Die Liebe in Zeiten der drohenden Nuklearkatastrophe

.

Für dich habe ich letzten Monat die Sonntagszeitung abonniert.

Heute früh wurde ich wach, ich lag auf dem Bauch und die Sonne schien durch die Haarsträhne vor meinen Augen, ich machte die Augen gleich wieder zu, ich strich mit einer Hand über die Matratze, die Stelle neben mir war leer. Die Stelle gehörte vor zweiundzwanzig Tagen noch dir. Jetzt gehört sie dem neuen Mann. Ich tastete nach meinem Telefon, drückte auf die einzige Taste, die es hat, 12 Uhr 47, Sie haben keine neuen Nachrichten, ich legte das Telefon zurück, zog das Kissen des neuen Mannes zu mir, es roch nach Nacht und seinem Parfum und nach ihm, ich zog die Decke über meinen Kopf. Dann muss ich wieder eingeschlafen sein, denn als ich die Augen wieder aufmache, sehe ich zwei behaarte Beine und irgendwo weit oben der Kopf des neuen Mannes, der Kopf kommt näher und aus seinen Haaren tropft Wasser in mein Gesicht. Zwischen dem Wasser ist die Stimme des Mannes und sagt: aufstehen. Er sagt es nicht so, wie das jetzt hier steht, er sagt es auch nicht so, wie du es immer gesagt hast, er sagt es schöner, als ich das aufschreiben kann. Ich schlage die Decke zurück, schlinge meine Arme um seinen Nacken, er trägt mich über den Flur und setzt mich auf den Esstisch, gibt mir einen Kuss auf die Stirn, geht in den Flur, ich sehe ihm nach, und als er in seinen blauen Boxershorts um die Ecke biegt, ruft er noch über seine Schulter ich hole die Zeitung und zieht die Wohnungstür zu.

Ich strecke mich und versuche von meinem Platz auf dem Tisch aus, mit meinen Zehenspitzen bis zur Fensterbank zu kommen, wenn ich meine Beine ganz strecke, kann ich sie berühren. Ich reibe meine Augen, da fällt mir ein, dass ich mich heute morgen, als wir nach Hause kamen, nicht abgeschminkt habe, es fällt mir erst ein, als mir Wimperntusche und eine abgebrochene Wimper an den Fingern kleben. Ich sehe mich in der Küche um.

Der Mann hat das Fenster gekippt, draußen zwitschern Vögel, neben mir steht die Espressokanne und dampft, und er hat auch noch Brötchen geholt und Marmelade und Käse stehen daneben, ich kenne C. noch nicht so gut, aber entweder, erstens, er kann ezaubern oder, zweitens, er hat vorhin einen Spätkauf überfallen oder, drittens, er ist perfekt. Ich denke an das Gegenteil von Perfektion, an mich und meinen Kühlschrank, der bis auf drei Flaschen Wodka im Eisfach immer leer ist. Da erst höre ich ein lautes TUUUUUUUT vom Herd her und mir schwant Übles, das TUUUUUUUUT hört nicht mehr auf und da sehe ich den Eierkocher, in dem zwei Eier kochen. Scheiße. Drittens. Der Mann ist perfekt. Ich brauche einen Schnaps.

Der Schlüssel dreht sich in der Wohnungstür, der Mann tapst herein, legt die Zeitung auf den Tisch, ich setze mich auf einen Stuhl, der Mann schält ein Ei und setzt es in einen Eierbecher, ich wusste nicht, dass ich Eierbecher besitze, dann gießt er den Kaffee in zwei Becher, ich schütte so viel Milch in meinen, dass er gleich überschwappen wird, ich will einen Schnaps, der Mann ist da, ich kann jetzt keinen Schnaps trinken, ich puste kurz, der Mann fängt an, das Ei zu löffeln, ich trinke hastig in einem Zug die Kaffeetasse leer, ich stelle die Tasse ab, ich habe mir die Zunge verbrannt und mich verschluckt, ich huste, der Mann fragt besorgt, ob alles okay sei, ich nicke und deute auf seinen Löffel. Von seinem Löffel tropft Eidotter auf die Zeitung.

Ich ziehe die Zeitung zu mir, der Mann will den Feuilleton, ich die Politik. Eine Zeitung. Als ob irgendwo jemals etwas Neues passierte. Einen neuen Bundespräsidenten werden sie wählen, der alte ist erstmal im Urlaub, Menschen sterben in Bürgerkriegen, Hollywoodstars werden bei Protesten vor Botschaftsgebäuden festgenommen, Teenager klicken auf Videokampagnen gegen afrikanische Diktatoren, es gibt keine Notfallpläne für eine Nuklearkatastrophe in Deutschland. Nichts Neues. Im Westen und im Osten. Ich schenke mir Kaffee nach. Ich brauche einen Schnaps.

Der Mann beißt vor Wut über den Feuilleton so fest in sein Brötchen, dass die Krümel über den ganzen Tisch fliegen, sie werfen kleine Schatten auf das dunkle Holz. Man kann kein Buch mehr kaufen, das im Feuilleton empfohlen werde, schimpft er, die beste Strategie sei, die Bücher zu kaufen, die der Feuilleton in Grund und Boden zerreißt, der Mann schmeißt die Zeitung in die Ecke, gräbt seine Fingerspitzen in ein zweites Brötchen und zerteilt es in zwei Hälften, auf einer Hälfte lässt er ein Stück Butter zerlaufen. Die Sonne scheint durch die Fenster und lässt seine blonde Haarspitzen glitzern, er hat sogar Blumen auf den Tisch gestellt, ich brauche einen Schnaps.

Ich frage ihn, was er von der Wahl des neuen Bundespräsidenten hält, von dieser Wahl, die keine Wahl ist, es ist Sonntag, dreizehn Uhr dreißig, wir sind jung, wir sind in Berlin und wir reden über Politik, dabei müssen wir doch unpolitisch sein, weil alle sagen, wir, unsere Generation, sei unpolitisch. Dabei sind wir noch nicht einmal ein Wir. Uns gibt es nicht im Plural, uns gibt es nur im Singular. Jetzt liegt der Politikteil unter Brötchenkrümeln.

Der Mann legt eine Scheibe Käse auf seine zweite Brötchenhälfte und sagt weißt du noch, wie wir uns kennenlernten? Es war vor einem Jahr, bei den Protesten gegen die Atomkraft oder für den Atomausstieg, das wussten wir damals selbst nicht so genau, der Mann lief bei der Demonstration neben mir und wir trugen dieses Transparent vor uns her und riefen AB-SCHAL-TEN! AB-SCHAL-TEN!, bis unsere Stimmen ganz heiser wurden und am Ende ganz verstummten.

Jetzt ist es ein Jahr später, die Atomkraftwerke sind immer noch an, nur gibt es jetzt neue Bürgerinitiativen, die sind nicht gegen neue Kraftwerke, die sind gegen Ökostromleitungen und Rückhaltebecken, denn die Landschaft wird verschandelt, hey, wenn es doch einmal in einem Kernkraftwerk knallt und das ganze Land unbewohnbar wird, das ist doch okay, Hauptsache, die Landschaft wird nicht verschandelt. Sonst ist nichts passiert außer Demonstrationen und Warten auf den Weltuntergang und kurzzeitig dir. Vor drei Wochen hatte ich gerade mit dir Schluss gemacht, da rief der Mann an, der damals noch nicht mein Mann war, wir trafen uns bei einer anderen Demo gegen Atomkraftwerke oder für den Atomausstieg, das wussten wir da noch nicht so genau. Nach der Demo saßen wir am Spreeufer und ich kratzte mit einem Fingernagel die Farbe von meinem Pappschild, irgendwann wurde es Nacht, ich warf das Schild in einen Container, der Mann legte einen Arm um mich und wir nahmen die letzte U-Bahn zu ihm nach Hause.

Der Mann sagt, das mit den Demos sei gut, weil wir noch jung seien und Verantwortung hätten und noch länger auf diesem Planeten leben müssten und auch unsere Kinder. Er hat unsere Kinder gesagt. Ich brauche einen Schnaps. Das Demonstrieren sei auch gut, weil wir nur deswegen jetzt hier in meiner Küche säßen. Er hat Wir gesagt. Ich brauche einen Schnaps.

Ich fühle ein Drama in mir aufsteigen.

Manchmal bin ich nicht sicher, ob das mit der Verantwortung so gut und so richtig ist. Und schon gar nicht, wenn ich mir den Küchentisch ansehe. Jedes Ei, das wir essen, ist ein Huhn mehr oder weniger glücklich, man kann auch nicht einfach eine Zeitung kaufen, das ist keine gedruckte Zeitung, sondern ein Statement fürs Leistungsschutzrecht, jede Plastikflasche wird unseren Urenkeln noch um die Ohren fliegen, wir sind die Konsumgesellschaft und wir haben verdammtnochmal die Verantwortung, diesen Planeten ordentlich zu hinterlassen, wenn wir schon an dem Müll ersticken, den wir täglich in uns reinstopfen, ich bin ein aufgeklärter Konsument, ich bin politisch interessiert, ich bin gegen Vorratsdatenspeicherung und für ein freies Internet, aber das ändert noch lange nichts. Denn wenn alle schlecht läuft, ist mein T-Shirt von H&M und verantwortlich für die Globalisierung und für Kinderarbeit in Bangladesch, dann macht mein Kaffee, dass Kinder in Afrika nicht zur Schule gehen können, für meine Schuhe wurde ein Rind gehäutet, von meiner Haarfarbe bekommt mein Friseur allergische Reaktionen, für meinen Lippenstift wurden Tierversuche durchgeführt, für meine Jeans mussten Arbeiter Steine in große Waschmaschinen schaufeln, in meinem Essen sind mehr Farb- und Geschmacksstoffe als natürlich gewachsene Zutaten, für den Sprit in meinem Auto wurden Lebensmittel verbrannt, meine Bank investiert in die Rüstungsindustrie und wenn ich zu häufig mit meinem Handy telefoniere, bekomme ich irgendwann Krebs. Wenn ich nicht mit meinem Handy telefoniere, auch. Von Kopf bis Fuß, ich bin ein schlechter Mensch. Ich brauche einen Schnaps.

Ich habe auch Herzen gebrochen in meinem Leben, fast alle davon unabsichtlich, mein Herz wurde nie gebrochen, was nur daran liegt, dass ich keines habe, dafür renne ich von einer Beziehungsscheiße in die nächste, ich treffe Männer und treffe sie auch wieder nicht, wir landen in Betten und vögeln die ganze Nacht. Oder auch nicht. Ich brauche einen Schnaps.

Meine Freunde können ihre Miete kaum bezahlen, wir sitzen nächtelang in ihren Küchen, die sie sich mit Mitte 30 noch mit fünf anderen Leuten teilen, nicht immer, weil sie es so toll finden, in 6er-WGs zu leben, sondern auch, weil sie sich nichts anderes leisten können, dann halten wir uns an Weingläsern fest und basteln am Küchentisch an einer kleinen Revolution, wir glauben nicht an Gott und nicht an die Deutsche Automobilindustrie, wir glauben meist nichtmal an uns und an den Weltfrieden schon lange nicht mehr, wir glauben nicht ans Geld, und es sind nur die Mutigen unter uns, die es noch wagen, an die Liebe zu glauben. Wir sind die Generation, die verantwortlich dafür sein soll, dass die Welt sich weiterdreht, als ob sie sich nicht weiterdrehte, wenn wir nicht mehr wären, als ob die Erde sich einen Dreck um unsere Existenz scherte. Wir haben Verantwortung für eine Welt, die nicht uns gehört, nicht unseren Kindern, weil keiner mehr weiß, wem sie gehört, wenn nicht den Banken, und dann wirft man uns vor, wir seien unpolitisch, dabei ist es wirklich schwierig, überhaupt noch Position zu beziehen in einer Welt, die zu groß ist für uns alle. Und die Leute im dritten Stock und darüber (der dritte Stock ist der, ab dem es wichtig wird), sind drei Mal so alt wie wir, sie wissen nichts von unserer Welt und es interessiert sie auch nicht, außer einmal im Jahr, da ist die Cebit, da gibt es Dinge zum Anfassen, da gibt es dann dieses Internet. Wahnsinn. Gibt es da auch Schnaps?

Außerdem bin ich die perfekte Frau, die perfekte Geliebte und mache die perfekte Karriere und nebenher soll ich zwanzig Kinder in die Welt setzen, damit ich mit siebzig Jahren vielleicht einen Euro Rente haben kann, dabei habe ich noch nicht einmal einen festen Job, und natürlich darf ich mich nicht beklagen, denn ich habe mir das selbst ausgesucht, und ich habe ja noch fünfzig Jahre Zeit bis dahin. Ich bin kaum älter als die deutsche Wiedervereinigung und ich habe mich zu kümmern um mich, meine Fitness, meinen Körper, meine Gesundheit, meinen Musikgeschmack, meine Beziehungen, meine Männer, meine Jobs, meine Monatsfahrkarte, meine Eltern, mein Leben, meine Freunde, meine ungeborenen Kinder, die deutsche Gesellschaft, die Rente aller Rentner, das Gesundheitssystem, den politischen Fortgang dieses Landes, die Zukunft Deutschlands, den Klimawandel, die Klimakatastrophe, die Globalisierung. Ich bin Deutschland. Es macht mich kaputt. Und ich brauche einen Schnaps.

Als ich mich fertig aufgeregt habe und aufgehört habe, wilde Worte mit wilden Gesten in die Luft zu werfen, nimmt der Mann meine Hand, zieht mich auf seinen Schoß, ich lege meinen Kopf auf seine Schulter und meine Nase an seinen Hals, er riecht immer noch nach Nacht und Schlaf und sein Duft beruhigt mich, er streicht mir über die Haare und flüstert mir etwas ins Ohr, das kitzelt, ich lache, er hält mich fest, steht auf, ich schlinge meine Beine um ihn, er trägt mich zurück ins Schlafzimmer, wirft mich aufs Bett und die Weltpolitik ist mir egal.

Es ist später Nachmittag, als wir aufstehen, wir schlendern durch meinen Lieblingspark, der Mann steckt mir einen Zweig Weidenkätzchen ins Haar, wir klettern einen Hügel hinauf und als die Sonne langsam untergeht, hält der Mann meine Hand und ich fühle mich sehr romantisch mit diesem Mann und der Gesamtszene.

/

Dann zoomt die Kamera heraus, jemand ruft Schnitt, danke für eure Arbeit, wir lösen uns voneinander, der Mann schüttelt mir die Hand, danke für die gute Zusammenarbeit, und alles Gute (auch privat!), ich drücke seine Hand, nehme meine Jacke, winke noch kurz in die Runde und gehe alleine nach Hause.

/

Ich brauche einen Schnaps.

Flattr this!

2 Responses to “Die Liebe in Zeiten der drohenden Nuklearkatastrophe”

  1. K. says:

    Sehr toll.

  2. Kathi says:

    Lena, echt geiler Text. Ich denke, da fühle nicht nur ich mich angesprochen (Bin auch so ein Post-Wiedervereinigungs-Kind).