Die Könige der Nacht tragen Augenringe

Das Bett: zu groß, zu klein, zu hart, zu weich. Die Vorhänge: zu auf, zu zu. Die Decke: zu leicht, schwer, warm, dünn. Linke Seite, rechte Seite, auf dem Bauch. Hin- und herdrehen und zurück. Kissen aufschütteln. Kissen plattliegen. Aufgeben, aufstehen, die Decke hinter einem her-, aufs Sofa umziehen. Hin- und herdrehen und zurück. Aufgeben, aufstehen, die Decke hinter einem herziehen, ein Glas vom Tisch reißen. Es krachen und liegen lassen. Zurück ins Bett. Fallen lassen. Umdrehen. Zwanzig Minuten später aufstehen, ein Glas Wasser trinken. In die Küche setzen. Umherlaufen. Ins Bett fallen. Nein sagen aus bloßer Verzweiflung. Nichts sagen aus Mangel an Alternativen. Ein Körper, der spricht, in einer Sprache, an der nichts zu deuten ist. Ein Gesicht, das nicht einmal mehr die Augenbrauen hochzieht. Es wird Zeit, spätestens an der Stelle, wo die Musik wieder einsetzt. Warten darauf, dass es einfach nur noch vorbeigeht.

Alles auf Anfang, alles auf Repeat.

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Und dann diese scheiß Sehnsucht, wie von Zigarettenqualm vergilbte Raufasertapete. Blättert in leeren Räumen von den Wänden, fällt langsam zu Boden und zerbricht. In Stücke, klein, aber immer noch groß genug, dass man sie wieder zusammensetzen könnte. Konjunktiv. Aber am Ende lesen sowieso immer die Falschen.

Und wir; wir sollten wieder mehr auf Wände schreiben.

Spekulatius vom Wühltisch

(Symbolbild)

Zum ersten Mal seit vielen Jahren habe ich Spekulatius nicht selbst gebacken, sondern gekauft. Am Samstag, den 14. Dezember, war ich im Supermarkt, ich wollte Milch kaufen, fand aber plötzlich den Gedanken an Kekse sehr viel interessanter. Auf dem Weg zum Keksregal kam ich an den letzten Paletten mit den Weihnachtsartikeln vorbei. Genauer: an Paletten mit den Kartons, in denen einst die Weihnachtsartikel lagen: Schokonikoläuse, Lebkuchen (mit Füllung und ohne), Marzipankartoffeln – alles ausverkauft. Enttäuscht ging ich weiter, nahm versuchsweise eine Flasche Spülmittel vom Wühltisch in die Hand, einfach nur, weil ich die grüne Farbe so schön fand, und stellte sie wieder zurück. Doch da, neben dem Spülmittel, zwischen furchterregend großen Chipstonnen und sehr böse dreinblickenden Plüschtigern, da lag ganz versteckt noch eine Packung Spekulatius, wahrscheinlich einst mitgenommen von einem hungrigen Kind und außer Reich- und Sichtweite gebracht von einem Erwachsenen, nein, du hattest heute schon deinen Adventskalender, heute gibt es nichts Süßes mehr! Zum Glück bin ich erwachsen und darf mich so oft so schlecht ernähren wie ich will. Ich warf den Plüschtigern einen bösen Blick zu, nahm die Kekse, legte sie neben Karotten und Kaffee in meinen Einkaufswagen und bezahlte. Es war kein ganz billiger Spekulatius, es war welcher, bei dem die Packung gut über drei Euro kostet, entsprechend hoffte ich doch auf eine gewisse Qualität. Zuhause räumte ich die Einkäufe in den Kühlschrank und das Vorratsregal, kochte Suppe für einen Freund, war noch einmal unterwegs und kam wieder nach Hause. Dann, spät am Abend, holte ich die Spekulatius aus dem Regal, öffnete die Packung, nahm den ersten heraus, biss hinein, er schmeckte wirklich sehr gut. Erst als ich den zweiten herausnahm, da sah ich, dass die Spekulatius nicht einfach übereinander in die Schachtel vom Wühltisch geschichtet waren, sondern eng aneinander lagen, immer zwei, Bauch an Bauch, wie zwei einander sehr zugewandte Menschen. Ich empfand diesen Gedanken auf eine gewisse Art als sehr tröstlich.

Erst am Morgen darauf beim Kaffeetrinken fiel mir ein, dass ich ja eigentlich Milch kaufen wollte.

Cela

Und dann die Rituale. Den Schlüsselbund herausziehen, den Schlüssel finden, die erste Tür aufstoßen. Den Briefkasten öffnen, die Post noch im Treppenhaus durchsehen, die Stufen zählen, die Wohnungstür aufschließen, vorbeigehen am Fahrrad, das immer noch im Flur steht. Gepäck in eine Ecke werfen, die Fenster öffnen, in den Sessel fallen und eine Zigarette rauchen. Das Wasser aufdrehen, den Boiler einschalten, die Stecker wieder in die Steckdosen stecken (die Sicherungen klemmen). Wieder auf dem Sofa schlafen, weil das Bett so groß geworden ist, über all die Zeit. Am nächsten Tag aufwachen. Alles ausziehen, auf einen Haufen werfen, Schals und Mützen dazu, dann die Steppe aus dem Bauchnabel pulen, das Kleingeld abzählen, dreifünfzig pro Maschine, in den Waschsalon laufen, sechzig Grad normal, fünfunddreißig Minuten warten. Vor dem Waschsalon auf der Fensterbank sitzen, rauchen, eine Nummer wählen, reden, Fragen stellen, nicken, nichts beantworten können, auflegen. Die Wäsche aus der Maschine ziehen, zwei Euro und ein blaues Feuerzeug wiederfinden, in die Wohnung zurückgehen, alles aufhängen, das Geschirr spülen, im Abflussstrudeln einem Lebensgefühl hinterherblicken. Niemals winken, wenn es geht. Mit nassen Händen durch die Wohnung gehen, hin und her, die Hände an den Jeans abstreifen, Dinge in die Hand nehmen, abtasten, nichts dabei fühlen, weitergehen, an einem Tischbein hängenbleiben, noch ein Fenster öffnen, hinaussehen, sich umdrehen, in den Raum blicken

und sich wundern, wie man es so lange hier ausgehalten hat.

Einem Freund

Lieber Freund,

tl;dr: du musst da jetzt durch.

Es gibt diese Art von Briefen, die man Leuten meist dann schreibt, wenn sie aus dem eigenen Leben verschwunden oder tot sind. Genau deshalb gibt es da ein paar Sachen, die ich dir einfach sagen will, jetzt, wo du da bist und sie lesen kannst. Ich weiß, dass du diese Seite mal in deinem Feedreader hattest. (Dass du statt meiner Texte trotzdem lieber Hacker News liest, weiß ich auch.)

Letzten Dienstag am frühen Abend hast du angerufen, du warst gerade auf dem Weg nach Hause. Es war nichts passiert, auch sonst nichts Besonderes, wir haben uns den Tag erzählt, dann aufgelegt, du wolltest noch einen Film sehen und irgendetwas programmieren, es war also alles wie immer. Ein paar Stunden später haben wir uns doch noch einmal Nachrichten geschrieben, und erst da begriff ich, wie es dir eigentlich ging. Genauer: dass es uns beiden aus praktisch identischen Gründen beschissen ging. Das war der Abend, an dem ich anfing, diesen Brief zu schreiben.

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Wir kennen uns jetzt seit siebeneinhalb Jahren. Weißt du noch, damals™, als wir uns noch in ICQ schrieben, und uns in dem Restaurant trafen, bei dem ich erst viel später kapiert habe, dass sein Name übersetzt Einbahnstraße heißt? Unsere Spaziergänge oberhalb des Dorfs, in dem du damals noch wohntest, und unser Urlaub 2008, als wir mit meinem Auto über die Alpen ans Meer geheizt sind und uns durch Italiens Weinregionen getrunken haben? Unsere WG-Zeiten, als wir zusammen Twitter ausprobiert und uns fast ausschließlich von Nudelauflauf und Eis aus der Eisdiele gegenüber ernährt haben, die Nutellabartgeschichte, in der du der wichtigste Protagonist überhaupt warst, und der Abend, als ich in mühevoller Kleinarbeit gefüllte Champignons erst zubereitet und dann mit Schwung gegen die Wand geklatscht habe? Oder später, als du mein Klavier nach Berlin transportiert hast und wir zusammen an die Ostsee gefahren sind, wo es einen Pub mit deinem Namen und auf der Speisekarte des griechischen Restaurants eine eigene Seite für “Gerichte mit Ananas” gab?

Es ist viel passiert seitdem, und man kann ganz ohne Drama oder Übertreibung sagen: wir haben in all den Jahren verdammt viel verdammt große Scheiße zusammen durchgestanden (ich erspare dir hier eine Aufzählung, du weißt genauso gut wie ich, was ich alles meine). Und es war nicht immer alles leicht zwischen uns. Im Gegenteil. Wir hatten unsere Kämpfe, miteinander, umeinander, und obendrein hatte jeder von uns für sich manchmal Mühe, sich selbst irgendwie über Wasser zu halten.

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Was ich an unserer Freundschaft besonders mag, ist, dass wir einfach wissen, dass wir füreinander da sind, egal was passiert. Ohne uns dessen ständig versichern zu müssen. 98% unserer Freundschaft kommen ohne Geschwafel aus, ohne permanente Zuneigungsversicherungen, und die restlichen zwei Prozent, die sind dann auch ok. Aber was ich noch viel mehr mag, und was ich erst vor gar nicht allzu langer Zeit begriffen habe: dass wir so verschieden und einander doch so ähnlich sind.

Ich meine, hey, du machst deine Nerdsachen, die ich großartig finde, von denen ich aber ungefähr nichts verstehe; ich mache meinen Textkram, von dem du gut findest, dass ich ihn mache, dem du aber so gar nichts abgewinnen kannst. Du liebst München, das ich nicht so recht mag, ich lebe in Berlin, das du nur auf Stundenbasis erträgst. Und das alles ist okay. Jeder von uns hat seins, und wir treffen uns irgendwo in der Mitte, da, wo wir uns einig sind. Zum Beispiel darin, dass wir unsere Rückzugsmöglichkeiten brauchen und Menschen nur eine begrenzte Zeit lang ertragen.

Weißt du eigentlich, was du mir bedeutest? Du hast mir ein paarmal echt den Arsch gerettet, was aber noch viel wichtiger ist: wie oft du da warst, wenn es mir richtig beschissen ging (und es gab Zeiten, da war das ziemlich oft). Du warst der, der mich noch mochte, wenn ich mich selbst nicht mehr ertragen konnte, der mich wieder aufgebaut hat, wenn alles zu viel war und der immer an mich geglaubt hat, wenn ich gar nicht mehr weiter wusste.

Bei allem, was war, und erst recht bei allem, was hätte sein sollen, aber nicht wurde: du warst immer der Erste, der davon erfuhr. Der mich in allen Aggregatzuständen, mit allen Sorgen, Nöten, Idiotien und Baustellen kennt. Jahrelang haben wir täglich telefoniert, wir hatten das nie geplant, irgendwann war es einfach so. Auf die selbe Weise hörte es auch irgendwann wieder auf. Aber als ich einen neuen Handyvertrag gemacht habe und einen Anbieter wählen durfte, zu dem ich kostenlos telefonieren kann, war trotzdem klar, dass es deiner sein würde. Seit wir nicht mehr zusammenwohnen, ist aus einem “lass dich mal drücken” eben eine virtuelle Umarmung geworden. Dass du einfach viel zu oft viel zu weit weg bist, kann ich trotzdem nicht gut finden. Aber da du nie hierher ziehen wirst und ich nie dahin, wo du wieder hin willst: wir könnten einfach auch in den nächsten Jahren mal eine Weile gemeinsam ins Ausland gehen, irgendwohin, wo keine Menschen sind. Oder irgendwo anders hin (nur München ist keine Option. Echt nicht).

Das alles klingt ganz schön egoistisch, jetzt, wo ich das so lese. Andererseits, vielleicht gehört es dazu, dass man eine Freundschaft auch darüber definiert, was man bekommt.

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Das alles hier schreibe ich dir, um dir mal wieder vor Augen zu führen, was für ein großartiger Mensch du bist. Weil ich weiß, dass du genau das manchmal nicht so recht glauben magst. Ich habe da dieses eine Foto, das du mir mal geschickt hast, und jedes Mal, wenn ich es sehe, könnte ich mich wegschmeißen vor Lachen. Und allein dafür (neben all den anderen Sachen, die du kannst und machst und denen, die du sein lässt, weil du sie gerade nicht kannst) bist du für mich einer der besten Menschen, die es auf diesem Planeten gibt. Und auch wenn das nicht viel ist: vergiss es nicht, über dem Zweifeln an dir.

Jetzt bist du schon seit einiger Zeit weit drüben im Westen und arbeitest jeden Tag mit vielen schlauen Leuten, die den ganzen Tag tolle Sachen machen. Das ist die Art von Leuten, die es so wirklich, wirklich drauf haben, und dann auch noch ständig mit ihren Erfolgen im Fernsehen, im Radio und in der Zeitung sind, weil sie auf einem Gebiet unterwegs sind, das keiner so richtig versteht, für das aber alle Lösungen brauchen (das ist übrigens das selbe Gebiet, auf dem du unterwegs bist, mein Lieber, und das sind Leute, die dich eingestellt haben, weil sie gut finden, was du machst. Das aber nur so am Rande). Das kann sehr inspirierend, anspornend, herausfordernd sein. Andererseits kann es einen ganz schön fertig machen, besonders, weil es einem auch ständig die eigenen Unzulänglichkeiten vor die Nase hält.

Du bist so viel besser, als du glaubst.

Trotzdem sage ich dir jetzt nicht, dass du an dich glauben sollst, wir wissen beide ziemlich gut, dass das worthülsener Blödsinn ist. Du bist gut. Nur denkst du viel zu selten daran. Und ich hoffe, dass du es zumindest teilweise und ganz langsam irgendwann begreifen kannst: dass es okay ist, dass du nicht immer sofort so schnell und so gut bist wie all die anderen zu sein scheinen. Ich wünsche dir, dass du herausfindest, was du für dich selbst willst, ohne dich mit ihnen zu vergleichen; dass dir klar wird, welcher Weg deiner sein soll, und dass du dann eine Möglichkeit findest, ihn zu gehen (wenn es dein Weg ist, wirst du sie finden).

Vor allem aber wünsche ich dir, dass du sein kannst: alleine, mit dir, und einfach so, wie du bist. Dass du dich nicht verstellen musst, um anderen zu gefallen, oder um eine Version von dir selbst zu sein, von der du glaubst, sie sein zu müssen. Dass du Zeit für dich und ohne andere Menschen hast, Zeit, in der du grumpy sein und programmieren oder gar nichts machen kannst. Ich wünsche dir, dass du zufrieden bist, vielleicht sogar glücklich, aber auf jeden Fall einverstanden bist, mit dir und dem, was du tust. Denn eigentlich ist das Beste, was mir passieren kann: dass es dir gut geht.

Letzten Dienstag hast du ganz zum Schluss, geschrieben, dass alles gut ist, so lange wir uns haben. Und das Tollste daran ist: wir haben uns.

Danke, dass es dich gibt.

xx

P.S.: Du hast echt kein Doppelkinn.

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M.

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Ich liege im Bett und denke an D. und E. aus M.. Die beiden traf ich am Flughafen LHR, es war der Tag, als ein Flugzeug brannte und wir nicht nach Hause konnten. Wir mussten noch eine Nacht bleiben, fanden uns spontan sympathisch, der Grund war wohl, dass wir in der selben Warteschlange standen, ich vor ihnen, sie hinter mir (andere Gründe hatten wir ja nicht). Dann: Spontanzusammenfindung zu einer Solidaritätsgruppe. Es folgten die gezielte Buchung des selben Hotels, ein Dinner bei spiritusbetriebenen Catering-Warmhalteplatten und Trümmern von zu warmem Käsekuchen, mit verdorbenem Wein, halluzinogenen Teppichböden und dem schnellen Konsens über den ebenfalls anwesenden Namenlosen aus S., der in seiner Unsinnsrederei allein sich selbst überzeugen konnte (dies dafür aber umso mehr). Letzterer verzog sich wenigstens recht zeitig. Der Teppichboden blieb. D. und E. hofften, ihre angesichts der Umstände eher missliche Lage dadurch aufzulockern, dass sie wenigstens mit einer Berühmtheit am Tisch säßen, womit sie hinterher gegenüber Freunden prahlen zu können hofften. Diese Frage zog sich zunächst über dem Essen hin und endete schließlich beim Nachtisch mit einer Google-Suche (Suchbegriffe: Vorname Nachname) recht enttäuschend.

D. und ich hatten uns ganz zu Beginn noch gesiezt, wie man sich eben so siezt, wenn man einander in der Businessklamotte des Tages gegenübersitzt, den Koffer zur Sitzgelegenheit umfunktioniert, den Rechner auf dem Schoß, das Telefon am Ohr, und wild herumgestikuliert, auf dass doch jemand einen aus dieser Warteschlange befreien möge. Tut aber keiner. Das Siezen hat E. irgendwann aufgelöst, dankenswerterweise, und hat auch später die spannenderen Dinge erzählt, aus den Anfangsjahren des Chaos Computer Clubs, während D. die interessanteren Fragen stellte und mir nachhaltiger im Gedächtnis geblieben war. Jetzt, über eine Woche später, liege ich im Bett und wundere mich über ihn, bis ich verstehe, warum: es ist wegen seiner Art, zu sprechen, und seiner Art, zu lachen. Beides erinnert mich an C.. An C., wie D. und E. ebenfalls aus M.. C., in den ich damals so wahnsinnig verliebt war, nicht nur wegen der vielen Tattoos auf seinem Körper (gut, schon auch sehr deswegen), aber eben auch wegen seines Lachens, seines federnden Gangs, ach, und wegen der Art, wie er sich die immer ein wenig zu langen Haare aus der Stirn strich. C., dessentwegen ich sogar M. gut fand. Seit drei Jahren ist das jetzt vorbei, und ich bin froh darüber. Nur wusste ich seitdem nie mehr recht, was ich von M. halten soll, also so als Stadt an sich, jetzt habe ich D. und E. getroffen und wieder eine grundsätzlich positive Haltung dazu entwickelt.

Es sind nie die Städte, es sind immer die Menschen.

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