tl;dr

Der grundsätzliche Fehler war ja, gestern Abend überhaupt nach Hause zu fahren. Ich hätte noch ein Bier trinken können, oder, in Tradition der letzten Tage, fünf einen Tequila. Stattdessen saß ich in meiner Küche, rauchte, trank Tee, hörte Musik, las das Internet und hing auf Facebook herum (Disclaimer: ich bin in einem Alter, in dem es wahnsinnig uncool ist, nachts auf Facebook herumzuhängen. Ich tue es bisweilen trotzdem und das mit der Coolness … egal). Ich hing also auf Facebook herum. Bis … ja, bis. Bis mir schließlich, erst von einem, dann zweien und schließlich drölfzig Freunden — Jürgen Domians aktuellste Statusmeldung in die Timeline gespült wurde (Auszug):

Jürgen Domian - Facebook-Statusmeldung (Auszug)
(Link zum vollständigen Original-Beitrag)

Nun tut meine Meinung zu Domian an sich wenig zur Sache. Unser persönlicher Kontakt beschränkte sich darauf, dass bisweilen, als ich noch bei Twitter aktiv™ war, des Nachts Retweets seiner aktuellen Sendung in meiner Timeline landeten, die ich geflissentlich überscrollte, sobald ich den Avatar erkannte. Kurzum: er ist mir recht egal. Auch was genau er da gepostet hatte, warum das gelöscht wurde, vielleicht wird es sich noch zeigen, vielleicht auch nicht. Vermutlich gab es einfach nur ausreichend Meldungen der Posts, Meldungen über “anstößige Inhalte”, die ganz normale Facebook-User wie Du und ich erstellt haben, und auf die folgend die Beiträge gesperrt wurden. Womöglich ist Facebook gar nicht direkt schuld, sondern nur der Algorithmus oder eine Mondphase. Keiner weiß, woran es lag, und wenn wir etwas wissen werden, dann nur das, was wir wissen sollen. Domians Unser Problem ist doch das Transparenzungleichgewicht – Facebook weiß alles über uns, und was wissen wir? Wir wissen, wo die Login-Maske ist. Facebook ist der Gott, den wir nie hatten.

Und dann kehrt hier noch ein altes Prinzip wieder (ich nenne es hier liebevoll “Murmeltier”). Deshalb hat das Nachfolgende nichts  mit der Ursachenforschung im Fall Domian zu tun. Aber viel mit der Entstehung von Meinungen und den Konsequenzen daraus. Denn: was ich viel spannender finde, ist die große Aufregung darum. In Zahlen: 11.438 Likes. 14.343 Shares. (Stand: 19.03., 01:30 Uhr, etwa 4 Stunden nach Beitragserstellung.) – Von den Kommentaren ganz zu schweigen. “Zensur!!!”, schreit es da, “Facebook ist jüdisch!”, “Meinungsfreiheit?!”, “Hier ist das Leben wo alle mitreden können.” oder auch, mein Lieblingskommentar (wohlgemerkt, immer noch bei Facebook):

Ach ja, da kommen sie also wieder, die Stimmungsmacher und Meinungsdemagogen. Und dabei haben wir das doch alle schon so oft gehört und schon immer gewusst. Was hängen sie uns zu den Ohren raus, die Warnungen des Dr. Thilo Weichert aus Schleswig-Holstein und des Herrn Friedrich aus Berlin, die Causa Max Schrems, die Prozesse, die unfertigen Prozesse, die ewigen Studien, die uns etwas über unsere Transparenz erzählen wollen. Was also regen wir uns noch auf, wir wissen doch Bescheid. Wir sind doch alle alte Murmeltiere Hasen, wissen, wo der Hase läuft, nur vielleicht wollen wir nicht immer wahrhaben, wohin, wir sind doch so aufgeklärt, wir wissen Bescheid, hey, wer, wenn nicht wir?, ja, wir, wir kennen uns doch aus mit diesem Internet, wir lesen und nicken und denken jaja, und kurz darauf öffnen wir wieder einen neuen Browser-Tab, geben in der URL-Leiste ein f ein und warten auf die Vervollständigung zu facebook.com. Wären wir konsequent, wären wir schon lange weg.

Denn, seien wir doch mal ehrlich: was bilden wir uns eigentlich ein?

Wir sind dumm. Ihr kennt sicher das Prinzip mit dem Frosch, dem Herd und dem Wasser, in dem er sitzt. Es wird wärmer um uns. Aber, hey, Hauptsache, wir fühlen uns gut dabei. Nur leider ist das hier nicht Demokratie, und das ist nicht das Disney Land der schönen Profile. Das hier ist Business. Aber das Schöne an gut gemachtem Business ist: wer dick in Watte verpackt ist, der merkt es gar nicht so sehr, wenn er über den Ladentisch gereicht wird. Und wenn Seifenblasen platzen, tut das nichtmal an der Oberfläche weh. Und jetzt erzählt mir nichts von den Pseudoguten. Mal ehrlich: wenn Twitter eines Tages jeder 140 Zeichen-Verlautbarung einen Link zu Penisverlängerungsangeboten anfügt, wenn die Social Media-Berater Google Plus vollends übernommen haben, wenn der geliebte Bloghoster Mätzchen macht und wenn sich herausstellt, dass Spotify nur 4 Cent pro Album an Musiker zahlt  – was machen wir dann? Wir können ja gehen, so ist das ja nicht, ins gelobte Offline-Land, dahin, wo Print und Analog fließt. Ich sage euch eines – ich habe das ausprobiert. Im Sommer 2011 hatte ich das alles so über und dieses Ermatten, die “Social Müdia”, und dann habe ich gelöscht. Mich. Mein Facebook-Profil. Fünf Monate später war ich zurück, und das einzige, was es mir gebracht hat, war eine neue Freundesliste.

Und dann kommen wir zur eigentlichen Frage: was wollen wir eigentlich, von diesen ganzen Netzwerken? Wir wollen Spaß, wir wollen Aufmerksamkeit, wir wollen Geburtstagsglückwünsche und Likes und Shares, wir wollen gesehen werden. Information ist unsere Währung, je neuer, desto heißer, Kontakte sind unser täglich Brot, Sharing ist unser Caring und unsere Aufmerksamkeitsgeilheit gib uns heute. Und wir glauben, dass wir es sind, die dieses Facebook machen, genauso wie wir dieses Internet machen. Wir posten Statusmeldungen und Fotos, tragen hübsch unseren Lebenslauf in die Formularfelder ein und hinterlegen unser Lebensmotto (“carpe diem”). Wir basteln uns ein hübsches kleines digitales Zuhause mit eigenem Titel- und Profilbild, liken Seiten, kommentieren die Beiträge unserer kleinen digitalen Freunde. Und am Ende des Jahres lassen wir uns von einer eigenen App unser persönliches Jahres-Best-Of-Album zusammenstellen.

Mein Bauch gehört mir, das ist bald 21 Jahre her. Heute müssten wir sagen mein Profil gehört mir. Wir sind uns ja dessen bewusst, was wir da tun. Wir stellen ja nicht einfach so die Fotos unserer Kinder und eine Statusmeldung nach der anderen ins Netz. Nur: ist die Grenze zwischen unserer Privatsphäre, Post-Privacy und Privacy Piracy wirklich eine, die wir noch selbst ziehen? Wir müssten auch sagen meine Daten gehören mir. Sagen wir auch. … Jedenfalls genau so lange, bis wir wieder bei der alten Frage nach den Alternativen landen: was nützt mir ein soziales Netzwerk, in dem keiner meiner Freunde ist? Es gab da im Postillon diesen schönen Beitrag über den Zoff der letzten beiden StudiVZ-Nutzer, und es gab einmal, na, weiß noch wer, wie es heißt? Diaspora. Gibt es übrigens immer noch. Ist eben nur keiner da. Oder, wie der Postillon es formulierte:

Gefragt, warum die beiden den jeweils anderen nicht einfach via “Nutzer ignorieren” ausblenden, erklärten sowohl Marco R. als auch Tristan B. unisono: “Sind Sie verrückt? Dann wäre ich ja ganz alleine!”

Und Lösungen? Ach, Lösungen. Es gibt vielleicht Workarounds, aber die Lösung kennen wir nicht. Also machen wir weiter. Wir posten und verlinken, wir laden hoch, wir liken und kommentieren. Wir tun, was wir tun sollen, weil es sich gut anfühlt. Und weil es so hübsch glitzert und funkelt in unserer kleinen Glitzerwelt, sind wir ganz schnell bereit, zu vergessen, welchen Preis wir dafür bezahlen. Und ich sage wir, weil ich jetzt, sobald ich auf “publish” geklickt habe, Facebook und Twitter aufrufen und diesen Beitrag teilen werde. Wer frei von Social ist, der werfe das erste Network.

Social Müdia