Was Morgen ist

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01 Uhr 45. Ich sitze auf einem Barhocker, einen meiner Füße auf dem Boden, den anderen in der Luft, und drehe ein Weinglas zwischen meinen Händen. Am anderen Ende der Bar sitzt ein Endzwanziger Anfangdreißiger, sein einziges Interesse gilt den Erdnüssen vor ihm auf der Theke und in seinen Mundwinkeln kleben Nusskrümel. Am kleinsten Tisch im Raum sitzen die Freunde, mit denen ich hier bin, sie spielen ein Trinkspiel, ich habe das Spiel nur mäßig verstanden, aber ich glaube, es geht darum, wer als erster so mutig ist, dass er das schönste Mädchen in dieser Kneipe anspricht. Das Mädchen, um das es geht, ist in der Mitte des Raums. Sie tanzt, ihre dunklen Haare fliegen, sie lacht, um sie herum hat sich ein Kreis aus Bewunderern gebildet. Auf einem Foto an der Wand steht “ich wünschte ich liebte dich“, auf dem grünen Cordsofa in der Ecke knutscht ein Pärchen.

Manchmal geht die Tür auf, jemand kommt rein oder jemand torkelt nach draußen, und für einen winzigen Moment flackern alle Teelichter. Jemand legt den Arm um mich und drängt sich vorbei. Neben mir steht ein Fünfzigjähriger in einem “Elvis lebt!”-Shirt und bestellt Bailey’s. Er trägt Vollbart und Verachtung in seinem Blick, brummt  “früher war mehr Ruhe“, jedenfalls ist es das, was Lippenlesen unter seinem Bart hergibt, dann fragt er, ob ich mittrinke. Ich trinke keinen Mädchenkram, deute auf den Wein, er schreit “früher war mehr Rock’n’Roll!”, diesmal verstehe ich ihn wirklich, dann ist er weg. Jemand zieht an meinem Shirt, ich  drehe mich um. Jemand möchte mir die Relativitätstheorie erklären. Mädchn, Jemand ist sehr betrunken, Määäädchn, ick sach dir itz ma wat. Dit is nämlich so. Relativitätstheorie is, wenn ick dir sage, und, wie war ick, und du sachst, wat war denn, und dann sach ick, wir sprechen uns in drei Stunden nochma, dann weißte, wat ick meine. Ich lasse Jemand stehen, “stehen”, ein Euphemismus, und gehe aufs Klo. Und mit “aufs Klo gehen” meine ich “im Treppenhaus an die Wand lehnen und aufs Telefon schauen”. Es ist 02 Uhr 18.

Und da ist eine Nachricht von dir. Ob ich noch wach sei, und du seist noch mit Freunden unterwegs. Ich bin noch viel zu wach, und bin in dieser Bar, aber vielleicht nicht mehr lange. Die Schuhe der Mädchen klackern auf den Treppenstufen. Vor dem Klo hat sich eine Schlange gebildet. Die Spülung rauscht, der Wasserhahn, die Tür geht auf, ein Mädchen in einem kurzen Kleid zieht vor dem Spiegel ihren Kajal nach. Ich gehe zurück, die Luft ist voller Rauch, es stinkt nach umgefallenem Bier. An meinem Weinglas klebt Lippenstift, ich trage niemals Lippenstift, trinke den letzten Schluck, lese deine neue Nachricht und fasse es nicht. Du bist in der Bar nebenan.

Ich glaube nicht ans Schicksal, ich glaube an den Zufall. Nur glaubt der Zufall meist nicht an mich. Du fragst, ob ich dich sehen will, draußen, jetzt. Ich schalte das Telefon aus. Meine Freunde sind immer noch in ihr Trinkspiel vertieft, das Mädchen lehnt jetzt knutschend in einer Ecke, sie knutscht mit keinem von ihnen, sie scheinen ihren Plan geändert zu haben, jedenfalls hoffe ich das für sie. Ich drücke mich zwischen Rücken und Gläsern zum Ausgang, ziehe die Jacke an und die Tür hinter mir zu.

02 Uhr 30. Viellleicht ist das die Zeit, zu der diese Stadt am ehrlichsten ist. Wenn ein warmes Straßenlaternenlicht über allem ist, ein Autoscheinwerfer und manchmal ein Mond. Wenn in den Straßen nur Stille liegt, vor den Bars leere Bierflaschen, in den Rasenflächen leere Pizzaschachteln, hinter den Hausecken Dönergeruch. Vielleicht ist das auch die Zeit, in der diese Stadt ihrer Wahrheit am nächsten ist. Wenn alles den Atem anhält. Und wartet. Wartet, dass etwas Großes passiert. In diesen Nächten, die doch so sind wie immer. Denen noch der Charme des Sommers fehlt. Ein kalter Wind hängt in der Straße, es wird Regen geben, der Bäcker gegenüber hat noch nicht auf, am Nachbarhaus hängt ein Kaugummiautomat. Und da lehnst du an der Wand.

Du umarmst mich. Auf der Straße ist niemand außer uns, ich küsse deinen Hals. Diese Richtung? fragst du und deutest die Straße hinunter. Ich nicke, wir laufen zur Bahn. Wir gehen übers Kopfsteinpflaster, ich zähle die Steine, du die Autos am Ende der Straße. Die Bahn ist schon da, als wir ankommen, die letzten Meter rennen wir, als wir Luft holen, schließen sich die Türen. Ich mag dich, wenn du lachst.

Im Waggon mehr Flaschen als Menschen, ein Mädchen schläft an einen Jungen gelehnt, zwei Männer steigen ein und singen Yesterday. Ich habe einen Kloß im Hals und ich möchte nicht, dass er weggeht. Bei der vorletzten Station bremst die Bahn abrupt und wirft mich gegen dich, du hältst mich fest.

03 Uhr 15. An der letzten Station steigen wir aus und gehen schweigend nach Hause. In einem Hauseingang sitzen drei Jungs und trinken abwechselnd aus einer Vodkaflasche, ein Hund streunt durchs Gebüsch und jemand wirft eine Tüte in einen Altkleidercontainer. Wir lassen das Licht im Treppenhaus aus und du zündest eine Kerze im Wohnzimmer an. Romantik ist nur dann kitschig, wenn man nicht dabei war. Wein? Du nickst, ich gehe in die Küche und suche die Gläser. Als ich zurückkomme, sitzt du am Klavier, ich bleibe leise und im Türrahmen stehen und kenne die Melodie nicht. Du bist ganz versunken, summst eine Zeile lang mit, plötzlich hörst du auf, du drehst dich um, siehst mich an. Und fragst nicht nach heute Nacht. Du fragst nur nach dem Morgen.

Morgen ist, wenn der Regen von letzter Nacht in der Luft hängt. Morgen ist ein leises Flattern von Vorhängen im Wind. Morgen ist noch schlafen und wissen, dass die Hand auf meiner Schulter dir gehört. Morgen ist meine Nase in deinem Nacken vergraben. Morgen ist ein verschlafenes Lächeln, Morgen ist ein leises Blinzeln. Morgen ist eine Strähne aus dem Gesicht streichen. Morgen ist dich immer noch mögen. Und Morgen ist ein Flüstern: Lass die Augen zu. Und küss mich.

Erledigungen vor dem Untergang der Welt

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Dies ist ein ganz gewöhnlicher Freitagabend nach einer ganz gewöhnlichen Woche, und zwischen Tagewerken und Nachtschwärmen müssen Zeit und Magen mit etwas Sinnvollem angefüllt werden. Was könnte da schöner sein als die Besichtigung eines Mikrokosmos, eines Paralleluniversums voller Metaphern, reich Verbindungen zum wahren Leben. Also gehe ich in den Supermarkt.

Hinein geht es durch eine Schleuse, die nur nach innen offen ist, dann vorbei an einem bedrohlich hohen Stapel roter Getränkekisten. Die Schleuse öffnet sich, der Stapel fällt, eine Transportmöglichkeit für die Einkäufe muss her, wenigstens bekommt man hier keinen Korb, sondern holt ihn sich selbst. Kaum gehe ich ein paar Schritte weiter, steht da ein Zeitschriftenregal im Weg, geschickt positioniert, unübersehbar und gleichzeitig sehr subtil. Doch die Schlagzeilen sprechen für sich, und wer im Vorbeilaufen an den schlechten Zustand der Welt erinnert wird, dem bleibt in seiner Not gar nichts anderes übrig, als einzukaufen.

Denn: die Zeit des Schönredens ist vorbei. Jetzt ist die Zeit des Schönfressens, des Schönsaufens, und am Ende wird uns schlecht, weil wir alles haben und den Hals nie voll kriegen können und doch die Nase so voll haben, dass uns bald der Kopf platzt, also kotzen wir, bevor unser Hypothalamus noch mit unserem Geldbeutel verschmilzt und wir unser letztes Gehirn für eine Packung Tütensuppe hergeben. Weil wir doch so hungrig sind. Wer Sorgen hat, hat auch Schokolade, und wer den Zustand der Welt betrachtet, hat bald auch eine Schokoladenfabrik, ach, es kann so einfach sein, und alles ist wieder wunderschön. Prompt springt mir eine Schlagzeile entgegen: “Grüne beleibter als je zuvor“. Der Erfolg bekommt ihnen wohl nicht, es joggt sich ja auch so schlecht in Birkenstock-Sandalen, und so sieht dann wohl das Ende aus. Das Ende der einst so erfolgshungrigen Partei ist ein Ohrensessel, den teilt sie sich mit ihrer neuen Sattheit und deren Schwester Behäbigkeit. Ich seufze leise, und ganz im Stillen wünsche ich mir Erfolglosigkeit. Ich wünsche mir, immer hungrig zu bleiben.

Zu spät bemerke ich die nahende Bedrohung, die Abteilung für Obst und Gemüse. Ich bin ein Kind der Generation Cheeseburger, nach dem Krieg gab es ja sonst nichts, und wer braucht schon Vitamine, die machen nur albern. Doch in diesem Augenblick geschieht, was ich nie für möglich hielt. Ich habe in dieser Abteilung einen Seelenverwandten gefunden. Es ist:

eine Avocado. Avocado Hass.
In dieser dunkelgrünen, 248 Gramm schweren Frucht (der Name bedeutet Hoden) konzentriert sich mein gesamtes Seelenleben. Avocados sind Panzerbeeren. Und ich liebe sie. Zwar kann ich keine Liebe zulassen, ich liebe sie also nicht direkt, doch im Gegensatz zu allem anderen auf dieser Welt kann ich diese Avocado wenigstens so weit wahrnehmen, dass ich in der Lage bin, sie standesgemäß zu hassen. Als kleinen Exkurs in die Biologie lassen Sie mich Ihnen sagen: Kürbisse, Bananen und Gurken sind ebenfalls Beeren, Erdbeeren hingegen lediglich Sammelnussfrüchte, und glauben Sie mir, nicht einmal Sprühsahne kann einer Sammelnussfrucht auch nur annähernd einen Hauch von Erotik verleihen. Im Übrigen konnte ich mich bereits im Kindergarten durch große Erfolge in der Nachzucht von Avocadopflanzen profilieren. Zehn Kartons Hass nehme ich mit.

Ich möchte gerne eine Panzerbeere sein.

Die Kartons nehmen von Meter zu Meter an Gewicht zu, mit letzter Kraft umschiffe ich das Schild „Mit Thunfisch auf Qualitätskurs“, erreiche das Regal mit den Milchprodukten und überdenke die Anschaffung eines Joghurts. Doch wie könnte ich Joghurt kaufen, jetzt, wo die Abschaffung der Welt so kurz bevorsteht?  Vor dem Weltuntergang kauft man keinen Joghurt, vor dem Weltuntergang kauft man einen Bunker. Und ich gehe weiter.

An einer Wand hängt ein rotes Telefon, auf einem Zettel steht: “Haben Sie noch Wünsche? Wählen Sie die 31!”. Ich stelle die Kartons ab und wähle. 3-1. Eine Dame mit beeindruckend hoher Stimme meldet sich, “Sie wünschen?”. Ich muss husten. “Fräulein, bitte notieren Sie, ich wünsche mir ein Verbot von fettarmem Käse, außerdem Müsli ohne Rosinen, einen Bunker und Weltfrieden. Guten Tag.” Ich lege auf. Endlich jemand, der mir zuhört. Das ist ein schönes Gefühl.

Doch hinter dem nächsten Regal steht schon wieder ein Schild, es schreit mir entgegen „Markenqualität dauerbillig!”. Das schöne Gefühl ist verschwunden, ich werde wütend und rufe zurück „Billigmarke Dauerqual!“. Das Schild reagiert nicht, eine Frechheit, aber was rege ich mich auf, was will man auch von einem Pappkarton mit der Intelligenz eines Durchschnittsdeutschen erwarten. Durchschnittsdeutsche und schreiende Schilder hinterlassen ein Fiepen in meinen Ohren an diesem Ort der Töne. Dies ist ein Ort für das Piepsen der Scannerkassen, das Surren der Palettenwagen, das Geräusch aneinander stoßender Menschen. Sich aneinander stoßender Menschen. Und es gibt keinen Ort, an dem jeglicher Menschenhass sich so sehr potenziert wie hier. Keiner möchte hier sein, jeder möchte “nur schnell was erledigen“, sich nicht aufhalten, schon gar nicht aufhalten lassen, auch nicht vom Probierstand für Sojaschnitzel und Nutellafrischkäse, und auch nicht von Menschen, die im Weg herumstehen wie sonst nur die Touristen mitten auf der Kreuzung, wenn sie nicht wissen, in welche Richtung genau sie einen Stau verursachen sollen, also stauen sie sicherheitshalber gleich großräumig.

Haben Sie schon einmal von Freundinnen gehört, die an einem sonnigen Samstag Morgen gemeinsam einen Latte Macchiato schlürfen und dann bei Lidl shoppen gehen? Eben. Der Supermarkt an sich ist kein Ort für Menschen, der Supermarkt ist ein Hort der niederen Instinkte. Hier bin ich Tier, hier darf ich schrein. Hier wird geschubst, gekeift, hier entbrennen Kämpfe um den letzten Erdbeer-Sahne-Joghurt, hier zählt nichts als der zukünftig zu stillende Hunger, der in einer unbestimmten Zeit auftreten wird. Irgendwann in der Zukunft, idealerweise vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums. Überhaupt brauchen wir mehr Dinge mit Mindesthaltbarkeitsdatum. Aber vielleicht ist es auch so, dass alle Dinge um uns herum, alles, was wir anfangen, jeder, den wir treffen, schon ein Mindesthaltbarkeitsdatum haben. Und dann wundern wir uns, wenn sie zu Ende gehen oder plötzlich kaputt sind, und rufen nach Mama, dem Servicetechniker und der Herstellergarantie. Dabei ist das alles nur eine tickende Zeitbombe, die irgendwann in die Luft fliegen wird. Und da ist niemand, der den Countdown kennt.

Ich schlage eine generelle Zutrittsbeschränkung für Supermärkte vor. Einzeln betreten, einzeln verlassen, bitte bezahlen Sie hier, fiept ein Kassenroboter. Denn die Menschen, denen man vor den Supermarkttüren zwangsläufig begegnen muss, sind nun wirklich Belastung genug. Und bei der Gelegenheit könnte man auch gleich die Stadt räumen, “Zutritt nur einzeln, bitte stellen Sie sich in Dreierreihen auf”. Man könnte Eintrittsgelder verlangen, von den Einnahmen eine Abrissbirne mieten und damit die hässlichsten Gebäude der Stadt abreißen. Mit dem Alexa finge man an, mit dem Hauptbahnhof machte man weiter, “wollen Sie auch mal“, – “oh ja, schon als kleiner Junge wolle ich Abrissbirnenfahrer werden, können Sie mir sagen, wann der Wasserklops dran ist, und ist auch das Mitbringen kleiner privater Sprengsätze erlaubt?”

Ein Pfeil weist zur “Frischfleisch Bedienung“, das wäre doch mal ein Name für eine Bar. Ein Kalb wiegt bei der Geburt 45 Kilogramm. Eine Kuh frisst pro Tag 70 Kilogramm frisches Gras und säuft am Tag bis zu 100 Liter Wasser, irgendwann heißt sie Mastrind und wiegt 800 Kilo, dann nennt man sie schlachtreif und erhält 400 Kilo Fleisch, verarbeitet sie zu Salami und verpackt sie in Packungen zu 200 Gramm. Dann kann man aus einem Rind einen 50 Meter hohen Stapel Salamipackungen bauen. Eine davon kostet 89 Cent. Und wir wundern uns noch, aus welchem Boden uns all die Lebensmittelskandale entgegenschießen.

“Billig? Will ich!” Traue keinem Satz, der mit einem Ausrufezeichen endet. Wer Argumente hat, kann auch nach Punkten siegen. Aber glaube Sätzen mit Fragezeichen, denn eigentlich sagen sie nichts, und sagen sie doch etwas, so handelt es sich um rhetorische Fragen, nach denen genauso gut ein Ausrufezeichen … Sie verstehen.

Wie um alles in der Welt konnte es so weit kommen, wie es nun kam? Ich könnte sagen, ich könne nichts dafür, ich sei seit nicht einmal dreißig Jahren auf diesem Planeten, doch Ausreden waren noch nie meine Stärke. Manchmal denke ich deshalb, wir sollten weniger wegwerfen und mehr recyceln. Flaschen, Tüten, Erbsendosen, Pappkartons, Farbeimer, Möbelstücke. Freundschaften. Beziehungen. Bei allem, was wir einmal gebraucht haben, wissen wir, was wir daran hatten. Wissen, was wir wieder daran haben werden. Und das einzige, was uns an der Wiederverwendung hindert, ist unser Stolz, unsere Weigerung, uns einzugestehen, dass wir es vielleicht nicht nur ein Mal gebraucht haben, sondern es wieder brauchen. Der selbe Stolz, der uns vergessen lässt, dass manche Verpackung und mancher Mensch strapazierfähiger ist als wir denken.

Manchmal frage ich mich, warum wir uns nicht mehr wundern, wenn uns Geschmackserdbeeren angeboten werden. Dass alles in Plastik eingepackt ist, der Salat, der Käse, das Brot, und wir zwischen den Regalen, eingepackt in unsere Allwetterjacken aus Plastik. Manchmal frage ich mich, wie viele Bäume jeder von uns pflanzen müsste, um den Transport der Lebensmittel zu rechtfertigen, die er in einem Jahr verzehrt, Flugmangos nicht eingerechnet. Manchmal frage ich mich, warum Lebensmitteln das Recht abgesprochen wurde, Mittel zum Leben zu sein. Und warum mit jedem Joghurt eine Landliebe-Familie verkauft wird, mit jedem Stück Fleisch ein ganzer Kerl, mit jeder Margarinepackung ein gesünderes Herz, mit jedem Baguette ein Stück Frankreich und mit jedem Käse ein Quadratmeter Alpenwiese.

Ich stelle die zehn Kisten Hass auf das Kassenband und ziehe meinen Geldbeutel aus der Tasche. Dieser Einkauf übersteigt um Längen mein Budget und erfüllt nicht im Geringsten meine Bedürfnisse. In der Schlange hinter mir weint ein Kind, vor mir zählt eine alte Dame ihr Kleingeld centweise, irgendwo zerbricht ein Gurkenglas, es riecht nach Wurst und meine Schuhe kleben in einer Cola-Lache. Plötzlich ist es mir unmöglich, einen zur Panzerbeere gewordenen Welthass zu kaufen. Als ob nichts wäre. Als ob das irgendetwas verändern könnte. Ich trage die Kisten zurück und gehe mit leeren Taschen zum Ausgang. Die Flügeltüren gehen von alleine auf, als ich auf die Türe zugehe.

Ich habe ein Herz wie eine Lichtschranke. Kaum nimmt es eine Bewegung in seiner Nähe wahr, öffnet es sich. Einmal drin, alles hin.

Nennen wir es Frühling

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Dem Regen lauschen. Sich ans Meer träumen. Früh morgens in eine fremde Küche schleichen und Pfirsichsaft trinken. Ins Bett zurückkriechen. Von Vogelzwitschern aufwachen. Ein gutes Spinnennetz betrachten. Die Schwerkraft aufheben. Mit Leichtigkeit aufstehen. Verwundert sein. Wörter beim Wort nehmen. Einen Körper spüren. Nichts beim Namen nennen. Eine Winterspur in Form eines Brandlochs vermessen. Etwas nicht zu Ende denken. Warten, bis der Kaffee kocht. Zum Fenster hinaussehen und leise ein Lied hören. Etwas Gutem keinen Namen geben. Was gut ist, braucht keinen Namen. Die Beine baumeln lassen. Etwas zu Ende fühlen. Es gut sein lassen. Das Licht lieben, das durch staubige Scheiben auf den Boden fällt. Das Haus ohne Jacke verlassen und sich wundern. Sommersprossen sammeln. Mit nackten Füßen über eine Wiese gehen und sich kein bisschen wundern. Einem Kind ein Lied singen. Ein leeres Vogelhäuschen grüßen. Eine Blume verschenken. Eine Spiegelung in einer Pfütze betrachten. Einen Hund streicheln. Nicht warten, bis etwas passiert. Passieren. Eine Panoramaansicht üben. Eine Sprache wieder sprechen. Fremdheit in den Ohren nachklingen lassen. Etwas wiedererkennen. Sich in einen Widerspruch verstricken. Sich nichts daraus machen. So viele Blaubeeren essen, bis man eine blaue Zunge hat. Jemanden wiedersehen, dessen Gesichtszüge in Gedanken verschwommen waren. Albern sein. Ernst sein. Zusammen sein. Die Dinge anders betonen. Nichts mehr wollen. An einer Wand lehnen. Seifenblasen fliegen lassen. Das erste Eis des Jahres essen. Auf einem Spielplatz an der Schaukel anstehen. Lächeln, als der Wind ein Buch wegweht. Still sein. Augen zuhalten. Auf Baumstämmen balancieren. Löwenzahnsamen durch die Luft pusten. Auf Parkbänken liegen. Genauer hinsehen. Durch die Stadt gehen und überall zuhause sein. Einem Tag entgegenfiebern. In einer Nacht versinken. Einer Müdigkeit erliegen. An einer Sache scheitern. In einem Prinzip treu bleiben. Verzicht üben. Einem Drang nachgeben. Einen Hunger stillen. Liebe mit Löffeln essen. Einem Gedanken anheim fallen. Einen Frieden schließen. Es gut haben. Eine Realität wagen. Nichts fotografieren. Nichts festhalten. Weitergehen. Weitersehen. Weiter gehen. Weiter sehen. Weiter sehnen.