Vorgang

Ich vermisse es, einfach so und ohne Anstrengung über der Stille das Brummen einer Hummel zu hören.

Die Nächte enden jeden Morgen um fünf, dann nochmal um sechs, sie sind voller Träume mit großen Bildern, die an den Tagen wiederkehren wie kleine Farbtupfer an unauffälligen Stellen. Seit sieben Wochen habe ich auf diesen Termin gewartet. Als ich aus der Bahn steige, kaufe ich im erstbesten Laden einen Becher überteuerten Kaffee zum Mitnehmen, eine Trotzreaktion für zwei Euro sechzig, den Kauf bereue ich schon kurz nach dem Bezahlen, der Deckel passt nicht, ich kippe mir Kaffee auf die Schuhe, ich trinke zwei Schluck, er ist ungenießbar, ich werfe den Rest weg. Dann sitze ich auf einem grau bezogenen Bürostuhl an einem kleinen Besuchertisch, der in einen großen Schreibtisch übergeht. Es ist einer von fünfzehn Tischen in einem mit grauem Teppichboden ausgelegten Raum, ein paar Pflanzen stehen herum. Verstauben für die Atmosphäre. Um diesen Schreibtisch hängen Fotos von Motorradrennen, Stunts auf braunen Erdhügeln, der freudlose Mann mir gegenüber ist jünger als ich und hat wahrscheinlich gerade seine Verbeamtung auf Lebenszeit hinter sich, er nimmt die Zettel entgegen, die ich ihm reiche, er sagt, er müsse den Vorgang jetzt noch erfassen, er tippt Zahlen ein, ich halte mich an mitgebrachten Papierstapeln fest, er drückt auf „Drucken“, nimmt einen gelben Leuchtmarker, leuchtet zwei Zahlen an und sagt, “ja also, das ist jetzt Ihr Wert“. Im Hinausgehen sehe ich den Ausdruck auf Recyclingpapier noch einmal an, auf dem Gang hallt sein Satz nach. Mein Wert, das ist jetzt ein mittlerer dreistelliger Eurobetrag.

Ich kann kaum mehr geradeaus klare Gedanken fassen, beim Versuch, um Ecken zu denken, fange ich innerlich an zu torkeln. In der Bahn schneide ich in Gedanken Leuten die Haare, da sehe ich ihn, Ende dreißig, lockiges blondes Haar, er unterhält sich mit Freunden auf Schwedisch, mir fallen meine Pläne wieder ein, einmal für wenigstens ein Jahr in Skandinavien zu leben. Zuhause räume ich die Küche auf, wo es doch gar nichts aufzuräumen gibt, ich entdecke seltsame neue Wesenszüge an mir. Und ich höre dieses Lied, bei dem ich mich immer fühle wie Teil einer Serien-Titelmelodie. Es fehlt nur noch, dass in der Mitte des Bildschirms Namen stehen und dann wieder eine neue Geschichte beginnt.

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