Zelten (Folge 1 / 6)

Dieser Text stammt aus der Reihe “Mein schönstes Ferienerlebnis” und er heißt: “Zelten”.

Ich will in den Urlaub fahren. Das ist ja so etwas, das man sich viel häufiger sagt, als man es dann tatsächlich tut, genauso, wie man über eine gesamte Lebensdauer gerechnet viel häufiger “ich schmeiße den Scheiß-Job hin!” sagt, als man dann tatsächlich kündigt. Die Malediven wären doch mal schön, da gibt es tolle Strände und es ist ungefähr hundert Mal wärmer als hier, oder ich fahre in die USA und in einem Mietwagen die Ostküste entlang, ich in einem uralten Mustang, der auf hundert Kilometer mehr Benzin verbraucht als in Berliner Kneipen jede Nacht Bier ausgeschenkt wird. Ja, das wäre was.

zelten, sardinien, 2013

Wie ich da so sitze und mich in Gedanken schon einen Highway herunterfahren sehe, fiept mein Handy. Es ist der SMS-Ton. Seit einigen Wochen ist der SMS-Ton mein Feind. Damals habe ich bei meiner Bank aus Versehen etwas unterschrieben. Bei einer Bank etwas aus Versehen unterschreiben ist ungefähr so gut wie aus Versehen zu einem Heiratsantrag ja sagen, obwohl man eigentlich nein! meint: man kommt selten aus der Nummer wieder raus, ohne dass jemand heult. In dem Fall bin die, die heult: ich. Meine Bank schickt mir seitdem nämlich täglich um 16:04 Uhr meinen aktuellen Kontostand. Per SMS. Seitdem suche ich einen Weg, die SMS-Funktion aus meinem Handy zu löschen.

Ich sitze also da, denke an Malediven, Strände, USA, Mustang, als es fiept. Ich schaue sofort auf mein Handy (der zeitliche Abstand zwischen “das Handy fiept” und “ich schaue drauf”, das ist ungefähr der selbe Reflex, wie wenn jemand mir einen Keks hinhält und ich schon direkt reingebissen habe, noch bevor ich den Keks mit meinen kaputten Augen überhaupt richtig als solchen erkennen kann, an dieser Stelle übrigens sorry an alle, die seitdem auf der Hand einen Gebissabdruck von mir haben), ich schaue also aufs Handy und sehe: die SMS ist da. Und in der SMS steht:

“VERLASSEN SIE SOFORT DAS LAND.”

Gut, das steht da vielleicht nicht ganz wörtlich, aber die Zahlen, die ich da sehe, lassen keinen anderen Rückschluss zu als möglichst schnell möglichst unauffällig zu fliehen. Mein Problem ist nur: ich würde das Land ja WIRKLICH GERNE verlassen, Malediven, Strand, USA, Mustang, ABER LEIDER HABE ICH KEIN GELD!

Da denke ich an Tante Gertrud. Zu meiner Einschulung hatten meine Eltern eine kleine Feier veranstaltet und dazu die gesamte Verwandtschaft eingeladen, unter anderem auch die angeheiratete Großtante meiner Mutter: Tante Gertrud. Ich war sechs Jahre alt, ich hatte meine langen blonden Haare zu einem Zopf geflochten, ich trug ein blaues Kleid mit Spitzenkragen und eine Brille in lila mit gelben Sternchen, kurz: ich sah schon aus wie ein Streber, bevor ich überhaupt jemals eine Schule von innen gesehen hatte. Das Fest war ein voller Erfolg, und mit “voller Erfolg” meine ich: ich bekam Geschenke. Das Geschenk von Tante Gertrud war das größte von allen. Ich hatte mir ziemlich Vieles gewünscht, darunter ein Pferd (Ponys sind für kleine Mädchen, und ich war ja schon groß), eine Schaukel, ein ferngesteuertes Auto und ein Fahrrad, ich war gespannt, was davon ich jetzt bekam. Ich wollte nicht mehr abwarten, riss das Geschenkpapier auf, und hervor kam: ein riesiges lilafarbenes Bonbon.

Die umstehenden Erwachsenen klatschten.

Ich drehte das Ding hin und her, es hatte schwarze Schlaufen an den Seiten und einen Reißverschluss. Ich zog ihn auf. Und hervor kamen: ein paar kleine Metallstäbe, eine lange Metallstange, ein riesiger Haufen abgrundtief hässliches lilafarbenes Plastik. Tante Gertruds Geschenk war ein Zwei-Personen-Iglu-Zelt. In stechendem Lila. Bis heute ist mir nicht ganz klar, was sie damit bezweckte, und ob sie vielleicht meinen Eltern ermöglichen wollte, mich mitsamt meinem zweijährigen Bruder einfach im Wald auszusetzen, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Meine Eltern zwangen mich, mich für das „schöne Geschenk“ artig zu bedanken. Zwanzig Jahre und dreißig Umzüge später hatte ich immer noch keinen Weg gefunden, dieses abgrundtief hässliche Ding möglichst elegant loszuwerden. Und damit war dann klar: tschüss, Malediven, adé, US-Ostküste. Ich gehe jetzt also das Fürchten lernen. Ich gehe: zelten.

Morgen gehen wir in einen Waffenladen, treffen den König von Mallorca und entgehen knapp einer Zwangsadoption. Schalten Sie also wieder ein, wenn es heißt: Zelten macht Spaß! – Zu Folge 2.

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6 Responses to “Zelten (Folge 1 / 6)”

  1. [...] schönstes Ferienerlebnis” und trägt immer noch den Titel “Zelten”. – Zu Folge 1, Folge [...]

  2. [...] Dieser Text stammt aus der Reihe “Mein schönstes Ferienerlebnis” und trägt immer noch den Titel “Zelten”. – Zu Folge 1. [...]

  3. [...] schönstes Ferienerlebnis” und trägt immer noch den Titel “Zelten”. – Zu Folge 1, Folge 2, Folge [...]

  4. [...] schönstes Ferienerlebnis” und trägt immer noch den Titel “Zelten”. – Zu Folge 1, Folge 2, Folge 3, Folge [...]

  5. [...] Dies ist die Fortsetzung einer Odyssee mit dem Titel “Zelten”. – Zu Folge 1, Folge 2, Folge 3, Folge 4, Folge [...]

  6. […] Edit: Ich habe die traumatischen Erlebnisse aus diesem kleinen Urlaub auch noch in einer Miniaturserie hübscher Texte aufgearbeitet. Falls Sie lesen mögen: bitte gerne – “ZELTEN” […]