Wir waren uns ein Seismograph

Am vorletzten U-Bahnhof vor dem Ende der Welt (das Ende der Welt ist dort, wo Brandenburg beginnt) steht es in großen schwarzen Lettern auf einer Wand.

SIE LIEBT DICH.
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Es war Abend und die Welt tat, was sie zu tun hatte: weit draußen rauschte ein Zug vorbei, irgendwo hockte ein Vogel und sang heiser ein Nachtlied, die Wolken standen am Himmel, weil sie es mussten, die Hochhäuser am Horizont hielten die Erde davon ab, wegzufliegen, die Straßen zementierten die Trampelpfade der Leute, die Ampeln machten den Takt. Alles war wie immer.

Die Lampions glitzerten in der Abendsonne. Die kahlen Bäume versanken in weichem Licht. Es wehte ein Wind, die Art von bewegter Luft, die etwas verhieß, ohne etwas zu versprechen, in der ein wenig Pathos lag, und dort lag er zu Recht. Denn weit außerhalb der Stadt, im Garten eines winzigen Hauses, war nichts wie immer. Dort, auf einem Stück Boden von fünfhundertfünzig Quadratzentimetern, stand eine Frau mit der festen Absicht, der Unvernunft zu begegnen.

Sie war geflüchtet. Sie hatte keine Jacke mit nach draußen genommen, sie trug nur ein Sommerkleid, und sie trug es wie einen leisen Protest in Rot, wie einen Aufstand gegen die Winterreste. Sie hatte die Schuhe ausgezogen, ihre Füße versanken in der kalten Erde, sie legte den Kopf in den Nacken, sog die Luft ein und probierte, ob sie zwischen Abgasen, Industriestaub und Menschenatem einen Frühling schmecken konnte.

Frühling schmeckt nicht.

Sie ging einige Schritte weiter, setzte sich auf die Mauer am Rande des Gartens, hielt ihr Glas mit beiden Händen fest und zwang sich, zu denken. Das Jahr war erst achtundzwanzig Tage alt und am siebenundzwanzigsten von ihnen hatte sie eine Illusion begraben. Ihre Illusionen entwickelten sich mittlerweile wie die Jahreszeiten, sie kamen, sie gingen, jetzt waren sie wieder einmal verschwunden. Das machte nichts, weil das immer so war, seit Jahren ein feststehendes Prinzip. Illusionen waren die Tulpenzwiebeln unter ihren Gefühlen.

Sie grub ihre Zehen zwischen die Moosschichten. Vielleicht war es wieder einmal Zeit für eine Reise, wieder einmal Zeit für eine andere Stadt. Sie dachte zurück, an die Zeit, als sie in diese Stadt gezogen war, dachte an den Hunger, diese bodenlose schwarze Gier, die sie mitgebracht hatte, damals, und daran, dass sie jetzt doch endlich satt sein sollte. Aber es hörte nie auf. Und alles, was blieb, war ein ständiges Pendeln zwischen Gier und Erbrechen. Die Stadt ist ein Fluss zwischen allen Extremen. Und löste sich in diesem Moment in Lichtern auf am Horizont.

Sie schloss die Augen, sah in die Sonne und fühlte der Wärme in ihrem Gesicht nach.

„Na, auch geflüchtet?“ Sie erschrak und drehte sich nach der Stimme um. Der unangenehm laute Ruf kam von einem, der in Jeans und Pullover und mit riesigem Schal um den Hals den kleinen Weg nahe dem Haus entlang ging.  Sie rief „ja“. Dann war die Sonne weg.

Die Lampions leuchteten wie bunte Farbkleckse eines minderbegabten Malers vor den Hochhäusern der Stadt. Vor den Hochhäusern bewegte sich der Mann, kurz traf ihn das bunte Licht, dann sah sie nur noch seine Silhouette. Es wurde schnell dunkel. heute Er kam auf sie zu, deutete auf die Mauer. „Darf ich?“

Sie nickte, er setzte sich neben sie, sie wandte ihren Blick wieder dahin, wo sie ihn zuletzt verloren hatte. „Schön hier“, stellte er fest und sah wie sie geradeaus über die Felder. Er schwieg.

Die Stille hielt bis zu dem Moment, in dem er sie ansah und fragte: „Wer bist du? Was machst du hier draußen? Was ist dein Plan?“

Sie hatte keine Lust auf Partykonversation. Sie war zu müde, um über eine Antwort nachzudenken. Also redete sie einfach und ließ das Denken sein. „Ich bin die Frau im roten Kleid. Hier draußen bin ich, weil ich nirgendwo anders sein will. Und der Plan ist: ich werde mich heute Abend hemmungslos betrinken und morgen früh werde ich mit einem verdammt großen Kater aufwachen (und nicht alleine aufzuwachen, das ist eines der besten Dinge, die man tun kann). Der weitere Plan steht noch nicht ganz fest. Ich denke, ich werde einen Jahrhundertroman schreiben, ich werde es schaffen, meine Wohnung aufzuräumen, dabei werde ich hinter einem Regal die Weltformel finden und damit die Welt retten. Und wenn das alles erledigt ist, überlege ich mir, was ich nächstes Jahr mache.”

Er lächelte. Er hatte freundliche Augen (freundliche Augen waren gut, sie waren wie Gesichter, nur echt). Die Augen lachten, er reichte ihr die Hand. „Hallo Superheldin. Ich bin Lars.“ Sie reichte ihm ihre Hand und sah ihm in die Augen. „Und was ist dein Plan? Für heute, morgen, nächste Woche und den ganzen großen Rest?“

Er strich sich übers Kinn, schien kurz zu überlegen und sagte bedächtig: „Also gut, Heldin. Der ganz große Plan ist: morgen werde ich wegfahren, ans andere Ende der Welt, nächste Woche werde ich noch immer dort sein und das tun, was ich dort tun muss. Und für den ganzen großen Rest habe ich Dinge vorgesehen, die ich dir nicht erzählen kann. Aber das – ist der Plan.“

„Ich wüsste nichts, was ich dich dazu fragen könnte. Oder was ich dazu sagen sollte.“

„Dann lass es sein. Und frag mich etwas anderes. Frag mich etwas, das du so schon hunderte Male gefragt hast, das du vielleicht nie wieder fragen wolltest.“

„Warum sollte ich das tun?“

„Weil dies mein letzter Abend in dieser Stadt ist, und ich verbringe ihn noch nicht einmal mit einem Fuß in der Stadt, sondern fernab von ihr. Weil wir uns nie wiedersehen werden. Weil ich nichts zu verlieren habe. Weil ich alles zu verlieren habe. Weil jemand später etwas über diesen Abend schreiben wird, und weil jeder, der davon liest, den Kopf schütteln und alles, besonders unser Gespräch, für unglaubwürdig halten wird, der sagen wird, eine solche Begegnung sei unmöglich. Und weil ich dir Dinge erzählen werde, die dir noch nie jemand erzählt hat, den du noch nicht einmal einen halben Sonnenuntergang lang kennst.“

„Dann stelle ich dir nun die Frage, die ich am seltensten stelle. Ich hasse beliebige Fragen, und ich hasse beliebige Antworten. Wenn ich dir nun also genau solch eine Frage stelle, will ich eine Antwort hören, die alles ist. Aber nicht beliebig.“ Sie rutschte ein Stück von ihm weg und drehte sich in seine Richtung, um ihn besser sehen zu können. Es wurde dunkel.

Er nickte. „Ich höre.“

„Die Frage ist: Und was machst du so?“

„Ich atme, ich reise, ich lebe, mal mehr, mal weniger. Ich rede, manchmal zu viel. Ich spiele Gitarre, meist zu wenig. Ich höre zum hundertsten Mal Jens Friebe und schreie aus allen Fenstern, ich schreie in die Stadt ich möchte dir dienen und ich möchte dir Schnaps geben, nenn mich Lawinenhund, ich suche Leben, weil ich genau weiß, dass es dieses Leben ist, das ich brauche. Ich kultiviere mein Lebensgefühl wie eine kleine Pflanze in einem Topf, die ich gieße und ins Licht stelle, obwohl ich nicht weiß, was für eine Pflanze es wird, wenn ich sie weiter wachsen lasse. Dieses Lebensgefühl ist wie Liebeslieder schreiben, obwohl du gar nicht genau weißt, für wen. Du wartest eigentlich nur darauf, dass du die triffst, für die du sie alle geschrieben hast, damit du irgendwann ein Album aufnehmen kannst und deine Band heißt wie du und du kannst es endlich schreiben, auf jedes Cover in großen Lettern, du sagst es der ganzen Welt, in der Hoffnung, dass es genau sie, diese Eine, hört: HEY, DU. JA, DU: ICH LIEBE DICH.

Es ist, jeden Morgen wieder aufzustehen, obwohl du gar nicht genau sagen kannst, warum, es ist, nach einer schlechten Nacht trotzdem jemanden in der Bahn anzulächeln, und zu hoffen, dass ein Lächeln zurückkommt. Es ist, in einem Winter zu versteinern und daran zu glauben, dass wieder ein Frühling kommt. Es ist, wenn du Eis ganz schnell ist, obwohl du genau weißt, dass du davon Kopfschmerzen bekommst, und es ist dir egal

Damit du endlich weißt, wofür du das alles die ganze Zeit gemacht hast. Das ist das Warten darauf, dass du endlich den Menschen findest, der für diese große Gefülskonserve, auf der GLÜCK draufsteht, die Zahlenkombination kennt. Das ist dieses eine Lied, das du immer immer immer wieder hörst, und du weißt noch nicht einmal warum, du erzählst es auch niemandem, weil das Lied so furchtbar peinlich ist, aber es ist genau das Lied, das dir klar macht, warum du diese Scheiße eigentlich durchstehst.

Er schwieg abrupt. Sie musste nachfragen. „Diese Scheiße? Welche Scheiße?“

„Die Flugzeugabstürze in meinem Bauch, die Bauchlandungen, wenn das Parkett zu glatt war zum Tanzen, die Scheiße, wenn du versuchst, etwas festzuhalten, und es zum Sand in deinen Fingern wird, und all die Blumen, die jedes Jahr zum 14. Februar verschenkt werden, die sorgsam getrocknet werden, und doch irgendwann auf dem Müll landen, und am Ende weiß wieder keiner, warum es so weit kam. Diese Scheiße.“

Sie sagte nichts. Er sagte nichts. Er sah nicht aus, als sollte sie etwas sagen, er sah nur geradeaus und schwieg.

Sie stand auf, ging Richtung Haus, in ihrem Kopf eine Endlosschleife aus den letzten drei Minuten. Sie streifte ihre Füße an der Fußmatte ab, kleine Erdkrumen sammelten sich zwischen den Borsten, sie öffnete die blaue Tür, ging über die kalten Terrakottafliesen am Wohnzimmer vorbei und sah kurz nach rechts. Die anderen saßen auf den Sofas und auf dem Boden, es lief David Bowie, jemand hatte WIR WERDEN GOLD SEIN auf die Wand geschrieben. Sie nickte ihnen zu, ging in die Küche, nahm Wein aus dem Regal, entkorkte die Flasche Wein und ging wieder nach draußen, ohne noch einmal ins Wohnzimmer zu sehen

Sie setzte sich wieder neben ihn, trank einen Schluck und reichte ihm die Flasche. „Glaubst du ans Glück?“

Er neigte den Kopf, und sagte zur Flasche: „Ja. Uneingeschränkt.  Und du?“

„Ich glaube daran, dass das Glück mehrere Namen hat. Dass es ein Glück für jeden gibt, in jeder Situation.“

„Und glaubst du an die Liebe?“

„Die Frage ist doch: glaubt die Liebe an mich? Und ich glaube, ja, das tut sie. Die Liebe ist ein Irrtum, ein Fehler, ein Sichaufgeben, ein Sichfallenlassen in den Abgrund ohne Fallschirm, es ist der Sprung in den Wahnsinn, und wenn man springt, dann mit voller Absicht. Und im Bewusstsein, dass es irgendwann knallt und dann hat einen der Boden und irgendwas zerbricht. Weil immer irgendwas zerbricht. Aber es ist okay. Weil das Fliegen so schön war.“

„Kennst du sie? Die Liebe?“

„Ich bin nicht sicher, ob ich sie gut kenne. Ich weiß nur: Einmal habe ich die Liebe getroffen. Sie stand an einer Bar und hatte eine Zigarette im Mundwinkel, außerdem hatte sie seit drei Tagen nicht geduscht und sich seit Wochen nicht rasiert. So stand die Liebe da. Und ist für drei Jahre geblieben. Und dieses Bild wird mich immer daran erinnern, dass es die Liebe gibt. Dass dieses Fliegen möglich ist. Und dass es nicht wild ist, wenn man danach auf den Boden der Tatsachen kracht. Denn auf einer Wand in meiner Herzkammer ist dieser Name tätowiert. Und diese Liebe wird immer bei mir sein. Wir waren uns ein Seismograph.”

„Aber was ist jetzt? Bist du allein, Heldin?“ – „Ja.“ – „Und bist du glücklich?“ – „Sehr.“

Er schwieg. Sie trank noch einen Schluck. „Weißt du … Ich mag diese Art von Glück. Ich kann es immer für mich haben, ich kann davon abgeben, wenn ich möchte, für eine Nacht, einen Tag oder eine Woche. Und ich weiß, dass alles passieren kann. Aber dass es nie weniger werden wird, nur weil jemand geht.“

Ab diesem letzten Satz war es still zwischen ihnen. Später konnte niemand mehr sagen, wie lange. Irgendwann legten sich in die Stille die letzten Worte, die jemals zwischen ihnen fielen.

„Ich habe etwas vergessen, bei meinem Plan.“ Er sah sie möglicherweise an, als er das sagte, sie wusste es nicht, sie konnte ihn kaum mehr sehen. Die Nacht war eine Wand zwischen ihnen. „Ich werde morgen abreisen. Und heute Abend will ich, dass du bleibst.“

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Als ihre U-Bahn an der vorletzten Station hielt, stieg sie aus. Sie sah sich um. Die Uhr stand auf halb sieben, es dämmerte, auf dem Bahnsteig war niemand zu sehen. Sie zog einen schwarzen Stift aus ihrer Tasche und fing an. Sie hatte Zeit.

 

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3 Responses to “Wir waren uns ein Seismograph”

  1. Herr Oter says:

    Gefällt mir!
    Schöne Geschichte genau nach meinem Geschmack.
    Gruss

  2. Valentina says:

    Eine ganz und gar wunderbare Geschichte! Großartig.

    Ich mag diesen Satz so gerne: “Das ist das Warten darauf, dass du endlich den Menschen findest, der für diese große Gefülskonserve, auf der GLÜCK draufsteht, die Zahlenkombination kennt.”

    Viele Grüße
    Valentina

  3. Schnarch says:

    hmmm das Ende der Welt ist dort, wo Brandenburg beginnt…….ganz schön kleine Welt oder ;)…nichtsdestotrotz ein wunderschöne Geschichte…Danke!