Guten Tag zur letzten Folge von “wunder.schön aber zelten” aus der Reihe “Mein schönstes Ferienerlebnis”. Dies ist die Fortsetzung einer Odyssee mit dem Titel “Zelten”. – Zu Folge 1Folge 2Folge 3, Folge 4, Folge 5.

Tag 7

Nach den Gasflaschenzwischenfall wieder auf neutralem Boden angekommen, will ich einen Kaffee trinken und versuche die Sache mit dem Gaskocher noch einmal. Ich nehme den Kocher, die neue Gasflasche, die ich dann doch nicht verwendet habe, um damit das Zelt und die darin befindliche Mücke in die Luft zu jagen, und laufe damit quer über den Zeltplatz. Ich betrete den Strand, gehe dort noch einmal eine halbe Stunde entlang und stelle sicher, dass sich im Umkreis von zwei Kilometern kein menschliches Wesen befindet und ich somit im Falle der nächsten möglichen Gasexplosion wenigstens keine Augenzeugen habe. 20 Sekunden später habe ich die Gasflasche korrekt und unfallfrei angeschlossen. Ich gehe mitsamt Gaskocher und -flasche zum Zeltplatz zurück. Auf halbem Weg zum Zelt spricht mich ein Wohnwagenbesitzer an: was ich denn mit der Gasflasche am Strand gemacht hätte. Leider kann ich so schlecht lügen und erzähle ihm die Geschichte mit der Beinahe-Explosion vom zweiten Tag. Während ich so rede, weicht er immer weiter zurück und verabschiedet sich schnell, er habe noch zu tun. Kurz darauf sehe ich, wie er und seine Frau hastig ihre Sachen zusammenpacken und mit quietschenden Reifen den Zeltplatz verlassen.

Ich habe keine Ahnung, warum.

zelten, sardinien, 2013

Als ich mir eine Zigarette anzünden will, kommt Wind auf. Und plötzlich riecht es so verbrannt. Ich versuche, herauszufinden, woher der Gestank kommt. In dem Moment auch schon sehe ich direkt vor meinem rechten Auge die brennende Haarsträhne. Ich tue das Erstbeste, was mir einfällt: und stecke den Kopf in den Sand, drehe ihn hin und her, klopfe mir mit der Hand auf die Stirn, um das Feuer zu löschen. Dann gehe ich zum Waschhäuschen am Zeltplatz und sehe in den Spiegel:
Mein Kopf ist voller Sand. Meine langen Ponyhaare sind abgeraucht und in meiner Stirn stehen noch drei übriggebliebene Haare nach oben. Vielleicht kämme ich sie mir einfach in die Stirn und gehe als Emo, außerdem wollte ich ja eh schon länger eine neue Frisur. Mit dem Taschenmesser schneide ich die letzten angekokelten Haare ab und sehe jetzt aus wie ein trauriger asymmetrischer Vokuhila-Sandkopf. Als ich so mit dem Messer herumfuchtele, schneide ich mir nebenbei versehentlich noch ein Loch in die Hose. Es ist herzförmig. Ich bin ein Emo, mir ist alles so egal.

zelten, sardinien, 2013

Tag 8

Nun muss man sagen, dass Menschen auf Zeltplätzen meist sehr aufmerksam sind, nicht nur, wenn es darum geht, dass man unbedingt Augenzeugen bei Unfällen mit Gaskochern braucht. Bei meiner Anreise war ich am Aufbauen des Zeltes verzweifelt, da sich die Heringe nicht mehr in den steinharten Boden bohren ließen. Ein Nachbar, der das beobachtet hatte, war kurz darauf zur Stelle, um mir einen Hammer zu leihen, begeistert nahm ich an und klopfte die Heringe unter Anwendung einiger Gewalt in den Boden. Aber auch sonst waren die Nachbarn sehr freundlich: einen Tag nach meiner Anreise auf dem letzten Zeltplatz war ich bereits im Besitz eines Campingstuhls, eines Campingtischs (ausklappbar), hatte drei Einladungen zum Abendessen erhalten und jemanden gefunden, der mir jeden Morgen direkt nach dem Aufwachen frisch gekochten Kaffee ans Zelt brachte: kurz – ich war im Paradies und im Paradies gab es auch noch Zimmerservice.

zelten, sardinien, 2013

Nun muss man auch anmerken, dass insbesondere der Wohnmobilreisende an sich einfach mit ALLEM ausgestattet ist, was man sich so vorstellen kann. Wohnmobilbesitzer, die etwas auf sich halten, bringen nicht nur ihr eigenes Klo, ihre Dusche, ein Esszimmer mit Sitzgruppe und einen 35-Zoll-Flachbildfernseher mit, sondern verfügen auch über eine Wohnzimmerwand “Eiche massiv”, in der sie die unterwegs gekauften Weinfässer bruchsicher verstauen.
Dies war aber nun leider auch mein letzter Tag, ich muss also definitiv zusammenpacken. Ich räume alles so in den Rucksack ein, dass ich mit meiner Messersammlung problemlos durch den Zoll komme, dann baue ich mein Zelt ab. Nein: dann versuche ich, mein Zelt abzubauen. Die Heringe, die ich so sorgfältig mit dem Hammer in den Boden gerammt habe: ich bekomme sie nicht mehr heraus. Ich ziehe daran, lehne mich dagegen, ich bohre meine Schuhspitzen in den Boden: vergeblich. Wie erwähnt sind gerade Wohnmobilbesitzer mit allem ausgestattet, was man sich nur denken kann, und so begibt es sich, dass sich tatsächlich jemand findet, der einen Eispickel dabei hat.

Einen Eispickel.
Auf Sardinien.
Im Sommer.
Bei 30 Grad.
Wenn das Meer eher selten gefriert.
Ich nehme den Eispickel dankend an, ohne weitere Fragen zu stellen. Und zum Rest der Frage, was denn nun mit dem Zelt ist: sagen wir es so – ich habe das Zelt wieder. Und auf Sardinien eröffnet demnächst auf einem Zeltplatz das erste Besucherbergwerk mit Führungen, auch in deutscher Sprache.

flughafen olbia nacht