Chronik eines völlig undramatischen Geburtstags bei 38,5° Celsius.

00:00 – 04:45 Uhr: Lichter durchzucken das Dunkel. Es ist heiß. Nur gedämpft sind Stimmen zu hören.

05 Uhr: Habe wohl schon wieder Fieberfantasien. Geplant war ja, mein Hinüberleben in die “Generation Quarterlifecrisis” zu feiern. Jetzt liege ich seit Freitag Abend im Bett und alles ist abgesagt. Bin jetzt im Modus Fiebern statt Feiern (tauscht man die Buchstaben bei “feiern” und fügt ein b hinzu … egal). Statt Freunden leistet mir nun das Fieberthermometer Gesellschaft, das sich, abgesehen vom Piepsen beim Einschalten und einem weiteren bei Feststellen eines Messwerts, als eher unkommunikativ herausgestellt hat. Dafür ist jetzt auch noch die Batterie leer. 

06 Uhr: Schalte den Backofen aus. Wird doch langsam etwas zu warm hier drin. Bin vorgestern Abend während einer Schüttelfrostphase mit dem Bett in die Küche umgezogen. Ist praktisch: wenn mir kalt ist, muss ich nur ein bisschen den Backofen einschalten, dann wird es ganz schnell warm. Super Sache.

06:10 Uhr: endlich einschlafen.

06:10 – 12:00 Uhr: träume von einem riesigen See (Durst?), einer Klassenfahrt (Traumaverarbeitung der Grundschulfahrt ins Schullandheim?), es ist irre heiß (Fieber?), ich suche die ganze Zeit jemanden (da möchte ich über keine Meta-Ebene nachdenken) und die Menschen, die durchs Bild laufen, haben alle riesige Handtücher dabei (wieso schaltet ein Handtuchhersteller Werbung in meinem Kopf?).

12 Uhr: wach. Schaue in den Spiegel. Grober Fehler: sehe aus wie 7 Tage lang mit Bleichmittel gewaschen und danach an den Zehen aufgehängt. Habe dafür nun endlich Locken. Hurra. Erstkontakt mit Wasser lässt Locken verschwinden. Bleiches Gesicht bleibt. Irgendwas läuft hier falsch.

12:45 Uhr: Heute erstmals der Meinung, dass Telefone doch eine ganz gute Erfindung sind. Freue mich sogar über Anrufe. Super Sache. Wünsche mir ein Telefon, das nur an meinem Geburtstag Anrufe durchlässt und Anrufern den Rest des Jahres sagt, dass ich nicht zu sprechen bin.

14:30 Uhr: Geburtstagskaffee mit Gesellschaft. Sich mit mir zu treffen grenzt in diesem Zustand an ein optisches (ich sehe wirklich scheiße aus) und infektiöses (ich bin außerdem scheiße-ansteckend) Selbstmordkommando. Aber vermutlich ist es wenigstens ein bisschen lustig. Schätze, man fühlt sich ganz gesund, im Vergleich. Lutsche Kaffee-Eiswürfel (gut gegen Halsweh), esse Pancakes mit Ahornsirup, obwohl ich keinen Hunger habe (“Kind, du musst was essen!) und freue mich über ein fantastisches Geburtstagsgeschenk. Muss mich danach wieder hinlegen.

15:30 Uhr: Erschreckend: Mumford & Sons haben ein neues Album veröffentlicht, und ich möchte ihnen hier zwei Dinge sagen. Hallo: 1. es gibt keine guten Coversongs, schon gar nicht von The Boxer, und 2. euer Banjo nervt.

16:00 Uhr: Ebenfalls erschreckend ist ja, dass Geburtstage an sich vollkommen egal sind. Der Tag der Zeugung wäre weitaus interessanter, steht aus naheliegenden Gründen allerdings weniger im Rampenlicht. Selbst Leute, die Gespräche über Geschlechtsverkehr an sich recht locker absolviert (“Sex? Joa. Geht, ne.”), wechseln meist spätestens dann leicht angewiderten Blickes das Gesprächsthema, sobald dieses Gespräch sich darum dreht, wann, wie und warum zwei Menschen Dinge miteinander taten, die dazu führten, dass die beiden ca. 9 Monate später ihre Eltern wurden (wobei besonders wie und warum eher ungern thematisiert werden).

Deshalb feiert man also Geburtstag.

17:00 Uhr: Gehe meine Amazon-Wunschliste durch, ignoriere gekonnt meinen Kontostand und schenke mir selber was. Das sollen ja angeblich die besten Geschenke sein. Glaub ich ja nicht, aber ist jetzt auch egal.

17:20 Uhr: Einkaufen ist anstrengend. Muss. Schlafen. Jetzt.

18:35 Uhr: Wache auf und habe von einer riesigen Pizza geträumt. Die Pizza war so groß, dass ich in der Tomatensoße baden konnte. Jetzt will ich Pizza. “Hunger ist ein Zeichen für Besserung” sagt jemand, erst denke ich, es ist meine Mutter, die das sagt. Aber meine Mutter hat keinen Vollbart.

Die Pizzeria um die Ecke, Pizza-Sehnsuchtsort der ersten Stunde, hat sonntags zu. Bleibt ein Lieferservice, für alles andere bin ich zu müde. Nach mehrfachen Fehlversuchen in der Vergangenheit glaube ich allerdings: ich bin die falsche Zielgruppe für alles, was man online buchen kann. Erst vor einigen Monaten bin ich an Online-Reiseportalen gescheitert (und habe schließlich telefonisch eine Jugendherberge gebucht), heute passiert das selbe mit Pizza. Erst muss ich herausfinden, wo man so etwas bucht, also Reise- und Pizzaportale vergleichen, habe ich mich dann endlich für eines entschieden (die Bewertungen sind ja eh nie hilfreich), dann muss ich die Angebote vergleichen, und bis ich damit fertig bin, ist entweder der Urlaub vorbei oder

20:35: ich habe keinen Hunger mehr.

20:50 Uhr: weiß jetzt auch nicht mehr, warum ich meinen Geburtstag feiern wollte. Was ist denn sonst so besonders an diesem Tag? Ab heute muss ich nur wieder monatelang üben, bis ich mein korrektes Alter flüssig sagen kann. Außerdem differiert das Bild, das ich heute abgebe, ungefähr kilometerweit von dem, wie ich so vor 10, 15 Jahren dachte, dass ich in diesem Alter sein würde. Andere Leute in meinem Alter sind schon das erste Mal geschieden und tragen gerade das vierte Kind aus, und ich habe nicht einmal eine Pizza!

21:00 Uhr: so kann das nicht weitergehen. Rufe den Pizzaservice an. Und bestelle —

Eis.

Allen anderen da draußen: herzlichen Glückwunsch zum Sonntag!
P.S.: Stellen Sie sich darauf ein: es wird nachgefeiert.

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