Spuren von Muttern

An meinem Weg von der Wohnung zum U-Bahnhof liegt seit mindestens gestern Nachmittag ein Sofa. Genau genommen ist es kein Sofa, nur ein Sofateil, ein recht großes in Form eines großen L. Es ist ganz sicher ein Sofa, das einst bei Ikea gekauft wurde, nicht nur, weil viele Ikea-Möbel aus L-förmigen Teilen bestehen, sondern auch, weil die Bohrungen für die langen Schrauben noch da sind und an den Gegenseiten Spuren von Muttern. Weiß ist es, das Sofa, oder, besser, war es einmal, bevor es jemand auf die Gehsteigkante warf, nun hängt es mit seinem fleckigen Bezug und einer Hälfte auf dem Gehsteig, mit der anderem auf einem Parkplatz, direkt davor steht, nun erzwungenermaßen schräg, ein Auto.

Ich weiß, dass es seit höchstens fünfzig Stunden dort liegt. Montag Abend war ich noch einmal dort vorbeigegangen, da war der Gehsteig noch leer wie immer, Hundehaufen, Kippen und der übliche Kleinstunrat sind längst integraler Bestandteil meines Bildes von einem typischen Gehsteig. Dienstag und heute ging ich nochmals dort vorbei, für kleine Besorgungen, hier zur Apotheke, etwas fragen, dort zum türkischen Supermarkt, da gibt es bündelweise frische Minze. Als ich heute an der Stelle vorbeilief, saß auf dem Sofateil ein Mann. Er saß sehr bodennah. Erst nahm ich ihn nicht wahr, ich sah ihn erst, als er mich von da unten aus fragte, ob ich mit ihm eine Zigarette rauchen wolle.

Ich sagte nein, danke, er rief mir hinterher schönen Abend noch!, und da erst fiel mir auf, dass das die ersten beiden Wörter waren, die ich an diesem Tag gesagt hatte. An manchen Tagen braucht es einfach als Grundhaltung zur Welt gar nicht so besonders viel.

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(im Bild: Gehsteig, woanders, und Sofalosigkeit)

By Lena

Fast walker, avid reader, poetry fan, public speaker, violinist, pianist in the making, intersectional feminist. Works in tech, writes about anything here (and less frequently than in the past).

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