Radio, Radio

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Ich bin seit noch nicht einmal 24 Stunden von einer Reise nach Lanzarote zurück, ich habe drei Pullover an und ich versuche, den Temperatursturz um 30 Grad zu verarbeiten. Jedenfalls, machen wir es kurz: am Montag, also morgen, bin ich ab 22 Uhr bei Radio Fritz zu Gast. Wir reden übers Alleinereisen und diesen Text und ich versuche, möglichst selten “äh” zu sagen. Ach ja: für alle ohne Rundfunkempfangsgeräte gibt es hier auch einen Livestream.

Machen Sie sich einen schönen Abend. Ich gehe mich jetzt mal auftauen.

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Betroffenheitsprüfung

Mai 2011. Die Kastanienbäume blühen. U2 drehen für ihr neues Video auf der Friedrichsbrücke. In der U-Bahn-Station um die Ecke wird ein Mann krankenhausreif geprügelt. Die Kategorie “Mann” bei Wikipedia enthält 324.776 Einträge. Einer davon ist Usama ibn Muhammad ibn Awad ibn Ladin, auch verlinkt unter “Staatenloser” und “Gestorben 2011”. Fukushima. Übrigens. Erste Arbeiten für eine Reparatur der Kühlsysteme in Reaktor 1. Greenpeace misst die Wasserqualität. Nahrungskette. Entschädigungsforderungen an Tepco könnten 2 Billionen Yen betragen. Das sind 17 Milliarden Euro. 14.700 Menschen sind durch das Erdbeben und den Tsunami gestorben. 11.000 werden vermisst. Die Identifizierung der Leichen wird immer schwieriger. Verwesungsprozess. Die Polizei will eine DNA-Datenbank anlegen. Die Erde bewohnen bald sieben Milliarden Menschen. Überall jubelne Massen: Bei einer Hochzeit, einer Fußball-Meisterschaft, einer Seligsprechung, einem Erschießungskommando. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Barack Obama und Angela Merkel gefällt das. Zeige deinen Freunden, dass dir das auch gefällt.”

Der monumentale Krieg der Bilder. Bald endet die analoge Übertragung des Fernsehprogramms via Satellit. Führen Sie jetzt eine Betroffenheitsprüfung durch. Zeitung weg, Fernseher aus, Augen zu und durch.

Schlafen Sie gut?

White Wedding

Wenn der deutsche Journalismus endlich wieder träumen darf. Wenn ganz Deutschland auf Spiegel Online eine Schlacht beim Top-Spiel “Quartett Royal: Zocken mit Europas Königshäuptern” austrägt. Wenn öffentlich-rechtliche TV-Sender 6 (sechs!) Stunden lang ein Großereignis übertragen, bei dem niemand einem Ball hinterherläuft. Wenn Menschen an Straßen stehen und winken, kleine Mädchen in rosa Kleidchen Blumen verteilen und 21 Prozent der Deutschen vor dem Fernseher sitzen wollen.

Dann ist Märchenhochzeit in Großbritannien.

Der Vorteil von Märchen ist, dass sie anfangen mit “es war einmal” und enden mit “glücklich und zufrieden bis ans Ende ihrer Tage”. Der Nachteil von Märchenhochzeiten ist, dass danach das anfängt, was in keinem Märchen mehr vorkommt, und dass ab da niemand mehr für “glücklich und zufrieden” garantiert.

Aber ach, was sage ich, das ist doch romantisch. Und wie. Wenn “romantisch” bedeutet, dass es “Menschen mit Liebe und Sehnsucht erfüllt”, wird vermutlich in den nächsten 48 Stunden halb Deutschland vor Liebe und Sehnsucht platzen.

Das mit der Romantik fing an als kulturgeschichtliche Epoche (und nicht als Vorstufe zum Kitsch), als Reaktion auf die vernunftbetonte Aufklärung. Deren rationalem Denken stellten die Romantiker das große Gefühl gegenüber, – Sehnsucht, Geheimnis, Leidenschaft, die Seele, gerne auch die gequälte. Und es kam, wie es kommen musste: Die Vertreter von Klassik und Aufklärung fühlten sich durch die Romantiker angegriffen und bezeichneten das Romantische als phantastisch oder krankhaft.

Ein Kaiserreich, zwei Weltkriege, eine Teilung und eine Wiedervereinigung, kurz, 210 Jahre später – ist alles beim Alten. Jeden Tag ein neuer Weltuntergang (die SPD behält Sarrazin, das Playstation-Netz wird gehackt, Schwarzenegger kehrt zurück, Diktatoren lassen Menschen töten, immer neue Gegenden werden durch alte Probleme (Öl, Landminen, Minen, Strahlung, Krieg) verseucht).

Immer noch dreht sich die Erde an jedem Tag unserer Zeitrechnung einmal um sich selbst. Aber unsere Welt dreht sich immer schneller und wird immer lauter, während unsere gefühlten Tage immer kürzer werden. Und wenn wir einmal ganz leise sind, bohren sie, die Fragen, wohin führt das, wohin sollen wir mit alledem. Und wohin mit uns.

Dann wohl: vor den Fernseher. 29. April, 09 Uhr.

Schlimmer geht immer: Die deutsche Sprache und der Super-GAU

(14.03.2011 / Berlin, Bundeskanzleramt / Mahnwache)

Ein kurzer Ausflug in die Etymologie oder die Widerlegung der Aussage, eine Steigerung des “größten anzunehmenden Unfalls” (GAU) könne es nicht geben.

Synonym für den GAU ist der Auslegungsstörfall. Kernkraftwerke sind offiziell für den Auslegungsstörfall ausgelegt, d.h. dieser Fall wurde bereits in den Planungen des AKWs berücksichtigt. Im Auslegungsstörfall (GAU) darf kein radioaktives Material an die Umwelt außerhalb der Anlage abgegeben werden.

Die International Nuclear and Radiological Event Scale (Internationale Bewertungsskala für nukleare Ereignisse, kurz INES) klassifiziert den Schweregrad solcher Störfälle, gemessen an 1. radiologischen Auswirkungen innerhalb und 2. außerhalb der Anlage, sowie 3. an der Beeinträchtigung der Sicherheitsvorkehrungen der Anlage. Diese Skala reicht von 0 (keine oder sehr geringe sicherheitstechnische Bedeutung) bis 7 (schwerste Freisetzung mit Auswirkungen auf Gesundheit und Umwelt in einem weiten Umfeld). Die Katastrophe von Tschernobyl wurde mit 7 klassifiziert, die Unfälle von Lucens und Three Miles Island mit 5 (“ernster Unfall”).

Ab INES-5 kann man im deutschen Sprachraum vom Super-GAU beziehungsweise dem Auslegungsüberschreitenden Störfall sprechen, in der Praxis jedoch meist erst ab INES-6. Im Englischen unterscheidet man je nach Schweregrad zwischen Incident (Zwischenfall) und Accident (Unfall).

Etymologisch betrachtet ist die Bezeichnung Super-GAU so zu erklären: Die lateinische Präposition super bedeutet “über (alle Maßen)”. “Im Deutschen [ist] seit dem 16. Jh. super- als erstes Kompositionsglied in nominalen Zusammensetzungen zur Bezeichnung einer inhaltlichen Steigerung im Sinne von ‘besonders, über alle Maßen, überdurchschnittlich’ geläufig.” (Quelle: dtv Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, 8. Auflage 2005).

Der Super-GAU geht über das hinaus, wofür das Kernkraftwerk ausgelegt ist, er wird daher auch als Auslegungsüberschreitender Störfall bezeichnet. Es handelt sich beim Super-GAU daher nicht wie gerne behauptet um eine sprachliche Übertreibung und der unglückliche Versuch einer Steigerung des Superlativs “am größten”, sondern um eine Verbildlichung des Vorgangs, der im Kernkraftwerk (bzw. dann auch außerhalb) abläuft.

Fukushima, Japan

Am Freitag sieht man ungläubig auf Animationen von Kontinentalplatten, und auf die Wucht, mit der ganze Dörfer weggerissen wurden, und alles ist so groß, dass man denkt, es ginge um die Häuser, wo es doch um Menschen geht. Nachts bleibt man wach, um zu erfahren, wenn etwas passiert, als könnte man dadurch irgendetwas ändern. Früh morgens liest man die Zahl der Beben, die Zahl der Verletzten, die Zahl der Toten. Und hat noch nicht einmal verstanden, wie ein Atomkraftwerk genau funktioniert. Was genau vor 25 Jahren in Tschernobyl passiert ist. Oder gewusst, dass weltweit noch 442 Reaktoren am Netz sind. Und 65 im Bau.

Man wundert sich über all die online auftauchenden Zyniker, Witzeerzähler, Besserwisser und Kernkraftexperten. Und über die, die sich beschweren, dass der Bäcker um die Ecke geschlossen hat. Dann denkt man kurz an den Begriff der Problemwelten, daran, dass man die eigene mickrige Welt weiter öffnen sollte. (Das ist kein Gutmenschentum, kein Weltverbesserungsdenken. Das ist der Versuch einer Relativierung der eigenen Existenz.)

Also schaltet man den Computer aus und wartet. Warten auf den Weltuntergang? Nein. Man zählt die Zeit, bis alles  explodiert. Um bald weiterzugehen, als wäre nichts geschehen.

Zynisch? Realistisch.