Bekanntermaßen wohne ich seit geraumer Zeit im Ghetto. Seit meinem Umzug hierher mag auch mein Hang zu Aggressionen und Ghettosprache etwas gestiegen sein, aber wenigstens zwischen 9 und 20 Uhr bin ich in der Regel sozialverträglich (an Werktagen). Aber jetzt rege ich mich auf. Ich rege mich SOWAS VON AUF. ICH REGE MICH SO AUF, DASS ICH AUSRASTEN KÖNNTE. Dies vorab, um Sie in Stimmung zu bringen. Sind Sie? Prima. Dann kann ich jetzt zur Sache kommen:

Man hat den Vater von Sarkozy gefunden und den von Merkel auch

“Wie geht es Dir?”, das haben Sie schon einmal jemanden gefragt, oder? Ja? Haben Sie? Gut. Dann, so leid es mir tut, haben wir etwas gemeinsam. Habe ich nämlich auch. Jetzt wird es allerdings schon anspruchsvoller. Haben Sie als Antwort auch schon gehört: “Man kommt zurecht”? Oder, an einem Abend, an dem (*Katerwarnung) bereits mehrere Sorten Alkohol konsumiert worden waren, und Sie fragten “Wie geht es Dir damit?” und die Antwort war: “Man fühlt sich zur Zeit …”?

Ich habe das beobachtet. Nicht nur in zwei Situationen, nicht nur nachts, nicht nur im Zusammenhang mit Alkoholika. Mehr als ein Jahr lang habe ich still zugesehen, blutenden Herzens darüber hinweg geredet, so getan, als wäre nichts. Aber jetzt reicht es. Es ist genug. ICH KANN ES NICHT MEHR HÖREN.

Man, man, man. Man. Überall nur noch man

Nach diesem Jahr der intensiven Beobachtung frage ich als intelligenter analysierender denkender Mensch mich nun: was soll das? Warum immer man? Wohin ist das Ich verschwunden, ist es während der Eisheiligen erfroren, hat man es im Sommerloch versenkt? Zur fundierten Beantwortung dieser elementaren Fragen habe ich Kristallkugeln, Frauenzeitschriften, Kneipengespräche, Google diverse Studien, Umfragen, Expertenaussagen sowie wissenschaftliche Fachliteratur bemüht. Schnallen Sie sich an, es geht los.

Unsere Betrachtung der Sachlage beginnen wir mit der Frage, die schon einen Herrn Grönemeyer aus B. quälte: Was soll das? Bemühen wir Lexika, so lernen wir, man sei ein Indefinitpronomen (Plural: In·de·fi·nit·pro·no·mi·na). Meine Lateinkenntnisse (Niveau: alle Asterix-Hefte) sagen: indefinit heißt unbestimmt. Um man zu verstehen, fahren wir nun also fort mit einer Annäherung an die Unendlichkeit der Unbestimmbarkeit.

Ich liebe Dich! (Sätze, die man beim Kennenlernen nicht sagen sollte.)

In diversen Foren für hoffnungsvolle Jungautoren geht es häufig um die Frage, wie sich Sätze mit man vermeiden lassen. Müssen Sie nicht googeln, denn die Diskussionen sind stets fruchtlos und enden mit dem Konsens, dass Sätze, die nicht man enthalten, schwieriger zu bilden sind als manfreie Sätze. Oder, um einen der hoffnungsvollen Jungautoren zu zitieren: “Man-Sätze sind einfach. Meistens kann sind sie immer auf einen selbst beziehbar.” Dass er hier wohl zunächst einen man-Satz bilden und dann doch noch schnell vermeiden wollte, was nur so halb gut ging, ist übrigens schon fast putzig. Fast. (Und dass jemand ihm vielleicht einmal erklären sollte, dass “meistens” und “immer” logisch betrachtet nicht so grenzgenial gut in einen Satz passen, auch.)

Man lebt nur einmal. 

Im Zuge der Recherchen über man wurde mir klar, was mich an dessen häufiger Verwendung so stört. Zum einen lassen sich mit man Dinge sagen, die Klang und Anstrich großer Allgemeingültigkeit besitzen, die Behauptung globaler Gültigkeit, oder zumindest deren Implikation. Doch: das ist lediglich ein Vortäuschen von Größe – bei Aussagen, hinter denen doch nur ein einziges Ich steht, das nur von sich selbst und für sich selbst sprechen kann (oder wer von Ihnen kann ernsthaft von sich behaupten, die Weltbevölkerung zu vertreten? [Hallo Dalai Lama, falls Du das hier liest: Du musst Dich hier nicht angesprochen fühlen.]).

Man lebt nur zweimal.

Das wirklich Perfide ist jedoch: man kann man nicht nur verwenden, um seine persönliche Meinung mützenartig der gesamten Welt überzuziehen – gleichzeitig kann man es auch nutzen, um sich selbst rauszuhalten, was man äußert, betrifft eine nicht bestimmbare Allgemeinheit, die keiner jemals identifizieren kann, man darf bloß keine eigene Meinung äußern, und immer so tun, als wäre das, was man sagt universeller Konsens, und sollte einem später aus einem man-Satz ein Strick gedreht werden, hat man das natürlich alles ganz anders gemeint und wird einfach immer nur falsch verstanden und fehlinterpretiert. Natürlich. Und damit kehren wir zurück zur Eingangssituation:

Man hat schon Pferde vor der Apotheke kotzen sehen

Warum also ist es ausdrücklich nicht kool, auf “wie geht es Dir?” mit “man …” zu antworten? Analysieren wir zunächst grammatikalisch. Die Frage bezieht sich auf ein Personalpronomen der zweiten Person Singular im Dativ (“Dir”). Egal, wie die Antwort darauf genau lautet: sie muss ein Personalpronomen der 1. Person Singular enthalten, also “ich”, “mich”, “mir” oder “meines”. Ausnahmen sind nur zulässig für Pärchen, Schwangere und Autoritätspersonen, hier ist die Verwendung der 1. Person Plural gestattet. Wir konstatieren: Eine Personalpronomenfrage mit einem Indefinitpronomen zu beantworten, ist somit eine Frechheit. Und obendrein inadäquat. Nämlich.

Was die häufige Verwendung von man zusätzlich fragwürdig macht:

es ist noch nicht einmal witzig.

Ein bisschen lustig ist es ja vielleicht noch, wenn man es Englisch ausspricht (also mæn): Man hat mich angemalt. … Finden Sie nicht lustig? Als ich es nur im Kopf hatte, klang es noch lustig. Sieht jetzt, so aufgeschrieben, irgendwie nicht mehr witzig aus. Stellen Sie es sich jetzt eben einfach so vor, dass es irgendwie witzig wird, für Ihr Kopfkino sind Sie gerade selbst verantwortlich.

Was hingegen von vornherein nicht lustig ist und auch nie sein wird, ist dieses:

Mann tut, was mann kann. 
Man, sind die Dickmann.
Oder, gerne im Kontext mit sportlichen Großereignissen mit Wettkampfcharakter (kurz: EM / WM): 10 Sätze, die Mann nicht hören will (einer davon ist übrigens “Wow, dieser Christiano Ronaldo ist echt heiß. Hoffentlich zieht er sein Trikot aus.” (Quelle) Schade, dass die EM heute schon vorbei ist, sonst hätte ich das noch zum Mann gesagt, nicht, weil ich es so meine (um Himmels Willen!), aber um die Reaktion zu testen. Leben am Limit, Sie verstehen.) Der einzige Fall, in dem die Ersetzung von man durch Mann geht, ist Manner mag man eben, aber nur, weil Manner-Waffeln unglaublich lecker sind (und aus Österreich).

Sie fanden man / Mann schon schlimm? Achtung, es wird noch schlimmer. Die unübertroffene Unlustigkeit in einem Satz ist nämlich:

Frau tut, was frau kann.

Mir war einst eine Dame bekannt, die mit brachialer Konsequenz in allem, was sie sagte und schrieb (wirklich allem) jedes man durch frau ersetzte. Niemals vergaß sie es, ich bin sicher, sie verwendete eine “finden und ersetzen”-Funktion, und in Ihrem Kopf hatte sie da ein Microsoft Word-Plugin für. Seitdem weiß ich auch, wie die Schnittmenge aus Treppenwitz, brigitte.de-Forum, Alice Schwarzer und Migräne aussieht.

All dies erklärt jedoch immer noch nicht die seuchenartige Verbreitung von [das Indefinitpronomen, dessen Name nicht genannt werden will]. Also, verehrter Leser: setzen, googeln. Man gibt (und mit man meine ich mich) zunächst man in die Suchmaske ein. Dass das nicht so viel bringt, erkennt man nach Durchsicht der ersten tausend Treffer, die zu Internetseiten über Fahrzeuge führen. Anfänger. Nächster Versuch mit “man er sie es”, sind ja alles irgendwie Pronomen.

Man sieht nur mit dem Herzen gut

Die ersten drei Suchergebnisse beschäftigen sich immerhin noch entfernt mit Sprache. Dann versehentlich (wirklich versehentlich) ein Klick auf Treffer Nummer vier. An dieser Stelle ein Hinweis an alle Kinder:

bitte nicht zuhause nachmachen.

Die Seite lädt. Unheil verkündet bereits die Linkstruktur: Liebe / Männer verstehen / Männer und Dating: typisch Mann: so verhält er sich, wenn er Sie mag. (In der ersten Version dieses Textes stand übrigens “so erhält er sich, wenn er Sie mag”, die Deutungshoheit hierzu überlasse ich Ihnen, basteln Sie sich was Schönes draus.)

Aber jetzt tapfer sein, wenigstens einmal querlesen, Google muss ja wissen, warum es darauf verlinkt, Google hat ja immer Recht (sagt zumindest Google). War natürlich Zeitverschwendung. Es geht nicht um das man-Problem. Wobei, geht es natürlich doch, aber um das Mann-Problem. Bwahaha. Es geht um den Zusammenhang zwischen One-Night-Stands und Pommes (wobei mir da einfällt, dass ich eins von beiden nicht mag), außerdem um Türsteher und Erpel. Finden Sie nicht plausibel? Also hören Sie mal, das ist ein Artikel aus einer Frauenzeitschrift mit einem pinkfarbenen Logo. Das erhebt schon gar keinen Anspruch auf Plausibilität.

Ich könnte mich hier jetzt weiter sehr (sehr!) ausführlich über Frauenzeitschriften aufregen, und über Journalisten, die womöglich einst einmal über Atompolitik, den Nahostkonflikt oder die Finanzkrise schrieben, nun aber Lippenstiftvergleiche verfassen — aber das würde den Rahmen dieses Textes endgültig sprengen. Wenn meine geplante Schriftstellerkarriere also scheitert, kann ich wenigstens noch Kolumnist in einer Frauenzeitschrift werden und Texte voller Wortwitze mit man und Mann schreiben. Sollte dieser Fall eintreten, empfehle ich Ihnen, diesen Planeten schnellstmöglich zu verlassen.

Entschuldigung, ich schweife ab. Zurück zu den drei Buchstaben: m – a – n. Drei Buchstaben, die die Welt bedeuten verändern nicht braucht, man, die Wort gewordene Nebelmaschine. Sie möchten etwas sagen, haben aber Angst, man könnte Ihnen später vorwerfen, Sie hätten es wirklich so gemeint?

Verwenden Sie man!

Man, der Beton auf allen bröckelnden Argumentationskette, der finale Todesschlag für alle Gegenargumente. Man, der verbale Hubschrauber mit SEK-Besatzung, der Sie aus jeder brenzligen Situation holen. Bügeln Sie heute noch alle Gegenargumente ab und werden Sie Gewinner jeder Diskussion, – sagen Sie jetzt:

Man kann das eben so und so sehen.

Und was bleibt? Eine Bewunderung. Wir sollten den Hut ziehen vor man, der Unverbindlichkeit in drei Buchstaben, dem viel nichts sagenden Distanzhalter – denn noch immer ist seine Popularität ungebrochen.

Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.

Bleibt nur noch die Frage, wem wir das alles zu verdanken haben. Wer ist schuld am Höhenflug des Man? Nun, wie auch an Klimawandel, Dieter Bohlen, Kapitalismus, Kutteln, der EU-Verordnung 1677/88, der Bild-Zeitung, allen Weltkriegen und daran, dass als Ergebnis der Evolution ausgerechnet der Mensch herauskam – schuld ist:

die Werbebranche.

Glauben Sie nicht? Oh, Sie. Ihre Naivität hätte ich gerne. Man gönnt sich ja sonst nichts. Aber Sie haben es ja so gewollt, also nehmen Sie dies: Man nehme Dr. Oetker. Die Avantgarde erkennt man an Spott, Verweigerung und finanzieller Not. Erklären kann man das nicht! Hier hilft man sich. Mit dem Zweiten sieht man besser. So isst man heute. Ist besser als wie man denkt. Wie kann man von etwas träumen, das einen nicht schlafen lässt. Prickelt länger, als man trinkt. Da weiß man, was man hat.

Ich denke, Sie sind klug genug, nun zu verstehen. Danke. Oder, um im Tonfall dieses Texts zu bleiben: Vielen Dank, singt manim Chor, vielen Dank, Sarotti-Mohr.

Ach MAN, Du Nutzfahrzeughersteller unter den Pronomen.

Also, Sie, die Sie die Ursache der Verschwörung und ihre Dimensionen erkannt, lassen Sie mich an Ihr Sprachgefühl, Ihren Intellekt, Ihr Gewissen appellieren, wenn ich Ihnen sage: Man sollte man seltener verwenden. Lassen Sie diese verbalen Verschleierungstaktiken sein. Wenn Sie sich selbst meinen, sagen Sie Ich, wenn Sie die ganze Welt meinen, sagen Sie die ganze Welt, und wenn Sie für die Weltbevölkerung sprechen wollen, zitieren Sie den Dalai Lama. Stellen Sie sich gegen das schwächliche Man. Haben Sie Mut zur eigenen Meinung, wagen Sie Geständnisse, stehen Sie zu Ihren Aussagen!

Und wenn Sie sich dann um Kopf und Kragen geredet haben, — haben Sie wenigstens keinen Kopf mehr, den Sie aus einer Schlinge ziehen müssten.

.

Das ist wie Beton. Es kommt drauf an, was man draus macht.

.

(Anm. d. Aut.: bei den eingerückten Sätzen handelt es sich um die Top-Suchergebnisse zu man. Die zitierten Werbeslogans stammen von folgenden Unternehmen: Akvavit / Dr. Oetker / taz / Gropius-Passagen Berlin / Hagebaumarkt / ZDF / Iglo / Kik / BMW / Schöfferhofer / Persil und Volkswagen / Sarotti / Bundesverband der Deutschen Zementindustrie e.V.)

.