Reiserufe

“Herr Michael Winter, vermutlich gerade unterwegs auf der A3 Richtung Köln in einem silbernen Audi mit dem Kennzeichen S-MW-711, wird gebeten seinen Anwalt Dr.Schrotkorn in Stuttgart anzurufen.”

Ich frage mich bei solchen Meldungen jedes Mal, was dahinter steckt. Was bringt jemanden dazu, einen Menschen über x Radiosender ausrufen zu lassen in der Hoffnung, dass dieser sich dann meldet. Und vor allem: Wie geht es jemandem, der da im Radio plötzlich seinen Namen hört oder an der Raststätte von irgendjemandem angesprochen wird, ob er der Herr Winter sei – er solle seinen Anwalt anrufen. Wie fühlt derjenige sich? Was geht ihm in diesem Moment durch den Kopf? Vermutlich die Frage: “Wo finde ich das nächste Telefon? Und warum ist ausgerechnet jetzt mein Handyakku leer??”

Vielleicht soll er seinen Anwalt anrufen, weil endlich eine Spenderlunge für ihn gefunden wurde. Weil seine Wohnung von Hochwasser überschwemmt wurde oder sein Haus bis auf die Grundmauern abgebrannt ist.

Die meisten Reiserufe werden aber laut ADAC ausgegeben, weil ein naher Angehöriger lebensgefährlich erkrankt oder gestorben ist. Inzwischen ist die Zahl der Reiserufe aber zurückgegangen – 2006 waren es noch 175 im Gegensatz zu 1000 im Jahr 1998.

Mir bleibt immer nur die Hoffnung, dass derjenige, wenn ihn die Nachricht erreicht, nicht selbst einen Herzinfarkt erleidet.

Was den Reisenden am meisten quälen wird, bleibt am Ende in den meisten Fällen vermutlich die Frage:
“Warum war ich nicht da, als es passiert ist?”


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