<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>wunder.schoen (aber selten)</title>
	<atom:link href="http://wunder.schoenaberselten.com/?feed=rss2" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://wunder.schoenaberselten.com</link>
	<description>Texte, Baby, Texte!</description>
	<lastBuildDate>Sat, 05 May 2012 18:30:57 +0000</lastBuildDate>
	<language>en</language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
	<generator>http://wordpress.org/?v=3.2.1</generator>
		<item>
		<title>Die Liebe in Zeiten der drohenden Nuklearkatastrophe</title>
		<link>http://wunder.schoenaberselten.com/?p=8396</link>
		<comments>http://wunder.schoenaberselten.com/?p=8396#comments</comments>
		<pubDate>Sat, 05 May 2012 18:06:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Miel</dc:creator>
				<category><![CDATA[berlin]]></category>
		<category><![CDATA[kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[katastrophe]]></category>
		<category><![CDATA[küchentexte]]></category>
		<category><![CDATA[liebe]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://wunder.schoenaberselten.com/?p=8396</guid>
		<description><![CDATA[<p>.</p> <p>Für dich habe ich letzten Monat die Sonntagszeitung abonniert.</p> <p>Heute früh wurde ich wach, ich lag auf dem Bauch und die Sonne schien durch die Haarsträhne vor meinen Augen, ich machte die Augen gleich wieder zu, ich strich mit einer Hand über die Matratze, die Stelle neben mir war leer. Die Stelle gehörte letzte Woche noch dir. Jetzt gehört sie dem neuen Mann. Ich tastete nach meinem Telefon, drückte auf die einzige Taste, die es hat, 12 Uhr 47, Sie haben keine neuen Nachrichten, ich legte das Telefon zurück, zog das Kissen des neuen Mannes zu mir, es roch nach Nacht und seinem Parfum und nach ihm, ich zog die Decke über meinen Kopf. Dann muss ich wieder eingeschlafen sein, denn als ich die Augen wieder aufmache, sehe ich zwei behaarte Beine und irgendwo weit oben der Kopf des neuen Mannes, der Kopf kommt näher und aus seinen Haaren tropft Wasser in mein Gesicht. Zwischen dem Wasser ist die Stimme des Mannes und sagt: aufstehen. Er sagt es nicht so, wie das jetzt hier steht, er sagt es auch nicht so, wie du es immer gesagt hast, er sagt es schöner, als ich das aufschreiben kann. Ich schlage die Decke zurück, schlinge meine Arme um seinen Nacken, er trägt mich über den Flur und setzt mich auf den Esstisch, gibt mir einen Kuss auf die Stirn, geht in den Flur, ich sehe ihm nach, und als er in seinen blauen Boxershorts um die Ecke biegt, ruft er noch über seine Schulter ich hole die Zeitung und zieht die Wohnungstür zu.</p> <p>Ich strecke mich und versuche von meinem Platz auf dem Tisch aus, mit meinen Zehenspitzen bis zur Fensterbank zu kommen, wenn ich meine Beine ganz strecke, kann ich sie berühren. Ich reibe meine Augen, da fällt mir ein, dass [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="color: #ffffff;">.</span></p>
<div id="haiku-player2" class="haiku-player"></div><div id="player-container2" class="player-container"><div id="haiku-button2" class="haiku-button"><a title="Listen to hörbar" class="play" href="http://dl.dropbox.com/u/25592547/liebe_in_zeiten_der_nuklearkatastrophe.mp3"><img alt="Listen to hörbar" class="listen" src="http://wunder.schoenaberselten.com/wp-content/plugins/haiku-minimalist-audio-player/resources/play.png"  /></a>
		
		<ul id="controls2" class="controls"><li class="pause"><a href="javascript: void(0);"></a></li><li class="play"><a href="javascript: void(0);"></a></li><li class="stop"><a href="javascript: void(0);"></a></li><li id="sliderPlayback2" class="sliderplayback"></li></ul></div>
	</div><!-- player_container-->
	

<p>Für dich habe ich letzten Monat die Sonntagszeitung abonniert.</p>
<p>Heute früh wurde ich wach, ich lag auf dem Bauch und die Sonne schien durch die Haarsträhne vor meinen Augen, ich machte die Augen gleich wieder zu, ich strich mit einer Hand über die Matratze, die Stelle neben mir war leer. Die Stelle gehörte letzte Woche noch dir. Jetzt gehört sie dem neuen Mann. Ich tastete nach meinem Telefon, drückte auf die einzige Taste, die es hat, 12 Uhr 47, <em>Sie haben keine neuen Nachrichten</em>, ich legte das Telefon zurück, zog das Kissen des neuen Mannes zu mir, es roch nach Nacht und seinem Parfum und nach ihm, ich zog die Decke über meinen Kopf. Dann muss ich wieder eingeschlafen sein, denn als ich die Augen wieder aufmache, sehe ich zwei behaarte Beine und irgendwo weit oben der Kopf des neuen Mannes, der Kopf kommt näher und aus seinen Haaren tropft Wasser in mein Gesicht. Zwischen dem Wasser ist die Stimme des Mannes und sagt: aufstehen. Er sagt es nicht so, wie das jetzt hier steht, er sagt es auch nicht so, wie du es immer gesagt hast, er sagt es schöner, als ich das aufschreiben kann. Ich schlage die Decke zurück, schlinge meine Arme um seinen Nacken, er trägt mich über den Flur und setzt mich auf den Esstisch, gibt mir einen Kuss auf die Stirn, geht in den Flur, ich sehe ihm nach, und als er in seinen blauen Boxershorts um die Ecke biegt, ruft er noch über seine Schulter <em>ich hole die Zeitung</em> und zieht die Wohnungstür zu.</p>
<p>Ich strecke mich und versuche von meinem Platz auf dem Tisch aus, mit meinen Zehenspitzen bis zur Fensterbank zu kommen, wenn ich meine Beine ganz strecke, kann ich sie berühren. Ich reibe meine Augen, da fällt mir ein, dass ich mich heute morgen, als wir nach Hause kamen, nicht abgeschminkt habe, es fällt mir erst ein, als mir Wimperntusche und eine abgebrochene Wimper an den Fingern kleben. Ich sehe mich in der Küche um.</p>
<p>Der Mann hat das Fenster gekippt, draußen zwitschern Vögel, neben mir steht die Espressokanne und dampft, und er hat auch noch Brötchen geholt und Marmelade und Käse stehen daneben, ich kenne C. noch nicht so gut, aber entweder, erstens, er kann ezaubern oder, zweitens, er hat vorhin einen Spätkauf überfallen oder, drittens, er ist perfekt. Ich denke an das Gegenteil von Perfektion, an mich und meinen Kühlschrank, der bis auf drei Flaschen Wodka im Eisfach immer leer ist. Da erst höre ich ein lautes TUUUUUUUT vom Herd her und mir schwant Übles, das TUUUUUUUUT hört nicht mehr auf und da sehe ich den Eierkocher, in dem zwei Eier kochen. Scheiße. Drittens. Der Mann ist perfekt. Ich brauche einen Schnaps.</p>
<p>Der Schlüssel dreht sich in der Wohnungstür, der Mann tapst herein, legt die Zeitung auf den Tisch, ich setze mich auf einen Stuhl, der Mann schält ein Ei und setzt es in einen Eierbecher, ich wusste nicht, dass ich Eierbecher besitze, dann gießt er den Kaffee in zwei Becher, ich schütte so viel Milch in meinen, dass er gleich überschwappen wird, ich will einen Schnaps, der Mann ist da, ich kann jetzt keinen Schnaps trinken, ich puste kurz, der Mann fängt an, das Ei zu löffeln, ich trinke hastig in einem Zug die Kaffeetasse leer, ich stelle die Tasse ab, ich habe mir die Zunge verbrannt und mich verschluckt, ich huste, der Mann fragt besorgt, ob alles okay sei, ich nicke und deute auf seinen Löffel. Von seinem Löffel tropft Eidotter auf die Zeitung.</p>
<p>Ich ziehe die Zeitung zu mir, der Mann will den Feuilleton, ich die Politik. Eine Zeitung. Als ob irgendwo jemals etwas Neues passierte. Einen neuen Bundespräsidenten werden sie wählen, der alte ist erstmal im Urlaub, Menschen sterben in Bürgerkriegen, Hollywoodstars werden bei Protesten vor Botschaftsgebäuden festgenommen, Teenager klicken auf Videokampagnen gegen afrikanische Diktatoren, es gibt keine Notfallpläne für eine Nuklearkatastrophe in Deutschland. Nichts Neues. Im Westen und im Osten. Ich schenke mir Kaffee nach. Ich brauche einen Schnaps.</p>
<p>Der Mann beißt vor Wut über den Feuilleton so fest in sein Brötchen, dass die Krümel über den ganzen Tisch fliegen, sie werfen kleine Schatten auf das dunkle Holz. Man kann kein Buch mehr kaufen, das im Feuilleton empfohlen werde, schimpft er, die beste Strategie sei, die Bücher zu kaufen, die der Feuilleton in Grund und Boden zerreißt, der Mann schmeißt die Zeitung in die Ecke, gräbt seine Fingerspitzen in ein zweites Brötchen und zerteilt es in zwei Hälften, auf einer Hälfte lässt er ein Stück Butter zerlaufen. Die Sonne scheint durch die Fenster und lässt seine blonde Haarspitzen glitzern, er hat sogar Blumen auf den Tisch gestellt, ich brauche einen Schnaps.</p>
<p>Ich frage ihn, was er von der Wahl des neuen Bundespräsidenten hält, von dieser Wahl, die keine Wahl ist, es ist Sonntag, dreizehn Uhr dreißig, wir sind jung, wir sind in Berlin und wir reden über Politik, dabei müssen wir doch unpolitisch sein, weil alle sagen, wir, <em>unsere</em> <em>Generation</em>, sei unpolitisch. Dabei sind wir noch nicht einmal ein <em>Wir</em>. Uns gibt es nicht im Plural, uns gibt es nur im Singular. Jetzt liegt der Politikteil unter Brötchenkrümeln.</p>
<p>Der Mann legt eine Scheibe Käse auf seine zweite Brötchenhälfte und sagt <em>weißt du noch, wie wir uns kennenlernten?</em> Es war vor einem Jahr, bei den Protesten gegen die Atomkraft oder für den Atomausstieg, das wussten wir damals selbst nicht so genau, der Mann lief bei der Demonstration neben mir und wir trugen dieses Transparent vor uns her und riefen AB-SCHAL-TEN! AB-SCHAL-TEN!, bis unsere Stimmen ganz heiser wurden und am Ende ganz verstummten.</p>
<p>Jetzt ist es ein Jahr später, die Atomkraftwerke sind immer noch an, nur gibt es jetzt neue Bürgerinitiativen, die sind nicht gegen neue Kraftwerke, die sind gegen Ökostromleitungen und Rückhaltebecken, denn die Landschaft wird verschandelt, hey, wenn es doch einmal in einem Kernkraftwerk knallt und das ganze Land unbewohnbar wird, das ist doch okay, Hauptsache, die Landschaft wird nicht verschandelt. Sonst ist nichts passiert außer Demonstrationen und Warten auf den Weltuntergang und kurzzeitig dir. Vor drei Wochen hatte ich gerade mit dir Schluss gemacht, da rief der Mann an, der damals noch nicht mein Mann war, wir trafen uns bei einer anderen Demo gegen Atomkraftwerke oder für den Atomausstieg, das wussten wir da noch nicht so genau. Nach der Demo saßen wir am Spreeufer und ich kratzte mit einem Fingernagel die Farbe von meinem Pappschild, irgendwann wurde es Nacht, ich warf das Schild in einen Container, der Mann legte einen Arm um mich und wir nahmen die letzte U-Bahn zu ihm nach Hause.</p>
<p>Der Mann sagt, das mit den Demos sei gut, weil wir noch jung seien und Verantwortung hätten und noch länger auf diesem Planeten leben müssten und auch unsere Kinder. Er hat <em>unsere Kinder</em> gesagt. Ich brauche einen Schnaps. Das Demonstrieren sei auch gut, weil wir nur deswegen jetzt hier in meiner Küche säßen. Er hat <em>Wir</em> gesagt. Ich brauche einen Schnaps.</p>
<p>Ich fühle ein Drama in mir aufsteigen.</p>
<p>Manchmal bin ich nicht sicher, ob das mit der Verantwortung so gut und so richtig ist. Und schon gar nicht, wenn ich mir den Küchentisch ansehe. Jedes Ei, das wir essen, ist ein Huhn mehr oder weniger glücklich, man kann auch nicht einfach eine Zeitung kaufen, das ist keine gedruckte Zeitung, sondern ein Statement fürs Leistungsschutzrecht, jede Plastikflasche wird unseren Urenkeln noch um die Ohren fliegen, wir sind die Konsumgesellschaft und wir haben verdammtnochmal die Verantwortung, diesen Planeten ordentlich zu hinterlassen, wenn wir schon an dem Müll ersticken, den wir täglich in uns reinstopfen, ich bin ein aufgeklärter Konsument, ich bin politisch interessiert, ich bin gegen Vorratsdatenspeicherung und für ein freies Internet, aber das ändert noch lange nichts. Denn wenn alle schlecht läuft, ist mein T-Shirt von H&amp;M und verantwortlich für die Globalisierung und für Kinderarbeit in Bangladesch, dann macht mein Kaffee, dass Kinder in Afrika nicht zur Schule gehen können, für meine Schuhe wurde ein Rind gehäutet, von meiner Haarfarbe bekommt mein Friseur allergische Reaktionen, für meinen Lippenstift wurden Tierversuche durchgeführt, für meine Jeans mussten Arbeiter Steine in große Waschmaschinen schaufeln, in meinem Essen sind mehr Farb- und Geschmacksstoffe als natürlich gewachsene Zutaten, für den Sprit in meinem Auto wurden Lebensmittel verbrannt, meine Bank investiert in die Rüstungsindustrie und wenn ich zu häufig mit meinem Handy telefoniere, bekomme ich irgendwann Krebs. Wenn ich nicht mit meinem Handy telefoniere, auch. Von Kopf bis Fuß, ich bin ein schlechter Mensch. Ich brauche einen Schnaps.</p>
<p>Ich habe auch Herzen gebrochen in meinem Leben, fast alle davon unabsichtlich, mein Herz wurde nie gebrochen, was nur daran liegt, dass ich keines habe, dafür renne ich von einer Beziehungsscheiße in die nächste, ich treffe Männer und treffe sie auch wieder nicht, wir landen in Betten und vögeln die ganze Nacht. Oder auch nicht. Ich brauche einen Schnaps.</p>
<p>Meine Freunde können ihre Miete kaum bezahlen, wir sitzen nächtelang in ihren Küchen, die sie sich mit Mitte 30 noch mit fünf anderen Leuten teilen, nicht immer, weil sie es so toll finden, in 6er-WGs zu leben, sondern auch, weil sie sich nichts anderes leisten können, dann halten wir uns an Weingläsern fest und basteln am Küchentisch an einer kleinen Revolution, wir glauben nicht an Gott und nicht an die Deutsche Automobilindustrie, wir glauben meist nichtmal an uns und an den Weltfrieden schon lange nicht mehr, wir glauben nicht ans Geld, und es sind nur die Mutigen unter uns, die es noch wagen, an die Liebe zu glauben. Wir sind die Generation, die verantwortlich dafür sein soll, dass die Welt sich weiterdreht, als ob sie sich nicht weiterdrehte, wenn wir nicht mehr wären, als ob die Erde sich einen Dreck um unsere Existenz scherte. Wir haben Verantwortung für eine Welt, die nicht uns gehört, nicht unseren Kindern, weil keiner mehr weiß, wem sie gehört, wenn nicht den Banken, und dann wirft man uns vor, wir seien unpolitisch, dabei ist es wirklich schwierig, überhaupt noch Position zu beziehen in einer Welt, die zu groß ist für uns alle. Und die Leute im dritten Stock und darüber (der dritte Stock ist der, ab dem es wichtig wird), sind drei Mal so alt wie wir, sie wissen nichts von unserer Welt und es interessiert sie auch nicht, außer einmal im Jahr, da ist die Cebit, da gibt es Dinge zum Anfassen, da gibt es dann dieses Internet. Wahnsinn. Gibt es da auch Schnaps?</p>
<p>Außerdem bin ich die perfekte Frau, die perfekte Geliebte und mache die perfekte Karriere und nebenher soll ich zwanzig Kinder in die Welt setzen, damit ich mit siebzig Jahren vielleicht einen Euro Rente haben kann, dabei habe ich noch nicht einmal einen festen Job, und natürlich darf ich mich nicht beklagen, denn ich habe mir das selbst ausgesucht, und ich habe ja noch fünfzig Jahre Zeit bis dahin. Ich bin kaum älter als die deutsche Wiedervereinigung und ich habe mich zu kümmern um mich, meine Fitness, meinen Körper, meine Gesundheit, meinen Musikgeschmack, meine Beziehungen, meine Männer, meine Jobs, meine Monatsfahrkarte, meine Eltern, mein Leben, meine Freunde, meine ungeborenen Kinder, die deutsche Gesellschaft, die Rente aller Rentner, das Gesundheitssystem, den politischen Fortgang dieses Landes, die Zukunft Deutschlands, den Klimawandel, die Klimakatastrophe, die Globalisierung. Ich bin Deutschland. Es macht mich kaputt. Und ich brauche einen Schnaps.</p>
<p>Als ich mich fertig aufgeregt habe und aufgehört habe, wilde Worte mit wilden Gesten in die Luft zu werfen, nimmt der Mann meine Hand, zieht mich auf seinen Schoß, ich lege meinen Kopf auf seine Schulter und meine Nase an seinen Hals, er riecht immer noch nach Nacht und Schlaf und sein Duft beruhigt mich, er streicht mir über die Haare und flüstert mir etwas ins Ohr, das kitzelt, ich lache, er hält mich fest, steht auf, ich schlinge meine Beine um ihn, er trägt mich zurück ins Schlafzimmer, wirft mich aufs Bett und die Weltpolitik ist mir egal.</p>
<p>Es ist später Nachmittag, als wir aufstehen, wir schlendern durch meinen Lieblingspark, der Mann steckt mir einen Zweig Weidenkätzchen ins Haar, wir klettern einen Hügel hinauf und als die Sonne langsam untergeht, hält der Mann meine Hand und ich fühle mich sehr romantisch mit diesem Mann und der Gesamtszene.</p>
<p><span style="color: #ffffff;">/</span></p>
<p>Dann zoomt die Kamera heraus, jemand ruft <em>Schnitt, danke für eure Arbeit</em>, wir lösen uns voneinander, der Mann schüttelt mir die Hand, <em>danke für die gute Zusammenarbeit, und alles Gute (auch privat!)</em>, ich drücke seine Hand, nehme meine Jacke, winke noch kurz in die Runde und gehe alleine nach Hause.</p>
<p><span style="color: #ffffff;">/</span></p>
<p>Ich brauche einen Schnaps.</p>
<div id="crp_related"><br> </br><b>Da war was:</b></p><ul><li><a href="http://wunder.schoenaberselten.com/?p=7572" rel="bookmark" class="crp_title">Der Mann ist weg</a></li><li><a href="http://wunder.schoenaberselten.com/?p=4232" rel="bookmark" class="crp_title">Eines Morgens lag ein Mann vor meinem Bett.</a></li><li><a href="http://wunder.schoenaberselten.com/?p=4628" rel="bookmark" class="crp_title">(Dann hab ich auch) Zwei.</a></li><li><a href="http://wunder.schoenaberselten.com/?p=8305" rel="bookmark" class="crp_title">Immer wird es Nacht sein</a></li></ul></div> <p><a href="http://wunder.schoenaberselten.com/?flattrss_redirect&amp;id=8396&amp;md5=9358b87a1c1cb45af3ba8cbc1b3d7ef1" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://wunder.schoenaberselten.com/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://wunder.schoenaberselten.com/?feed=rss2&#038;p=8396</wfw:commentRss>
		<slash:comments>1</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Man muss gar nicht Gitarre spielen können, es reicht schon, wenn man den Moment kennt, ab dem die Musik ganz laut sein muss</title>
		<link>http://wunder.schoenaberselten.com/?p=8378</link>
		<comments>http://wunder.schoenaberselten.com/?p=8378#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 23 Apr 2012 22:58:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Miel</dc:creator>
				<category><![CDATA[kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[bar]]></category>
		<category><![CDATA[berlin]]></category>
		<category><![CDATA[freitag]]></category>
		<category><![CDATA[kurz]]></category>
		<category><![CDATA[nacht]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://wunder.schoenaberselten.com/?p=8378</guid>
		<description><![CDATA[<p>Er gießt Wodka in ein Glas und stellt es vor mir hin. Es ist Freitag Abend, irgendwann nach Mitternacht. Die Straßen sind voller Menschen. Auf dem Weg hierher habe ich den Kragen meines Trenchcoats hochgeklappt und meinen Hut tief in die Stirn gezogen. Ich trinke einen Schluck.</p> <p>Wie läuft&#8217;s bei dir?, frage ich ihn, und ich kenne die Antwort. Er lächelt und macht diese Handbewegung mit diesem Schulterzucken. Eine Erklärung dieser Handbewegung und dieses Schulterzuckens könnte sein: David ist Barkeeper in der besten Bar der Stadt. Er sieht aus wie Anfang zwanzig, ist Mitte dreißig und hat genug Erfahrung für zwei Männer Mitte vierzig. Und irgendjemand muss ja dieses Klischee erfüllen vom Barkeeper, der für die einsamen Frauen dieser Stadt einen Drink, ein bisschen Trost und manchmal auch einen Schlafplatz hat. Also macht er es. Und wie ich hörte, macht er das gut.</p> <p>Das alles sage ich nicht. Und er sagt es natürlich erst recht nicht. David ist ein Gentleman, und David kann schweigen, vermutlich ist allein das auch der Grund dafür, dass all dies bei ihm so ohne Aufhebens funktioniert. Läuft?, frage ich (zur Sicherheit). Er lächelt und nickt. Und bei dir? Ich kann keine Drinks machen, ich kann nur Rotweinflaschen entkorken. Er weiß das. Ich zucke die Schultern und wiege den Kopf. Soll ich dir jemanden vorstellen? Er versteht, ich grinse. Mal sehen. - Sag Bescheid. Du weißt: jederzeit.</p> <p>Er lächelt dieses Lächeln, bei dem seine Augen einen Moment mit zu lächeln scheinen, und geht Gläser polieren. Ich zünde mir eine Zigarette an, trinke einen Schluck und sehe mir die Gäste des Abends an. Am ersten Tisch nahe der Tür sitzen ein Mann und eine Frau, ihre Körper einander halb zu-, halb abgewandt, sie beugt sich nach vorne und flüstert ihm etwas ins Ohr, er versucht so halb, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Er gießt Wodka in ein Glas und stellt es vor mir hin. Es ist Freitag Abend, irgendwann nach Mitternacht. Die Straßen sind voller Menschen. Auf dem Weg hierher habe ich den Kragen meines Trenchcoats hochgeklappt und meinen Hut tief in die Stirn gezogen. Ich trinke einen Schluck.</p>
<p><em>Wie läuft&#8217;s bei dir?</em>, frage ich ihn, und ich kenne die Antwort. Er lächelt und macht diese Handbewegung mit diesem Schulterzucken. Eine Erklärung dieser Handbewegung und dieses Schulterzuckens könnte sein: David ist Barkeeper in der besten Bar der Stadt. Er sieht aus wie Anfang zwanzig, ist Mitte dreißig und hat genug Erfahrung für zwei Männer Mitte vierzig. Und irgendjemand muss ja dieses Klischee erfüllen vom Barkeeper, der für die einsamen Frauen dieser Stadt einen Drink, ein bisschen Trost und manchmal auch einen Schlafplatz hat. Also macht er es. Und wie ich hörte, macht er das gut.</p>
<p>Das alles sage ich nicht. Und er sagt es natürlich erst recht nicht. David ist ein Gentleman, und David kann schweigen, vermutlich ist allein das auch der Grund dafür, dass all dies bei ihm so ohne Aufhebens funktioniert. <em>Läuft?</em>, frage ich (zur Sicherheit). Er lächelt und nickt. <em>Und bei dir?</em> Ich kann keine Drinks machen, ich kann nur Rotweinflaschen entkorken. Er weiß das. Ich zucke die Schultern und wiege den Kopf. <em>Soll ich dir jemanden vorstellen?</em> Er versteht, ich grinse. <em>Mal sehen.</em> - <em>Sag Bescheid. Du weißt: jederzeit.</em></p>
<p>Er lächelt dieses Lächeln, bei dem seine Augen einen Moment mit zu lächeln scheinen, und geht Gläser polieren. Ich zünde mir eine Zigarette an, trinke einen Schluck und sehe mir die Gäste des Abends an. Am ersten Tisch nahe der Tür sitzen ein Mann und eine Frau, ihre Körper einander halb zu-, halb abgewandt, sie beugt sich nach vorne und flüstert ihm etwas ins Ohr, er versucht so halb, ihr nicht in den sich öffnenden Ausschnitt zu sehen. Schräg gegenüber, auf der anderen Seite der Bar, ein Typ Mitte dreißig, die Haare fallen ihm ins Gesicht, er schweigt sein Bier an, sein Bier schweigt ihn an. Er ist häufiger hier, manchmal habe ich ihn gegrüßt, mit einem Nicken nur, seit ich älter bin, grüße ich niemanden mehr. David sammelt Bierflaschen von den Tischen und stellt sie neben mich auf die Bar und ich weiß, ich liebe ihn. Nicht wegen dieses Lächelns, bei dem seine Augen mit zu lächeln scheinen. Einfach, weil ich ihn liebe. Grundlos. Und weil ich ihn liebe, würde ich auch nie etwas mit ihm anfangen. Ich fange nur noch etwas an mit jemandem, den ich nach einer Nacht vergessen kann, mit jemandem, dessen Nummer ich nicht habe und dessen Nummer ich nicht will, den ich einmal sehen, küssen, verabschieden und vergessen kann. Über den Tischen tanzen Rauchschwaden im Kerzenschein. In einer Ecke ein knutschendes Paar, nebenan eine Gruppe Jungs, vermutlich Franzosen auf Klassenfahrt, vermutlich auf Beutezug, und vermutlich nicht ganz volljährig, ich trinke noch einen Schluck und drücke die Zigarette aus, sie glimmt noch kurz nach.</p>
<p><em>Hast du mitbekommen, dass Paul gestorben ist?</em> David steht plötzlich vor mir, die Hände auf die Theke gestützt, und sieht mich an. In meinem Kopf spule ich zehn Sekunden zurück, sehe die erlöschende Zigarette und höre Davids Satz noch einmal. Ich habe ihn nicht falsch verstanden. Trotzdem wäre jetzt der Moment, in dem ich ihn fragen sollte, ob das sein Ernst ist, oder sagen, dass das ja wohl ein schlechter Scherz ist.</p>
<p>Ich sehe seinen Blick und weiß, es ist ernst. Und ich schweige.</p>
<p>David bleibt stehen, ich bleibe schweigen. Paul. Paul. Paul.</p>
<p>In meinem Kopf läuft dieser Film und ich kann nichts dagegen tun, ich sehe alles im Zeitraffer und es hört nicht auf: Paul, als wir uns kennenlernten, an der Schule, an der er arbeitete, als ich meine Patentochter abholte. Paul beim Schulfest, mit einer Ritterrüstung aus Blech, und wie man ihn schon von Weitem hören konnte, weil er bei jeder Bewegung so laut schepperte. Paul, bei unserem ersten Kaffeetrinken, als er irgendwann sagte, so wie aus dem Nichts: <em>Es gibt keine Regeln mehr. Wenn du dich verabredest, heißt das nicht mehr, dass man sich wirklich trifft. Wenn man Sex hat, heißt das nicht mehr, dass man sich wiedersieht. Und eine Liebeserklärung kann zwei Wochen später schon nichts mehr bedeuten. Außer, dass es irgendeine Erklärung war, aber keine Liebe. So ist das jetzt, in dieser Stadt. Ich glaube, wir müssen etwas dagegen tun. Und etwas tun für mehr Wahrhaftigkeit.</em> Paul, wie er mich dann ansah, und eindringlich fragte: <em>Bist du dabei?</em> Paul abends in der Kneipe, als er anderen Gästen erzählte, er könne aus ihren Aschenbechern ihre Zukunft lesen, Paul, morgens um halb sechs, mit Knoblauchsoße vom Döner im Bart. Paul, als er betrunken die Treppe hoch ging, bis in den achten Stock, als er, noch schwer atmend, die Dachluke öffnete und dann dieses Blitzen in seinen Augen, als wir oben auf dem Dach standen. Es war sein Lieblingsplatz, hierher kam er immer, wenn er sonst nirgendwo hin konnte. Paul und das letzte Bier morgens um sieben und der Sonnenaufgang über Berlin. Paul, der immer gehen musste und nie bleiben konnte, der suchte, und selbst nicht wusste, wonach, der immer auf Reisen war und nie ganz da, wo er war. Außer, wenn er auf diesem Dach stand und über die Stadt blickte. Paul, als er zum Frühstücken vorbei kam und einen riesigen Berg Croissants mitgebracht hatte und später vorschlug, mir einen Hamster zu kaufen, oder ein Huhn, das die Krümel auf dem Boden essen könnte. Paul mit Gitarre im Park, er war der schlechteste Gitarrenspieler, den ich kannte. Und der beste Sänger. Hätte er das mit der Gitarre sein gelassen, hätte er wohl ein großer Musiker werden können, lachte er immer. Paul in einer der Nächte, in denen er auflegte, mit seinen großen Kopfhörern, hinter den Plattentellern versunken in einer anderen Welt. Irgendwann kam immer der Moment, in dem er alle eingefangen hatte, der Moment, in dem sie ganz ihm gehörten. Das war der Moment, in dem er die Musik ganz aufdrehte und ab dem alles, was passierte, so schien, als könnte es für immer sein. Schnitt. Paul bei unserem letzten Treffen. Vorgestern. Als er sein Bier stehen ließ, vor der Bedienung auf die Knie sank und sie anflehte, ihm einen Block und einen Stift zu leihen, das Lächeln der Kellnerin dabei, und wie sie ihm später noch ihre Nummer auf den Block schrieb. Paul, als er Pizza bestellte und sich beim Essen die Zunge verbrannte, als er malte, die kleinen Figuren, mit denen er den Kindern an seiner Schule das Zeichnen beibrachte, und als er eine Skizze machte, vom Grundriss der Wohnung, von der er träumte, als er erzählte, von all seinen Plänen, schwärmte, von seiner großartigen Zukunft. Paul.</p>
<p>Ich blinzle. David steht immer noch vor mir. Ich weiß nicht, wie lange schon.</p>
<p>Ich hatte es nicht mitbekommen. Will ich sagen. Was passiert ist, will ich fragen. Da winkt der Typ am anderen Ende der Bar David zu sich, es ist der, der nie grüßt, er will bezahlen, ich will sagen <em>tut mir leid, das geht jetzt nicht</em>, David formt ein lautloses <em>geh nicht weg</em> mit seinem Mund, nimmt seinen Geldbeutel und geht. Ich zünde noch eine Zigarette an, ziehe daran, so sehr ich kann, der Rauch steigt mir in die Augen, sie tränen, das wäre ein guter Moment, um zu weinen.</p>
<p>Um sechs Uhr schließt David die Türen der Bar hinter uns zu. Schweigend gehen wir die Straße hinunter. Ich war lange nicht da, aber ich kenne den Weg. Und wir haben Zeit.</p>
<p>Um halb acht geht die Sonne auf.</p>
<div id="crp_related"><br> </br><b>Da war was:</b></p><ul><li><a href="http://wunder.schoenaberselten.com/?p=8305" rel="bookmark" class="crp_title">Immer wird es Nacht sein</a></li><li><a href="http://wunder.schoenaberselten.com/?p=8335" rel="bookmark" class="crp_title">Wir waren uns ein Seismograph</a></li><li><a href="http://wunder.schoenaberselten.com/?p=7572" rel="bookmark" class="crp_title">Der Mann ist weg</a></li><li><a href="http://wunder.schoenaberselten.com/?p=7027" rel="bookmark" class="crp_title">Das war die Frage.</a></li></ul></div> <p><a href="http://wunder.schoenaberselten.com/?flattrss_redirect&amp;id=8378&amp;md5=3b51f99fcd0f5ee34d002f5220d8c81a" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://wunder.schoenaberselten.com/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://wunder.schoenaberselten.com/?feed=rss2&#038;p=8378</wfw:commentRss>
		<slash:comments>1</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Einen Text schreiben</title>
		<link>http://wunder.schoenaberselten.com/?p=8371</link>
		<comments>http://wunder.schoenaberselten.com/?p=8371#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 03 Apr 2012 20:08:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Miel</dc:creator>
				<category><![CDATA[youandme]]></category>
		<category><![CDATA[anleitung]]></category>
		<category><![CDATA[schreiben]]></category>
		<category><![CDATA[text]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://wunder.schoenaberselten.com/?p=8371</guid>
		<description><![CDATA[<p>Einen Text schreiben, das ist, auf die Jagd gehen, sie einfangen und ihre Herzen auf einen großen Haufen türmen und sie entzünden mit nur einem Wort.</p> <p>Einen Text schreiben, heißt, sie ausziehen und ihnen ihr letztes Hemd nehmen, unter ihre Haut kriechen, ein leises Gift sein und eine leise Medizin, in Tropfen wirken und sich langsam vorarbeiten, bis ihre Herzen explodieren. Einen Text schreiben, das ist, sie satt machen und sie einen neuen Hunger lehren, einen Hunger, so groß, dass sie ihn niemals stillen können, ihre Droge sein, ihr Rausch und ihr Erwachen am Morgen danach, die Hautpartikel unter ihren Fingernägeln und das Pflaster auf ihren Herzen.</p> <p>Einen Text schreiben, ist, die Kälte unter ihren Jacken sein, die unendliche Furcht in ihrem Herzen und die knarzenden Dielen, es ist, sich anschleichen, wenn es dunkel wird und das letzte Licht erlischt, in tiefster Nacht die Schritte hinter ihnen sein, die Stimme, die flüstert, die leichte Berührung auf ihrer Schulter, die sie herumfahren lässt, die Hand vor ihren Augen, das Pochen in ihren Herzen, der Puls, der immer schneller wird und die Gänsehaut, die ihre Rücken hinaufkriecht. Es ist, ihre Gehirne zum Platzen bringen und ihre Herzen erschüttern, ihnen das Messer an den Hals setzen und sie zum Schreien bringen, sich ihnen opfern und vor ihnen auf die Knie sinken.</p> <p>Es ist aufs höchste Dach der Stadt steigen und tanzen auf dem First, eine Pirouette auf dem Drahtseil ohne Netz und Sicherung und fliegen ohne Fallschirm, es ist die Arme ausbreiten und vom Hochhaus springen und durch die Stadt jagen, es ist allein auf einer großen Bühne stehen vor einer wartenden Menge, ohne zu wissen, was als nächstes geschieht, es ist übers Land fahren und den Kopf in den Nacken legen und den Atem anhalten und nie wissen, wie lange noch Luft [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Einen Text schreiben, das ist, auf die Jagd gehen, sie einfangen und ihre Herzen auf einen großen Haufen türmen und sie entzünden mit nur einem Wort.</p>
<p>Einen Text schreiben, heißt, sie ausziehen und ihnen ihr letztes Hemd nehmen, unter ihre Haut kriechen, ein leises Gift sein und eine leise Medizin, in Tropfen wirken und sich langsam vorarbeiten, bis ihre Herzen explodieren. Einen Text schreiben, das ist, sie satt machen und sie einen neuen Hunger lehren, einen Hunger, so groß, dass sie ihn niemals stillen können, ihre Droge sein, ihr Rausch und ihr Erwachen am Morgen danach, die Hautpartikel unter ihren Fingernägeln und das Pflaster auf ihren Herzen.</p>
<p>Einen Text schreiben, ist, die Kälte unter ihren Jacken sein, die unendliche Furcht in ihrem Herzen und die knarzenden Dielen, es ist, sich anschleichen, wenn es dunkel wird und das letzte Licht erlischt, in tiefster Nacht die Schritte hinter ihnen sein, die Stimme, die flüstert, die leichte Berührung auf ihrer Schulter, die sie herumfahren lässt, die Hand vor ihren Augen, das Pochen in ihren Herzen, der Puls, der immer schneller wird und die Gänsehaut, die ihre Rücken hinaufkriecht. Es ist, ihre Gehirne zum Platzen bringen und ihre Herzen erschüttern, ihnen das Messer an den Hals setzen und sie zum Schreien bringen, sich ihnen opfern und vor ihnen auf die Knie sinken.</p>
<p>Es ist aufs höchste Dach der Stadt steigen und tanzen auf dem First, eine Pirouette auf dem Drahtseil ohne Netz und Sicherung und fliegen ohne Fallschirm, es ist die Arme ausbreiten und vom Hochhaus springen und durch die Stadt jagen, es ist allein auf einer großen Bühne stehen vor einer wartenden Menge, ohne zu wissen, was als nächstes geschieht, es ist übers Land fahren und den Kopf in den Nacken legen und den Atem anhalten und nie wissen, wie lange noch Luft da ist. Einen Text schreiben, das ist verschwinden hinter einer Wand aus Worten, die zu einem Haus wird, zu einem Dorf und einer Stadt, zu einer Metropole, es ist, in unbekanntes Gebiet gehen ohne Karte und Kompass, die Machete nehmen und Löcher ins Gebüsch schlagen und ein Stück Himmel bauen mit einem Messer. Es ist, der erste sein, der in diese Richtung geht, einen Trampelpfad mit nackten Füßen gehen, Wege bauen und Straßen pflastern und Routen zementieren. Einen Text schreiben ist, das Wasser in allen Wolken sein, die Erde unter ihren Füßen, der Staub auf ihren Wimpern und der Wind in ihren Haaren. Einen Text schreiben, das ist, ein Gewehr laden mit Buchstaben und Satzzeichen, mit Worten schießen wie mit Kanonen, und wo man sie abgeschossen hat, lassen sie sich nieder, und dann ist es das Hoffen, dass sie dort fallen, wo jemand ihnen Luft und Boden gibt, das Hoffen, dass es wächst. Es ist Blumen pflanzen für die Schmetterlinge und eine Landebahn bauen für die Flugzeuge in ihren Bäuchen, das ist, ihnen die rosarote Brille aufsetzen und sie mitnehmen bis zum Ende von Wolke sieben und mit ihnen fliegen, wo Raum und Zeit nicht existieren.</p>
<p>Einen Text schreiben ist, die Menschen sehen und sie beobachten, sie mit Blicken von dem trennen, was sie sagen, von dem trennen, wer zu sein sie vorgeben, einen Text schreiben, heißt, sie sezieren mit einem einzigen Blick und in ihr Innerstes sehen und erkennen, wer sie in Wahrheit sind. Einen Text schreiben, ist, ihre Augen sein und ihr Herz, ihre Fingerspitzen und ihre Fußsohlen, ihre Muskeln und ihre Sehnen, sie spüren und sich in ihr Innerstes bohren, sie hören und taub sein für alles, was sie sagen, ihnen alles nehmen, was sie haben und dann ausholen und ihre Welt mit Schwung zertrümmern, und sie ganz langsam wieder neu bauen. Einen Text schreiben ist, ihnen neue Augen geben und ein neues Gefühl für ihre Hände und eine neue Haut, einen Text schreiben, heißt, sie die Größe der Dinge und die Winzigkeit ihrer selbst spüren lassen, sie wachsen lassen und sie größer machen als sie je waren. Einen Text schreiben heißt, unauslöschliche Spuren in ihnen hinterlassen.</p>
<p>Einen Text schreiben, das ist sich ausziehen, sich Knopf um Knopf um Knopf um Knopf um Gürtel um Schuh um Schuh, sich seiner Socken, seiner Hose, seiner Wäsche, seiner Bedenken zu entledigen. Es ist ein Striptease im Kopf, zu einer Musik, die keiner hört, zu einem Rhythmus, der ihnen den Atem nimmt, mit einem Titel, der harmlos scheint, mit einer Melodie, die sich in ihre Köpfe frisst und einem Bass, der ihnen in den Magen fährt. Einen Text schreiben, das ist zum Schluss die Brille ausziehen und nackt sein und daliegen und nicht wissen, wer einen betrachten wird, wie man da liegt. Einen Text schreiben ist, sich selbst das Herz herausreißen und es wieder umgekehrt einsetzen und sehen, was passiert, es ist, einen Kopfstand machen, damit etwas aus einem herausfällt, es ist, sich verrenken und geraderücken, es ist: alles sein, was man sein kann, und noch mehr, was man niemals werden kann, und es ist, wenn keiner es merkt, für einen Wimpernschlag man selbst sein, und niemals preisgeben, was in diesem Moment geschah.</p>
<p>Einen Text schreiben, ist, sich raushalten aus allem und reinwerfen in alles, was man schreibt, es ist: gut sein und böse, die Schöne und die gute Fee, das Biest und die Monster unter ihren Betten. Einen Text schreiben ist leiden und sehnen und das Fürchten lernen und sie in die Hölle mitnehmen, damit sie einen Blick auf den Himmel werfen können.  Einen Text schreiben heißt, stark sein und schwach sein, lieben und das, was man liebt, aufs Tiefste hassen, schnell sein und behutsam, die Dinge in Zeitlupe sehen und gleichzeitig vorspulen, die Buchstaben zart berühren und mit den Fingerspitzen formen, sie zu Wörtern machen und sie mit Wucht zu Sätzen bauen. Einen Text schreiben heißt, sich entzünden, um ihre Herzen zu entflammen, sich aufgeben, um sie zu gewinnen, laufen und kämpfen und sie besiegen, den blinkenden Cursor und die leeren Blätter, die Feinde in seinem Kopf und seinem Körper, immer glauben, immer vertrauen, immer zweifeln und niemals sicher sein.</p>
<p>Einen Text schreiben heißt leise und laut, nah und wild sein, verrucht sein und zärtlich, sie locken und an sich heranlassen und sich im letzten Moment umdrehen und gehen, sie streicheln und ihre Rücken zerkratzen, die süßesten Wörter in allen Sprachen der Welt in ihre Ohren flüstern und sie in den Hals beißen, sobald sie sich in Sicherheit wägen. Es ist ein unendlicher Kuss, der sie alles vergessen lässt, bei dem alles außen herum und die Welt verschwindet und sie nichts mehr spüren als das, was sie spüren sollen, einen Text schreiben, ist, sich unendlich verlieben verlieben verlieben und fallen und wieder aufstehen und weiterrennen und irgendwo am Horizont die Liebe sehen wollen, weil man sie sehen will, es heißt, weitergehen, damit die Geschichte weitergeht, einen Text schreiben, ist, alles tun, damit der Urknall niemals endet.</p>
<div id="crp_related"><br> </br><b>Da war was:</b></p><ul><li><a href="http://wunder.schoenaberselten.com/?p=1733" rel="bookmark" class="crp_title">Wer sind die Guten? Gedanken über Männer im Allgemeinen und Besonderen.</a></li><li><a href="http://wunder.schoenaberselten.com/?p=8052" rel="bookmark" class="crp_title">Alle Farben dieser Welt. Eine Novembergeschichte.</a></li><li><a href="http://wunder.schoenaberselten.com/?p=7136" rel="bookmark" class="crp_title">Nennen wir es Frühling</a></li><li><a href="http://wunder.schoenaberselten.com/?p=6683" rel="bookmark" class="crp_title">Placebo.</a></li></ul></div> <p><a href="http://wunder.schoenaberselten.com/?flattrss_redirect&amp;id=8371&amp;md5=c0c1241d5c7b8349e72f8cbb76e82a42" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://wunder.schoenaberselten.com/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://wunder.schoenaberselten.com/?feed=rss2&#038;p=8371</wfw:commentRss>
		<slash:comments>1</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Du, ich und das Meer: Gewinne einen Hauptgewinn</title>
		<link>http://wunder.schoenaberselten.com/?p=8364</link>
		<comments>http://wunder.schoenaberselten.com/?p=8364#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 02 Apr 2012 17:51:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Miel</dc:creator>
				<category><![CDATA[youandme]]></category>
		<category><![CDATA[gewinnen]]></category>
		<category><![CDATA[meer]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://wunder.schoenaberselten.com/?p=8364</guid>
		<description><![CDATA[<p>Die Autorin dieser Zeilen sitzt in diesem Moment, beim Verfassen derselben, in einem überaus niedlichen Café weit außerhalb der Tore Berlins. Fern von zuhause, ganz nah am Meer den Kopf ein bisschen freikriegen, vor allem aber sehr viel arbeiten und noch mehr schreiben &#8211; das ist der Plan.</p> <p>Und weil die Plätzchenaktion schon so lange her ist und ich euch, hoch verehrte Leserschaft, so schätze, gibt es nun mal wieder etwas.</p> <p></p> <p>Was zu tun ist: einfach hier kommentieren und bis Mittwoch Abend Geduld haben, da verrate ich, welche fünf Glücklichen mitreisen.</p> <p>Was es es zu gewinnen gibt, das wird aussehen wie eine Postkarte. Doch es wird eine besondere Postkarte sein: Handgeschrieben, veredelt mit Küstenwind, einer Prise Sand und einer klitzekleinen Spur Tee mit Kandis, mit Apfelstreuselkuchen und Schlagsahne und einem Schuss Rum.</p> <p>Eine kleine Alltagsflucht, ein Augenblick weg von allem, eine Reise hierher ans Meer. Ich freue mich auf eure Kommentare und wünsche viel Glück! Und jetzt schon: gute Reise.</p> Da war was:</p>Adventskalender (6)Gute Leute. Gute Tage.Wie ich mich in der Mitte einer Kreuzung auf ein Schild setzte, dort den Winter verbrachte und die Welt sich trotzdem weiterdrehte.Das war die Frage.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Autorin dieser Zeilen sitzt in diesem Moment, beim Verfassen derselben, in einem überaus niedlichen Café weit außerhalb der Tore Berlins. Fern von zuhause, ganz nah am Meer den Kopf ein bisschen freikriegen, vor allem aber sehr viel arbeiten und noch mehr schreiben &#8211; das ist der Plan.</p>
<p>Und weil <a href="http://wunder.schoenaberselten.com/?p=8084">die Plätzchenaktion</a> schon so lange her ist und ich euch, hoch verehrte Leserschaft, so schätze, gibt es nun mal wieder etwas.</p>
<p><a href="http://wunder.schoenaberselten.com/wp-content/uploads/2012/04/nordsee1.jpg" rel="lightbox[8364]"><img class="alignnone size-medium wp-image-8365" title="nordseeabendmitvielwind" src="http://wunder.schoenaberselten.com/wp-content/uploads/2012/04/nordsee1-600x374.jpg" alt="" width="800" height="500" /></a></p>
<p>Was zu tun ist: einfach hier kommentieren und bis Mittwoch Abend Geduld haben, da verrate ich, welche fünf Glücklichen mitreisen.</p>
<p>Was es es zu gewinnen gibt, das wird aussehen wie eine Postkarte. Doch es wird eine besondere Postkarte sein: Handgeschrieben, veredelt mit Küstenwind, einer Prise Sand und einer klitzekleinen Spur Tee mit Kandis, mit Apfelstreuselkuchen und Schlagsahne und einem Schuss Rum.</p>
<p>Eine kleine Alltagsflucht, ein Augenblick weg von allem, eine Reise hierher ans Meer. Ich freue mich auf eure Kommentare und wünsche viel Glück! Und jetzt schon: gute Reise.</p>
<div id="crp_related"><br> </br><b>Da war was:</b></p><ul><li><a href="http://wunder.schoenaberselten.com/?p=6275" rel="bookmark" class="crp_title">Adventskalender (6)</a></li><li><a href="http://wunder.schoenaberselten.com/?p=5793" rel="bookmark" class="crp_title">Gute Leute. Gute Tage.</a></li><li><a href="http://wunder.schoenaberselten.com/?p=8251" rel="bookmark" class="crp_title">Wie ich mich in der Mitte einer Kreuzung auf ein Schild setzte, dort den Winter verbrachte und die Welt sich trotzdem weiterdrehte.</a></li><li><a href="http://wunder.schoenaberselten.com/?p=7027" rel="bookmark" class="crp_title">Das war die Frage.</a></li></ul></div> <p><a href="http://wunder.schoenaberselten.com/?flattrss_redirect&amp;id=8364&amp;md5=224291436cf7ae841d25e328dbd5129a" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://wunder.schoenaberselten.com/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://wunder.schoenaberselten.com/?feed=rss2&#038;p=8364</wfw:commentRss>
		<slash:comments>11</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Wegweh</title>
		<link>http://wunder.schoenaberselten.com/?p=8348</link>
		<comments>http://wunder.schoenaberselten.com/?p=8348#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 18 Mar 2012 23:13:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Miel</dc:creator>
				<category><![CDATA[berlin]]></category>
		<category><![CDATA[heimat]]></category>
		<category><![CDATA[reisen]]></category>
		<category><![CDATA[unterwegs]]></category>
		<category><![CDATA[vermissen]]></category>
		<category><![CDATA[weg]]></category>
		<category><![CDATA[zug]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://wunder.schoenaberselten.com/?p=8348</guid>
		<description><![CDATA[<p>.</p> <p>Meine Augen laufen die Schienen entlang, ich zähle die Schwellen, bis sie verschwimmen und verschwinden. Zu viele Bilder pro Sekunde, als der Zug schneller fährt, und die Bäume an der Strecke verschwimmen zu einem einzigen Grün. Strommasten, Felder, Hochspannungsleitungen, Feldwege, Häuser, Gleisbetten, Hochhäuser, Autobahnen, der Zug wird langsamer, bleibt stehen. Ich wuchte meine Tasche aus dem Gepäckfach, steige aus, atme ein. Wieder eine neue Stadt. Wieder ein Bahnhofsgebäude, das von innen genauso aussieht wie alle anderen, in Brandenburg, in Magdeburg, in Braunschweig, in Wolfsburg, die selbe beschissene Architektur, die keine ist, die selben beschissenen Läden, die selben beschissenen Raucherzonen ganz am Ende des Gebäudes. Ich lasse meine Tasche fallen, setze mich daneben auf den Boden und es ist mir egal, dass ich einen Minirock trage, wie mir alles egal ist.</p> <p>Ich zünde eine Zigarette an und wundere mich, wie man anfangen kann, Menschen zu vermissen. Den Menschen an sich, als Gruppe eine verachtenswerte Spezies, als Individuum durchaus beachtens- und liebenswert. So passiert es manchmal doch, dass einem ein Mensch passiert. Einem frontal ans Schienbein kracht, in den Magen, in den Kopf, ins Herz, schon ist er da, und dort, wo er ist, ist ein Fleck, und der geht nicht so einfach weg.</p> <p>Seit eineinhalb Jahren nun wohne ich in der selben Stadt. Es ist eine große Stadt, die, wie jede Stadt, in Wahrheit, ein einziges Dorf ist. Meist geschah es bisher nach spätestens einem Jahr am selben Ort: das Wegweh packte mich. Wegweh, die große Sehnsucht nach nichts. Wegweh weiß nicht wohin mit sich und seiner Sehnsucht, es weiß nur, dass es weg muss. Wegweh kann enden in einem Dorf im tiefsten Mecklenburg-Vorpommern, in Bielefeld, an einem norwegischen Fjord oder in einem Flieger nach Kalifornien, das Wegweh weiß nie, wo es endet, sobald es einmal angefangen hat.</p> <p>Wegweh ist [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="color: #ffffff;">.</span></p>
<div id="haiku-player4" class="haiku-player"></div><div id="player-container4" class="player-container"><div id="haiku-button4" class="haiku-button"><a title="Listen to hörbar" class="play" href="http://dl.dropbox.com/u/25592547/Wegweh.mp3"><img alt="Listen to hörbar" class="listen" src="http://wunder.schoenaberselten.com/wp-content/plugins/haiku-minimalist-audio-player/resources/play.png"  /></a>
		
		<ul id="controls4" class="controls"><li class="pause"><a href="javascript: void(0);"></a></li><li class="play"><a href="javascript: void(0);"></a></li><li class="stop"><a href="javascript: void(0);"></a></li><li id="sliderPlayback4" class="sliderplayback"></li></ul></div>
	</div><!-- player_container-->
	

<p>Meine Augen laufen die Schienen entlang, ich zähle die Schwellen, bis sie verschwimmen und verschwinden. Zu viele Bilder pro Sekunde, als der Zug schneller fährt, und die Bäume an der Strecke verschwimmen zu einem einzigen Grün. Strommasten, Felder, Hochspannungsleitungen, Feldwege, Häuser, Gleisbetten, Hochhäuser, Autobahnen, der Zug wird langsamer, bleibt stehen. Ich wuchte meine Tasche aus dem Gepäckfach, steige aus, atme ein. Wieder eine neue Stadt. Wieder ein Bahnhofsgebäude, das von innen genauso aussieht wie alle anderen, in Brandenburg, in Magdeburg, in Braunschweig, in Wolfsburg, die selbe beschissene Architektur, die keine ist, die selben beschissenen Läden, die selben beschissenen Raucherzonen ganz am Ende des Gebäudes. Ich lasse meine Tasche fallen, setze mich daneben auf den Boden und es ist mir egal, dass ich einen Minirock trage, wie mir alles egal ist.</p>
<p>Ich zünde eine Zigarette an und wundere mich, wie man anfangen kann, Menschen zu vermissen. Den Menschen an sich, als Gruppe eine verachtenswerte Spezies, als Individuum durchaus beachtens- und liebenswert. So passiert es manchmal doch, dass einem ein Mensch passiert. Einem frontal ans Schienbein kracht, in den Magen, in den Kopf, ins Herz, schon ist er da, und dort, wo er ist, ist ein Fleck, und der geht nicht so einfach weg.</p>
<p>Seit eineinhalb Jahren nun wohne ich in der selben Stadt. Es ist eine große Stadt, die, wie jede Stadt, in Wahrheit, ein einziges Dorf ist. Meist geschah es bisher nach spätestens einem Jahr am selben Ort: das Wegweh packte mich. Wegweh, die große Sehnsucht nach nichts. Wegweh weiß nicht wohin mit sich und seiner Sehnsucht, es weiß nur, dass es weg muss. Wegweh kann enden in einem Dorf im tiefsten Mecklenburg-Vorpommern, in Bielefeld, an einem norwegischen Fjord oder in einem Flieger nach Kalifornien, das Wegweh weiß nie, wo es endet, sobald es einmal angefangen hat.</p>
<p>Wegweh ist schwer zu diagnostizieren und noch schwieriger zu therapieren, denn wo soll man hinfahren, wenn man nicht weiß, wohin? Jedes Verkehrsmittel ist im Zweifelsfall das falsche, jeder Zug fährt in die falsche Richtung, jedes Flugzeug landet an einem falschen Flughafen, und dann steht man da und hat nichts, geschweige denn irgendeine Ahnung. Denn man könnte froh sein, weg zu sein, aber man ist nur überzeugt, im falschen Weg zu sein, am falschen Ort, und obwohl man weg ist von da, wo man herkommt, ist es doch alles nicht richtig.</p>
<p>Alles, was einem übrig bleibt gegen das Wegweh, ist der Versuch einer Distanz. Man könnte beginnen mit einer Distanz zu sich selbst, damit, zu hinterfragen, woher es kommt, das Wegweh, was sich änderte, wenn man weg ginge, sich aus allem zurückzoge, sich von allem entfernte. Aber am Ende wären das nur nervige Fragen an einen überforderten Kopf, Fragen, die doch eigentlich ohnehin nur ein Bauch beantworten kann. Doch der Bauch spricht nur selten, nur, wenn es ganz still ist um einen herum, wenn er Lust hat und in guter Stimmung zum Plaudern ist. Die Stadt ist zu laut, als dass man da noch den Bauch hören könnte, der Lärm übertönt ihn und meist bleibt einem so kaum etwas anderes übrig, als es einfach zu versuchen. Sich wegzubewegen. Selbst wenn man dann nicht weiß, ob man sich in die richtige Richtung bewegt.</p>
<p>Ich stehe auf, nehme meine Tasche, gehe zu einem anderen Gleis, der Zug fährt weiter, ich weiß nicht, wohin. Blaue Bagger, Industrieanlagen, Container, Betonbunker, verfallene Bahnhofshäuser, ein Mensch, man kann gar nicht so schnell schreiben, wie draußen alles vorüberzieht, man kann gar nicht so schnell bemerken, dass für einen halben Augenblick alles gut ist, bevor es schon wieder vorüber ist.</p>
<p><em>(August 2011)</em></p>
<div id="crp_related"><br> </br><b>Da war was:</b></p><ul><li><a href="http://wunder.schoenaberselten.com/?p=7319" rel="bookmark" class="crp_title">Rehe</a></li><li><a href="http://wunder.schoenaberselten.com/?p=7027" rel="bookmark" class="crp_title">Das war die Frage.</a></li><li><a href="http://wunder.schoenaberselten.com/?p=8286" rel="bookmark" class="crp_title">Nagyon boldog ist Ungarisch und heißt herzensfroh. Herzensfroh ist ein schönes Wort.</a></li><li><a href="http://wunder.schoenaberselten.com/?p=6176" rel="bookmark" class="crp_title">Schwalbensommer, oder: Liebenbleiben</a></li></ul></div> <p><a href="http://wunder.schoenaberselten.com/?flattrss_redirect&amp;id=8348&amp;md5=23f599cd8f46658d16e3dc10b443c86e" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://wunder.schoenaberselten.com/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://wunder.schoenaberselten.com/?feed=rss2&#038;p=8348</wfw:commentRss>
		<slash:comments>1</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Wir waren uns ein Seismograph</title>
		<link>http://wunder.schoenaberselten.com/?p=8335</link>
		<comments>http://wunder.schoenaberselten.com/?p=8335#comments</comments>
		<pubDate>Sat, 10 Mar 2012 00:42:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Miel</dc:creator>
				<category><![CDATA[berlin]]></category>
		<category><![CDATA[frühling]]></category>
		<category><![CDATA[kurzgeschichten]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://wunder.schoenaberselten.com/?p=8335</guid>
		<description><![CDATA[<p>Am vorletzten U-Bahnhof vor dem Ende der Welt (das Ende der Welt ist dort, wo Brandenburg beginnt) steht es in großen schwarzen Lettern auf einer Wand.</p> <p>SIE LIEBT DICH. -</p> <p>Es war Abend und die Welt tat, was sie zu tun hatte: weit draußen rauschte ein Zug vorbei, irgendwo hockte ein Vogel und sang heiser ein Nachtlied, die Wolken standen am Himmel, weil sie es mussten, die Hochhäuser am Horizont hielten die Erde davon ab, wegzufliegen, die Straßen zementierten die Trampelpfade der Leute, die Ampeln machten den Takt. Alles war wie immer.</p> <p>Die Lampions glitzerten in der Abendsonne. Die kahlen Bäume versanken in weichem Licht. Es wehte ein Wind, die Art von bewegter Luft, die etwas verhieß, ohne etwas zu versprechen, in der ein wenig Pathos lag, und dort lag er zu Recht. Denn weit außerhalb der Stadt, im Garten eines winzigen Hauses, war nichts wie immer. Dort, auf einem Stück Boden von fünfhundertfünzig Quadratzentimetern, stand eine Frau mit der festen Absicht, der Unvernunft zu begegnen.</p> <p>Sie war geflüchtet. Sie hatte keine Jacke mit nach draußen genommen, sie trug nur ein Sommerkleid, und sie trug es wie einen leisen Protest in Rot, wie einen Aufstand gegen die Winterreste. Sie hatte die Schuhe ausgezogen, ihre Füße versanken in der kalten Erde, sie legte den Kopf in den Nacken, sog die Luft ein und probierte, ob sie zwischen Abgasen, Industriestaub und Menschenatem einen Frühling schmecken konnte.</p> <p>Frühling schmeckt nicht.</p> <p>Sie ging einige Schritte weiter, setzte sich auf die Mauer am Rande des Gartens, hielt ihr Glas mit beiden Händen fest und zwang sich, zu denken. Das Jahr war erst achtundzwanzig Tage alt und am siebenundzwanzigsten von ihnen hatte sie eine Illusion begraben. Ihre Illusionen entwickelten sich mittlerweile wie die Jahreszeiten, sie kamen, sie gingen, jetzt waren sie wieder einmal verschwunden. Das machte [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Am vorletzten U-Bahnhof vor dem Ende der Welt (das Ende der Welt ist dort, wo Brandenburg beginnt) steht es in großen schwarzen Lettern auf einer Wand.</em></p>
<p><span style="font-size: medium;">SIE LIEBT DICH.</span><br />
-</p>
<p>Es war Abend und die Welt tat, was sie zu tun hatte: weit draußen rauschte ein Zug vorbei, irgendwo hockte ein Vogel und sang heiser ein Nachtlied, die Wolken standen am Himmel, weil sie es mussten, die Hochhäuser am Horizont hielten die Erde davon ab, wegzufliegen, die Straßen zementierten die Trampelpfade der Leute, die Ampeln machten den Takt. Alles war wie immer.</p>
<p>Die Lampions glitzerten in der Abendsonne. Die kahlen Bäume versanken in weichem Licht. Es wehte ein Wind, die Art von bewegter Luft, die etwas verhieß, ohne etwas zu versprechen, in der ein wenig Pathos lag, und dort lag er zu Recht. Denn weit außerhalb der Stadt, im Garten eines winzigen Hauses, war nichts wie immer. Dort, auf einem Stück Boden von fünfhundertfünzig Quadratzentimetern, stand <span id="more-8335"></span>eine Frau mit der festen Absicht, der Unvernunft zu begegnen.</p>
<p>Sie war geflüchtet. Sie hatte keine Jacke mit nach draußen genommen, sie trug nur ein Sommerkleid, und sie trug es wie einen leisen Protest in Rot, wie einen Aufstand gegen die Winterreste. Sie hatte die Schuhe ausgezogen, ihre Füße versanken in der kalten Erde, sie legte den Kopf in den Nacken, sog die Luft ein und probierte, ob sie zwischen Abgasen, Industriestaub und Menschenatem einen Frühling schmecken konnte.</p>
<p>Frühling schmeckt nicht.</p>
<p>Sie ging einige Schritte weiter, setzte sich auf die Mauer am Rande des Gartens, hielt ihr Glas mit beiden Händen fest und zwang sich, zu denken. Das Jahr war erst achtundzwanzig Tage alt und am siebenundzwanzigsten von ihnen hatte sie eine Illusion begraben. Ihre Illusionen entwickelten sich mittlerweile wie die Jahreszeiten, sie kamen, sie gingen, jetzt waren sie wieder einmal verschwunden. Das machte nichts, weil das immer so war, seit Jahren ein feststehendes Prinzip. Illusionen waren die Tulpenzwiebeln unter ihren Gefühlen.</p>
<p>Sie grub ihre Zehen zwischen die Moosschichten. Vielleicht war es wieder einmal Zeit für eine Reise, wieder einmal Zeit für eine andere Stadt. Sie dachte zurück, an die Zeit, als sie in diese Stadt gezogen war, dachte an den Hunger, diese bodenlose schwarze Gier, die sie mitgebracht hatte, damals, und daran, dass sie jetzt doch endlich satt sein sollte. Aber es hörte nie auf. Und alles, was blieb, war ein ständiges Pendeln zwischen Gier und Erbrechen. Die Stadt ist ein Fluss zwischen allen Extremen. Und löste sich in diesem Moment in Lichtern auf am Horizont.</p>
<p>Sie schloss die Augen, sah in die Sonne und fühlte der Wärme in ihrem Gesicht nach.</p>
<p>„Na, auch geflüchtet?“ Sie erschrak und drehte sich nach der Stimme um. Der unangenehm laute Ruf kam von einem, der in Jeans und Pullover und mit riesigem Schal um den Hals den kleinen Weg nahe dem Haus entlang ging.  Sie rief „ja“. Dann war die Sonne weg.</p>
<p>Die Lampions leuchteten wie bunte Farbkleckse eines minderbegabten Malers vor den Hochhäusern der Stadt. Vor den Hochhäusern bewegte sich der Mann, kurz traf ihn das bunte Licht, dann sah sie nur noch seine Silhouette. Es wurde schnell dunkel. heute Er kam auf sie zu, deutete auf die Mauer. „Darf ich?“</p>
<p>Sie nickte, er setzte sich neben sie, sie wandte ihren Blick wieder dahin, wo sie ihn zuletzt verloren hatte. „Schön hier“, stellte er fest und sah wie sie geradeaus über die Felder. Er schwieg.</p>
<p>Die Stille hielt bis zu dem Moment, in dem er sie ansah und fragte: „Wer bist du? Was machst du hier draußen? Was ist dein Plan?“</p>
<p>Sie hatte keine Lust auf Partykonversation. Sie war zu müde, um über eine Antwort nachzudenken. Also redete sie einfach und ließ das Denken sein. „Ich bin die Frau im roten Kleid. Hier draußen bin ich, weil ich nirgendwo anders sein will. Und der Plan ist: ich werde mich heute Abend hemmungslos betrinken und morgen früh werde ich mit einem verdammt großen Kater aufwachen (und nicht alleine aufzuwachen, das ist eines der besten Dinge, die man tun kann). Der weitere Plan steht noch nicht ganz fest. Ich denke, ich werde einen Jahrhundertroman schreiben, ich werde es schaffen, meine Wohnung aufzuräumen, dabei werde ich hinter einem Regal die Weltformel finden und damit die Welt retten. Und wenn das alles erledigt ist, überlege ich mir, was ich nächstes Jahr mache.&#8221;</p>
<p>Er lächelte. Er hatte freundliche Augen (freundliche Augen waren gut, sie waren wie Gesichter, nur echt). Die Augen lachten, er reichte ihr die Hand. „Hallo Superheldin. Ich bin Lars.“ Sie reichte ihm ihre Hand und sah ihm in die Augen. „Und was ist dein Plan? Für heute, morgen, nächste Woche und den ganzen großen Rest?“</p>
<p>Er strich sich übers Kinn, schien kurz zu überlegen und sagte bedächtig: „Also gut, Heldin. Der ganz große Plan ist: morgen werde ich wegfahren, ans andere Ende der Welt, nächste Woche werde ich noch immer dort sein und das tun, was ich dort tun muss. Und für den ganzen großen Rest habe ich Dinge vorgesehen, die ich dir nicht erzählen kann. Aber das – ist der Plan.“</p>
<p>„Ich wüsste nichts, was ich dich dazu fragen könnte. Oder was ich dazu sagen sollte.“</p>
<p>„Dann lass es sein. Und frag mich etwas anderes. Frag mich etwas, das du so schon hunderte Male gefragt hast, das du vielleicht nie wieder fragen wolltest.“</p>
<p>„Warum sollte ich das tun?“</p>
<p>„Weil dies mein letzter Abend in dieser Stadt ist, und ich verbringe ihn noch nicht einmal mit einem Fuß in der Stadt, sondern fernab von ihr. Weil wir uns nie wiedersehen werden. Weil ich nichts zu verlieren habe. Weil ich alles zu verlieren habe. Weil jemand später etwas über diesen Abend schreiben wird, und weil jeder, der davon liest, den Kopf schütteln und alles, besonders unser Gespräch, für unglaubwürdig halten wird, der sagen wird, eine solche Begegnung sei unmöglich. Und weil ich dir Dinge erzählen werde, die dir noch nie jemand erzählt hat, den du noch nicht einmal einen halben Sonnenuntergang lang kennst.“</p>
<p>„Dann stelle ich dir nun die Frage, die ich am seltensten stelle. Ich hasse beliebige Fragen, und ich hasse beliebige Antworten. Wenn ich dir nun also genau solch eine Frage stelle, will ich eine Antwort hören, die alles ist. Aber nicht beliebig.“ Sie rutschte ein Stück von ihm weg und drehte sich in seine Richtung, um ihn besser sehen zu können. Es wurde dunkel.</p>
<p>Er nickte. „Ich höre.“</p>
<p>„Die Frage ist: Und was machst du so?“</p>
<p>„Ich atme, ich reise, ich lebe, mal mehr, mal weniger. Ich rede, manchmal zu viel. Ich spiele Gitarre, meist zu wenig. Ich höre zum hundertsten Mal Jens Friebe und schreie aus allen Fenstern, ich schreie in die Stadt <em>ich möchte dir dienen und ich möchte dir Schnaps geben, nenn mich Lawinenhund, ich suche Leben</em>, weil ich genau weiß, dass es dieses Leben ist, das ich brauche. Ich kultiviere mein Lebensgefühl wie eine kleine Pflanze in einem Topf, die ich gieße und ins Licht stelle, obwohl ich nicht weiß, was für eine Pflanze es wird, wenn ich sie weiter wachsen lasse. Dieses Lebensgefühl ist wie Liebeslieder schreiben, obwohl du gar nicht genau weißt, für wen. Du wartest eigentlich nur darauf, dass du die triffst, für die du sie alle geschrieben hast, damit du irgendwann ein Album aufnehmen kannst und deine Band heißt wie du und du kannst es endlich schreiben, auf jedes Cover in großen Lettern, du sagst es der ganzen Welt, in der Hoffnung, dass es genau sie, diese Eine, hört: HEY, DU. JA, DU: ICH LIEBE DICH.</p>
<p>Es ist, jeden Morgen wieder aufzustehen, obwohl du gar nicht genau sagen kannst, warum, es ist, nach einer schlechten Nacht trotzdem jemanden in der Bahn anzulächeln, und zu hoffen, dass ein Lächeln zurückkommt. Es ist, in einem Winter zu versteinern und daran zu glauben, dass wieder ein Frühling kommt. Es ist, wenn du Eis ganz schnell ist, obwohl du genau weißt, dass du davon Kopfschmerzen bekommst, und es ist dir egal</p>
<p>Damit du endlich weißt, wofür du das alles die ganze Zeit gemacht hast. Das ist das Warten darauf, dass du endlich den Menschen findest, der für diese große Gefülskonserve, auf der GLÜCK draufsteht, die Zahlenkombination kennt. Das ist dieses eine Lied, das du immer immer immer wieder hörst, und du weißt noch nicht einmal warum, du erzählst es auch niemandem, weil das Lied so furchtbar peinlich ist, aber es ist genau das Lied, das dir klar macht, warum du diese Scheiße eigentlich durchstehst.</p>
<p>Er schwieg abrupt. Sie musste nachfragen. „Diese Scheiße? Welche Scheiße?“</p>
<p>„Die Flugzeugabstürze in meinem Bauch, die Bauchlandungen, wenn das Parkett zu glatt war zum Tanzen, die Scheiße, wenn du versuchst, etwas festzuhalten, und es zum Sand in deinen Fingern wird, und all die Blumen, die jedes Jahr zum 14. Februar verschenkt werden, die sorgsam getrocknet werden, und doch irgendwann auf dem Müll landen, und am Ende weiß wieder keiner, warum es so weit kam. Diese Scheiße.“</p>
<p>Sie sagte nichts. Er sagte nichts. Er sah nicht aus, als sollte sie etwas sagen, er sah nur geradeaus und schwieg.</p>
<p>Sie stand auf, ging Richtung Haus, in ihrem Kopf eine Endlosschleife aus den letzten drei Minuten. Sie streifte ihre Füße an der Fußmatte ab, kleine Erdkrumen sammelten sich zwischen den Borsten, sie öffnete die blaue Tür, ging über die kalten Terrakottafliesen am Wohnzimmer vorbei und sah kurz nach rechts. Die anderen saßen auf den Sofas und auf dem Boden, es lief David Bowie, jemand hatte WIR WERDEN GOLD SEIN auf die Wand geschrieben. Sie nickte ihnen zu, ging in die Küche, nahm Wein aus dem Regal, entkorkte die Flasche Wein und ging wieder nach draußen, ohne noch einmal ins Wohnzimmer zu sehen</p>
<p>Sie setzte sich wieder neben ihn, trank einen Schluck und reichte ihm die Flasche. „Glaubst du ans Glück?“</p>
<p>Er neigte den Kopf, und sagte zur Flasche: „Ja. Uneingeschränkt.  Und du?“</p>
<p>„Ich glaube daran, dass das Glück mehrere Namen hat. Dass es ein Glück für jeden gibt, in jeder Situation.“</p>
<p>„Und glaubst du an die Liebe?“</p>
<p>„Die Frage ist doch: glaubt die Liebe an mich? Und ich glaube, ja, das tut sie. Die Liebe ist ein Irrtum, ein Fehler, ein Sichaufgeben, ein Sichfallenlassen in den Abgrund ohne Fallschirm, es ist der Sprung in den Wahnsinn, und wenn man springt, dann mit voller Absicht. Und im Bewusstsein, dass es irgendwann knallt und dann hat einen der Boden und irgendwas zerbricht. Weil immer irgendwas zerbricht. Aber es ist okay. Weil das Fliegen so schön war.“</p>
<p>„Kennst du sie? Die Liebe?“</p>
<p>„Ich bin nicht sicher, ob ich sie gut kenne. Ich weiß nur: Einmal habe ich die Liebe getroffen. Sie stand an einer Bar und hatte eine Zigarette im Mundwinkel, außerdem hatte sie seit drei Tagen nicht geduscht und sich seit Wochen nicht rasiert. So stand die Liebe da. Und ist für drei Jahre geblieben. Und dieses Bild wird mich immer daran erinnern, dass es die Liebe gibt. Dass dieses Fliegen möglich ist. Und dass es nicht wild ist, wenn man danach auf den Boden der Tatsachen kracht. Denn auf einer Wand in meiner Herzkammer ist dieser Name tätowiert. Und diese Liebe wird immer bei mir sein. Wir waren uns ein Seismograph.&#8221;</p>
<p>„Aber was ist jetzt? Bist du allein, Heldin?“ – „Ja.“ – „Und bist du glücklich?“ – „Sehr.“</p>
<p>Er schwieg. Sie trank noch einen Schluck. „Weißt du &#8230; Ich mag diese Art von Glück. Ich kann es immer für mich haben, ich kann davon abgeben, wenn ich möchte, für eine Nacht, einen Tag oder eine Woche. Und ich weiß, dass alles passieren kann. Aber dass es nie weniger werden wird, nur weil jemand geht.“</p>
<p>Ab diesem letzten Satz war es still zwischen ihnen. Später konnte niemand mehr sagen, wie lange. Irgendwann legten sich in die Stille die letzten Worte, die jemals zwischen ihnen fielen.</p>
<p>„Ich habe etwas vergessen, bei meinem Plan.“ Er sah sie möglicherweise an, als er das sagte, sie wusste es nicht, sie konnte ihn kaum mehr sehen. Die Nacht war eine Wand zwischen ihnen. „Ich werde morgen abreisen. Und heute Abend will ich, dass du bleibst.“</p>
<p>-</p>
<p><em>Als ihre U-Bahn an der vorletzten Station hielt, stieg sie aus. Sie sah sich um. Die Uhr stand auf halb sieben, es dämmerte, auf dem Bahnsteig war niemand zu sehen. Sie zog einen schwarzen Stift aus ihrer Tasche und fing an. Sie hatte Zeit.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<div id="crp_related"><br> </br><b>Da war was:</b></p><ul><li><a href="http://wunder.schoenaberselten.com/?p=6343" rel="bookmark" class="crp_title">3 Tage</a></li><li><a href="http://wunder.schoenaberselten.com/?p=6705" rel="bookmark" class="crp_title">Ein Sonntagsmärchen</a></li><li><a href="http://wunder.schoenaberselten.com/?p=8052" rel="bookmark" class="crp_title">Alle Farben dieser Welt. Eine Novembergeschichte.</a></li><li><a href="http://wunder.schoenaberselten.com/?p=6630" rel="bookmark" class="crp_title">Helden wie wir</a></li></ul></div> <p><a href="http://wunder.schoenaberselten.com/?flattrss_redirect&amp;id=8335&amp;md5=86d23224152e7564909688a0313c4a64" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://wunder.schoenaberselten.com/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://wunder.schoenaberselten.com/?feed=rss2&#038;p=8335</wfw:commentRss>
		<slash:comments>3</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Immer wird es Nacht sein</title>
		<link>http://wunder.schoenaberselten.com/?p=8305</link>
		<comments>http://wunder.schoenaberselten.com/?p=8305#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 05 Mar 2012 00:31:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Miel</dc:creator>
				<category><![CDATA[stattstadtleben]]></category>
		<category><![CDATA[berlin]]></category>
		<category><![CDATA[du]]></category>
		<category><![CDATA[ja]]></category>
		<category><![CDATA[montag]]></category>
		<category><![CDATA[stadtstattleben]]></category>
		<category><![CDATA[vielleicht]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://wunder.schoenaberselten.com/?p=8305</guid>
		<description><![CDATA[<p>.</p> <p>In meinem Traum warst Du, bis ich begriff, dass Du kein Traum warst, als Deine Stimme sich mit dem Weckerklingeln mischte, als blechern das Geräusch aus deinem Telefon in die weiche Stille des Schlafzimmers krachte. Du rütteltest mich an der Schulter. &#8220;Hey! Aufwachen!&#8221; Fünf Uhr zwanzig.</p> <p>Kein Morgen wird gut, nur weil man &#8220;guten Morgen&#8221; sagt, ich weiß nicht einmal mehr, ob ich zu dir &#8220;guten Morgen&#8221; gesagt habe, ich weiß auch nicht mehr, wie ich ins Bad kam, meine erste klare Erinnerung ist der erste Wassertropfen aus der Dusche und dass ich dachte, immer, wenn ich dein Haarshampoo benutze, rieche ich wie du, womöglich verliebe ich mich bei Gelegenheit einfach mal in mich selbst, Dinge, die ich so denke, wenn ich dusche und nicht über die Wassertemperatur sinniere.</p> <p>Ich kniff die Augen zusammen und hörte das Knistern der Tropfen in meinem Haar, drehte den Wasserhahn zu, sah die letzten Wölkchen Shampoo im Abfluss verschwinden, stieg aus der Dusche und hinterließ eine Wasserspur im Bad, putzte mir die Zähne, zog mich an, föhnte meine Haare, tuschte meine Wimpern, zog Mantel und Schuhe an, öffnete noch einmal leise die Tür zum Schlafzimmer und flüsterte. &#8220;Schlaf noch schön.&#8221; Ich gab dir einen Kuss auf die Wange, warf im Flur einen Blick in den Spiegel, machte das Licht aus und ging.</p> <p>Jetzt ist es zehn vor sechs, es regnet, ein warmer Wind hat in der Nacht die letzten Schneereste zu Wasser verwandelt. Das Wasser rinnt die Straße entlang. Ich stelle mich unters Dach des Wartehäuschens. Hinter der Bushaltestelle ist eine Kneipe mit großen Fenstern, die Kneipe ist immer geöffnet, hinter den Fenstern leuchtet immer ein Licht und an diesem Montag Morgen sitzt hinter einem der Fenster eine Frau. Vor ihr steht ein Bier, sie schaut aus dem Fenster und ich frage mich, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="color: #ffffff;">.</span></p>
<div id="haiku-player6" class="haiku-player"></div><div id="player-container6" class="player-container"><div id="haiku-button6" class="haiku-button"><a title="Listen to hörbar" class="play" href="http://dl.dropbox.com/u/25592547/Immer%20wird%20es%20Nacht%20sein.mp3"><img alt="Listen to hörbar" class="listen" src="http://wunder.schoenaberselten.com/wp-content/plugins/haiku-minimalist-audio-player/resources/play.png"  /></a>
		
		<ul id="controls6" class="controls"><li class="pause"><a href="javascript: void(0);"></a></li><li class="play"><a href="javascript: void(0);"></a></li><li class="stop"><a href="javascript: void(0);"></a></li><li id="sliderPlayback6" class="sliderplayback"></li></ul></div>
	</div><!-- player_container-->
	

<p>In meinem Traum warst Du, bis ich begriff, dass Du kein Traum warst, als Deine Stimme sich mit dem Weckerklingeln mischte, als blechern das Geräusch aus deinem Telefon in die weiche Stille des Schlafzimmers krachte. Du rütteltest mich an der Schulter. &#8220;Hey! Aufwachen!&#8221; Fünf Uhr zwanzig.</p>
<p>Kein Morgen wird gut, nur weil man &#8220;guten Morgen&#8221; sagt, ich weiß nicht einmal mehr, ob ich zu dir &#8220;guten Morgen&#8221; gesagt habe, ich weiß auch nicht mehr, wie ich ins Bad kam, meine erste klare Erinnerung ist der erste Wassertropfen aus der Dusche und dass ich dachte, immer, wenn ich dein Haarshampoo benutze, rieche ich wie du, womöglich <span id="more-8305"></span>verliebe ich mich bei Gelegenheit einfach mal in mich selbst, Dinge, die ich so denke, wenn ich dusche und nicht über die Wassertemperatur sinniere.</p>
<p>Ich kniff die Augen zusammen und hörte das Knistern der Tropfen in meinem Haar, drehte den Wasserhahn zu, sah die letzten Wölkchen Shampoo im Abfluss verschwinden, stieg aus der Dusche und hinterließ eine Wasserspur im Bad, putzte mir die Zähne, zog mich an, föhnte meine Haare, tuschte meine Wimpern, zog Mantel und Schuhe an, öffnete noch einmal leise die Tür zum Schlafzimmer und flüsterte. &#8220;Schlaf noch schön.&#8221; Ich gab dir einen Kuss auf die Wange, warf im Flur einen Blick in den Spiegel, machte das Licht aus und ging.</p>
<p>Jetzt ist es zehn vor sechs, es regnet, ein warmer Wind hat in der Nacht die letzten Schneereste zu Wasser verwandelt. Das Wasser rinnt die Straße entlang. Ich stelle mich unters Dach des Wartehäuschens. Hinter der Bushaltestelle ist eine Kneipe mit großen Fenstern, die Kneipe ist immer geöffnet, hinter den Fenstern leuchtet immer ein Licht und an diesem Montag Morgen sitzt hinter einem der Fenster eine Frau. Vor ihr steht ein Bier, sie schaut aus dem Fenster und ich frage mich, wie das wohl wäre, mich mit ihrem Blick zu sehen, mit diesen Augen, die zwanzig Jahre mehr gesehen haben als meine Augen bis jetzt:</p>
<p><em>Der Mantel zu rot, die Absätze zu hoch, die Haare regennass, der Blick wintermüde</em>, so sähe ich mich dastehen, <em>als ob sie wartet, auf einen Bus, der schon lange abgefahren ist und niemals wiederkommen wird</em>. Ich sähe eine schwere Tasche, vielleicht mit Kleidern, mit Unterlagen für eine Arbeit, vielleicht mit einem Leben, ich wüsste es nicht, denn woher soll man wissen, was jemand mit sich trägt, nur weil er Gepäck dabei hat.</p>
<p>Mein Ich in zwanzig Jahren ginge auf die fünfzig zu. Mein jetziges Ich geht auf nichts zu, noch nicht einmal auf ein bestimmtes Alter. Ich weiß nicht, was ich mir raten würde. In zwanzig Jahren. Vielleicht würde ich mir sagen, dass man das, was man hat, festhalten muss, selbst wenn es an manchen Tagen so schwer scheint, dass man es kaum tragen kann. Dass manche Chancen nur einmal kommen und danach nie wieder, dass sich alles retten lässt, wenn man es nur will. Und ich würde mich fragen: willst du? Vielleicht würde ich mich auch nicht anhören wie ein Philosophiebuch von Precht und auch nicht wie der erste Platz der Spiegel-Bestsellerliste. Vielleicht würde ich mir einfach vorwerfen, es nie genug versucht zu haben, mich nicht angestrengt zu haben. Leichtfertig gewesen zu sein, mit den Plänen, die ich einst hatte.</p>
<p>Vielleicht, in zwanzig Jahren, säße ich gar nicht hier. Vielleicht lebte ich in der Stadt meiner Träume, vielleicht mit der Liebe dieses Lebens, vielleicht mit Dir. Vielleicht weiß ich dann, dass Du doch dieser verdammte Prinz auf diesem verdammten Gaul warst. Vielleicht bist Du es dann noch. Vielleicht. Vielleicht würde ich auch noch einen Schluck von meinem Bier nehmen, die <em>verdammte Kreativwirtschaft</em> verfluchen (meine Stimme wäre sehr tief, dann) und die nächste Seite der BILD aufschlagen. Vielleicht wäre ich einfach verbittert und würde nichts mehr sagen.</p>
<p>Vielleicht. Vielleicht. Vielleicht. Wenn das Leben eine Autobahn ist, ist Vielleicht die Standspur.</p>
<p>Ein Auto hupt, ich öffne die Augen, blinzle in die Halbnacht. Das Licht in der Kneipe ist aus, die Frau verschwunden. Die zehn Minuten sind vorbei, auf den nassen Straßen spiegeln sich die Lichter der Autos. Die Straßenlaternen gehen aus, gleich öffnet der Supermarkt nebenan.</p>
<p>Ein Radfahrer fährt vorbei, er hält einen schwarzen Regenschirm über seinen Kopf.  Manchmal wünschte ich, ich wäre ein Schirm. Gut gegen Sonne, gut gegen Regen, gut gegen Schneesturm, gut gegen achtzig Arten Wind. Was ich jetzt bin, ist am Ende der Straße, dort, wo schon der Bus zu sehen ist. Gleich werde ich eine Entscheidung treffen und der Tag wird beginnen. Der Bus hält an und ich sage Nein zu Vielleicht. Ich sage Ja zu Ja.</p>
<p>Ich denke noch einmal an dich. Und ich weiß, dass du schläfst.</p>
<p>Gute Nacht, gute Nacht, gute Nacht.</p>
<div id="crp_related"><br> </br><b>Da war was:</b></p><ul><li><a href="http://wunder.schoenaberselten.com/?p=7351" rel="bookmark" class="crp_title">Friedrichstraße 145</a></li><li><a href="http://wunder.schoenaberselten.com/?p=8024" rel="bookmark" class="crp_title">Schreiben ist Selbstverteidigung.</a></li><li><a href="http://wunder.schoenaberselten.com/?p=7246" rel="bookmark" class="crp_title">Was Morgen ist</a></li><li><a href="http://wunder.schoenaberselten.com/?p=6630" rel="bookmark" class="crp_title">Helden wie wir</a></li></ul></div> <p><a href="http://wunder.schoenaberselten.com/?flattrss_redirect&amp;id=8305&amp;md5=3321eb8bcc463244ae1f6adb13ad8460" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://wunder.schoenaberselten.com/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://wunder.schoenaberselten.com/?feed=rss2&#038;p=8305</wfw:commentRss>
		<slash:comments>2</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Geht auf die Straßen raus und tanzt!</title>
		<link>http://wunder.schoenaberselten.com/?p=8290</link>
		<comments>http://wunder.schoenaberselten.com/?p=8290#comments</comments>
		<pubDate>Sat, 03 Mar 2012 13:48:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Miel</dc:creator>
				<category><![CDATA[stattstadtleben]]></category>
		<category><![CDATA[anfangen]]></category>
		<category><![CDATA[aufhören]]></category>
		<category><![CDATA[berlin]]></category>
		<category><![CDATA[fruehling]]></category>
		<category><![CDATA[manifest]]></category>
		<category><![CDATA[stadt]]></category>
		<category><![CDATA[tanzen]]></category>
		<category><![CDATA[unvernunft]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://wunder.schoenaberselten.com/?p=8290</guid>
		<description><![CDATA[<p>Packt eure Mäntel in den Schrank, werft eure Wollschals in die Ecke, lasst eure Handschuhe zuhause und hört auf, euch unter euren Mützen zu verstecken. Steckt eure schwarzen Klamotten in eine Kiste und tragt mal wieder Rot und Grün und Bunt, kippt alle Glühweinreste und den Zimt weg, verbrennt die Tannenbäume und macht die Fenster auf, damit ihr es hören könnt, wenn sie es von den Dächern rufen: der Frühling ist da.</p> <p>Holt eure Sonnenbrillen raus, poliert eure Fahrräder, räkelt euch, dehnt euch und streckt euch dem Licht entgegen. Lasst eure Bärte wachsen, holt die Fusseln aus euren Bauchnäbeln, schaltet mal auf Durchzug und lasst den Wind an eure Frisuren. Setzt euch auf die Parkbänke da draußen, haltet eure winterblasse Haut in die Sonne, blinzelt in die blauen Himmel, macht eure Ohren auf und hört eure Städte wieder atmen. Macht eure Augen mal wieder auf.</p> <p>Vergesst den Schmerz, vergesst die Angst, hört auf, irgendwas peinlich zu finden, hört auf, euch ständig Fragen zu stellen. Schaltet eure Köpfe aus, denkt mal nicht nach, hört auf, traurige Gedichte zu schreiben, vergesst die Balladen, die Liebeslieder und alles unter 60bpm, macht mal wieder Sport, probiert aus, wie weit ihr gehen könnt, fahrt mal wieder aus eurer Haut, macht mal was anderes. Biegt falsch ab, fahrt Umwege, geht raus aus euren Zimmern, euren Wohnungen, euren Kiezen, euren Städten, vergesst mal alle Pläne und eure Ziele, lasst eure Terminkalender zuhause und sperrt die Vernunft in einen Käfig. Hört auf, vom Leben zu träumen, geht doch einfach mal da hin, wo es ist.</p> <p>Bestellt einen großen Container und schmeißt weg, was euch die Luft nimmt und sagt zum Abschied leise fuck you, weint keinem Ding auch nur eine Träne nach, kauft einen Bagger und grabt ein tiefes Loch, bestellt die Betonmischer und macht ein neues Fundament [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Packt eure Mäntel in den Schrank, werft eure Wollschals in die Ecke, lasst eure Handschuhe zuhause und hört auf, euch unter euren Mützen zu verstecken. Steckt eure schwarzen Klamotten in eine Kiste und tragt mal wieder Rot und Grün und Bunt, kippt alle Glühweinreste und den Zimt weg, verbrennt die Tannenbäume und macht die Fenster auf, damit ihr es hören könnt, wenn sie es von den Dächern rufen: der Frühling ist da.</p>
<p>Holt eure Sonnenbrillen raus, poliert eure Fahrräder, räkelt euch, dehnt euch und streckt euch dem Licht entgegen. Lasst eure Bärte wachsen, holt die Fusseln aus euren Bauchnäbeln, schaltet mal auf Durchzug und lasst den Wind an eure Frisuren. Setzt euch auf die Parkbänke da draußen, haltet eure winterblasse Haut in die Sonne, blinzelt in die blauen Himmel, macht eure Ohren auf und hört eure Städte wieder atmen. Macht eure Augen mal wieder auf.</p>
<p>Vergesst den Schmerz, vergesst die Angst, hört auf, irgendwas peinlich zu finden, hört auf, euch ständig Fragen zu stellen. Schaltet eure Köpfe aus, denkt mal nicht nach, hört auf, traurige Gedichte zu schreiben, vergesst die Balladen, die Liebeslieder und alles unter 60bpm, macht mal wieder Sport, probiert aus, wie weit ihr gehen könnt, fahrt mal wieder aus eurer Haut, macht mal was anderes. Biegt falsch ab, fahrt Umwege, geht raus aus euren Zimmern, euren Wohnungen, euren Kiezen, euren Städten, vergesst mal alle Pläne und eure Ziele, lasst eure Terminkalender zuhause und sperrt die Vernunft in einen Käfig. Hört auf, vom Leben zu träumen, geht doch einfach mal da hin, wo es ist.</p>
<p>Bestellt einen großen Container und schmeißt weg, was euch die Luft nimmt und sagt zum Abschied leise <em>fuck you</em>, weint keinem Ding auch nur eine Träne nach, kauft einen Bagger und grabt ein tiefes Loch, bestellt die Betonmischer und macht ein neues Fundament aus eurer Leidenschaft, stellt Kräne auf und baut euch mal was Neues auf, bemalt eure Wände mit neuen Farben, und seid doch einfach mal großkariert.</p>
<p>Trefft Leute, die gut für euch sind, und wenn ihr weggeht, bringt Blumen mit, nehmt alles wahr, aber nichts für selbstverständlich, nehmt mit, was ihr könnt. Hört auf, euch aufzugeben. Verschenkt euch.</p>
<p>Wacht doch mal morgens auf und sagt YEAH!, seid doch einfach mal gut drauf und pfeift ein Lied auf alles. Sucht euch was, wofür ihr brennt, und zündet eure Feuer wieder an, sucht euch wen, der euch mitnimmt, geht ans Ende der Welt oder weiter und kauft euch keinen Rückfahrschein.</p>
<p>Macht euch keinen Kopf und keine Gedanken, macht euch lieber mal ein Bier auf und macht euch einen Reim drauf, erzählt euch Geschichten und das Blaue vom Himmel, fahrt Karussell und Achterbahn, rennt und springt und balanciert auf Mauern, fahrt freihändig Fahrrad und steht wieder auf, wenn ihr runterfallt.</p>
<p>Trinkt Getränke, die in der Sonne glitzern, esst Eis, kauft Kuchen und planiert die Straßen mit Krümeln. Lacht und singt und lasst es doch einfach egal sein, wer euch dabei beobachtet. Spürt doch mal wieder was, freut euch, dass ihr wieder am Leben seid, und feiert der Unvernunft ein großes Fest.</p>
<p>Kehrt den Dreck aus euren Körpern, fegt die Winterreste auf den Straßen zusammen und schmeißt sie weg, baut eure Städte wieder auf, sortiert eure Leben und pustet den Staub von euren Herzen, geht mal wieder knutschen, seid jung, seid laut, seid wild, dreht die Regler bis zum Anschlag, hört Musik, die das Leben feiert. </p>
<p>Hey, ihr: geht auf die Straßen raus und tanzt!</p>
<p><a href="http://wunder.schoenaberselten.com/wp-content/uploads/2012/03/fruehling_berlin.jpg" rel="lightbox[8290]"><img class="alignnone size-medium wp-image-8291" title="*" src="http://wunder.schoenaberselten.com/wp-content/uploads/2012/03/fruehling_berlin-600x384.jpg" alt="" width="800" height="512" /></a></p>
<p>&nbsp;</p>
<div id="crp_related"><br> </br><b>Da war was:</b></p><ul><li><a href="http://wunder.schoenaberselten.com/?p=8364" rel="bookmark" class="crp_title">Du, ich und das Meer: Gewinne einen Hauptgewinn</a></li><li><a href="http://wunder.schoenaberselten.com/?p=4045" rel="bookmark" class="crp_title">Verlagsgejammer und Paid content. Ein Brief an Zeitungsmacher und Journalisten.</a></li><li><a href="http://wunder.schoenaberselten.com/?p=5937" rel="bookmark" class="crp_title">Herzlichen Glückwunsch zum Männertag</a></li><li><a href="http://wunder.schoenaberselten.com/?p=6291" rel="bookmark" class="crp_title">Das Wichtigste zum Schluss: Die Vorsätze für 2010, ein bisschen Pathos, und ein Dankeschön</a></li></ul></div> <p><a href="http://wunder.schoenaberselten.com/?flattrss_redirect&amp;id=8290&amp;md5=5726af32fffcaf249575f18f8963f447" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://wunder.schoenaberselten.com/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://wunder.schoenaberselten.com/?feed=rss2&#038;p=8290</wfw:commentRss>
		<slash:comments>4</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Nagyon boldog ist Ungarisch und heißt herzensfroh. Herzensfroh ist ein schönes Wort.</title>
		<link>http://wunder.schoenaberselten.com/?p=8286</link>
		<comments>http://wunder.schoenaberselten.com/?p=8286#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 29 Feb 2012 01:05:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Miel</dc:creator>
				<category><![CDATA[kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[berlin]]></category>
		<category><![CDATA[herzmist]]></category>
		<category><![CDATA[kurz]]></category>
		<category><![CDATA[leben]]></category>
		<category><![CDATA[scheiße]]></category>
		<category><![CDATA[stadt]]></category>
		<category><![CDATA[wort]]></category>
		<category><![CDATA[wörter]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://wunder.schoenaberselten.com/?p=8286</guid>
		<description><![CDATA[<p>Wenn ich glücklich bin, kann ich nicht schreiben, seufzt du der Rauhfasertapete entgegen.</p> <p>Ich könnte dir antworten und will es nicht. Wollte ich dir antworten, könnte ich dir erzählen, warum das so ist. Ich könnte dir sagen, dass die Sehnsucht immer erfüllender ist als das Glück. Weil die Idee vom Glück immer schillernder, bunter, gewaltiger sein wird ist als das Glück selbst. Aber dir das zu sagen, wäre zu einfach.</p> <p>Denn das Glück kommt in kleiner Erscheinung um die Ecke, trägt einen Hut tief in die Stirn gezogen und einen dunkelgrauen Trenchcoat mit hochgeklapptem Kragen. Das Glück raucht zu viel, es trinkt zu viel, es hat zu viele Falten für sein Alter, das Glück hat einen miesen Humor und es hat manchmal Mundgeruch, und wenn es erst da ist, ist es so unspektakulär, dass man sich manchmal kneifen muss, um in seiner Anwesenheit nicht einzuschlafen. Und es verschwindet stets genauso schnell, wie es gekommen ist. Weil es so unscheinbar ist, dass man es schnell aus den Augen verliert.</p> <p>Stell dir eine Seifenblase vor, könnte ich sagen, die größte Seifenblase, die es auf der Welt gibt. Stell dir einfach vor, die Welt wäre eine einzige Seifenblase. Und diese Seifenblase ist deine Sehnsucht. Du kannst ihr folgen, ihr hinterherlaufen, du kannst rennen, und wirst sie doch nie erreichen. Das ist es, was die Sehnsucht mit dir macht. Sie hält dich am Laufen, am Atmen, am Hoffen, am Leben.</p> <p>Das Glück dagegen, es muss dich nicht am Leben halten. Es muss manchmal auf der Straße an dir vorbeigehen, ein unscheinbarer Passant vor unscheinbaren Fassaden, um dich ab und zu daran zu erinnern, wie es sich anfühlt, wenn eine Sehnsucht sich erfüllt. Dann kann es wieder gehen und dich deinem Sehnen überlassen.</p> <p>Das ist der Grund, warum man nicht schreiben kann, wenn man glücklich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Wenn ich glücklich bin, kann ich nicht schreiben</em>, seufzt du der Rauhfasertapete entgegen.</p>
<p>Ich könnte dir antworten und will es nicht. Wollte ich dir antworten, könnte ich dir erzählen, warum das so ist. Ich könnte dir sagen, dass die Sehnsucht immer erfüllender ist als das Glück. Weil die Idee vom Glück immer schillernder, bunter, gewaltiger sein wird ist als das Glück selbst. Aber dir das zu sagen, wäre zu einfach.</p>
<p>Denn das Glück kommt in kleiner Erscheinung um die Ecke, trägt einen Hut tief in die Stirn gezogen und einen dunkelgrauen Trenchcoat mit hochgeklapptem Kragen. Das Glück raucht zu viel, es trinkt zu viel, es hat zu viele Falten für sein Alter, das Glück hat einen miesen Humor und es hat manchmal Mundgeruch, <span id="more-8286"></span>und wenn es erst da ist, ist es so unspektakulär, dass man sich manchmal kneifen muss, um in seiner Anwesenheit nicht einzuschlafen. Und es verschwindet stets genauso schnell, wie es gekommen ist. Weil es so unscheinbar ist, dass man es schnell aus den Augen verliert.</p>
<p>Stell dir eine Seifenblase vor, könnte ich sagen, die größte Seifenblase, die es auf der Welt gibt. Stell dir einfach vor, die Welt wäre eine einzige Seifenblase. Und diese Seifenblase ist deine Sehnsucht. Du kannst ihr folgen, ihr hinterherlaufen, du kannst rennen, und wirst sie doch nie erreichen. Das ist es, was die Sehnsucht mit dir macht. Sie hält dich am Laufen, am Atmen, am Hoffen, am Leben.</p>
<p>Das Glück dagegen, es muss dich nicht am Leben halten. Es muss manchmal auf der Straße an dir vorbeigehen, ein unscheinbarer Passant vor unscheinbaren Fassaden, um dich ab und zu daran zu erinnern, wie es sich anfühlt, wenn eine Sehnsucht sich erfüllt. Dann kann es wieder gehen und dich deinem Sehnen überlassen.</p>
<p><em>Das ist der Grund, warum man nicht schreiben kann, wenn man glücklich ist.</em></p>
<p>Das ist ganz einfach, aber ich sage es dir nicht. Denn ich weiß, wenn deine Zeit gekommen ist, wirst du es selbst verstehen.</p>
<p>Während ich warte, dass deine Zeit kommt, gehe ich durch die Stadt und es ist, als könnte ich auf Wasser laufen. Es steht überall, in tiefen Pfützen, es rinnt die Straßen hinunter, es wohnt in meinen Schuhen, es wohnt in meinen Augen. Die Häuser sind grau, ich lege den Kopf in den Nacken und suche einen Himmel und alles, was uns geblieben ist, ist das Grau der Häuser, der Straßen, der Autos. Weil es keinen Himmel mehr gibt.</p>
<p>Da ist kein Blau mehr in den Straßenschluchten, nur manchmal schimmert es durch die Haut auf meinen Lippen. Wusstest du, dass das die Stelle an unserem Körper ist, an der unsere Haut am dünnsten ist?</p>
<p>Die Stadt macht mich dünnhäutig und ich kann sie nicht mehr ertragen. Ich beginne, die Tiefe der Schlaglöcher zu vermessen, und wünsche mir, ein U-Boot zu sein. Ich möchte am Grund kratzen, ich möchte überall auftauchen können, und ich brauche ein Guckrohr, um vorher sehen zu können, ob die Luft rein ist. Die Luft hier stinkt.</p>
<p>Überall fliegen die Tauben, vor den Cafés hüpfen die Spatzen. Wenn ich die Augen schließe und den Kopf in meine Hände lege, höre ich die Stimme des Tonbands in der U-Bahn, das die nächsten Stationen ansagt. <em>Nächster Halt Berlin Hauptbahnhof</em>. Ich träume von Brandenburg. Ich träume von Feldern, von Himmel, von Bäumen. Die Stadt hat mich erschlagen, und alles, was von mir geblieben ist, ist ein Körper zwischen anderen Körpern in viel zu vollen U-Bahn-Waggons. Ich ersticke an ihrem Geruch.</p>
<p>Ich bin eine Hülle im luftleeren Raum dieser Stadt, ich bin, praktisch gesehen, nur vakuumiert, nur wüsste ich nichts, was die Leere zu füllen vermöchte. Denn alles, was jetzt bleibt, sind die Wörter, die mich von Litfaßsäulen anschreien, die tausend Bilder, die mich anspringen, die Gerüche, die sich in meinem Kopf festsetzen. Das kalte, abgegriffene Metall der Stangen in den Bahnen, das Wasser der Spree, die heißen Schlagzeilen, die Bilder von Brüsten und Beinen, von Bikinis und Bäuchen. Alles, was bleibt, ist ein Lebensgefühl wie Kaufhausmusik.</p>
<p>Manchmal schreibe ich Texte wie goldene Türklinken. Ich tue Dinge, die keiner braucht, und ich tue sie nur, um etwas zu haben, das ich wegwerfen kann.</p>
<p>Ich kaufe Orangen, ich wiege sie in meinen Händen und stelle mir vor, wie ich sie gegen Wände werfe. Ich möchte alles nehmen, was ich greifen kann, dazu das, was ich nie begreifen werde, ich möchte es gegen Wände donnern, zum Fenster hinauswerfen, möchte das Klirren hören, ich will es zerspringen sehen, dann möchte ich einschlafen und morgens in den Trümmern der Welt erwachen.</p>
<p>Dann drehe ich die Musik so laut, dass ich mein Herz nicht mehr klopfen hören kann. Und wenn es Nacht wird, setze ich Kopfhörer auf meine Ohren und tanze durch die Wohnung. So lange, bis ich schlafen kann. Herzensfroh ist kein Glück. Herzensfroh ist, was bleibt, wenn das Glück gegangen ist.</p>
<p>Herzensfroh ist nur ein Wort.</p>
<div id="crp_related"><br> </br><b>Da war was:</b></p><ul><li><a href="http://wunder.schoenaberselten.com/?p=8024" rel="bookmark" class="crp_title">Schreiben ist Selbstverteidigung.</a></li><li><a href="http://wunder.schoenaberselten.com/?p=7268" rel="bookmark" class="crp_title">Was war / was ist / was kommt</a></li><li><a href="http://wunder.schoenaberselten.com/?p=7319" rel="bookmark" class="crp_title">Rehe</a></li><li><a href="http://wunder.schoenaberselten.com/?p=8052" rel="bookmark" class="crp_title">Alle Farben dieser Welt. Eine Novembergeschichte.</a></li></ul></div> <p><a href="http://wunder.schoenaberselten.com/?flattrss_redirect&amp;id=8286&amp;md5=65098737f032398ca053ec107b4e621a" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://wunder.schoenaberselten.com/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://wunder.schoenaberselten.com/?feed=rss2&#038;p=8286</wfw:commentRss>
		<slash:comments>2</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Mein neuer Freund</title>
		<link>http://wunder.schoenaberselten.com/?p=8049</link>
		<comments>http://wunder.schoenaberselten.com/?p=8049#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 19 Feb 2012 13:26:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Miel</dc:creator>
				<category><![CDATA[kurzgeschichten]]></category>
		<category><![CDATA[beziehungskram]]></category>
		<category><![CDATA[herzmist]]></category>
		<category><![CDATA[kurz]]></category>
		<category><![CDATA[teddy]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://wunder.schoenaberselten.com/?p=8049</guid>
		<description><![CDATA[<p>.</p> <p>Der Mann an sich ist ja ein eher desillusionierendes Wesen.</p> <p>Da findet man einmal einen, der recht brauchbar ist, und mit &#8220;recht brauchbar&#8221; meine ich, dass er nicht nur ein Steak braten, sondern auch aufrecht gehen und auf einfache Fragen mit &#8220;ja&#8221;, &#8220;nein&#8221; und &#8220;vielleicht&#8221; antworten kann. Kaum findet man so einen, stellt sich meist binnen weniger Wochen heraus, dass er entweder hauptberuflicher Heiratsschwindler, leidenschaftlicher Numismatiker oder womöglich überzeugter Romantiker ist. Oder den Intelligenzquotienten einer Scheibe Toastbrot besitzt.</p> <p>Es war ein trüber Tag Mitte Januar und ich zog eine Zwischenbilanz:</p> <p>In den vergangenen Monaten hatte ich Verabredungen mit Heiratsschwindlern, Numismatikern, Romantikern und Toastbroten erfolgreich überlebt. Die einfachste Überlebensstrategie hierfür war das Vortäuschen falscher Tatsachen, besonders empfehlen sich gebärende Freundinnen. (An dieser Stelle ein Dank an meine besten Freundin, die auf diesem Wege achtunddreißig Kinder binnnen sechs Monaten zur Welt gebracht hat.) Manchmal zog ich auch eine Digitalkamera aus meiner Handtasche und erklärte meinem Gegenüber ausführlich, dass das Treffen die ganze Zeit mit versteckter Kamera gefilmt worden sei und er gerade an einem Casting für die Show &#8220;Das Model und der Freak&#8221; teilgenommen habe. (Als Model.)</p> <p>Um es kurz zu machen: Es war ein nicht enden wollender Alptraum. Und ich war an einem Punkt angelangt, an dem das Kapitel Männer endgültig abgeschlossen war.</p> <p>Also, jedenfalls einerseits. Es gab da noch das andererseits. Denn andererseits fand ich die Idee, weiter Single zu sein, eher nicht gut. So entschied ich: eine neue Beziehung muss her. Also, eine richtige Beziehung. Und keine halben Sachen mehr. Unter Hauptgewinn oder Sechser im Lotto mach ich&#8217;s nicht mehr. So dachte ich mir das. Zufällig war in der Stadt, in der ich wohne, gerade Jahrmarkt. Nach all meinem Pech in Liebesdingen beschloss ich, mein Glück im Spiel zu suchen.</p> <p>Aber, ach, was soll ich sagen: an der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="color: #ffffff;">.</span></p>
<div id="haiku-player8" class="haiku-player"></div><div id="player-container8" class="player-container"><div id="haiku-button8" class="haiku-button"><a title="Listen to hörbar" class="play" href="http://dl.dropbox.com/u/25592547/mein_neuer_freund.mp3"><img alt="Listen to hörbar" class="listen" src="http://wunder.schoenaberselten.com/wp-content/plugins/haiku-minimalist-audio-player/resources/play.png"  /></a>
		
		<ul id="controls8" class="controls"><li class="pause"><a href="javascript: void(0);"></a></li><li class="play"><a href="javascript: void(0);"></a></li><li class="stop"><a href="javascript: void(0);"></a></li><li id="sliderPlayback8" class="sliderplayback"></li></ul></div>
	</div><!-- player_container-->
	

<p>Der Mann an sich ist ja ein eher desillusionierendes Wesen.</p>
<p>Da findet man einmal einen, der recht brauchbar ist, und mit &#8220;recht brauchbar&#8221; meine ich, dass er nicht nur ein Steak braten, sondern auch aufrecht gehen und auf einfache Fragen mit &#8220;ja&#8221;, &#8220;nein&#8221; und &#8220;vielleicht&#8221; antworten kann. Kaum findet man so einen, stellt sich meist binnen weniger Wochen heraus, dass er entweder hauptberuflicher Heiratsschwindler, leidenschaftlicher Numismatiker oder womöglich überzeugter Romantiker ist. Oder den Intelligenzquotienten einer Scheibe Toastbrot besitzt.</p>
<p>Es war ein trüber Tag Mitte Januar und ich zog eine Zwischenbilanz:</p>
<p>In den vergangenen Monaten hatte ich Verabredungen mit Heiratsschwindlern, Numismatikern, Romantikern und Toastbroten erfolgreich überlebt. Die einfachste Überlebensstrategie hierfür war das Vortäuschen falscher Tatsachen, besonders empfehlen sich gebärende Freundinnen. (An dieser Stelle ein Dank an meine besten Freundin, die auf diesem Wege achtunddreißig Kinder binnnen sechs Monaten zur Welt gebracht hat.) Manchmal zog ich auch eine Digitalkamera aus meiner Handtasche und erklärte meinem Gegenüber ausführlich, dass das Treffen die ganze Zeit mit versteckter Kamera gefilmt worden sei und er gerade an einem Casting für die Show &#8220;Das Model und der Freak&#8221; teilgenommen habe. (Als Model.)</p>
<p>Um es kurz zu machen: Es war ein nicht enden wollender Alptraum. Und ich war an einem Punkt angelangt, an dem das Kapitel <em>Männer</em> endgültig abgeschlossen war.</p>
<p>Also, jedenfalls einerseits. Es gab da noch das <em>andererseits</em>. Denn andererseits fand ich die Idee, weiter Single zu sein, eher nicht gut. So entschied ich: eine neue Beziehung muss her. Also, eine richtige Beziehung. Und keine halben Sachen mehr. Unter <em>Hauptgewinn</em> oder <em>Sechser im Lotto </em>mach ich&#8217;s nicht mehr. So dachte ich mir das. Zufällig war in der Stadt, in der ich wohne, gerade Jahrmarkt. Nach all meinem Pech in Liebesdingen beschloss ich, mein Glück im Spiel zu suchen.</p>
<p>Aber, ach, was soll ich sagen: an der Losbude zog ich nur Nieten, ich schoss mit Pfeilen auf Luftballons, da kam ganz plötzlich Sturmwind auf, und der Spielautomat, in den ich mein Kleingeld warf, meldete sich nach Einwurf der letzten Münze als defekt ab. Enttäuscht sah ich mich um: blieben noch die Achterbahn, die Buden mit Zuckerwatte, Süßigkeiten und Currywurst und die Geisterbahn.</p>
<p>Die Aussichten waren schlecht. Mehr als schlecht.</p>
<p>Doch da sah ich es in der hintersten Ecke des Festplatzes: ein kleiner Holzverschlag. Ein Schießstand! Mein kleines pazifistisches Gewissen und meine Abneigung gegen Schusswaffen ließen mich kurz innehalten. Schießen? Für die Liebe? Ich zweifelte. Doch mein Gewissen beruhigte sich schnell: dies war quasi eine Notsituation, und in solchen Situationen muss man Opfer bringen. Ich lief los.</p>
<p>Nach einigen Jahren als Single und vielen nächtlichen Streifzügen durch die Jagdreviere der Stadt hatte ich zwar mittlerweile in meinem Wohnzimmer eine ansehnliche Trophäensammlung aufgebaut. Dass ich jedoch einen Mann tatsächlich einmal mit einem Gewehr erlegen würde, hatte nicht einmal ich für möglich gehalten.</p>
<p>Ich zählte mein letztes Geld.</p>
<p>Ich kaufte 25 Schuss.</p>
<p>Und ich zielte nicht. Ich traf. <span id="more-8049"></span></p>
<p><span style="color: #ffffff;">.</span></p>
<p>Dies ist die Geschichte, warum mein neuer Freund ein ein Meter fünzig großer Teddybär ist.</p>
<p>Der Standbesitzer war nicht gerade begeistert, seinen Hauptgewinn rausrücken zu müssen. Mit zusammengekniffenen Augen warf er mir den Teddy über den Tresen zu. Ich sah ihn mir an. Er hatte honigfarbenes Fell, große, dunkle Augen und breite Schultern. Und er hielt ein Herz, auf dem in großen Lettern I LOVE YOU stand. Ich war ein wenig schockiert, ich finde ja, für eine Liebeserklärung sollte man sich doch etwas länger kennen.</p>
<p>Dann kraulte ich vorsichtig seinen flauschigen Fellbauch. Ein Mann mit Flausch! Ich glaube, danach murmelte der Standbesitzer noch etwas von &#8220;herzlichen Glückwunsch&#8221;, er könnte aber genauso gut &#8220;besonders gut schmecken Teddybären ja mit Vanillesoße&#8221; oder &#8220;frohe Ostern&#8221; gesagt haben. Es war mir egal. Ich war verliebt. Um dem Griesgram und seinem Schießstand zu entkommen, bevor er mit seinem Gewehr auf Teddy und mich losgehen konnte, nahm ich ihn huckepack, wir liefen am Rande des Festplatzes entlang und nach Hause.</p>
<p>Seit diesem Tag sind wir zusammen.</p>
<p><a href="http://wunder.schoenaberselten.com/wp-content/uploads/2012/02/teddy.jpg" rel="lightbox[8049]"><img class="alignnone size-large wp-image-8269" title="teddy" src="http://wunder.schoenaberselten.com/wp-content/uploads/2012/02/teddy-600x600.jpg" alt="" width="600" height="600" /></a></p>
<p>Ich nehme ihn inzwischen überall mit hin. In der Fußgängerzone drehen sich die Leute manchmal nach uns um, aber ich kann sie ja verstehen, eine Frau, die ihren Freund um 30 Zentimeter überragt, sieht man ja auch nicht so oft.</p>
<p>Was die Leute sagen, ist mir egal. Ich mag ihn.</p>
<p>Ich mag, dass er Flausch hat, und dunkle Augen, und ich mag, dass er dieses Teddybärenbrummen brummt, wenn man ihn auf den Bauch drückt (außer wenn die Batterie leer ist, dann ist er still).</p>
<p>Und er redet kein dummes Zeug. Zwar redet er auch kein kluges Zeug, das macht aber nichts, denn so wird er nie sagen &#8220;Schatz? Wir müssen reden.&#8221;, oder &#8220;Meine Mutter kocht im Übrigen sehr viel besser als du.&#8221; Wenn ich es so überlege, kenne ich seine Mutter überhaupt nicht, und ich will sie auch gar nicht kennenlernen. Bärenmütter sind sicher sehr gefährlich.</p>
<p>Aber auch ohne seine Mutter haben wir so unsere Konflikte. Manchmal bitte ich ihn, die Spülmaschine auszuräumen, die Wohnung zu saugen oder den Müll runterzubringen. Und was macht er? Sieht mich immer mit dem selben ausdruckslosen Gesichtsausdruck an. Diese Teilnahmslosigkeit macht mich so wütend! Am Anfang habe ich noch versucht, ihm zu erklären, dass für mich in einer Beziehung entscheidend ist, dass beide ihren Beitrag leisten. Am Ende lief es aber doch immer darauf hinaus, dass ich ihn <strong>und</strong> die Mülltüten die Treppe hinuntertragen musste, damit er den Müll in die Mülltonne werfen konnte, woraufhin ich ihn wieder nach oben trug (wir wohnen im fünften Stock). Seitdem spare ich mir einfach, ihn überhaupt noch um Hilfe zu bitten. Macho. Ich meine, eine emanzipierte Frau zu sein, ist ja das eine. Wenn Emanzipation aber heißt, den Mann ständig durch die Gegend tragen zu müssen, möchte ich die Emanzipation bitte umtauschen.</p>
<p>Ach, ich habe es wirklich nicht immer leicht mit ihm. Letztes Wochenende tranken wir abends Rotwein, er kleckerte ein wenig, jetzt hat er einen Rotweinfleck auf dem Bauch und ich weiß nicht, ob ich meinen Mann einfach so in die Waschmaschine stecken darf oder ob er dann kaputtgeht. Und einmal waren wir zusammen im Schwimmbad, das war auch nicht so gut, noch Wochen später sammelte sich das Wasser in Pfützen unter ihm. Der Mann läuft aus.</p>
<p>Er hat auch schon einen deutlichen Bauchansatz, obwohl er nichts isst. Es ist zum Verzweifeln. Immerzu hält er dieses Herz fest, nie lässt er es los, und wenn ich versuche, ihn zu füttern, dreht er den Kopf weg. Manchmal kann ich es nicht mehr mit ansehen, dann lasse ich ihn über Nacht mit einer Schüssel Schokoladenpudding in der Küche sitzen und sage ihm, dass er erst zu mir ins Bett darf, wenn er aufgegessen hat.</p>
<p>Manchmal finde ich es schade, dass mein neuer Freund lieber die ganze Nacht in der Küche sitzt, als mit mir ins Bett zu gehen. Wenn ich morgens aufstehe, sitzt manchmal eine fette Fliege auf der Puddinghaut und lacht mich aus.</p>
<p>Ich glaube, gestern hat er mich gefragt, ob ich ihn heiraten will. Ich habe Ja gesagt, der Termin beim Standesamt ist Mitte Mai. Ich freu mich schon so! Jetzt muss ich nur noch einen Personalausweis für ihn fälschen. Dann ist unsere Liebe perfekt.</p>
<div id="crp_related"><br> </br><b>Da war was:</b></p><ul><li><a href="http://wunder.schoenaberselten.com/?p=4232" rel="bookmark" class="crp_title">Eines Morgens lag ein Mann vor meinem Bett.</a></li><li><a href="http://wunder.schoenaberselten.com/?p=4628" rel="bookmark" class="crp_title">(Dann hab ich auch) Zwei.</a></li><li><a href="http://wunder.schoenaberselten.com/?p=8305" rel="bookmark" class="crp_title">Immer wird es Nacht sein</a></li><li><a href="http://wunder.schoenaberselten.com/?p=8036" rel="bookmark" class="crp_title">Fingerübung #1. Dienstag.</a></li></ul></div> <p><a href="http://wunder.schoenaberselten.com/?flattrss_redirect&amp;id=8049&amp;md5=85e32f31f58c53d76916fdc2232b98b8" title="Flattr" target="_blank"><img src="http://wunder.schoenaberselten.com/wp-content/plugins/flattr/img/flattr-badge-large.png" alt="flattr this!"/></a></p>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://wunder.schoenaberselten.com/?feed=rss2&#038;p=8049</wfw:commentRss>
		<slash:comments>5</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>

