Rehe

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Ich zünde noch ein Streichholz an, denn ich will sehn, wie es verbrennt, ich will die Straße runtergehn und dann nur einmal noch so tun, als wüsste ich, wie alles geht. Als könnte ich lachen, an den richtigen Stellen, als könnte ich fragen, nach den wichtigen Sachen, als wüsste ich die Antworten auf die Fragen, die so sehr brennen, dass sie Dörfer zerstören und Städte zu Asche machen und Menschen zu Ruinen. Ich will dich sehen und so tun, als wäre es nicht die falsche Zeit für warme Jacken und lange Kleider und für Herbstblätter, die vom Baum fallen und in deinen Haaren landen und als ginge das alles, wenn wir nur weitermachten wie bisher, wenn wir nur andere Kleider trügen, weil es doch so warm ist, und wenn wir nur immer die selben Masken aufsetzten, um einander unsere Gesichter nicht zu zeigen. Ich will so tun, als müssten wir uns nicht stören lassen von den Kleinkriegen und Kampfpreisen, von den Geiern, die über Köpfen kreisen, von der Jahrmarktmusik überall und unserer Unfähigkeit, über Wasser zu laufen.

Wo ich auch bin, immer gehst du neben mir und bleibst an Straßenschildern stehen, du legst den Kopf in den Nacken, all dein Staunen sammelt sich in deinen Augen, sie glänzen, du lächelst, deutest nach oben, ich sehe dir nach, bis dahin, wo das Schild endet und der Himmel beginnt und bis zu der Zeit, wo du weitergehst. Wir gehen nebeneinander, ohne dass einer den anderen überholt, weil du deine Schritte kürzer machst als sonst und ich etwas schneller gehe, als ich gehe, wenn ich alleine bin, es ist kein Kompromiss, es ist die einzige Möglichkeit, die wir haben, um nicht stehenzubleiben.

Wir gehen in den Park, da ist ein Rehkitz zur Welt gekommen, ich mag es, du auch, nur noch ein Jahr, und es wird aussehen wie all die anderen Rehe. Es ist Jahre her, dass ich das erste Mal bei den Rehen war. Sie sind wie Menschen, wenn man sich geschickt vor ihnen tarnt, kann man überall sein, wo man sein will, und man wird niemals gesehen. Das Haus verlasse ich nur noch, wenn ich meine Tarnjacke trage, Schuhe mit leisen Sohlen und schwarze Handschuhe. Niemand hört es, wenn ich mich anschleiche, ich muss nur still stehenbleiben und keiner weiß mehr, dass ich da bin, und niemand bemerkt es, wenn ich gehe. Was ich auch berühre, nirgends bleibt eine Spur von mir.

Das alles erzähle ich dir, während du den Vögeln hinterhersiehst, die aus dem Süden zurückkommen, irgendwann ist mein Satz zu Ende und ich auch, du siehst immer noch in den Himmel, obwohl die Vögel längst verschwunden sind, dann sagst du nichts, kletterst auf einen Baum, setzt dich auf einen Ast. Dann startet irgendwo ein Flugzeug, ich habe keine Streichhölzer mehr, du hängst du kopfüber vom Baum. Ich habe doch noch nie über Fledermäuse nachgedacht.

Und nachts, wenn ich nicht schlafen kann, dann liegst du mit mir wach. Und erzählst mir das Blaue vom Himmel.

 

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4 Responses to “Rehe”

  1. silvester says:

    eine profikillerin und ein vampir!

  2. HerrAreus says:

    Wundervoll. Ich wünschte, es hören zu können, dabei die Augen zu schließen und zu träumen.

  3. HerrAreus says:

    Hab selbstredend zu spät mitbekommen, dass es natürlich hörbar ist. o.O

  4. wallnuss says:

    rehe sind scheu, wie dieser text. aber wenn du nicht aufpasst, fressen sie
    dir in einem unbeobachten moment deine wichtigkeit weg.