“Mensch, bist du dick geworden!” von A. J. Jacobs

Gleich zu Beginn der ultimative Tipp gegen Prokrastination: Sich an den Schreibtischstuhl fesseln soll wahre Wunder wirken.

Jacobs, der sein Leben als einziges Experiment sieht, hat in seinem neuestem Werk neun seiner Selbstversuche versammelt.

Beim ersten Versuch “Mein Leben als Traumfrau” ist vom Credo des Autors, dass jedes Experiment etwas Gutes habe, noch wenig zu entdecken. Der 42-jährige schlüpft beim Online-Dating in die Rolle einer fünfzehn Jahre jüngeren beinahe-Angelina Jolie. – Und verbringt Tage damit, Männern klarzumachen, dass der Username “sexygentlemanauf Frauen eher abschreckend wirken könnte.

Er geht mit der Zeit, will sich selbst globalisieren und betreibt kurzerhand ein Outsourcing seines Lebens: Private und berufliche Angelegenheiten lässt er von Firmen in Indien erledigen, die an seiner Stelle unangenehme Debatten mit Frau und Chef führen, Kinderspielzeug und Filme organisieren. Weniger gestresst ist er danach leider trotzdem nicht.

Der Stress lässt auch nicht nach, als er es mit der absoluten Ehrlichkeit versucht. Die führt zwar bei manchen Bekannten dazu, dass er sich mit ihnen endlich einmal richtig unterhält – legt allerdings besonders bei Schwiegermüttern jegliche Kommunikation für die nächsten 300 Jahre auf Eis.

Jacobs lebt wie der erste US-Präsident George Washington nach 110 Regeln betreffend Höflichkeit und Anstand im Umgang und in der Konversation, diskutiert über den Zusammenhang zwischen Washington und Castingshows, lernt Haltung und erteilt Befehle.Im nächsten Versuch widmet er sich ganz dem Monotasking, brabbelt im Supermarkt vor sich hin und parkt einen Koffer voller Bücher auf einem Wii-Sensorboard.

Den ausführlichen Anhang, in dem er zu manchen Kapiteln nachträglich noch Anmerkungen verfasste, mochte ich sehr. Das Buch ist kurzweilig, öfter philosophisch, unterhaltsam (mehrmals laut gelacht) und ich denke über mal laut eine Anschaffung der anderen Jacobs-Bücher nach.

Der studierte Philosoph Jacobs arbeitet beim US-Männermagazin Esquire und hat bei seinen zahlreichen Experimenten schon einiges erlebt. Besonders bekannt ist sein Versuch, das Wissen der Welt zu erobern, indem er die schlappe 33.000 Seiten umfassende Encyclopaedia Britannica las. Später lebte er ein Jahr lang streng nach der Bibel, wollte im Central Park Ehebrecher steinigen und war danach zwar nicht gläubiger, aber wenigstens toleranter.

By Lena

Fast walker, avid reader, poetry fan, public speaker, violinist, pianist in the making, intersectional feminist. Works in tech, writes about anything here (and less frequently than in the past).

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