Hätten wir gleich beim Einzug eine Elefantenfalle aufgestellt, wäre das alles niemals passiert.

Es war ein normaler Abend nach einem gewöhnlichen Tag, ich nahm den selben Weg wie immer, ging durch die selben Straßen und sah die selben Leute vor den Cafés, die selben Hundehaufen wie immer. Durch den Park, über die Grünstreifen, ich las die Zeitung, ab und an sah ich auf und an den Bäumen fehlten bis zu einer gewissen Höhe alle Blätter, im Nachbarsteich war kein Wasser mehr, dann war ich zuhause und wollte die Wohnungstür aufschließen. Wir waren in der Wohnung mit der blauen Türe zusammen eingezogen, weil es einfach praktischer war, und so viel günstiger. Die Tür war schon offen. Du warst da, hattest gekocht, also aßen wir, und weil du gern einen Film sehen wolltest und ich auch, gingen wir durch den Flur ins Wohnzimmer.

Als ich die Tür öffnete, war da, wo gestern noch ein Raum gewesen war, eine dunkelgraue Wand. Ich öffnete den zweiten Türflügel. Die Wand hörte nicht auf. Ich fasste sie an. Sie war nicht glatt, sie fühlte sich ein wenig rau an, fast trocken. Wie Leder. Nein, Haut. Graue Haut.

Das war ein Elefant.

Da war ein Elefant im Wohnzimmer.

Ich konnte es mir kaum vorstellen, aber trotzdem, ich musste fragen: Hast du etwa …? Entsetzt schütteltest du stumm den Kopf. Ich hätte es mir denken können. Ich kannte dich ja inzwischen schon eine ganze Weile. Du warst keiner dieser Männer, die einfach einen Elefanten kauften, womöglich gar, um mich zu überraschen. Nein. Das hättest du niemals getan. Ich sah noch einmal prüfend in dein Gesicht. Und du warst genauso erstaunt wie ich.

Ich sah nach oben und konnte nicht erkennen, dass der Elefant irgendwo aufhörte. Ich dachte, der muss doch irgendwie weggehen, stemmte mich mit beiden Händen gegen das Tier und versuchte, ihn zur Seite, von der Tür wegzuschieben. Er bewegte sich keinen Zentimeter. Ich ließ los und holte Luft, dann versuchten wir es zu zweit, aber so sehr wir uns auch gegen ihn lehnten, er ging nicht weg. Ich wollte jetzt den Film sehen, also sagte ich vielleicht kommen wir an der Seite daran vorbei zum Sofa, so groß kann doch kein Elefant sein. Ich schob mich links in den Spalt zwischen Türrahmen und Elefanten, mit dem Gesicht zur Wand versuchte ich, mich an ihm vorbeizuquetschen. Du riefst ich versuch es von der anderen Seite, ich antwortete am besten ist, du atmest nicht! und hörte noch dumpf, ein Ohr am Elefanten, eins an der Rauhfasertapete, wie dein Körper an der Wand entlangschubberte. Ich bekam kaum noch Luft, dann hatte ich es endlich um die Zimmerecke und bis zum Fenster geschafft. Auf halber Strecke trafen wir uns wieder, wir hatten beide rote Striemen im Gesicht und Schweiß auf der Stirn. Das war ein verdammt großer Elefant.

Wir setzten uns auf die Fensterbänke und sahen in das, was einmal ein Wohnzimmer gewesen war. Der Raum war voller Elefant. Ich konnte auch nicht sagen, ob er auf dem Sofa saß oder im Raum stand, ich konnte nicht einmal über ihn gucken, ich glaube, er reichte bis zur Decke. Noch nie zuvor in meinem Leben hatte ich einen so großen Elefanten gesehen. Er hatte riesige, runde Ohren, mit denen er ab und an wedelte, sein Rüssel war bestimmt zwei Meter lang, und Augen hatte er, dunkle Augen, größer als meine Hände. Und … ich schnupperte. Der Raum roch stechend nach Elefant.

Und nichts war mehr wie zuvor: Das Sofa und der Fernseher waren irgendwo unter ihm verschwunden, die Regale waren umgestürzt, bestimmt war alles kaputt, alles, was hier einmal gewesen war. All die schönen Sachen, die wir so mühevoll zusammengetragen hatten, unsere Plattensammlung, der Plattenspieler, unsere Bücher, die Filme. So saßen wir da, auf der Fensterbank. Und da war ein Elefant im Raum.

Was mir erst jetzt einfällt: hast du eigentlich eine Ahnung, wie der hier hereingekommen ist?, fragte ich. Du schütteltest den Kopf. Ich sah über meine Schulter hinter mir durch die Fensterscheibe. Durch die Fenster konnte er nicht hereingekommen sein, das hätten wir bemerkt, dann wäre da jetzt ein Loch in der Wand und ein riesiger Schutthaufen im Hof. Und das Treppenhaus war viel zu schmal, wir hatten beim Einzug schon Mühe gehabt, das kleinste IKEA-Sofa hindurchzuzwängen, da passte ganz sicher kein Elefant durch.

Jetzt saß da immer noch der Elefant und blinzelte uns mit seinen dunklen Augen und den langen Wimpern an. Ich konnte es immer noch nicht glauben. Ein Elefant. Du schütteltest die ganze Zeit fassungslos den Kopf. Wir sahen den Elefanten an und sagten beide nichts mehr und ich fing an, ihn ein bisschen zu mögen, wie er da so im Raum war und blinzelte. Bevor ich ihn noch mehr mögen konnte, fragtest du:

Und was machen wir jetzt?

Ich zuckte mit den Schultern. Haustiere sind im Mietvertrag verboten. Aber wir müssen ja keinem sagen, dass hier jetzt ein Elefant wohnt. Du zogst die Augenbrauen hoch: Aber was macht man mit so einem Elefanten? Ich sah das Tier noch einmal an, es musste mehrere Tonnen wiegen, ein Wunder, dass der Boden noch nicht durchgebrochen und der Elefant beim Nachbarn unter uns ins Wohnzimmer gefallen war. Ich habe keine Ahnung, sagte ich. Du holtest dein Smartphone aus deiner Hosentasche. Ich google das mal. E-le-fant. Dann last du vor:

Elefanten nehmen täglich etwa 200 Kilogramm Nahrung zu sich. Dazu brauchen sie 17 Stunden am Tag und etwa 250.000 Kilokalorien. Sie trinken 70 bis 150 Liter Wasser am Tag. 

Du sahst auf. 200 Kilogramm Nahrung. 70 bis 150 Liter Wasser. Wie soll das gehen? Ich meine, wo sollen wir das kaufen, wie sollen wir das transportieren, woher nehmen wir so viel Wasser, woher so viele Eimer, und wer soll das alles bezahlen? Du kratztest dir den Kopf und sahst mich verzweifelt an:

Das geht nicht. Das geht alles nicht.

Ich seufzte: Aber sieh es doch mal so: wer außer uns hat das schon, so einen Elefanten? Sieh doch mal, wie er guckt, ich glaube, er lächelt. Das ist ein sehr netter Elefant. Ganz bestimmt! Du sahst den Elefanten an, der Elefant blinzelte wieder, dann stupste er dich mit seinem Rüssel an. Du zogst die Augenbrauen zusammen, dann musstest du doch lachen: Niedlich ist er ja schon. Aber das hier ist trotzdem kein Platz für einen Elefanten. Ich meine — er ist schon ein bisschen zu groß für uns. Und was sollen wir mit ihm? — Ich sagte nichts. Und dann doch: Du hast Recht. Wir brauchen keinen Elefanten, uns geht es doch auch so sehr gut. Oder? — Nur, weißt du – ich hätte auch nie einen Elefanten gewollt, ich hätte mir nie einen gekauft. Aber jetzt, wo er da ist, weiß ich gar nicht mehr, wie das Wohnzimmer aussähe, wenn er wieder weg wäre. 

Du nicktest. Ich muss nachdenken, was wir jetzt machen, sagtest du, und es ist besser, wenn ich jetzt ins Bett gehe. Ich musste auch nachdenken. Nickte. Dann nahmen wir den selben Weg zurück, den wir auch hierhin genommen hatten. Du jetzt links-, ich rechts herum vorbei. Und standen wieder im Flur, mit Spuren von Tapete im Gesicht und wirren Haaren.

Wir einigten uns: wir wollten beide nachdenken. Und bis wir zu Ende gedacht hätten, würden wir einfach so tun, als wäre der Elefant nicht da. Vielleicht würde er ja in der Zeit genauso plötzlich verschwinden, wie er gekommen war. Wir streichelten ihn beide noch ein letztes Mal. Dann machten wir die Türe zu und schlossen zwei Mal ab.

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Die Liebe ist ein Elefant im Raum.