Was ist das schon, ein Jahr. Zwischen 8760 und 8784 Stunden, das ist wie 8760 Mal im Hochsommer am Hauptbahnhof in Hannover stehen und bei 35° im Schatten auf einen Anschlusszug nach Berlin warten: eigentlich ein überschaubarer Zeitraum, und trotzdem sieht es nach einer Ewigkeit aus, wenn es erst angefangen hat. Und dann ist es doch wieder so schnell vorbei, dass man es nicht einmal schafft, einen ordentlichen Abschlussartikel dazu zu schreiben.

Es bräuchte sie nicht, die Jahre, die Erde würde sich weiterdrehen, wenn es sie nicht gäbe, nur gäbe es die Jahre nicht, wenn sich die Erde nicht drehen würde, gut, dann gäbe es uns auch nicht, uns, die wir uns Gedanken um so etwas wie Jahre machen, da sieht man schon wieder, wie überflüssig das ist. Und doch brauchen wir sie, für uns, die Jahre, diesen Rahmen um ein paar Stunden. Mit den Jahren können wir zählen, können rechnen, sie teilen unser Dasein in Abschnitte, diese Existenz, deren Sinn wir ohnehin häufig kaum fassen können. Das macht es leichter, da jedes Jahr irgendwann zu Ende geht, weil die Erde sich weiter um die Sonne dreht, so haben wir eine Chance, einen Strich unter 365 Ereignisse zu machen (wenn wir davon ausgehen, dass jeder Tag eines ist). Eine Zwischenbilanz zu ziehen. Mit Manchem abzuschließen, mit Anderem weiterzumachen, zu sortieren jedenfalls, und das nach einem für unsere unausgelasteten und doch permanent überfluteten Gehirne halbwegs überschaubaren Zeitraum. Wäre ein Jahr, sagen wir, 10 Jahre lang, wir alle würden zu Psycho-Messies, die sich zu jedem Jahresende vor einem unüberwindbaren Berg unaufgeräumter Dinge sähen und zu Silvester erst einmal einen Räumungsservice bestellen müssten. Man kann ja selbst nach manchen Jahren in Normallänge froh sein, dass man seine Zwischenbilanzen keiner Wirtschaftsprüfungsgesellschaft vorlegen muss, Ernst & Young würden mir nach diesem einen vermutlich kommentarlos ein Flugticket auf die Bahamas schicken. One-Way.


Angefangen hat das, was zu dieser desaströsen Bilanz führte, in einer Bar in Kreuzberg, und damit, dass die Böller zu laut waren und zu tief flogen, dass es außerdem zu viel Sekt gab (ich hasse Sekt) und der Rest der Nacht in freundlicher Finsternis verschwunden ist. Geht man davon aus, dass es so etwas wie “schicksalhafte Vorzeichen” gibt, war das wohl eines, jedenfalls ging alles  nicht viel anders weiter. Was anders war als sonst, ist: dieses Jahr war das erste seit sehr, sehr vielen Jahren, in dem niemand gestorben ist, der mir sehr nahe stand. Es war überhaupt ein Jahr der vielen ersten Male. Und das erste Jahr seit 10 Jahren, in dem ich nicht umgezogen bin.


Was sonst war?
Bei erneutem Durchsehen des Kalenders zum Jahresende vollkommen unerklärliche Kalendereinträge: 
17.02.: Die Einebnung der Welt
27.03.: Death by PowerPoint
08.05.: progressive Universalpoesie
04.08.: Die profanen Stunden des Glücks
17.08.: Butter
17.09.: Karottenkuchenmillieustudie
09.11.: Schlafen
06.12.: Nischenproduktschutzprogramm

Was blieb:
tiefe Augenringe. Ein riesiger Weinfleck an einer Wand. Ein Brandloch in den Dielen. Die unvergesslichen, kleinen Momente, von denen es keine Fotos gibt: das eine Aufwachen, der Sternenhimmel über Südfrankreich, ein Bild von Gerhard Richter, das Herzklopfen vor einer Rede, im Park liegen bei Cidre und Sternschnuppen, nachts mit dem Rad ankommen und ein Glas Wein vorfinden, die Begegnungen mit wundervollen Menschen, die weichen Knie an einem Tag im November, die neuen Freundschaften, der Wal im Landwehrkanal.

Sätze für die Ewigkeit: “Wahre Liebe kann man nur finden, wenn man den Mut zur Katastrophe hat.” (Doris Dörrie); “Ich kenn dich aus dem Fernsehen!”; “If you’re awesome and you know it, clap your hands!”; “Küsst er so gut, wie wir immer dachten?” – “Natürlich.”

Zu viel: Fast Food, auf der Strecke geblieben, zu laut.; Zu wenig: Schlaf. Sport. Musik. Pferde. Meer. Zeit. Schreiben.; Zufrieden: Steak. Bars. Eiswürfel. Liebe.; Zu schnell vorbei.

Fragen, die übers Jahresende hinaus bleiben: “Wann feierst du deinen Geburtstag nach?”; “Bekomme ich das Käsekuchenrezept?”; “Was machst du an Silvester?”; “Wann sehen wir uns wieder?”; Und “Wann nimmst du endlich ‘Last Christmas’ als Freizeichenton raus?”

Alles andere – war wie immer: Magie Musik.

Was sonst bleibt:

remember all your journeys and they will last forever.

Tschüss, 2012, du Jahr der Anfänge.
Hallo, 2013, du Jahr, in dem die Dinge weitergehen. Du hast noch knapp 24 Stunden zum Anlaufen. Und dann zeig’ mal, was du kannst.