Eines Morgens lag ein Mann vor meinem Bett.

Ich war noch ganz benommen, setzte mich auf, sah noch einmal hin und konnte es nicht fassen. Es war Mai, da stellen manche Leute ganze Bäume vor fremde Haustüren, warum nicht auch einen Mann vor ein Bett.

Beim dritten Hinsehen lag er immer noch da. Auf dem Rücken, eine Hand unter meiner Matratze. Er sah friedlich aus, wie er da schlief.

Bei jedem Einatmen rutschte seine schmale Krawatte ein Stück vor und zurück. Ich wollte ihn nicht wecken, stieg vorsichtig über ihn, duschte leise und zog mich schnell an.

Er regte sich nicht.

Ich schrieb ihm einen Zettel und zog die Wohnungstür hinter mir zu.

Als ich abends heimkam, lag er immer noch da. Es fehlte Milch, und ein wenig Brot. Ich war müde, putzte mir die Zähne und lief mit der Zahnbürste im Mund auf den Dachboden. Mit zwei Decken auf dem Arm kehrte ich nach unten zurück. Vorsichtig deckte ich ihn zu, knipste die Lampe aus und legte mich ins Bett.

Seitdem wohnt er bei mir.

Er ist sehr nett.
Wenn ich nicht schlafen kann, rede ich leise mit ihm. Ich glaube, dass er mich hören kann. Manchmal lächelt er im Schlaf. Träumt er schlecht, streiche ich ihm über die Schulter, bis er sich beruhigt.

Und manchmal, wenn es kalt ist, liege ich zu ihm und er wärmt mich.

By Lena

Fast walker, avid reader, poetry fan, public speaker, violinist, pianist in the making, intersectional feminist. Works in tech, writes about anything here (and less frequently than in the past).