10 Tage, 4.000 Kilometer, 11 Autos und 21 Menschen, die sich noch nie begegnet sind: von Berlin nach Astrachan entlang der Seidenstraße. Eine Reise, immer gen Osten. Zu Teil 1 (Berlin-Sewastopol) hier entlang.

Nachtrag, 22.09.: und hier ist das Video zur Reise:

Tag 6: Sewastopol-Jalta

Am Morgen eine Bootsfahrt im Hafen von Sewastopol, ein Matrose, der mit freiem Oberkörper das Deck wischt. Zum Frühstück gibt es Kwas, einen Brottrunk, der wider Erwarten gar nicht säuerlich schmeckt, sondern wie abgestandene Cola.

Aufbruch und Abfahrt nach Jalta, erst off road in den Wald, dann weiter in die Berge, erstmals im Auto für eine Viertelstunde schlafen, während der Fahrer die Serpentinen hochkurvt. Größter Vertrauensbeweis unter Fahrerteams: bestanden.

Plötzlich auf 1200 m ü.NN., es ist eiskalt, ich stehe frierend am Abgrund, unser Fotograf erzählt, er habe unterwegs Brot und Honig gekauft, und fragt, ob ich auch ein Stück will. Wenige Minuten darauf an der ganzen Reisegruppe mit einem großen Honigbrot vorbeimarschieren und zwei Leute abbeißen lassen, mit dem Mitfahrer den Rest teilen. 

Weiter an die Küste nach Jalta. Im Hotel Wäsche waschen und auf dem Balkon aufhängen, dann wieder ins Spa, Whirlpool, ein bisschen schwimmen, diesmal ohne Badekappe, mit J. eine Runde tauchen. Danach die Augen nicht mehr öffnen können. Keiner weiß, was die da genau ihrem Badewasser zusetzen. Aber Salz und Chlor sind das definitiv nicht. Erstmal im Trinkwasserspender die Augen auswaschen und eine Stunde lang mit tränenden Augen herumlaufen, J. und ich sehen beide aus wie Albinokaninchen. Danach meine Schulden begleichen, also abends doch noch ein Bier trinken. Es war eines zu viel, und die Schulden sind immer noch offen.

Tag 7: Jalta-Anapa

Abfahrt um 6. Um 06:07 Uhr klingelt das Telefon auf dem Zimmer: “Schönen guten Morgen, es ist 06:07 Uhr, beeilst Du Dich ein bisschen?” Das ist genau der Moment, in dem ich aufwache und direkt im Erdboden versinken will. 10 Minuten später stehe ich geduscht, mit der abgehängten Wäsche, angezogen und mit allen gepackten Sachen am Auto. Persönlicher Rekord.

Fahrt durch die Berge, wieder aus dem Fenster klettern, um Fotos zu machen, der Fotograf macht derweil in einem unbedarften Moment Labrador-Fotos von mir, wie ich aus dem Autofenster hänge: mit schlackernden Ohren, verschobenem Gesicht und wehenden Haaren. Auf dem Markt Brot und Obst kaufen und herausfinden, wie man auf Ukrainisch nach der Toilette fragt (Tipp: “Toilette” hört sich auch in den Sprachen gen Osten immer noch so ähnlich an, man kann also gar nicht so viel falsch machen).

An der ukrainisch-russischen Grenze alles problemloser als befürchtet, die Ausreise dauert ein wenig, dann auf einer Fähre im Niemandsland, bei Einreise noch zwei Stunden im Innenhof des Grenzbereichs warten, durch einen Detektor marschieren, aufatmen, als er nicht piepst. Über eine Halbinsel weiter, Meer überall, Sonnenuntergang auf der Straße, alles wie im Film.

In Anapa am Abend ein Restaurant mit sehr lauter Musik, der erste Wodka der Reise, dazu Berge von Fisch und Fleisch (oder war es umgekehrt? Egal!). Wir reichen die beiden riesigen Platten über den Tisch, alle essen und werden satt, plötzlich hören wir, dass das noch lange nicht alles war – es werden fünf (in Zahlen: 5!) weitere Platten aufgefahren. Schließlich das Essen einpacken lassen und in großen Plastikboxen vom Hotelpersonal in den Barkühlschrank stellen lassen. Vorher aber: Russendisko! Wir okkupieren in unseren Trekkingklamotten die Tanzfläche, und dann – wehe, wenn sie losgelassen. Gegen Mitternacht wird die Tanzfläche kurz geräumt, erst für ein Teufelchen, dann für ein Cowgirl, als beide dann endlich ihr Oberteil ausgezogen und Geld eingesammelt haben, dürfen wir wieder (aber ohne Ausziehen). Dima, unser Übersetzer, ist der Star der Tanzfläche, und seine Performance von Gangnam Style wird auf ewig unübertroffen bleiben. Heimweg mit zwei großen Tüten voller Fleisch.

Tag 8: Anapa-Camp Adygea

Unser erstes Camp. Die Fahrt ist recht kurz, die Sonne geht früh unter, vorher noch ein paarmal mit den Autos den Feldweg entlangbrettern, der Kameramann braucht noch ein paar Einstellungen in der Abendsonne. Dann kurze Erkundung des Sees, da ist Wasser, also muss ich schwimmen, der Uferbereich ist verdreckt und schlammig, bei Annäherung hüpfen ein paar Frösche erschrocken ins Wasser. Ich frage Dima, ob die Leute denn sonst hier baden, er sagt “na klar!”, schnell ins Auto und umziehen, und ab ins Wasser. In die Mitte des Sees, an den Seiten entlang, das Wasser ist angenehm, fast zu warm, die untergehende Sonne glitzert auf der Wasseroberfläche.

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Dann Zelte aufbauen, auf Autodächern sitzen und Gin Tonic trinken, Lagerfeuer machen, essen, weitertrinken, Sternschnuppen und die Milchstraße sehen, einen Plan für die Nacht machen. Die Idee ist, dass wir zu dritt im Zelt schlafen. Plötzlich sind wir zu viert, legen uns endlich schlafen, arbeiten eine halbe Stunde lang an der Antwort auf die Frage, wer neben wem liegen darf oder muss und P. erzählt Gruselgeschichten.

Plötzlich, mitten in der Nacht, klopft es an die Zeltwand: “Möchtet ihr Wasser? Möchtet ihr Bier? Ich habe auch Multivitaminsaft und Äpfel! … Und: kann ich bei euch schlafen?” Es ist der grandiose Dima, er braucht noch einen Schlafplatz und kommt zu uns, “weil es hier so lustig ist” (am Tag danach erfahren wir, dass unser Gekicher noch am anderen Ende des Platzes zu hören war). Wir rücken noch näher zusammen, die sorgsam geplante Schlafplatzvergabe läuft vollends aus dem Ruder. Endlich schlafen und um 4 vom Fernlicht eines Autos geweckt werden.

Tag 9: Camp Adygea-Elista

Aufbruch im Morgengrauen, über dem See liegt noch die Nacht. Zum Frühstück Instant-Müsli, aufzugießen mit Wasser, danach Holperstrecken und Sonnenaufgang. Heute ein großer Tag in der Steppe, unterwegs auf den kaum ausgefahrenen Feldwegen, die sonst nur die Einheimischen nutzen.

Ab und an ein kleiner Hof, ständig Pferde, Rinder und anderes Abendessen auf der Straße, Schlaglöcher voraus, Steinschlag an unserem Auto, einmal durchs Wasser, vorher unbedingt: Fenster schließen!

In Elista Besichtigung des buddhistischen Tempels, ein wenig durch die Stadt bummeln, der beste Beifahrer von allen gibt ein Eis aus.

Am Abend Essen im Hotel und Bier auf den Stufen im Eingangsbereich. Es ist der vorletzte Abend. Auf dem Zimmer angekommen erstmals Katzenjammer und richtig schlechte Laune ob des drohenden Abschieds. Zum ersten Mal in der ganzen Zeit überhaupt irgendetwas zur Tour aufschreiben, kurz darauf alles löschen, mich irgendwann ins Bett zwingen, morgen ist auch noch ein Tag.

Tag 10: Elista-Astrachan

7 Uhr Ortszeit (also 5 Uhr in Deutschland), Aufbruch. Ich darf erstmal selbst fahren, nur: Schlaf ist für den Beifahrer leider auch nicht drin, wir fahren wieder Offroad. Und dann die Steppe. Hirten mit ihren Schafen ziehen vorbei, Wildpferde auf zehn Uhr, wohin man auch blickt nur weites, flaches Land, keine Büsche, keine Bäume mehr, doch, einer am Ende der Straße, als Hinweis zum Abbiegen funkt jemand “am Baum rechts!”.

Beim ersten Anhalten die Türen öffnen, alles duftet nach Thymian, sonst wächst hier gar nichts mehr. Ein paar Filmaufnahmen in der Steppe, Dima muss ein Versprechen einlösen und Gangnam Style tanzen, die Musik ist auf meinem iPhone, ich drücke auf Play, stecke ihm das Telefon in die Hemdtasche. Und er tanzt. Mitten im Nichts. Er ist der wahre Held dieser Tour.

Weiterfahrt unter Normalnull, hier wächst nicht einmal mehr Thymian, nur noch aufgebrochene, trockene Erde, es geht Richtung Astrachan, immer geradeaus durch die Steppe, dazu russisches Radio, es ist der erste Tag, an dem ich die gesamte Strecke selbst fahre, die Route 66 ist ein Witz gegen das hier, dann Kaffee und gefüllte Teigtaschen in einem einsamen Café am Straßenrand.

Abschluss bei einer Tankstelle, rein in die Stadt mitten im Berufsverkehrschaos, ein Besuch auf dem Fischmarkt, Katzenfotos.

Der letzte Abend. Alle Müdigkeit wie weggeblasen, wahrscheinlich vom Fahrtwind. Abendessen im Hotel, schon nach dem ersten Bier eine Stimmung wie auf Klassenfahrt, missglückte Flucht in eine Bar, Bier mit den Besten, und dann: Russendisko, die Zweite.

Die ganze Nacht tanzen, reden, trinken, Stroboskoplichter, reden, trinken, tanzen. Um zwei geht das Licht an, wir tigern die Straßen entlang auf der Suche nach einem McDonald’s, bestellen im Drive In, füttern eine Katze, machen die letzten Fotos, sagen einander die letzten wichtigen Sachen. Um halb vier im Hotel. Um fünf geht unser Bus zum Flughafen. Nur noch zu zweit im Zimmer sitzen, alles in den Rucksack werfen, doch keinen Wodka mehr trinken, weiterreden, und dann ist es Zeit für die …

ABRECHNUNG

Das Schlimme an solchen Touren ist ja, dass man hinterher lauter Sätze im Kopf hat, die außer einem selbst und allen, die dabei waren, niemand versteht. Und das allerschlimmste bei dieser Tour im Speziellen ist, dass jetzt irgendwo auf diesem Planeten eine Speicherkarte herumfliegt, auf der Bikinifotos von mir drauf sind. Schlimme Gschicht.

Gemacht
Fast das Navi aus dem Auto geworfen. Aus dem Beifahrerfenster gehängt. Über Feldwege gebrettert. 4.000 Kilometer Auto gefahren. Fast einen Spritspar-Wettbewerb gewonnen. In Seen geschwimmen. Hotelspas exzessiv genutzt. Zollbestimmungen gelesen. Kleine und große Pläne gemacht.

Gekauft
Honig. Wodka. Brot. Gefüllte frittierte Teigtaschen, die wie Burger schmecken. Nicht gekauft – geschenkt bekommen: eine Honigwabe.

Gelernt
Richtiges Funken. Niemals in unbekannten Hotelgewässern mit offenen Augen schwimmen. Wie man eine Badekappe würdelosvoll trägt.

Getragen
Mit meinem Namen bestickte Kleidung. Kein Leatherman. See im Haar. Steppe im Bauchnabel. Eine Wassermelone.

Gefühlt
Bezaubert. Fernwehverseucht.

Gesehen
Eine Eisbahn in einem Einkaufszentrum. Schlaglöcher. Keinen Baum. Einen überlebensgroßen Teddybären. Eine Armee von Gartenzwergen. Ein Zebra am Straßenrand. Das Meer. Quallen. Die Steppe. Den Horizont (und weiter).

Gelacht
“The second most-used language globally: international pointing!”
“I am not a bikini model.” – “That’s ok, cause I am not a bikini model photographer.”
“Ich habe hundert von dieser Währung bezahlt und zwei Bier bekommen!”
“HINTER DIR BÄR!”

Gehört
Chuck Norris-Witze über Funk. Polnisches, ukrainisches, russisches Radio. “X?????? ?????? – gute Arbeit!”. “Schlimme Gschicht!”. “Schnittchen!”

Verloren
1 Bikini-Oberteil. 2 Feuerzeuge. Ein paar Hachs im Nirgendwo. 2 Speicherkarten am Flughafen. 1/2 Hosenbein.

Gesagt
“Man bringe mir mein Pferd, ich möchte losreiten! … Du hast nur ein Auto? Egal. Schlüssel her!”

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(Bild: Alex)

Verschenkt
1 Mini-USB-auf-USB-Kabel. Honig.

Erschlichen
1 Schal und 1 Film (vielen Dank nochmal!). Essen.

Entdeckt
Den Knäckebrot-Schwarzmarkt. Kekszeit! Gin Tonic aus Dosen. Die Kopfhörer, die ich seit Monaten gesucht habe, und die am Flughafen Astrachan aus meiner Jackentasche fielen.

Immer noch der letzte Tag. Astrachan, 04:30 Uhr morgens, Hotel. Eben noch eine Viertelstunde schlafen gegen die irre Müdigkeit. Um vier Uhr fünfundvierzig klingelt der Wecker, duschen, Gepäck zusammenraffen, in die Lobby schlafwandeln, in den Bus steigen, ?? ???????? ??????. Auf Wiedersehen, Russland.

remember all your journeys and they will last forever.
Die nächste Reise kommt. Ganz bestimmt.

DANKE

Mit herzlichem Dank an Timo und Anja von Motor-Talk, außerdem an Alex, Craig, Dima, Dominik, Henrike, Jaška, Maren, Marv, Mehdi, Pola, Stefan und ganz besonderem Dank an die Besten: für all die Dosen Bier und Gin Tonic, die Funksprüche, Weckanrufe, und vor allem für die Parkbänke. Gute Arbeit!

P.S.: Wenn ihr weiterreist, haltet einen Platz auf der Parkbank für mich frei.