück, drehte sich, zeigte und redete. Ich wusste nicht, was sehen mit meinen Blicken, was tun mit meinen Ohren, wohin mit meinem Mund. Sinnlos stand ich im Weg herum. Hilflos zog ich meine Schuhe aus, die Schnürsenkel waren verknotet, ich stellte die Schuhe gleich neben den Schuhschrank, die Tasche daneben und legte meinen Hut darauf, er nahm mir meine Jacke von den Schultern und hängte sie auf.

Komm, ich zeig’ dir die Wohnung, Flur, da drüben das Schlafzimmer, hier das Badezimmer, das hier ist der Lichtschalter, mit dem die Lüftung angeht, der andere ist für das Licht, hier ist das Wohnzimmer, dann die Küche, und hier, schau, das ist mein Aquarium. Ich tapste ungeschickt hinter ihm her, sagte aha an den wichtigen Stellen, sah kurz ins Aquarium und sagte etwas wie schön. In seinem Wohnzimmer stand ein sehr großes dunkelbraunes Sofa, er deutete darauf, setz dich, magst du einen Kaffee?, ich setzte mich, drapierte ungeschickt ein Kissen unter meinem rechten Ellbogen und sagte ja, ein Kaffee wäre toll. Er ging in die Küche, die nur ein Teil des Wohnzimmers war, vielleicht auch umgekehrt, ich versuchte währenddessen, eine bequeme Sitzposition zu finden, ich schlug mein rechtes Bein über, doch nicht, setzte mich im Schneidersitz hin, sah den Couchtisch, widerstand dem Drang, meine Füße hochzulegen, das ist nicht mein Tisch, ich trug Ringelsocken, doch wieder beide Füße auf den Boden, Rücken gerade, mein rechter Arm lag seltsam verkrümmt auf dem Kissen, ich fragte mich, wie das gerade aussah, ich saß nicht entspannt, ich war nicht entspannt. Ich sah in Richtung Küchenzeile, dort hörte ich ihn rumoren und die Kaffeemaschine blubbern, er rief Milch und Zucker?, ich rief nur Milch!, zerrte das Kissen unter meinem Ellbogen hervor, legte es auf meinen Bauch, schlang meine Arme darum und versuchte, sehr entspannt auszusehen. Er kam um die Ecke, trug zwei Tassen, stellte eine vor mir auf den Tisch, setzte sich mir gegenüber in den Sessel. Ich nahm die Tasse und hielt sie mit beiden Händen fest.

Wir redeten über den Kaffee (gut). Noch einmal über die Fahrt (gut). Übers Wetter (gut). Über die Arbeit (ziemlich gut). Dazwischen Gesprächspausen. In den Gesprächspausen trank ich meinen Kaffee in sehr kleinen Schlucken, damit die Gesprächspausen nicht wie Gesprächspausen aussahen, sondern wie Zeit, in der ich nichts sagen konnte, weil ich trinken musste. Dann war die Tasse leer. Ich fragte ist noch Kaffee da?, er sagte ja, warte, ich hole dir welchen. Er kam zurück, ich umfasste die Tasse, sie war kalt, er sagte, der Kaffee ist kalt, soll ich ihn dir warmmachen?, ich schüttelte den Kopf und sagte nein, das ist gut so. Dann redeten wir über kalten Kaffee (gut) und dann sagte er den Satz. Was möchtest du denn machen, dieses Wochenende? Ich sagte ich habe nichts vor, wir haben Zeit. Hamburg ist eine schöne Stadt. 

Er nickte. Keiner sagte ein Wort.

Ich sah zur Tür, zu den Fenstern, zum Wohnzimmerregal, zur Wand, zur Tür, zu den Fenstern, zum Wohnzimmerregal, zur Tür, als interessierte mich etwas, dabei sah ich nur einer Stubenfliege zu, die ihre Kreise zog.

Ich dachte an hunderte Nachrichten auf meinem Telefon, geschrieben in den vergangenen vier Wochen seit unserer letzten kurzen Begegnung, es war unsere fünfte kurze Begegnung gewesen, immer nur hatten wir uns kurz gesehen, auf Parties, im Vorbeigehen, zuletzt bei einer Vernissage. Wir hatten unsere Nummern ausgetauscht und dann hatte das mit den Nachrichten angefangen und schließlich mit dem Plan, dass wir uns einmal länger sehen Nun trafen wir uns für länger. Und wir hatten doch Ideen, etwas machen wollten wir, dann, wenn wir endlich am selben Ort wären. Jetzt waren wir am selben Ort und rührten in unseren Kaffeetassen. Wir hatten noch überlegt, was wir alles bereden wollten, wenn wir uns endlich näher wären. Jetzt saßen wir am selben Tisch und hatten uns nichts zu sagen, und wenn wir uns ansahen, sahen wir gleich wieder weg. Alles, was wir jetzt hatten, waren nullkommaneun Meter von meiner Kaffeetasse zu seiner. Und die Frage, was das gewesen war, zwischen uns, und warum zwischen uns jetzt nichts mehr war.

Und weil da nichts mehr war, gingen wir in ein Museum. Wir fuhren mit der U-Bahn dorthin, er stand rechts neben der Tür, ich auf der anderen Seite, ich trug die Hände in den Hosentaschen und wusste nicht, was ich sagen sollte, dann sagte ich ich hätte fast vergessen, wie schön Hamburg ist. Er sagte ja. Dann wusste ich wieder nichts mehr. Dann standen wir vor dem Museum, ich blickte die schönen Säulen entlang bis zum Museumsdach und dachte an etwas, das ich einmal geschrieben hatte. Kunst kann man nicht teilen, Kunst muss man mit sich ausmachen. Man kann nur mit besonderen Menschen ins Museum gehen. Denn begegnet man der Kunst zu zweit, muss trotzdem jeder allein mit ihr sein. Sonst erstirbt ihr Zauber. Wir gaben unsere Jacken an der Garderobe ab, weil große Hinweisschilder darauf hinwiesen, dass Jacken verboten seien, dann gingen wir hinein. Das Museum war voller dunkler Räume, in denen grausame, verstörende Bilder an den Wänden hingen, und voller dunkler Ecken.

Er stand vor den Bildern und sagte nichts. Ich stand vor den Bildern und sagte nichts. Ich ging ihm aus dem Weg, lange blieb ich vor den Bildern stehen, an denen er schnell vorbeiging. In einem Raum sah ich zwischen den grausamen Bildern eine weitere besonders dunkle Ecke und dachte mir, keine Ecke kann so dunkel sein, dass wir uns dort näherkommen könnten.

Viel zu schnell standen wir wieder vor der Garderobe, unsere Jacken in den Händen, wir standen uns gegenüber, da war eine Spannung zwischen uns, die ich nicht verstehen konnte, die so greifbar war, dass sie fast weh tat, und ich konnte nichts tun, um sie verschwinden zu machen. Ich konnte noch nicht einmal seine Hand berühren.

Er sagte nichts.

Stumm sah er mich an. Stille. Mein Hirn war wie Watte, ich wollte nicht reden, nicht mit ihm, nicht über ihn, schon gar nicht über mich und auf keinen Fall über uns, ich wollte ihm nicht sagen, dass zwischen uns nichts mehr war. Also kratzte ich Sätze mit den Fingernägeln von den Wänden zwischen uns, eine formlose, unverbindliche Masse, ich modellierte sie mit ungeschickten Händen; stellte ich sie in den Raum, so blieben sie nur einen Moment stehen. Dann kippten sie um.

Er sagte nichts.

Wir fuhren zurück zur Wohnung, saßen auf dem Sofa, er ganz rechts, ich ganz links, ich hatte Angst, mich zu bewegen, ich nahm wieder das Kissen und umschlang es, ich rutschte so weit von ihm weg, wie ich konnte, wir sahen einen Film, wir starrten beide geradeaus auf den Fernseher, neunzig Minuten lang hatte ich Angst vor der Ruhe nach dem Abspann. Als der Abspann begann, sagte ich Hamburg ist eine schöne Stadt, aber ich bin jetzt müde, er nickte, ich ging meine Zähne putzen, ich zog einen Pyjama an.

Dann lagen wir im Bett. Das Bett war nicht groß genug für uns zwei. Er hatte eines seiner Beine ausgestreckt, es berührte mein rechtes Bein. Ich wollte das nicht. Er schlief, ich lag wach und zählte seine Atemzüge. Er atmete laut, sein Atmen füllte den ganzen Raum, ich konnte sein Atmen nicht ertragen, mein Herz raste, ich lag auf dem Rücken, auf dem Bauch, auf der linken Seite, auf der rechten Seite, ich zog meine Knie an, ich konnte nicht schlafen, ich wollte es so sehr, aber ich wusste nicht, wie es geht, mir war kalt, ich deckte mich zu, mir war heiß, ich zog die Decke an meinen Beinen hoch und schob sie von den Schultern her nach unten, er atmete immer noch, immer nur die Stille und sein Atmen, ich setzte mich auf und riss das Fenster auf und hoffte auf das Geräusch von Autos auf den Straßen. Hamburg ist eine schöne Stadt.

Aufwachen heißt, dass man geschlafen hat. Irgendwann musste ich eingeschlafen sein. Ich wachte auf und erinnerte nichts. Das Aufwachen war, als es draußen langsam hell wurde, ich sah nach ihm, er schlief noch, ich stand auf, schloss vorsichtig das Fenster und sperrte den Autolärm aus, machte die Schlafzimmertür hinter mir zu, hörte das Tapsen meiner nackten Füße auf dem Laminat, ging durchs Wohnzimmer zur Küchenzeile und da war wieder das Aquarium. Ich ging näher heran, im Aquarium trieben kleine Pflanzen im Strom der Lufdüse hin und her, manchmal blubberte das Wasser ganz leise, Luftblasen stiegen an die Wasseroberfläche, hinter den Pflanzen stand ein Plastikschloss mit einem Algendach und einem Torbogen. Ein paar sehr kleine Fische kauerten am Grund hinter dem Plastikschloss. Und da war ein Goldfisch. Der Goldfisch klebte mit seinem Goldfischmund an der Glasscheibe. Vor dem Aquarium stand Fischfutter, das Fischfutter roch nach Fischfutter. Ich hasse Fischfutter. Ich hasse Fische.

Es war jetzt Sonntag Morgen und ich wollte in meinem Pyjama auf die Straße laufen, ein Taxi anhalten und nach Hause fahren. Ich riss mich zusammen, in den darauf folgenden zwölf Stunden passierte nichts, außer dass ich las und er las und dass da Stille war. Und immer wollte ich das Fenster öffnen, damit die Stadt hereinschreien konnte, den Fernseher einschalten, damit Menschen da wären, oder wenigstens afrikanische Tiere, wollte das Radio aufdrehen und ganz laut Popmusik hören oder menschliche Stimmen im Deutschlandfunk, die über das Wirtschaftssystem in Südostasien Ende des achtzehnten Jahrhunderts redeten oder über Social Media-Marketing oder über den Katholikentag. Wenn ich nicht an die Stille dachte und daran, wie ich ihm sagen könnte, dass zwischen uns nichts mehr war, oder wie er mir sagen könnte, dass zwischen uns nichts mehr war, wenn ich nur immer bis sechzig zählte und und alle sechzig Sekunden eine Buchseite umblätterte, dann konnte ich alles ertragen. Auch ihn, wie er da saß, neben mir auf dem Sofa.

Jetzt ist es Montag Morgen und auf dem Küchentisch liegt eine Schachtel Zigaretten. Über der Stadt hängt eine Stimmung wie eine Wolldecke, dumpf, trist. Alles ist erstickt. Immer noch läuft der Sonntag wie Kondenswasser an den Fensterscheiben hinunter, tropft auf den Boden und sammelt sich in einer Pfütze auf dem Parkett. Ganz leise, aus dem Bad, das Rauschen der Dusche. Ich liege auf dem Sofa, ich liege in Zeitlupe und spule rückwärts.

— Das letzte, was ich von ihm sehe, ist das Tattoo auf seinem Schulterblatt. Mit federnden Schritten geht er aus dem Raum, er steht auf, kein Wort, er schläft noch, ich wache auf, ich schlafe, die Stille danach, er liegt neben mir, er liegt auf mir, ich sehe seine dunklen Augenbrauen, die braunen Augen, ich streiche ihm eine Strähne aus der Stirn, er küsst mich auf den linken Augenwinkel, ich mache die Augen zu, die Glühbirne hängt nackt von seiner Wohnzimmerdecke und blendet mich, ausziehen, wir küssen uns, werfen unsere Bücher auf den Boden, er beugt sich über mich, er kommt näher,

ich weiß nicht, wieso es plötzlich passiert, da sitzen wir nebeneinander auf dem Sofa. —

.

Ich halte das Rückwärtsspulen an, stehe auf, auf dem Boden liegt mein weißes Shirt, ich ziehe es an, nehme eine Zigarette aus der Schachtel. Auf der Fensterbank liegt ein Feuerzeug, ich öffne das Fenster, spüre die Wärme, die von draußen hereinströmt, zünde die Zigarette an, rauche und sehe hinaus. Hamburg ist eine schöne Stadt. Die Sonne scheint, der Himmel ist knallblau, gegenüber gießt eine Frau Blumen auf ihrem Balkon, im Stockwerk darunter steht ein Wäscheständer mit weißen T-Shirts, ich zähle, noch drei Balkone, dann kommt das Erdgeschoss, am Hauseingang läutet ein Mann mit Hund, am Straßenrand kein freier Parkplatz, die ganze lange Straße lang, links dann die Kreuzung, hundert Meter von hier, ich kann die Ampelschaltung gerade so erkennen, gelb-rot-gelb-grün. Die Straßen sind voller Autos, Fahrräder, sie fahren und rasen, Autobremsen quietschen, Motoren heulen auf, irgendwo piept eine Alarmanlage. Und Menschen, Ströme von Menschen, sie versuchen, an den Häusern vorbeizufließen, ständig geraten sie ins Stocken, drängen sich dicht aneinander. Es ist sehr schnell, sehr laut, sehr heiß, wenn nicht sofort jemand die Stopptaste drückt, wird alles explodieren. Ich drücke die Zigarette an der Hauswand aus, sehe beim Ausatmen dem Rauch nach, wie er an der Sonne vorbeisteigt, schileße das Fenster und die Stadt bleibt draußen. Die Stille ist immer noch hier, nicht einmal eine Uhr, die tickt, über der Küchenzeile eine Digitaluhr, sieben Uhr dreiunddreißig.

Meine rote Leinenhose liegt auf dem Sofa, ich ziehe sie an, trinke ein Glas Wasser und gehe am Aquarium vorbei, der Goldfisch klebt immer noch an der Glasscheibe, im Flur greife ich meinen Hut vom Boden und meine Jacke von der Garderobe, nehme meine Schuhe mit den verknoteten Schnürsenkeln in die Hand, schwinge meine Tasche über die Schulter, ich sehe mich um, die Badezimmertüre ist geschlossen, die Dusche rauscht immer noch, leise öffne ich die Tür, leise schließe ich sie, ich laufe, ich laufe, so schnell ich kann, ich renne die Straße hinunter, bis dahin, wo man von dem Fenster aus ganz sicher nicht mehr blicken kann. Dann stehe ich da und sehe hinter mich. Immer noch keine nennenswerte Gegend. Ich setze mich auf den Bürgersteig und ziehe meine Schuhe an und die Menschen strömen an mir vorbei und wenn ich nach oben sehe, kann ich zwischen ihren Köpfen die Sonne und den Himmel sehen.

Hamburg ist eine schöne Stadt.

Immer wird es Nacht sein

.

In meinem Traum warst Du, bis ich begriff, dass Du kein Traum warst, als Deine Stimme sich mit dem Weckerklingeln mischte, als blechern das Geräusch aus deinem Telefon in die weiche Stille des Schlafzimmers krachte. Du rütteltest mich an der Schulter. “Hey! Aufwachen!” Fünf Uhr zwanzig.

Kein Morgen wird gut, nur weil man “guten Morgen” sagt, ich weiß nicht einmal mehr, ob ich zu dir “guten Morgen” gesagt habe, ich weiß auch nicht mehr, wie ich ins Bad kam, meine erste klare Erinnerung ist der erste Wassertropfen aus der Dusche und dass ich dachte, immer, wenn ich dein Haarshampoo benutze, rieche ich wie du, womöglich Continue reading “Immer wird es Nacht sein”

Geht auf die Straßen raus und tanzt!

Packt eure Mäntel in den Schrank, werft eure Wollschals in die Ecke, lasst eure Handschuhe zuhause und hört auf, euch unter euren Mützen zu verstecken. Steckt eure schwarzen Klamotten in eine Kiste und tragt mal wieder Rot und Grün und Bunt, kippt alle Glühweinreste und den Zimt weg, verbrennt die Tannenbäume und macht die Fenster auf, damit ihr es hören könnt, wenn sie es von den Dächern rufen: der Frühling ist da.

Holt eure Sonnenbrillen raus, poliert eure Fahrräder, räkelt euch, dehnt euch und streckt euch dem Licht entgegen. Lasst eure Bärte wachsen, holt die Fusseln aus euren Bauchnäbeln, schaltet mal auf Durchzug und lasst den Wind an eure Frisuren. Setzt euch auf die Parkbänke da draußen, haltet eure winterblasse Haut in die Sonne, blinzelt in die blauen Himmel, macht eure Ohren auf und hört eure Städte wieder atmen. Macht eure Augen mal wieder auf.

Vergesst den Schmerz, vergesst die Angst, hört auf, irgendwas peinlich zu finden, hört auf, euch ständig Fragen zu stellen. Schaltet eure Köpfe aus, denkt mal nicht nach, hört auf, traurige Gedichte zu schreiben, vergesst die Balladen, die Liebeslieder und alles unter 60bpm, macht mal wieder Sport, probiert aus, wie weit ihr gehen könnt, fahrt mal wieder aus eurer Haut, macht mal was anderes. Biegt falsch ab, fahrt Umwege, geht raus aus euren Zimmern, euren Wohnungen, euren Kiezen, euren Städten, vergesst mal alle Pläne und eure Ziele, lasst eure Terminkalender zuhause und sperrt die Vernunft in einen Käfig. Hört auf, vom Leben zu träumen, geht doch einfach mal da hin, wo es ist.

Bestellt einen großen Container und schmeißt weg, was euch die Luft nimmt und sagt zum Abschied leise fuck you, weint keinem Ding auch nur eine Träne nach, kauft einen Bagger und grabt ein tiefes Loch, bestellt die Betonmischer und macht ein neues Fundament aus eurer Leidenschaft, stellt Kräne auf und baut euch mal was Neues auf, bemalt eure Wände mit neuen Farben, und seid doch einfach mal großkariert.

Trefft Leute, die gut für euch sind, und wenn ihr weggeht, bringt Blumen mit, nehmt alles wahr, aber nichts für selbstverständlich, nehmt mit, was ihr könnt. Hört auf, euch aufzugeben. Verschenkt euch.

Wacht doch mal morgens auf und sagt YEAH!, seid doch einfach mal gut drauf und pfeift ein Lied auf alles. Sucht euch was, wofür ihr brennt, und zündet eure Feuer wieder an, sucht euch wen, der euch mitnimmt, geht ans Ende der Welt oder weiter und kauft euch keinen Rückfahrschein.

Macht euch keinen Kopf und keine Gedanken, macht euch lieber mal ein Bier auf und macht euch einen Reim drauf, erzählt euch Geschichten und das Blaue vom Himmel, fahrt Karussell und Achterbahn, rennt und springt und balanciert auf Mauern, fahrt freihändig Fahrrad und steht wieder auf, wenn ihr runterfallt.

Trinkt Getränke, die in der Sonne glitzern, esst Eis, kauft Kuchen und planiert die Straßen mit Krümeln. Lacht und singt und lasst es doch einfach egal sein, wer euch dabei beobachtet. Spürt doch mal wieder was, freut euch, dass ihr wieder am Leben seid, und feiert der Unvernunft ein großes Fest.

Kehrt den Dreck aus euren Körpern, fegt die Winterreste auf den Straßen zusammen und schmeißt sie weg, baut eure Städte wieder auf, sortiert eure Leben und pustet den Staub von euren Herzen, geht mal wieder knutschen, seid jung, seid laut, seid wild, dreht die Regler bis zum Anschlag, hört Musik, die das Leben feiert.

Hey, ihr: geht auf die Straßen raus und tanzt!

 

Genussrechte

.

Die Idee ist, dass uns die Person auf der Bühne unterhalten soll. Die Idee ist, dass wir für diese Unterhaltung Geld bezahlen. Die Idee ist, dass wir alle lachen und gut drauf sind, damit wir vergessen, wer wir sind, und dafür haben wir schließlich bezahlt.

Dann soll da der Mensch sein, mit dem wir unser Leben verbringen wollen, den ganzen langen Rest, weil wir denken, dass da ein Mensch sein muss, mit dem wir unser Leben verbringen wollen. Darum haben wir Verabredungen, die darin bestehen, dass wir einen Abend lang über zwei Glasränder hinweg eine Wetteranekdote nach der anderen bemühen, ohne je wirklich bei dem anzukommen, worum es einem eigentlich geht, das fällt uns zwischendurch kurz auf, als wüssten wir, worum es eigentlich geht, den Gedanken verwerfen wir gleich wieder, wir wissen doch eh nicht, worum es eigentlich geht, wir müssen es auch nicht wissen, wir sehen einander eh nie wieder, wozu auch, wir reden ja doch nur übers Wetter. Also nehmen wir jemanden mit nach Hause, knutschen im Hausflur, ein bisschen Wildheit muss dabei sein, wir beweisen uns, dass wir das noch können, Sex ist auch so eine Sache, die man rein technisch nicht verlernt, das Radfahren der Erwachsenen, wir finden geil, dass wir das noch können, dass da zwei Körper sind, die funktionieren, mehr ist da nicht, aber hey, wir sind jung, und wir können das, wir haben es einfach drauf, wie wir einfach alles drauf haben, dann noch ein bisschen aufeinander liegen, nassgeschwitzte Körper, und da vorne ist die Tür.

Dann die Leere, wenn jemand geht, mit dem man gerade noch Haut an Haut lag.

Die Leere wollen wir füllen, also suchen wir wieder jemanden für mehr als eine Nacht, vielleicht auch für mehr als zwei, es muss auf jeden Fall jemand sein, mit dem wir nicht übers Wetter reden, wir verlieben uns niemals wahllos, sondern so, dass wir immer die Falschen erwischen. Also spazieren wir am Fluss entlang, vertreiben uns die Tage und die Nächte, wir gehen in die Clubs und feiern die ganze Nacht, bis uns die Haare im Nacken kleben, bis es so heiß ist, dass Kondenswasser von der Decke tropft, und wir tanzen, bis der Moment kommt, in dem auch der Letzte das letzte Bier bestellt, bis wir nichts mehr rauchen und nichts mehr trinken können, und dann müssen wir uns fragen, was wir nun anfangen, mit unseren leeren Händen ohne Bierflasche und Zigarette, mit dem Mund ohne Alkohol und Nikotin und ohne Worte, die eines Gegenübers bedürften.

Dann die Frage, was wir anfangen, alleine mit uns.

Also ziehen wir die Schuhe aus und laufen barfuß zur U-Bahn und unsere nackten Füße hinterlassen kleine Spuren im Neuschnee. Alles, was bleibt, ist das bisschen Musik, das der Kopfhörer noch hergibt. Und nicht einmal die Musik weiß, was wir denn noch tun sollen, wenn niemand anders mehr da ist. Wir zögern die Heimfahrt hinaus, tingeln durch U-Bahn-Stationen, hören scheißtraurige Musik, wir wollen nicht mehr fluchen, wir wollen uns an eine gekachelte Wand lehnen, langsam zu Boden rutschen, am Bahnsteig sitzen und weinen. Das macht man nicht. Was wir machen, ist: wir steigen in die Bahn, zu all den anderen Helden der Nacht, wir blicken starr geradeaus und sehen den Fliesen an den Wänden im U-Bahnhof nach, wir steigen aus, wir steigen um, irgendwann ist es unausweichlich, Endstation, Fahrgäste bitte alle, aussteigen, müde die Treppen hochsteigen.

Dann das Morgenlicht.

Vögel zwitschern, es hat geregnet, wir wissen nicht, warum und wann, es interessiert uns nicht, wir wollen nur noch nach Hause. Wir wollen nur noch nicht nach Hause. Der Körper ruft nach einem Bett, der Kopf weiß, dass eine stille Wohnung ohne Geräusche das letzte ist. Das ist der Grund, warum so viele Menschen gut schlafen können, wenn der Fernseher läuft.