“Ihr Kassenbon, und einen schönen Tag Ihnen noch!” Szenen aus dem Supermarkt (Adventskalender, 5)

Das exzessive Feiern Leben will irgendwie finanziert sein. Also schreibt man Bewerbungen, pappt ein leicht überbelichtetes Foto drauf, und wartet. Darauf, dass irgendjemand anruft. …

So ungefähr fing sie an, die Geschichte vom Supermarkt und mir. Seitdem sitze ich da, an Kasse 5, an Mon-, Frei- und Samstagen.

Vom Versuch, sich den Preiscode (PLU) von Suppengrün und Mangos zu merken. Vom Singen der Star Wars-Melodie bei der Kassenabrechnung und der Frage, warum Supermarktmitarbeiter immer per Du sind, sich aber trotzdem mit Nachnamen anreden. Kunden, Kaffee, Kleingeldterror – die neue Serie in drei Teilen.

Ein Herr mittleren Alters steht vor mir, in einer Hand ein riesiges, grünes Ahornblatt. Ich: “Das ist aber hübsch, das Blatt!” — Er: “Ja. Das ist nicht nur hübsch, wissen Sie. Das Blatt, das habe ich wegen der Photo… Photo… dings. Also, wenn ich mit dem Blatt jetzt hier rumlaufe, dann reinigt das die Luft. Dann ist hier weniger Kohlenstoffdi… dings, und überhaupt ist die Luft dann sauberer. Deswegen nehm ich das überall hin mit.” (…)

Eine ältere Dame fuchtelt mit einem Pappkarton vor meiner Nase herum: Backmischung für Schwedische Apfeltorte mit Sahnecreme. Sieso: “Sagen Sie … der Kuchen ist doch schon fertig. Oder muss man da noch was backen?

Es ist der Samstagabend vor Halloween. Ältere Menschen ergreifen Selbstschutzmaßnahmen kaufen tonnenweise Süßkram: Gummibärchen. Mini-Schokoriegel. Kekse. Alles! Ich kassiere. Und habe Hunger. Bis zu meinem Feierabend gegen 22.15 hat kein Laden mehr geöffnet, und ständig fährt dieser Schokokram vor meiner Nase vorbei. Denke kurz darüber nach, eine der älteren Damen zu überfallen um einen Schokoriegel anzubetteln.

Der Markt liegt an einer belebten Einkaufsstraße. Wir haben viel Laufkundschaft, es muss immer alles sofort sein möglichst schnell gehen. Dann schluckt der Scanner den Preis für eine Tüte Äpfel nicht, keiner weiß, was sie kosten, gleichzeitig will ein Kunde einen Milchreis zurückgeben, der seine besten Tage auch schon hinter sich hat (also, der Milchreis), ein anderer braucht “zwei Euro klein, für den Einkaufswagen!“, es bildet sich eine Schlange bedrohlichen Ausmaßes, einer ruft “gehts jetzt dann mal weiter, da vorne?“, ich renne in die Obstabteilung und suche den Preis, laufe wieder zurück, bei den Kartoffeln funktioniert’s wieder nicht, “Frau Kollegin, was kosten die?“, endlich habe ich alles – und dann kommt der Kunde.

Und will 3,49 Euro in Ein-Cent-Stücken bezahlen.

Das Wichtigste ist immer: Ruhig bleiben“, meinte eine Kollegin ganz am Anfang. Wenn das mal immer so einfach wäre. …

Aber es gibt so vieles, was einen rettet:

Kollegen, die zwar selbst Stress, aber immer ein offenes Ohr und ein Lächeln für einen haben haben. Der Kaffee, den einem jemand einfach so hinstellt. Die zwei Jungs, die mir ein kleines, freundliches Monster zum auf-die-Kasse-Kleben schenken. Die SMS, die in der Kaffeepause ankommt. Der Herr, der einen Strauß Rosen kauft und mir eine davon in die Hand drückt. Ältere Leute mit Berliner Schnauze, die sich diebisch über ein bisschen Schlagfertigkeit freuen.

Und Kunden, die so tolle Sachen sagen, dass man das man gar nicht aufschreiben kann, ohne gleich nochmal rot zu werden. Die sich freuen, wenn man sie anlächelt und ihnen ein paar Nettigkeiten mit auf den Weg gibt, und es verstehen, wenn einmal etwas nicht sofort klappt oder etwas länger dauert. Mit denen man kurz plaudern kann, und sei es nur über das Verhalten hungriger Großstädter zur Einkaufszeit. Die “einen schönen Feierabend, nachher” wünschen.

Und dann wäre da noch der ältere Herr, der am Samstag Abend nach unseren Öffnungszeiten fragt, bedächtig nickt und lächelt: “Dann wünsche ich Ihnen, dass Sie nachher in der Disco einen netten Boy finden.”

In der nächsten Folge: Neue Anekdoten, ein Foto – und die Antwort auf die Duz-Frage.

Bitte schalten Sie wieder ein, wenn es heißt “… 1,33 Euro Wechselgeld, Ihr Kassenbon … und einen schönen Tag Ihnen noch!”

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