Filmkritik / So gesehen: "Shoppen" von Ralf Westhoff.

“Diese Massage ist der erste angenehme Körperkontakt im 21. Jahrhundert.”

Es geht um 9 Männer und 9 Frauen. 18 Singles in München. Um ihre Macken, ihre Träume, ihre Ideen. Von der Liebe, vom Leben. Von Männern und Frauen. Sie alle sind im Laufe des Films zu erahnen, manchmal konkret zu greifen, aber immer nur eine Summe von Häppchen. Häppchen, die jeder Figur rechnerisch 5 Minuten Zeit geben.

Die in München spielende Erzählung fällt gleich zu Beginn über einen her. Da steht Falk. Falk blickt fest entschlossen in die Kamera: “Hallo. Ich bin Falk. Ich such die Liebe. Die einzig wahre Liebe.”
// Dann liegt da ein unbekannter Unentspannter mit Brille auf der Liege einer Physiotherapeutin. Er hat Bandscheibenprobleme. Sagt sie, und dass er wie alle sei, die immer so viel arbeiteten, und denen der Körper irgendwann sage, dass ihnen etwas fehle. Er aber sagt: “Ich hätte nur dieses Scheiß-Handtuch da auf dem Boden nicht aufheben sollen! Ich hab keinen Mangel!”

Mit einem Blick wie durch eine versteckte Kamera stellt der Film die 18 Protagonisten vor, die kurzen, Einblicke zeigen ihr Berufsleben, ihre Freizeit, aber auch das Ende von Beziehungen und ihre Schwachstellen.

Dieser zusammengewürfelte Haufen sitzt sich nun gegenüber. Speed-Dating. In einem sterilen weißen Raum mit hohen Decken und hellem Boden, fein säuberlich aufgereiht in zwei Stuhlreihen. Die Herren wandern nach 5 Minuten einen Platz weiter, die Damen bleiben sitzen. Während jedem Platzwechsel und bei der ersten Begrüßung inklusive Händeschütteln spielt Musik, die ersten Worte sind nicht hörbar. Der Zuschauer soll atmen können, wenn es auch mehr ein Luftschnappen ist, um sich dann wieder voll auf das Aufsammeln von Gesprächsfetzen konzentrieren zu können. Denn es gibt wenig Großes, dafür aber Unmengen von kleinen Worten, Gesten, Gesprächsfetzen, aus denen man sich nach und nach seine Bilder der Beteiligten zusammenbaut.

// Der Controller ohne Mangel (s.o.), dafür mit Klemmbrett, wird von seiner Gesprächspartnerin aufgefordert, seine Frage nach ihren potenziellen Allergien zu begründen. “Ich habe eine Katze. Und ich kann ja nicht die Katze vor die Tür setzen… dann, im Fall der Fälle.”
// Der äußerst Selbstbewusste im pinkfarbenen Hemd. Dessen erster Satz an seine Gegenübersitzende lautet:
“Ich glaub, du findst mich gut!”
// Toll auch der Direkte: “Ich will mich schon unterhalten, aber nicht mit dir. Weil ich gewisse Vorstellungen habe, und da ist man lieber gleich höflich, statt hier sinnlos rumzueiern”
// Die Yogalehrerin: “Von Champagner krieg ich immer Ausschlag.”
Der wahnsinnig Selbstbewusste: “Von Champagner war doch jetzt gar nicht die Rede…”
Sie: “Aber das wär noch gekommen, das weiß ich!”
Er: “Du bist a harte Nuss, hm?”
// Und wieder der Controller: “Ich hab viel gearbeitet. Ich hab keinen Mangel, mir ist nichts abgegangen, mir fehlt nichts, mir fehlt überhaupt gar nichts! Und als ich dann gemerkt hab, dass mir nichtmal der Sex fehlt,.. da bin ich schon erschrocken.”

Die Singles reden über Partenkirchen, über Gründe, sich ein Reihenhaus dort zuzulegen (damit der Partner niemand anderen mehr kennenlernen kann), und darüber, warum es in München so viele Singles gibt (weil sich alle, sobald sie einen Partner haben, sofort ein Reihenhaus in Partenkirchen kaufen). Reden über Gin Tonic, der plötzlich mitreden will, bevor er getrunken wird, oder plötzlich jemand anderen an der Bar auch ganz nett findet. Sprechen über Sex und darüber, ob Treffen im Bett oder vor dem Fernseher enden sollten. Diskutieren, dass sie sich vorkommen, als würden sie sich gerade am Grabbeltisch verramschen. Und darüber, ob es Menschen gibt, die sich für Designerkleidung halten – und andere, die ein 08/15-Schnäppchen von der Stange sind.

// Ein Herr, der mit großen Augen fragt: “Kannst du schlafen, wenn dich nachts jemand umarmt? So richtig fest umarmt?”
//
Männer, die nun ihre vor dem Spiegel einstudierten Sätze loswerden: “Hallo. Ich bin Falk. Ich such die Liebe. Die einzig wahre Liebe. Wer bist du? Was machst du? Ich würd gern sehen, wie du lebst. Deine Freundinnen kennenlernen. “
“Freundinnen? Das kannste vergessen. Die verschmelzen mit irgendwelchen behaarten Typen zu siamesischen Zwillingen, und dann brauchste die nicht mehr anrufen, sondern kanst sie gleich vergessen!”
//
Er: “Heutzutage muss man ja jetzt sogar noch rhetorisch fit sein, wenn man Sex haben will.
Sie: “Du kannst der Evolution auf Knien danken. Du kannst doch netmal a Kiste Obst hochheben!”
Er: “…”
Sie: “Sprache verschlagen? … Hach. Das ist jetzt aber ganz schlecht,… wenn man Sex haben will.”

Nun wird abgeglichen – wer will wessen Telefonnummer? Wo gibt es Übereinstimmungen? Kurz darauf landen blaue und rosafarbene Umschläge in Briefkästen, werden aufgerissen und freudigen oder enttäuschten Blickes betrachtet. Wer trifft wen? Und, vor allem: Warum?

// Es treffen sich: Zwei Quasselstrippen. Er: “Du sag mal, wär es auch ok, wenn später einfach ich mal rede, und du mal nichts sagst?”
// Öko-Freund trifft täglich-mit-dem-Auto-nach-München-Pendlerin. Dass sie sich treffen, ist mehr als ein Wunder – nachdem zwischen beiden schon beim Speed-Dating die Fetzen flogen. Und schreiend geht es weiter:
Sie: “NIMM DIE LANDPOMERANZE ZURÜCK!”
Er: “GEHST MIT MIR WAS ESSEN?”
Sie: “JA!! ABER NUR, DAMIT DU MIR WEITER ZUHÖREN MUSST!!!”
// Nicht nur bei der Kommunikation, auch für erste körperliche Kontakte gibt es Hindernisse – oder, um es mit den Worten des Controllers auszudrücken: “Ich würde gerne vorher einfach noch mit meiner Physiotherapeutin sprechen.”

Zum Schluss wäre da zwei Mal so etwas wie ein Happy-End. Ein kleines. Aber sehr schönes.

Man ertappt sich dabei, wie man Ihm leise zuruft: “Nimm sie in den Arm. Nimm sie in den Arm!!! … ” Und dann leise seufzt: “Na also. Geht doch.”

Kurz bevor sich die Kamera aus dem Raum schleicht, sieht man zwei Menschen daliegen. Schlafend. Einander fest umarmend.

Und man weiß:
Hey… irgendwie findet doch jeder T…
ach, lassen wir das.

Ralf Westhoff wurde für seinen 2006 uraufgeführten Ensemble-Film, zu dem er auch das Drehbuch schrieb, 2008 mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet.

für Pärchen: *****
zum Alleinegucken geeignet: *****
Ernsthaftigkeit: *****
noch-Stunden-danach-Lachfaktor: *****

One comment

  1. Der helle WAHNSINN! *lufthol*
    Also nein, also doch, also wirklich! Nach dieser wahnsinnig intensiven und wirklich genialen Filmkritik (das Wort Kritik hat eigentlich eine viel zu negative Konnotation …) brauch ich ja jetzt den Film eigentlich nicht mehr anschauen – jetzt wo ich ALLES Wichtige weiß 😉

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