Ich reise allein

Alleine zu reisen bedeutet für mich daher auch, dass ich mir immer wieder bewusst mache, dass ich bisweilen den sozialen Stecker ziehen muss, damit es mir gut geht, und dann irgendwo hinfahre, wo es schön ist und ich wieder Kräfte sammeln kann. Das Tolle ist: egal was vorher alles los war – spätestens nach drei Tagen verliere ich mein Zeitgefühl und mein Kopf ist so frei, dass ich wieder alles neu sortieren kann. Für mich ist diese Zeit eine, in der mir mühelos gelingt, was mich sonst sehr viel Kraft kostet: mich auf das Wesentliche konzentrieren. Mich um mich selbst kümmern. Der Abschaltfaktor eines solchen Urlaubs ist für mich durch nichts zu ersetzen.

“Ich reise allein” – warum das so ist, habe ich einmal für kleinerdrei aufgeschrieben.

Spielbericht (im Dunkeln)

Heute ist meine Haut auch am Abend noch warm von der Sonne. Die Welt schaut Fußball und schreit, bis das Bier leer ist, ich schaue Sonnenuntergang, bis mir kalt und die Sonne im Meer ist. Es ist ungewöhnlich dunkel heute. Auf dem Weg zur Welt gehe ich am Waschhäuschen vorbei, wo das Internet ist, und verschicke eine E-Mail, ich trage eine Zahnbürste in der Hosentasche, Zitronenkekskrümel in den Mundwinkeln und die größten Hits von Queen im Herzen. Italienische Überlandbusfahrer hören dieser Tage gerne Radiosender, die gerne die größten Hits von Queen spielen. Ich fahre gerne Überlandbus, dieser Tage.

Ich hätte nicht gedacht, dass ich das so bald sagen würde, aber nun sage ich es eben doch: ich bin angekommen. Und zwar genau da, wo ich auch losgegangen bin. Aber es hat eine Woche und 8 Stationen gebraucht, um zu merken, wo ich sein muss und dass es da dann auch egal ist, ob es in Strömen regnet oder die Sonne scheint.

Die Besitzer des kleinen Supermarkts auf dem Zeltplatz haben wegen des sportlichen Großereignisses heute Abend einen Fernseher aufgestellt und ihren Laden länger geöffnet. Dort gibt es auch eine Tiefkühltruhe. Nur durch eine Glaswand von ihr getrennt, steht ein Junge vor seinem Vater und fragt: “Bekommen wir ein Eis?” Der Vater zieht eine Augenbrauen hoch: “Jetzt, nach dem Abendessen? Und wer ist überhaupt ‘wir’?” Der Junge stellt sich auf die Zehenspitzen, sieht nach links, rechts, zeigt auf einige umstehende Kinder, “eins, zwei, drei, … fünf! Wir sind fünf! Papa, bekommen wir fünf jetzt ein Eis? Bitte!” Der Vater seufzt, drei Minuten später essen fünf Kinder Eis. Das Gute am Großsein ist, dass man niemanden mehr fragen muss, wenn man nach dem Abendessen noch ein Eis essen mag.

Als ich mich am Rand der Fußball schauenden Welt auf eine Mauer setze, setzt sich ein kleiner, vielleicht zwei, drei Jahre alter Junge neben mich. Er will meine Hand halten und legt seine Hand in meine. Und so sitzen wir, die ganze Werbepause lang.

Als das Fußballspiel wieder beginnt, lässt er los, springt auf und rennt los, seine Mutter ruft ihm zu: “Willst du zu Papa? Der sitzt aber da drüben!”, und deutet in die Gegenrichtung. Der Junge rennt weiter, sehr zielstrebig, die Mutter schaut ihm besorgt hinterher, als sie merkt, wohin er will, ist es zu spät: längst hat er sich die Chipstüte gegriffen, die unbeobachtet auf einem Stuhl lag, und sich zwei Kinderhände voll Chips in den Kindermund gestopft. Wieder bemerke ich, wie sonderbar dunkel es heute ist.

Erst als ich im Zelt liege, wie jeden Abend alle Reißverschlüsse zugezogen, aus meinen wenigen Kleidungsstücken ein kleines Kopfkissen gebaut, immer noch verwundert über die Dunkelheit meine kleine Fahrradlampe ausgeschaltet und mich auf die Seite gedreht habe, merke ich, dass ich meine neue Sonnenbrille immer noch trage.

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This is how I work

Bei Isabella, Anne und dem Herrn Buddenbohm gesehen. Gut gefunden. Und mitgemacht. Da:

Bloggerinnen-Typ

Nutellabartträger mit Augenklappe. Kurztexte, Langgeschichten, Bilder, Kuchen und gelegentliche Ausfälle.

Gerätschaften digital

Mac mit kaputtem Lüfter. iPhone. Digitale Spiegelreflexkamera, acht Jahre alt.

Gerätschaften analog

3 Notizbücher, Zettelwirtschaft, Handinnenfläche links.

Arbeitsweise

Aus externer Perspektive: unstrukturierter Wahnsinn in Textbaustellen. Aus meiner Perspektive: irgendwas mit “oh, das ist ja schön, ich wusste gar nicht, dass ich das mal geschrieben habe!”

Welche Tools nutzt du zum Bloggen, Recherchieren und Bookmark-Verwaltung?

Bloggen: WordPress & Tumblr, bei WordPress in manuell modifizierten Themes. Recherche: Feed-Reader. Bookmark-Verwaltung habe ich keine existente, alles, was ich mir nicht sofort anschaue, landet bei Pocket.

Wo sammelst du deine Blogideen?

Überall. Ich nutze seit Ewigkeiten Evernote, das für mich das großartigste Tool auf diesem Planeten darstellt und an dem mich nur stört, dass man für die Pro-Version mit Kreditkarte bezahlen muss (da ich keine haben möchte, arbeite ich trotz mehrerer tausend Texte immer noch in der Gratisversion, obwohl ich WIRKLICH GERNE dafür bezahlen würde (das ging an das Evernote-Team, falls ihr das lest: MACHT DA MAL WAS!)). In Evernote habe ich ca. 1000 angefangene Texte, dazu in WordPress für jedes Blog (es sind 3) noch ca. 50 Entwürfe. Dann habe ich noch auf dem iPhone die Standard-Notiz-App, in der dann Texte in der Länge von einem Wort bis mehreren Absätzen stehen, dazu noch eine Notizzettel-App für den Mac, die meinen Desktop in ein Meer bunter, digitaler Post-its verwandelt hat, und manchmal schicke ich mir auch E-Mails mit Ideen, schreibe mir Sachen auf die Handfläche oder tippe Sachen in die Adresszeilen leerer Browser-Tabs, die ich dann versehentlich schließe.

Und dann nutze ich noch drei Notizbücher (so klassisch, aus Papier), von denen ich zwei immer mit mir herumtrage und an deren Entzifferung Graphologen in einer Million Jahren gnadenlos scheitern werden. Außerdem fotografiere ich ja auch noch und sammle Ideen auch häufig mal mit der Spiegelreflex- oder, profaner, der iPhone-Kamera. Und in meinem Kopf existiert quasi ein Inhaltsverzeichnis zu allen Inhalten in allen Anwendungen. Insgesamt muss man sich das so vorstellen, dass mich eine Idee so spontan überfällt, dass ich sie SOFORT herunterschreiben muss, das geht dann auch manchmal so die ganze Nacht durch, bis ich wieder aufsehe, auf “publish” klicke und merke, dass es schon morgens, halb acht ist. Oder dass ich gerne was schreiben will, mich in allen genannten Sammelsurien vergrabe, herumwühle, Sachen herumwerfe, dabei kiloweise Staub hochwirble und am Ende, zack!, steht ein neuer Text. Das klingt jetzt wahnsinnig unstrukturiert, bildet aber 1:1 meine Denkstruktur ab und passt daher total super.

Was ist dein bester Zeitspar-Trick / Shortcut fürs Bloggen / im Internet?

Fürs Bloggen hab ich keinen Trick, das kostet Zeit und die nehm ich mir eben. Fürs Internet: Reeder und Pocket, wenn ich Sachen nicht sofort lesen, mir aber merken will. Früher Feedly, dann umgestiegen, da ich als alter Tab-Messie manchmal gerne Desktop-Applikationen habe. Und so ein gut gepflegter Feed-Reader, da kann kein Butterbrot gegen an.

Benutzt du eine To-Do List-App? Welche?

Nein. Alle ausprobiert, keine gut gefunden, dafür festgestellt, dass ich To-do-Listen HASSE. Leider bin ich oft so verstrahlt, dass ich mir doch welche schreibe, aber die dann in meinem Kalender, wo ich mit Kuli Ausstreichungen vornehmen kann. Digitales Durchstreichen fetzt einfach nicht.

Gibt es neben Telefon und Computer ein Gerät, ohne das du nicht leben kannst?

Ich möchte an dieser Stelle klarstellen, dass es genau 4 Personen gibt, mit denen ich Telefonieren (im Sinne von Plaudern) gut finde, auf diese Funktion könnte ich also gerne verzichten. Vermutlich ist es die Küchenwaage, die ist auch digital. Ich bekomme beim Backen zwar meist ohne Hingucken alle Zutaten aus dem Handgelenk richtig dosiert, wiege aber vorsichtshalber trotzdem. 

Gibt es etwas, das du besser kannst als andere?

Ich mag diese Fragestellung nicht und tausche daher gegen “das du besonders gut kannst”. Und da wären: nicht herumreden, sondern einfach mal machen, Präsentationen halten, vor vielen Leuten reden, überhaupt: Reden halten (außerdem bin ich eine Rampensau, das muss man auch sein, als Musiker), mir Sachen aneignen, von denen ich keine Ahnung habe (besonders beruflich), schnell Neues auffassen, vorlesen, wichtige Gespräche führen, Musikzeilen zitieren, wie ein Meerschweinchen gucken, zerrissene Jeans und eine halbe Stunde später Businessklamotten tragen, Pancakes machen, singen, und mich keinen Deut scheren, wie es aussieht, wenn ich tanze.

Was begleitet dich musikalisch beim Bloggen?

Da mein Musikgeschmack starken saisonal und emotional bedingten Schwankungen unterworfen ist: kommt drauf an. Alles andere steht hier bei last.fm.

Wie ist dein Schlafrhythmus – Eule oder Nachtigall?

Schla…was? Eule mit Tendenz zum frühen Aufstehen. Meine Schlaf-Tracking-App (SleepCycle, sehr zu empfehlen) sagt, ich schlafe zu wenig. Zwei Augenringen gefällt das.

Eher introvertiert oder extrovertiert?

Extrovertiert mit stellenweiser Schüchternheits- und Rückzugstendenz (ich werde außerdem immer so schnell rot).

Wer sollte diese Fragen auch beantworten?

Wer mag: her damit!

Der beste Rat den du je bekommen hast?

“Sie sollen die Welt erobern können.”

Noch irgendwas Wichtiges?

Geht spielen!

Heute

Wir sitzen auf der obersten der drei Stufen rund um den Mariannenplatz und trinken Bier. Es ist Astra, weil ich keine Antwort wusste auf die Frage, was ich trinken wolle, und Astra das einzige Bier war, das ich von draußen im Getränkekühlschrank des Spätis hatte erkennen können. Er mag kein Astra und trinkt trotzdem welches. Es war ein langer Tag, einer dieser Tage, an denen plötzlich Unterschriften auf Computerausdrucken stehen und an denen man Hände schüttelt, aus verschiedenen Gründen: um sich zu verabschieden, weil etwas aufhört, und um sich einander vorzustellen, da man gemeinsam etwas Neues beginnt. Zwischen den Händen lagen zwei Stunden, drei Telefonate, vierzehn Facebook-Nachrichten, acht Lieder und sechskommadrei Kilometer. Nach ihnen kam das Bier und kurz darauf ein Hund, der über den Platz rennt. Dass es sich um einen Hund handelt, ist in der Dämmerung zunächst kaum zu erkennen, denn er besteht aus langen grauen und braunen Haaren, die entgegen seiner Rennrichtung wehen, irgendwo am Ende der Haare sind vier Beine, wären sie nur zwei Zentimeter kürzer, er wäre ein Wollknäuel und ich hätte gerne einen Pullover aus ihm (endlich ist es zu warm für Pullover). Er rennt immer weiter, an uns vorbei, beschnuppert eines dieser Tiere, die aussehen wie Ratten in Katzengröße, aber Hunde sein sollen. Desinteressiert läuft er weiter, würdigt uns eines Blickes, beschnuppert uns aber nicht (wir sind keine Ratten in Katzengröße), läuft weiter, hebt eins der kurzen Beine auf Grashalmhöhe. Und pinkelt auf drei Grashalme. Derweil geht hinter dem Bethanien-Haus die Sonne unter und es ist immer noch warm. Ein Vogel zwitschert. Es ist kein Vogelzwitschern, wie es ein beliebiger Soundentwickler kreieren und dann als Klingelton für sein Handy verwenden würde, es ist mehr das Geräusch eines Vogels, der sich stark erschrickt und vor Schreck vom Baum fällt. Dabei gibt es keinen Grund, sich zu erschrecken und vom Baum zu fallen, schon gar nicht uns, wir sind friedlich, wir trinken Bier. Und wir wollen nur froh sein (und nichts von den Vögeln).