relativismus

Blutabnahmen, Tröpfcheninfusionen, Medikamente, Körperfunktionen an Maschinen, Organfotografie in Schichten, mit Schuhen im Bett liegen und zu schlafen versuchen, in Rollstühlen sitzen und eine Strahlenverseuchung des Körpers mit geschlossenen Augen hinnehmen; alles in allem zwar kein schöner, aber wenigstens irgendein Tag.

Dann liege ich wieder in einem Bett, Nummer zwei im Dreibettzimmer. Zwischen den Betten nur dünne, bodenlange gelbe Vorhänge, alles, was von der anderen Seite des Vorhangs zu hören ist, wird zu einem Film aus Krankenschwestern, Ärzten, EKGs, Bettpfannen und einer Frau. Die Frau schreit mit sehr hoher Stimme, nein, nein, nein, ich will nicht, ich kann nicht mehr! Das schreit sie lange und laut, irgendwann sagt ganz leise ihre Mutter ich auch nicht.

Als ich nach Hause gehen darf, ist es Mitternacht und ich falle aus dem neonbeleuchteten Gebäude in die Stadt. In der U-Bahn-Station treffe ich die Mutter noch einmal. Ich nicke ihr zu, wie man einander so zunickt, wenn man sich nicht kennt, aber viele Stunden nur durch einen Vorhang getrennt voneinander verbracht hat. Sie sagt, ihre Tochter sei jetzt im Krankenhaus behalten worden. Sie ist neununddreißig Jahre alt und sie will nicht mehr leben, sie will nur noch sterben. Sie sagt, es sei immer noch kein Bett auf einer Station für ihre Tochter gefunden worden, sie wolle morgen früh zu ihr, wisse aber nicht, wie sie ihre Tochter in dem großen Gebäude finden könne. Ich frage, ob sie wisse, dass sie das an der Information erfahren könne, sie schüttelt den Kopf, ich erkläre ihr den Weg dorthin. Für morgen. Sie wirkt erleichtert. Dann senkt sie den Kopf, stützt die Stirn auf ihre Hände und das letzte, was von ihr noch zu hören ist, ist: So viel Unglück. Mein Leben ist so kaputt.

In dem Moment fährt mit lautem Krachen die U-Bahn ein.

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